Ihrem

ergebensten

~Dr.~ _D. F. Strauß_.

=Thorbecke, Johann Rudolph.=

Geb. um 1796 zu Zwolle, holländischer Gelehrter und Staatsmann,

1849 Minister, seitdem wieder Professor in Leyden.

Im Jahre 1820-22 machte er Reisen durch Deutschland, wo er mit

hervorragenden Persönlichkeiten der Philosophie, Staatswissenschaft

und Litteratur nähere Beziehungen anknüpfte und auch späterhin

schriftlich fortsetzte. Er ist Verfasser mehrerer publicistischer

und rechtswissenschaftlicher Werke.

Von ihm hat Tieck fünf Briefe aufbewahrt. Wir haben denjenigen

ausgewählt, welcher uns durch die darin entwickelten ästhetischen

Ansichten am nächsten berührt. Der fünfte ~d. d.~ Leyden

1834 wäre allerdings der interessanteste gewesen, hätten nicht

darin enthaltene konfidentielle Mittheilungen die Veröffentlichung

unstatthaft gemacht.

Es ist ein schwerer Kampf zwischen herausgeberischen Gelüsten und

diskreter Gewissenhaftigkeit, der in solchen Fällen bestanden

werden muß.

_Berlin_, 27ten Jan. 1822.

Ich sollte Ihnen, innigst verehrter Herr Doctor, vielleicht nicht

schreiben, und thue es dennoch. Warum? kann ich nicht bestimmt sagen;

obwohl ich dieses weiß, daß es mich immer von hier fort zu Ihnen

hintreibt. Warum ich in meinen jetzigen Umgebungen so wenig Ruhe

und Befriedigung finde? davon liegen die Gründe vielleicht tiefer

und ferner, als ich es mir selber oft deutlich denke, oder auch

vorzustellen wage. Wie die Menschen das Beste des Lebens aus der

Erscheinung bannen, nehme ich oft mit stiller Wehmuth, oft mit einer

Ironie wahr, die von Anderen hart, kühn und zerstörend gescholten

wird, wobey es ihnen entgeht, daß eben dieser die innigste Wehmuth

von Allen zu Grunde liegt; und daß ich mit der nehmlichen Ironie auch

mich selbst strafe, und den Schein und das Zufällige in meinem eigenen

Innern heimsuche. Denn diese ist wohl die bejammerungswürdigste Seite

unsres Looses, daß wir so tief im Hinfälligen stecken, daß nur aus

dieser Schwäche sich die bleibende Kraft entwickeln kann. Das Wahre

tritt uns nicht in der ursprünglichen Gestalt, wie es Eins ist mit

sich selbst, entgegen, sondern erst dem Zeitlichen und Vergänglichen

gegenüber erscheint das Ewige, oder geht nur aus der Verwandelung

seines Gegensatzes hervor. Wir besitzen das Höchste nicht an und

für sich, sondern in seiner Offenbarung, und nach dieser ist es in

sich selbst getheilt und zerspalten. Wer nun ein solches Bewußtseyn

mit sich herumtrüge, welches sich nie ganz in jedem einzelnen der

Entgegengesetzten verlöre, sondern, auf welchem Standpunkte es sich

befände, beständig die Beziehung auf das Eine und Wahre im Auge

behielte; von diesem könnte man erst sagen, daß er im Mittelpunkte

der Welt und des Lebens stehe und beides erschöpfe: denn ein

solcher erlebte die Schicksale und gewissermaßen die Geschichte des

Wesentlichen. Aber ich fühle es, es ist dieses das Bewußtseyn der

Philosophie, und auf eine andere Weise der Kunst, für den einzelnen

Menschen vielleicht nie, oder auf Augenblicke, zu erreichen. Und

für diese Augenblicke soll unser ganzes Leben die Vorbereitung und

Zurüstung seyn? Wenn man nun aber zusieht, wie eben dieses Leben von

den Meisten genommen, wie es von uns selbst genommen und behandelt

wird, wo soll man dann die Achtung für die Menschen, wo die Achtung

für sich selbst hernehmen? Und noch wäre der Mensch gut berathen, wenn

er nur nicht im Stande wäre, das Eine von dem Anderen zu trennen: aber

auch dieses vermag er, und bereitet sich damit wohl die schrecklichste

Vernichtung; indem er auch dasjenige aufhebt, was allein noch erhalten

könnte.

