_Frankfurt_, den 1ten Juli 1811.
_Verehrter Freund_.
Ihre unerwartet frühe Abreise hat mich sehr erschreckt; denn sie
beraubt mich in der That des Vergnügens, Sie noch einmal vorher zu
sehn. Ich bin auf allen Seiten mit Arbeiten gedrängt, die ich nicht
aufschieben kann, und vorzüglich ist daran der Umstand schuld, daß
unsre Bibliotheken schon wirklich eingepackt werden. Ich muß die
Bücher, die ich daher habe, nun in aller Eil noch benutzen, wenn ich
nicht in meinen Vorlesungen stecken bleiben, und in meinen andren
Arbeiten ebenfalls zurückkommen will. Haben Sie ja die Güte, mir den
Petz _sobald wie möglich_ zu überschicken, da das Einpacken der
Steinwehrschen Bibliothek auch schon im Gange ist.
Zürnen Sie mir nicht und glauben Sie nicht, daß ich unempfindlich
gegen die Freundschaft bin, mit der Sie mich einladen. Ein Tag oder
anderthalb, bei Ihnen zugebracht, hätte uns wieder kaum recht zu Worte
kommen lassen. Ich sehe Sie gewiß, wenn Sie von Warmbrunn zurückkommen,
es sei nun, daß ich nach Breslau gehe, oder, was jetzt wahrscheinlicher
ist, nach Berlin. In diesem Falle werde ich Sie ja wohl einmal im
Winter dort sehn, und habe auch nicht so weit zu Ihnen. Die Reise
werde ich mich nicht verdrießen lassen. Wofür lebt man denn, wenn man
nicht für den Genuß lebt, den ein offenes und gründliches Gespräch
gewährt? Und wie selten ist jetzt leider dieser Genuß! Ich schätze es
für ein wahres Glück, in Ihre nähere Bekanntschaft gekommen zu sein;
meine Verehrung hatten Ihre Werke längst besessen, und ich sage aus
eben diesem Grunde nicht mehr davon. Ueber manches davon aber in Zukunft
mit Ihnen selbst zu sprechen, würde mir sehr wünschenswerth sein. Darf
ich so viel Anspruch auf Ihre Mittheilung machen, so lassen Sie uns von
Zeit zu Zeit gründlich correspondiren; ich wünschte so sehr, daß Sie
mich nicht wieder vergäßen.
Sie erhalten beide Bände der ~old plays~ wieder; ich habe sie aber
nicht alle lesen können wegen Mangel an Zeit. Der K. John hat sich ganz
in meiner Gunst erhalten. Es ist auch in der Sprache eine Frischheit
und einfache Kraft, die recht erquickt. Ich bin höchst begierig auf
ihre Entwickelung der verschiedenen Bildungsstufen von Shakespeares
Karakter. Wenn ich den alten John mit dem neuen vergleiche, so sehe ich
recht deutlich, daß eine Welt dazwischen liegt, und daß sich allein
darüber etwas höchst Belehrendes sagen läßt. Bei diesen Untersuchungen
wird erst recht klar werden, was nicht allein romantische, sondern was
auch moderne Poesie ist, und welch ein Wendepunkt der Protestantismus
und seine ganze Lebensansicht war. Sie werden gewiß nicht unterlassen
alles dieses mit einander in Verbindung zu setzen. So muß Shakespeares
Geschichte allein eine Geschichte einer ganzen Hauptgattung der Kunst
werden. Ich erwarte, was Sie über die Einmischung der sogenannten
komischen Scenen sagen werden. Die Scene mit den Mönchen hat doch wohl
einen himmelweit verschiedenen Karakter von allen anderen der Art.
