_Tharand_, d. 22. Jul. 1801.
_Theuerster Freund!_
Da das Wetter Ihnen kaum erlauben wird, sobald hier hinauszukommen,
auch mir in Tharand gefangen hält, so muß ich nothwendig ein Mittel
ersinnen, mir wenigstens, so gut es gehen will, von ihrem Treiben und
von dem Befinden ihrer Familie kurze, jedoch gründliche Nachricht
zu verschaffen. Ich kenne in der That nichts grausameres, als einen
Mantel in solchem Wetter zu behalten, und schicke Ihnen daher den
Ihrigen, mit dem verbindlichsten Dank (~NB.~ Lebensart) zurück.
-- Auch drey Strausfedern folgen hiermit. Bitte mich gehorsamst ein
paar Volksmärchen aus, welche richtig, nachdem ich sie consumirt habe,
wieder zurückgeschickt werden sollen.
Uebermorgen erhalten Sie einen _cabbalistischen_ Aufsatz. Mein
Genius hat mir wieder angesprochen und mir -- wahrlich sonderbare Dinge
von 1-2-3-5 aus 7 zu 3-7 aus 2 zu 5 -- das vernünftige Decimal- und
das mystische Duodecimalsystem entdeckt. Ich glaube, daß sie selbst
sich ergözen werden über das _Zählen_ der Natur -- das bedeutender
ist, als man glaubt. -- Ich werde recht zum Schreiben getrieben und
bin jetzt, natürlich, nur wenig gestört. Wie wünschte ich bey Ihnen zu
seyn. -- Vieles würde sich in Gesprächen leicht entwickelt, was mir
jetzt entgeht. --
Sie können -- _alle Tage_ -- mit der Botenfrau, die diesen Brief
bringt -- ein paar Zeilen nach Tharand spediren. --
Diesmahl bitte ich mir wirklich aus, daß Sie mir mit ein paar Zeilen
schreiben: wie Sie und Ihre Familie sich befindet: ob Gustav noch krank
ist.
Grüßen Sie die Madem. Hanna, Dorothea, Elisabeth Reichard, und sagen
Sie Ihr, daß mein Genius mich ihre Hand im Traume gezeigt hat, daß ich
ihr ganzes zukünftiges Schicksal kenne und -- daß Sie erstaunen wird --
so wenig hilft es sich zu sträuben. -- Ich freue mich darauf die Hände,
die ich nicht sehen darf, wenigstens mit zugemachte Augen, küssen zu
dürfen.
Leben Sie wohl und grüßen Sie Ihre Frau recht sehr.
_Steffens_.