Neulich las ich Kleist’s Käthchen von Heilbronn[9] und seinen Prinzen

von Homburg. Die Berliner sind gegen beide, vorzüglich gegen den

letzteren, eingenommen, und doch scheint mir in diesem Stücke, welches

ich eigentlich nur aus einer schlechten Vorlesung kenne, eine von den

höchsten Aufgaben der Kunst gelöset. Wie die Gegensätze, worin sich

unsre Existenz bewegt, sich nur im tiefsten unmittelbarsten Leben des

Bewußtseyns zur wahren und wesentlichen Einheit zusammenschließen,

und wie wir das Wahre und Heiligste nur in diesem unmittelbaren

Leben besitzen, hat der Dichter von einer durchaus eigenthümlichen

Seite geschaut. Das Bewußtseyn von den Beziehungen der inneren

wie der äußeren Welt abgelöst, und auf sich selbst zurückgewandt,

wird nothwendig zu einer bloß animalischen Anhänglichkeit an das

irdisch zeitliche Leben, und dieses zu einem hohlen leeren Gefäß,

zu einer gleichgültigen Form, worin nichts erlebt, sondern alles,

wie es gehen will und muß, hineingeschoben und wieder ausgeworfen

wird. Das Tragische liegt dann wohl am wenigsten darin, daß der

einzelne, wenn auch hohe und vortreffliche, Mensch untergeht, sondern

vielmehr eigentlich in der schmerzlich wehmüthigen und erschütternden

Wahrnehmung, daß wir die Gegenwart des göttlichen Lebens verlieren,

worin allein die Gegensätze sich durchdringen und versöhnen konnten;

und diese nun, sich selbst überlassen, in gegenseitiger Aufhebung ein

Weltall voll ewiger Wahrheit und Wesenheit, in welches auch wir uns

getragen fühlten, unter uns zertrümmern. Auch das beruhigende, was

ohne weitere Entwickelung zugleich unmittelbar hiemit, wie mit allem

ächt Tragischen, verknüpft ist, hat Kleist, dünkt mich, vortrefflich

ausgeführt. Ueber Ihre Bemerkungen zu dem Stücke in der Vorrede habe

ich mich unendlich gefreut. Das Käthchen von Heilbronn hat mich nicht

minder innig ergriffen. Unsern heutigen Damen, die nach der Etiquette

lieben, wenn sie auch bisweilen früher aufhören sollten, als es selbst

diese befiehlt, darf man mit einer solchen Liebe nicht kommen. Aber

wenn ich hier sagen darf, was ich meine, so scheint mir in diesem

Kunstwerke die höchste Würde der weiblichen Natur ausgesprochen,

und der wahre Charakter der Liebe von einer gewissen Seite eben so

ursprünglich als rein und tief aufgefaßt. Im Käthchen zeigt sich

uns die vollständigste Einheit und Durchdringung von Nothwendigkeit

und Freiheit in der Liebe, wie sie nur das himmlische Gemüth einer

edeln Frau in sich aufzunehmen vermag. Der Mann, von mehr bewegter

vielseitigerer Kraft und Selbstthätigkeit, geht, abgesondert für sich

dastehend, gewiß nur von Zeit zu Zeit so ganz in dieser göttlichen

Einheit des Lebens auf, daß nicht noch ein Rest von Willkür stehn

bliebe, welche, auch wenn sein Wesen sich einmal mit seinen vielen und

mannigfaltigen Beziehungen und Uneinigkeiten in die Liebe verwandelt

hat, an der anderen Seite wieder auf’s Neue erscheint, als wenn die

Verwandelung nur ein Durchgang gewesen wäre.

