Mit der treuesten, innigsten Verehrung

Der Ihrige

_Schulze_.

=Schwab, Gustav Benjamin.=

Geb. zu Stuttgart 1798, gestorb. daselbst am 4. Nov. 1850.

Wenn seine ihm eigenste poetische Richtung zugleich eine religiöse

war und sich in weltliches Treiben nicht verlor, so hielt ihn

doch andrerseits die kirchliche Amtsstellung, die er im Staate

einnahm, keinesweges ab, sich mit regem Sinne, mit unbegrenzter

Theilnahme nach allen Seiten hin zu wenden, wo frisches Talent,

ursprüngliche Begabung ihm entgegentrat, und kein Mensch ist weiter

davon entfernt gewesen als er, engherzig zu verlangen, daß „allen

Bäumen _eine_ Rinde wachse!“ Wer irgend welche litterarische

Beziehung zu ihm gehabt und dabei Gelegenheit gefunden hat ihn

kennen zu lernen, der wird ihn freudig wieder erkennen und begrüßen

in nachstehendem Briefe!

Als epischer und lyrischer Dichter blühend und fruchtbar von den

Knabenjahren an bis in’s reife Mannesalter, hat er eine reiche

Auswahl schöner Gaben hinterlassen, deren viele im Geist und Gemüth

seines Volkes fortleben, um nie zu sterben. Und wenn er dadurch

_seinen_ Nachruhm sicherte, ist er doch immer auch thätig

gewesen, sei’s durch gelehrte und sinnvoll-geordnete Anthologieen,

sei’s durch meisterhafte Uebertragungen, sei’s endlich durch

Redaktion, Herausgabe und Lebensbeschreibung verstorbener Dichter,

deren Nachruhm zu vermehren. Sagen des klassischen Alterthums --

Lamartine’s -- Barthelemy’s Poesieen -- Paul Fleming’s auserlesene

Gedichte -- Geistliche Legenden -- W. Hauffs sämmtliche Werke

-- Wilh. Müllers vermischte Schriften (siehe diesen Brief!) --

Schillers Leben -- der deutsche Musenalmanach (mit Chamisso) -- das

sind nur einige obenhin herausgegriffene Belege für die vielseitige

Thatkraft eines im ernsten Amte gewissenhaften Arbeiters, der

nebenbei -- zur Erholung von der Berufspflicht -- eine ganze

Bibliothek werthvoller Bücher schrieb, sammelte, kritisch

beleuchtete und den duftigen Flor eigener Dichtungen in stetem

Wachsthum hielt!

_Stuttgart_, den 28. Jan. 1829.

_Hochverehrter Mann!_

Das Herz in beide Hände nehmend benütze ich endlich die Erlaubniß,

welche Sie mir ertheilt haben, mich schriftlich an Sie zu wenden, ohne

weiter auf Worte zu studieren. Kommt es linkisch heraus, so schreiben

Sie es auf Rechnung der Scheu, die uns hohen Geistern gegenüber

geradeso und mit mehr Recht ergreift, wie gegenüber von hohen Personen.

Ich habe die Sammlung des seel. Wilhelm Müller, die nach dem Wunsche

des Verlegers, Brockhaus, dem sich die Wittwe gefügt hat, nur aus

seinen „vermischten Schriften,“ nicht aus den sämmtlichen Werken

bestehen soll, seit den Herbstferien in Ordnung gebracht und das neu

geordnete Manuscript, wenn man lauter Gedrucktes so nennen kann, dem

Verleger zugeschickt. Der Druck wird aber nicht sobald beginnen, daß

ich nicht noch von allen Fingerzeigen, die Ihre gütige Theilnahme mir

zukommen lassen wollte, Gebrauch machen könnte, und so vergönnen Sie

mir, daß ich Ihnen im Allgemeinen kurz meine Verfahrungsweise andeute.

