Dero ganz ergebenster Diener

_Max. Joh. Seidel_.

~P. S.~ Ich gebe Ihnen noch eine kleine Anekdote zum Besten, die

sich in der sich hier befindenden Menagerie der Herrn van Aken und

Martin ereignete, als der König von Baiern selbe besuchte. Der Wärter

dieser Thiere, welchen die Gegenwart des Königs verlegen machte, zeigte

unter anderm auch den sich dabei befindenden großen Löwen, und sagte:

Hier ist Sr. Majestät, der größte jezt lebende König -- der Thiere. --

Wir alle lachten, doch der König von Baiern schien es nicht gehört zu

haben.

Vermuthlich wollte er sagen: Hier Majestät, hier sehen Sie den größten

Löwen, der in Deutschland gezeigt wird (welche Rede er zu jedem andern

spricht).

=Skepsgardh, Otto von.=

Das völlig verrückte Buch: „Drei Vorreden. Rosen und Golem-Tieck,

eine tragikomische Geschichte, mit einer Vorrede von Friedr.

Rückert“ hat trotz seiner wahrhaft niederträchtigen Ausfälle gegen

Tieck so wenig Beachtung gefunden, daß wir lange vergeblich nach

_einem_ Menschen suchen mußten, der es nur angesehen. Als

wir’s denn endlich selbst in Händen hielten, fanden wir’s noch

unter der niedrigsten Erwartung. Der Verfasser hat gerade so viel

produktives Talent besessen, um _sich_ einzureden, daß er ein

Poet sei; aber auch nicht ein Fünkchen mehr. Wo es ihm an Fähigkeit

fehlte zu schaffen, da vermeinte er, es fehle den Andern an

Fähigkeit ihn zu fassen; an gutem Willen ihn zu fördern. In Tieck,

der ihn lange mit freigebiger Hand unterstützte, erblickte er einen

_Neider_. Er sagt in der Vorrede zu jenen „drei Vorreden“

(lauter unsinniges Zeug!) „Tieck verschmähte es sogar nicht, mir zu

zeigen, daß er mich fürchte. Gäbe Gott, er bekäme Ursache dazu!“

Was er eine Kritik Rückerts nennt, sind ein Paar Zeilen, die

dieser gutmüthig und mitleidig einem Unbekannten, der sich an ihn

drängte, über einen ersten Versuch hinwarf -- gewiß nicht ahnend,

daß der Empfänger die Frechheit haben werde, diese Zeilen vor

ein hirnverbranntes opus zu setzen, dessen Schluß die gemeinsten

Anschuldigungen wider seinen Wohlthäter enthält. Doch spricht

eigentlich aus dem Autor wie aus dessen Buche schon der Wahnsinn.

-- In diesem _soll_ er denn auch -- (denn er ist längst

verschollen) -- seinem unseligen Dasein ein Ende gemacht haben.

In zwei Punkten ist jedoch Tieck hier abermals anzuklagen. Erstens,

wegen der wahrhaft leichtsinnig-gutmüthigen Schwäche, womit er

jedem Zudringlichen Ohr, Herz und Hand öffnete, bevor er ihn

genauer kannte; zweitens wegen der Saumseligkeit, die er sich dann

zu Schulden kommen ließ, _wenn_ er einen solchen Menschen

endlich durchschaut hatte, und den nothwendigen Bruch verschob, aus

Mangel an Entschluß.

Hätte er dem eitlen Narren sein Manuskript umgehend zurückgeschickt

und kurz erklärt, was er davon halte, so könnten die Vorwürfe ihn

nicht getroffen haben, die der dritte Brief enthält.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 63 / 310 题