_Berlin_, d. 10. August 20.
_Hochverehrter Freund!_
Es war eins meiner ersten Geschäfte bei meiner Zurückkunft, von der
Lage Ihrer Angelegenheit vollständige Kenntniß zu nehmen. Die Sache
verhält sich so: Es ist unstreitig Koref ein Ernst gewesen, Ihnen hier
eine angemessene Stellung zu verschaffen, und sein erstes Augenmerk
war, wie Sie wissen, auf die Akademie der Künste gerichtet. Die
Schwierigkeit, die sich hierin hervorgethan, indem Herr von Altenstein
eine vollständige Reform der ganzen Organisation beabsichtiget, und
hiervon Ihre Anstellung abhängig gemacht, -- welches aus mehren Gründen
eine sehr langsam reifende Frucht getragen haben wird -- _scheint_
Koref’s Plan, Ihnen vorläufig ein Wartegeld auszuwirken, um Ihnen einen
festen Standpunkt zu sichern, hervorgebracht zu haben. Hier kann ich
aber nur sagen, es _scheint_, weil darüber keine Verhandlungen
bei den Akten sind, sondern sich Alles in seiner Verwahrung befindet,
und seinen Reden nicht immer Glauben geschenkt werden kann. Bevor
er aber diesen Plan vollführen konnte, wozu freilich nicht jeder
Zeitpunkt geschickt ist (obwol er mir von Zeit zu Zeit versicherte,
der König habe bereits den Antrag des Herrn Fürsten Staatskanzlers
genehmiget), traten unsre neuen Finanz-Discussionen ein, die ihn
befürchten ließen, daß sein Plan gar keinen Eingang finden werde; er
glaubte daher die sich ihm darbietende Gelegenheit, Ihnen das Gehalt
der Professur des seligen Solger zu verschaffen, ergreifen zu müssen,
wobei er voraussetzte, daß Sie die Pflichten dieser Professur durch
einige Vorlesungen in der Woche, über Gegenstände der Wissenschaft und
Kunst nach eigner Wahl, ohne Beschwerde würden erfüllen können. Diese
Voraussetzung wurde durch das Urteil unsrer akademischen Philister
über Solger, den sie nur für ein fünftes Rad am Wagen hielten,
begünstigt.
Ich habe mir diese Tage die Sache nur aus den Gesprächen mit Koref, auf
dessen Reden an sich, rücksichtlich der Wahrhaftigkeit, nicht viel zu
geben ist, und mit Nicolovius, abstrahirt. Koref fügte hinzu, daß, da
Sie auf den Antrag _gar nicht_ geantwortet hätten, er die Sache
als abgethan habe ansehn müssen. Nach Nicolovius ist inzwischen zwar
über Solgers Gehalt verfügt, nicht aber über die Professur, so daß Sie
noch immer würden eintreten können, wenn die Rücksichten, die Sie mir
mündlich mitteilten, nicht dagegen entschieden. Die Vorlesungen selbst
könnten Sie auch nach Nicolovius Meinung sich mit voller Bequemlichkeit
selbst einrichten, da es nur darauf ankommt, Ihnen einen Fuß in den
Bügel zu verschaffen. Herr v. Altenstein wird hiezu gern die Hand
bieten, besonders, da es scheint, daß Sie die Gunst des Kronprinzen für
Sich haben, mit dem er vielleicht in andrer Weise zerfallen ist. Das
Gehalt wird wieder angewiesen. Den Plan, Ihnen auch ohne die Annahme
der Professur vorläufig ein Wartegeld zu verschaffen, müssen wir jetzt,
wie die Sachen dermalen liegen, und in Rücksicht auf die Persönlichkeit
des Königs, unstreitig aufgeben. Können Sie daher Ihre Bedenklichkeiten
gegen die Annahme der Solgerschen Professur überwinden, so will ich bei
Herrn von Altenstein sogleich das Weitre einleiten. Vielleicht machen
Sie mich mit Bedingungen bekannt, unter denen Sie sich geneigt erklären
könnten; ich bin im voraus versichert, man wird Ihnen Alles zugestehen,
und Sie sehr bereitwillig in eine Lage setzen, in der Ihre literarische
Thätigkeit durch den Amtsberuf zu Vorlesungen nicht im geringsten
beeinträchtiget wird. Kurz, man wird Sie gern so setzen, daß das
Gehalt, wenn auch nicht dem Namen, doch der That nach, ein Wartegeld
seyn wird, und die Zeit wird, wenn Sie nur erst hier und in einer Art
von Praxis sind, bald herbeigeführt werden können, Sie nützlicher und
für Sie einträglicher zu beschäftigen. Daß dabei auf Ihre Gesundheit
immer eine Hauptrücksicht genommen werden müsse, versteht sich von
selbst.
Die anderweite Organisation der Akademie ist, wie Herr von Altenstein
selbst äußert, im weiten Felde. Er scheint sie ganz aufzugeben; indeß
bin ich dieser Meinung so wenig, daß ich vielmehr glaube, der König
sei für diese Maasregel noch am ersten zu gewinnen. Nur müssen die
Künste einen kräftigern Fürsprecher haben, als Herr von Altenstein
_zuweilen_ ist. _Immer_, kann ich keinesweges behaupten.
Sie selbst würden darauf einwirken können, wenn Sie hier sind. -- Sie
hatten sich vorgenommen, selbst an Herrn v. Altenstein zu schreiben,
und ich würde jetzt noch mehr dazu rathen, als ich es mündlich in
Dresden schon gethan, sobald Sie sich über die Annahme der Professur
entschieden haben. Denn wenn es für diesen Zweck auch wesentlich nicht
erforderlich seyn würde, so dürfte es doch schon für eine verbesserte
Stellung in Ansehung des Gehalts von Nutzen seyn. Ich erinnere mich
aber besonders noch aus frühern Jahren, welchen Eindruck ein Schreiben
Adam Müllers, der damals in die dermalige Verkehrtheit noch nicht
übergegangen war, obschon auf dem Wege dazu, auf ihn machte, und mit
welcher Wärme er sich zu seinem Beschützer erklärte. Müllers Dialektik
hatte nur wenigen Theil.
Ich sehe Ihrer gütigen Antwort baldmöglich entgegen und empfehle mich
unter Versicherung der unveränderten Hochachtung und treuen Ergebenheit
in Ihre freundschaftliche und wohlwollende Erinnerung
_Staegemann_.