Ich habe über jenes Komische meine eigne Theorie, und glaube, daß es
ganz denselben Ursprung hat mit jenen Reflexionen, worin die moderne
Poesie oft so tiefsinnig die inneren Gründe der Dinge zum Bewußtsein
zu bringen oder wenigstens zu berühren sucht, und woran ich in allen
wahren Dichtern neuerer Zeiten einen großen Reichthum finde. Sie werden
verstehn, was ich mit Reflexionen meine, nicht solche, wie Schillers
Chor in der Braut von Messina anstellt. Hätte ich den K. John noch
einmal aufmerksam lesen können, so würde ich über die Sprache noch
einiges bemerkt haben; so kann ich Ihnen nur sagen, was mir ganz
zufällig aufgefallen ist. Außer ~ywropt~ und ~yspilt~ finde
ich auch noch ~ymixt p. 303~. Ob im gewöhnlichen Shakespeare
auch ~It little skill’d~ (wie hier S. 285), und ~mickle~
für ~much~ (wie hier S. 290) vorkommen, ist mir nicht recht
erinnerlich. Aber ~Traitorisme~ (hier S. 293) glaube ich in ihm
nicht gelesen zu haben, und auch nicht ~every whit~ (hier S.
285), obgleich oft genug ~not a whit~. Der alte Lear hat mich
sehr ergötzt. Sie haben Recht, man muß sich in Acht nehmen, daß einem
so etwas nicht zu sehr gefällt; denn ich glaube wirklich, daß bei uns
etwas Sentimentalität ins Spiel kommt, wenn uns diese alte Einfalt so
sehr rührt. Indessen ist hier auch die Sprache über meine Erwartung
gebildet; es ist im Ausdruck nichts zu viel und zu wenig; nur die Sache
ist dargelegt. Die Handlung geht etwas ungleich und stockt zuweilen.
Besonders bewundre ich die weise Sparsamkeit in der Darstellung der
Cordelia, und den glücklichen Zug darin, den ihr scherzendes Gespräch
mit dem Mumford bildet. Dieses erquickt recht das Herz; Cordelia wird
uns dadurch so menschlich, und kein bloßer Tugendspiegel. Doch dies
letzte ist wohl zu viel gesagt. Wie rührend ist der Ausdruck, um
den sich das ganze Stück dreht: ~what love the child doth owe the
father?~ Auch überraschen recht die Stellen bei der Wiedererkennung,
die Sie auch ausgezeichnet haben, durch die große Einfalt, wenn man
gleich keinen pathetischen Erguß erwarten konnte.
Doch ich fürchte, mich zu weit zu verlieren. Grüßen Sie Ihre Frau und
Kinder und das ganze Haus, besonders Kadachs. Graf Alexander liegt in
meinem Hause traurig danieder. Ich besuche ihn so oft ich darf; denn
der Arzt verbietet ihn zu viel zu beschäftigen. Ich hoffe, daß es
noch ziemlich gut mit ihm ablaufen wird. Was haben Sie zu dem Vorfall
gesagt, der den Herrn Präsidenten betroffen hat, und die anderen
Herren? Ich gestehe Ihnen, daß ich über manches anders denke, als diese
Herren, vorzüglich in Beziehung auf die Lage der Zeit; sonst achte ich
ihren Eifer für das Interesse ihres Standes recht sehr. Herr v. Raumer,
gegen den jetzt viele Angriffe gerichtet sind, ist mein genauer Freund.
Er ist ein geistreicher und edler Mann, und hat in vielen Stücken
Recht, die nicht überall erkannt werden; aber ich leugne weder mir noch
ihm selbst, daß er oft nicht Maaß hält, und sich selbst Schaden thut.
Ueber diese Sachen ist indessen viel zu sagen.
Die heilsamste Wirkung, die das Bad von Warmbrunn haben kann, möge
Ihnen im vollsten Maaße zu Theil werden. Behalten Sie lieb
den Ihrigen
_Solger_.
=Staegemann, Friedrich August von.=
Geb. am 7. November 1763 zu Vierraden in der Uckermark, gestorben
am 17. Dezember 1840 in Berlin.
Historische Erinnerungen in lyrischen Gedichten (1828.) --
Erinnerungen an Elisabeth (1835.) -- Erinnerungen für edle
Frauen, 2 Bde. (1846.). -- Der hohe Staatsbeamte, der Stein’s
und Hardenberg’s Vertrauen besaß, hat auch während seiner
einflußreichsten Epochen niemals verschmäht, sich als Sänger
unter die Sänger zu mischen, und anspruchsloser Geselligkeit
mit Gelehrten und Schriftstellern zu leben. Gleich Nicolovius,
Streckfuß u. A. gehörte auch Er zu den Mit-Stiftern und Gründern
des von Hitzig ins Leben gerufenen Berliner Litteraria, die denn
auch sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum (1835) festlich begangen
hat.