Darum drückt, glaube ich, ein Mann für sich betrachtet den ewigen

Begriff der Liebe, der bey ihm das höchste Bewußtseyn selber ist,

durchgängig nur theilweise aus, und erfüllt ihn nur in einzelnen

Momenten, die dann aber auch nicht mehr der Zeit, sondern der Ewigkeit

angehören, völlig erschöpfend. Den Frauen ist ein bewußtloseres, aber

auch mehr stätes Leben in der Liebe beschieden: Aus ihrer Brust wird,

mit dem allmächtigen Eintreten der Göttin, Alles übrige hinweggewischt,

um erst nachher in erhöhterer Bedeutung und selbstständigem Abschluß

mit sich selbst wieder aufgenommen zu werden. Aber freilich kommt die

Liebe, so betrachtet, nur vor, wie sie in ihren Elementen auseinander

gezogen erscheint. Wie sie aber nach ihrer eigentlichen, völlig in

sich vollendeten Bedeutung und Gestalt, in einer so wunderbaren

und vollkommnen Einheit beider bestehe, daß man sich selbst nur

in der Anderen oder vielmehr in jenem dritten Wesen erlebt, worin

das eigenthümliche Wesen beider, sich nicht mehr begränzend oder

beschränkend, nach seinem wahren, ich möchte sagen, göttlichen Leben

ineinandergreifend enthalten ist, und wie jetzt erst das zuvor

auseinander gefaltete und getrennte sich in der seligsten Erfüllung des

gegenseitigen aufeinander bezogenen Strebens mit sich selbst vereinigt,

geht nicht minder herrlich aus der Dichtung hervor. Darum möchte ich

auch die Vision, welche den Blick über alles Menschliche und Zufällige

erhebt, und den unmittelbar göttlichen Ursprung einer solchen Liebe

beständig im Hintergrunde gegenwärtig erhält, im Ganzen nicht tadeln.

Käthchen aber und den Grafen vom Strahl ausgenommen, ist das übrige

Leben des Stücks mehr ein bewegtseyn der äußeren Handlung, als ein

inneres abgerundetes und individuelles Leben von Personen: Und wiewohl

ich hier den Gegensatz nicht verkenne, so hätte doch billigerweise das

Innere und Aeußere auch von dieser Seite sich mehr durchdringen sollen.

-- Anderes von Kleist kenne ich noch nicht. --

Verzeihen Sie, verehrtester Herr Doctor, daß ich hier manches

so hinschrieb, als ob ich mit Ihnen spräche unbefangen und fast

unwillkürlich meine innerste Meinung äußernd. In einer solchen

Mittheilung, worin ich zu Ihnen sprechen kann, (und zu wem könnte

ich es so?) gerathe ich gewöhnlich in eine Art Rausch, die mir die

Beschränkung meiner selbst raubt, und viel Anderes sagen läßt, als ich

mir vorgesetzt hatte. Nehmen Sie auch dieses mit Ihrer gewohnten Güte

und Milde auf. Hier habe ich Niemanden, mit wem ich mich eigentlich

verständigen könnte. Den Meisten liegt nicht einmal daran, zu wissen,

ob sie sich mit sich selbst verständigt haben, sondern sie wollen

sich nur reden hören, oder es dahin bringen, daß sie sich einbilden

können, von Anderen gehört zu werden. Es wird hier viel Vortreffliches

getrieben, aber auch das Vortrefflichste wird durch die ungestüme

Berliner Theilnahme zum Alltäglichen. Dahin möchte ich hauptsächlich

die Musik rechnen; welche mir indessen unter allem vorgefundenen

den schönsten und reichhaltigsten Genuß gewährt. Vorige Woche hörte

ich noch das Requiem von Mozart, die Iphigenie auf Tauris und die

Jahreszeiten. Auch versäume ich keine sehr ausgezeichnete Oper und

kein besonders treffliches Concert. Aber auch nur diese nehmen mein

Interesse in Anspruch, denn andere Vergnügungen sind mir eben keine,

und ein Schau- oder Trauerspiel habe ich auch noch nicht ein einziges

beygewohnt; was wohl Niemanden wunderbarer dünken wird, als Ihrer

Agnes. Der Grund liegt theils in der ausgesucht schlechten Wahl der

Stücke, theils in meinem Eigensinn, daß ich mir ein liebes Kunstwerk

nicht will verderben lassen, theils in äußeren Umständen, die mich

hinderten, was ich sonst gewünscht hätte, der Aufführung z. B. von der

Maria Stuart zuzusehen. Calderonische Stücke sind noch keine gegeben.

