II.

_Berlin_, 21. Mai 1836.

_Verehrungswürdiger Freund!_

Ich bin nach dem Tode meiner verewigten Frau von unsern Töchtern

beredet worden, einen Theil meiner, ihr gewidmeten Gedichte, die sich

ein halbes Jahrhundert hindurch schlugen, in handschriftlicher Form

drucken zu lassen, und so ist die Sonetten-Samlung entstanden, deren

beiliegendes Exemplar wohlwollend anzunehmen ich Sie freundschaftlich

bitte. Entschuldigen Sie geneigt, daß es später geschieht, als billig.

Es kam mir aber vor, als ob solche kunstlose Herzens-Ergießungen, die

nur der bis zum lezten Hauch angebeteten Freundin gefallen wollten, in

ihrer zum Theil veralteten Erscheinung sich unter die Augen von Kennern

schicklich nicht wagen sollten. Auch haben die rühmenden Anzeigen in

einigen Zeitblättern meine Scheu keineswegs beseitigt, da ich sehr wohl

weiß, was davon zu halten ist, wohl aber hat ein Brief von Schlegel aus

der neuesten Zeit mich ermuthigt, auch in Ihre Erinnerung durch diese

Mittheilung mich um so mehr zurückzurufen, als meine selige Frau sich

zu Ihren Freundinnen zählte, und dessen besonders würdig war. Ich habe

von jeher eine Abneigung gehabt, von meinen poetischen Productionen

etwas drucken zu lassen, weil ich die Stunden, die ich daran gewendet,

fast jederzeit den drückendsten Amtsverhältnissen habe abringen müssen,

woraus niemals etwas Rechts werden kann, und nur der Haß gegen die

Napoleonische Zeit und der Widerwille gegen die konstitutionellen

Himmelsstürmer hat mich, zu meinem eigenen, nachmaligen Aerger, in

Bewegung bringen können, da mein Gemüth ganz andre Neigungen hat, wie

ich unter den Gedichten an meine selige Frau noch aus dem December 1805

eines vorgefunden habe, worin es heist:

mein Kriegs-Lied ist ein zart Sonett

Auf Amors sanfte Macht;

mein Feldgeschrei: „Elisabeth“

Bei Tag’ und stiller Nacht.

Die Zeit hat es anders gefügt, bald nach jenem December.

Meine Tochter Hedwig empfiehlt sich mit mir Ihrem wohlwollenden

Andenken. Unter Versicherung der treusten Verehrung und Ergebenheit

_Staegemann_.

=Steffens, Henrik.=

Geboren am 2. Mai 1773 zu Stavanger in Norwegen, gestorben am 13.

Febr. 1845 in Berlin.

Ueber die Idee der Universitäten (1809.) -- Ueber geheime

Verbindungen auf Universitäten (1835.) -- Die gegenwärtige Zeit

und wie sie geworden, 2 Bde. (1817.) -- Die Carrikaturen des

Heiligsten, 2 Bde. (1819-21.) -- Anthropologie (1822.) -- Von der

falschen Theologie und dem wahren Glauben (1824.) -- Wie ich wieder

Lutheraner wurde (1831.) -- Was ich erlebte, 10 Bde. (1840-45.)

Romane: Die Familien Walseth und Leith, 3 Bde. (1827.) -- Die vier

Norweger, 6 Bde. (1828.) -- Malcolm, 2 Bde. (1831.) -- Novellen &c.

&c.

Daß der edle Norweger niemals ganz richtig deutsch lernte, und

dennoch einer der begeisterndsten Redner in deutscher Sprache

gewesen ist, wissen Alle die einst so glücklich waren, seine

~collegia~ zu hören. Was er für den Druck schrieb, ist

durch nähere Freunde, oder durch den Hrn. Verleger von allerlei

„physisch statt psychisch, Muscheln statt Muskeln, mir’s -- mich’s

-- ihm’s -- die’s“ &c. &c. gesäubert worden, wie’s recht und

billig war. Seine _Briefe_, aus denen der Mensch zum Menschen

aus der Ferne _spricht_, wollten wir nicht korrigiren.

Mögen sie gedruckt werden, wie sie sind; mögen sie Lesern, die

seine _Hörer_ gewesen zu sein sich heute noch freuen, das

lebendige Bild des theuren, edlen Verstorbenen recht lebhaft in’s

Gedächtniß rufen, mit seinen Schwächen, -- mit seiner Größe,

seiner unwiderstehlichen Persönlichkeit; ja, mit _all’ den

Erinnerungen_ aus einer mit ihm begrabenen Zeit!

Hatte er _sie_ -- und _sich_ doch fast schon überlebt,

bevor er starb. Wohl ihm, daß er noch zu rechter Stunde die Augen

schloß! Wir hätten sonst wohl gar auch hören können, wie der erste

Freiwillige von 1813 fünfunddreißig Jahre später mit splendiden

Katzenmusiken bedacht worden wäre! Derselbe Steffens, der im Jahre

1809 als Professor in Halle _die Idee der Universitäten_ jener

napoleonischen Zwingherrschaft in den Bart geworfen.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 80 / 310 题