_Berlin_, d. 12ten August 1843.
_Hochverehrter Herr Geheimerrath!_
Im Vertrauen auf die mir, als einem Strebenden von Ihnen so freundlich
zu Theil gewordene Berücksichtigung erlaube ich mir Ihnen den zweiten
Theil meines Romans so umgearbeitet zu überschicken, wie ich ihn gern
gleich damals gesehn hätte, als Sie so gütig waren dem rohen Entwurf
Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Wieder muß ich’s bedauern, Sie damals
mit dem ungefügen Produkt belästigt und Ihnen so vielleicht die Lust,
es noch einmal durchzusehn, benommen zu haben. Doch ist der größeste
Theil völlig neu und das Alte nur an wenigen Stellen geblieben wie es
war. Ich glaube alles gethan zu haben, was in so kurzer Zeit und bei
meiner Lage an einem Werke zu thun möglich ist, dem man entwachsen zu
sein glaubt, oder dessen gute Idee man doch mindestens gern von vorn
herein ganz anders angelegt wünschte. Ihre Winke hab’ ich mir, wie Sie
sehn werden, überall zu Nutz gemacht und bitte Sie nur sehr, sich durch
das erste Kapitel nicht abschrecken zu lassen, das mit Fleiß etwas
sandig angelegt ist, damit das Interesse in dem Maße zunähme, als man
sich der Poesie des Landlebens nähert. Indem ich Ihre Erlaubniß, Sie am
Schlusse des Werkchens einführen zu dürfen, benutzte, hab’ ich daselbst
alles gesagt, was ich von der Angelegenheit mit der Vorrede fürchte und
hoffe. Sollte Ihnen etwas im Werkchen misfallen und Sie darum Bedenken
tragen, meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, so haben Sie die Güte,
das Mißfällige fortzustreichen und wenn auch darüber die halbe Arbeit
draufginge. Wer schlechtes einbüßt gewinnt. In einigen Tagen werde
ich nach Ihrer Anweisung auch mit dem ersten Theil, aber hier nur
bescheidend verfahren, womit ich in 8 Tagen fertig zu sein hoffe. All’
meine Hoffnung, so wie die meiner armen Schwester, ist jetzt auf das
Werkchen und Sie gerichtet. Sein Sie mir nicht böse, daß ich an der
Stelle, wo ich Sie in das Märchen einführen durfte, meiner Begeistrung
keine zu engen Schranken anlegte[3], ich bin Ihnen mehr schuldig
als Sie vielleicht ahnen, ich habe Ihnen die Idee zu verdanken, in
welcher allein die Poesie liegt, daß nur die allmächtige Leidenschaft
poetisch sei, und daß alle Kunst darin bestehe, diesen Strom von seinem
Ursprunge an bis an das Meer zu verfolgen, indem man weder die Blumen
am Ufer noch die künstlichen Hemmungen vergißt, welche des Stromes
Gewalt vergrößern, indem sie ihn aufhalten, so daß er in Diamanten
stäuben und in Strahlen schäumen muß. Jetzt verstehe ich Romeo und
Julie, Werther, Coriolan u. a. Meisterwerke erst. Sie werden vielleicht
über den jungen Menschen lächeln, der eine Ihnen sicher längst
geläufige Idee so prahlend hervorhebt, aber solche Gedanken entscheiden
mehr als alles, das fühl ich, über die Richtung, die ein strebender
Geist einschlägt; oder sie ersparen wenigstens ein langwieriges Tappen
auf gut Glück. -- Wenn doch das Schicksal mir den _einen_ stolzen
Wunsch gewährte, einem Manne in der Litteratur, bevor er vom Leben
scheidet Freude zu machen, einem verehrten Manne, bei dem man sich eben
nicht auf die honetteste Weise eingeführt hat.
Ich will Sie nicht mit zu langem Geschwätz ermüden, zumal auch meine
Schwester sich’s nicht nehmen läßt an Sie zu schreiben. Gott schenke
Ihnen noch lange Gesundheit und heitern Muth, damit auch ich noch lange
von einem Auge weiß, das auf mir ruhend mich zu Thaten anspornt.