Mein Brief ist über alle Erwartung und Maaß lang geworden. Schließlich

habe ich Ihnen und den Damen von der Frau Professorin Solger die

schönsten und freundlichsten Grüße zu bestellen. Sie hat mich ersucht,

zu bemerken, daß sie von den Damen baldigst einen Brief erwartet. In

meinem Namen bitte ich mich der Gräfin und Ihrer Frau Gemahlin bestens

zu empfehlen, und Dorothea und Agnes freundlichst zu grüßen. Mit

herzlicher Verehrung und Liebe

der Ihrige

_J. R. Thorbecke_.

Ich verlange außerordentlich nach der Herausgabe von Solgers

nachgelassenen Schriften, womit mir Krause und v. Raumer unverzeihlich

langsam scheinen zu Werke zu gehn.

=Ticknor, George.=

Geboren 1791. Bis zum Jahre 1814 war er Advokat in seiner

Vaterstadt Boston, begab sich aber sodann nach Deutschland, um

erst in Göttingen, später in Berlin den Studien obzuliegen. Aus

Deutschland ging er nach Frankreich und Spanien, und machte sich in

Paris und Madrid so vertraut mit den Litteraturen dieser Nationen,

daß er bei seiner Heimkehr nach Amerika befähigt war, an der

Harvard-Universität den Lehrstuhl romanischer Sprachen &c. &c.

einzunehmen. Dabei las er auch über Goethe und über altenglische

Dichter. Im Jahre 1835 gab er diese Professur wieder auf, und trat

abermals eine Reise nach Europa an, die mehrere Jahre währte, und

hauptsächlich auf Benützung großer Bibliotheken gerichtet war.

Im Jahre 1840 begann er jenes große Werk, dem er seinen Weltruhm

verdankt, die _Geschichte der spanischen Litteratur_, 3 Bde.

(1848.) und welches jetzt, in vermehrter, mit besonderer Hinweisung

auf deutsche Verdienste um spanische Litteratur ausgestatteter

zweiter Auflage erschienen ist. Dieses Werk ist in mehre Sprachen,

auch in’s Spanische übersetzt worden, und wird auf der pyrenäischen

Halbinsel als ihre _beste_ Litteraturgeschichte betrachtet.

Außerdem schrieb er eine Biographie des Gen. Lafayette und eine

(1863.) des amerikanischen Historikers Prescott.

Sein Brief an Tieck enthält nichts Besonderes; wir nahmen ihn

auf, damit neben Briten, Dänen, Schweden und Franzosen auch ein

Amerikaner sich melde!

~_Boston_, U.-States March 5. 1844.~

~_My dear Mr. Tiek!_~

~I take the liberty to present to you Mr. Francis Lieber, one of your

own countrymen, who has lived so long in the United States, that he

has become, no less one of mine. He is now professor in the University

of South Carolina, and is well known both in this country and in

England as the author of several important works on Political Economy

and Legislation, as well as the Editor of the American Conversations

Lexicon. I have known him many years and commend him to you, as a man

of talent and great knowledge, of a faithful and excellent character,

whose acquaintance, I am sure, it will please you to enjoy.~

~Mrs. Ticknor and myself always remember with peculiar pleasure

Dresden and above all the delightful evenings, we spent there with you.

It grieves me to think you are no longer there; -- how much more must

it grieve Mad. de Lüttichau. Pray offer the affectionate regard of both

of us to her, when you see her or write to her.~

~Always faithfully yours~

~_George Ticknor_.~

=Uechtritz, Friedrich von.=

Geb. zu Görlitz 1800.

Chrysostomus, Drama. -- Alexander und Darius. -- Rosamunde. -- Die

Babylonier in Jerusalem -- u. a. m.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 125 / 310 题