Das Ganze ist vorläufig auf fünf Bände berechnet. Die Poesieen habe ich

in die zwei ersten Bände vertheilt, nach ihrer innern Verwandtschaft,

nicht nach ihrer bisherigen Eintheilung. Denn ich gestehe es, jene

Verkappungen so vieler, besonders norddeutscher, Dichter, sind mir

in der Seele zuwider. Wozu „Lieder eines reisenden Waldhornisten,“

wozu „Lyrische und epigrammatische Spaziergänge.“ Vielleicht konnte

bei einem Theile des Publicums dadurch beim ersten Erscheinen jener

Gedichte die Aufmerksamkeit rege gemacht werden, und Müller mußte um

des Verlegers willen sich jenes Kunstgriffs bedienen; an sich sind

gewiß solche Verkleidungen unsrem Jahrhunderte fremd; sie gehören der

fruchtbringenden Gesellschaft und ihrem Zeitalter, wo der geachtete

Honoratior seinen Titel zu vermehren glaubte, wenn er sich mit Poesie

befaßte und denselben gegen irgend einen Schäfers- oder andern Kittel

vertauschen zu müssen glaubte. So urtheilte ich, und stellte daher

unter dem allgemeinen Titel lyrischer Gedichte die Reiselieder, die

Wanderlieder, die ländlichen Lieder aus den bisherigen verschiedenen

Sammlungen zusammen, ließ darauf die vermischten Gedichte, die Anklänge

aus dem Italienischen und Neugriechischen und die Epigramme folgen. Die

Griechenlieder sollen nach dem ausdrücklichen Wunsche der Wittwe den

Schluß der sämmtlichen Gedichte bilden. Durch diese neue Eintheilung

fallen die Dedicationen der verschiedenen früheren Sammlungen im

Contexte weg, aber sie müssen in der Vorrede aufbewahrt werden; die

Nachwelt soll wissen, daß der frühverewigte Sänger sich Tiecks und

Webers Freundschaft zu erfreuen hatte.

Den dritten Band würden die zwei Novellen nebst der Schilderung Lord

Byrons und einige andre prosaischen Aufsätze füllen; den vierten

und fünften Band das Bessere von den zahlreichen Critiken Müllers

aus dem Hermes, der Haller Lit. Zeitung und dem Convers. Blatte;

namentlich seine Urtheile über Uhland, Kerner, Rückert, Platen u.

a. über Einzelnes von Byron, Scott, Cooper, Lamartine, Delavigne u.

a. Erscheinungen der auswärtigen Literatur, endlich Fragmente über

Dichtung und Schriftsteller des In- und Auslandes aus flüchtigeren

Beurtheilungen, die wegen ihres Gegenstandes, theils wegen ihres

eigenen Gehaltes einen vollständigen Abdruck nicht verdienen.

Dem Ganzen soll eine Biographie und eine Beurtheilung von Müllers

Poesie aus meiner Feder vorangestellt werden. Diese aber, namentlich

die letztere, kann und mag ich nicht unternehmen, ohne mir vorher Ihr

Urtheil, innig verehrter Meister, und wäre es nur mit wenigen Zeilen,

ausgebeten zu haben. Ich hatte früher meine Ansichten über Müllers

Dichtungen, bald nach seinem Tode in einem Aufsatz in den Blättern für

literar. Unterhaltung zusammengefaßt; ich glaubte den Griechenliedern

vor allem den Vorzug geben zu müssen. Nun machte es mich aber

gleich aufmerksam, als mein seel. Freund mir sagte, daß Sie auf die

Griechenlieder weniger hielten, als auf seine andern Gedichte, und

als Sie mir, an dem mir unvergeßlichen Abend, der Sie in meinen vier

Mauern sah, dasselbe sagten, wurde ich an meinem bisherigen Urtheile

ganz irre. Dieses gründete sich hauptsächlich auf das Gefühl, das

mich anwandelte, so oft ich die meisten andern Gedichte Müllers las,

und das mich immer ein wenig an ihrer eigentlichen Originalität, an

ihrem unmittelbaren Ursprung aus Müllers Phantasie und Gemüth zweifeln

ließ; ich glaubte den einen gar zu merklich anzuspüren, daß sie bald

in Goethe’s, bald in Ihren, bald in Uhland’s Ton hineingearbeitet

waren, daß er auf fremden Melodieen, wenn ich so sagen darf, fortsang;

die andern waren fühlbar auf den anhaltenden Umgang mit den Lyrikern

des siebzehnten Jahrhunderts begründet, und die Epigramme, deren

Muster mir ferne stand, und die mich daher als eigenthümlich besonders

anzogen, fand ich kürzlich in Logau, den ich seit 1815 nicht mehr

angesehen hatte, zu meinem Erstaunen vorgebildet. Damit soll der

Werth aller dieser Gedichte keineswegs herabgesetzt seyn; die große

Leichtigkeit, mit welcher sich Müller in alle diese Formen fand, die

Objectivität, mit der er sich noch im Mannesalter in alle möglichen

lyrischen Subjectivitäten hineinfinden konnte, und der fast immer

anmuthige Witz, der sich mir nur zuweilen ins widerlich Spielende zu

verirren schien, blieben mir bewundernswürdig. Aber doch, meinte ich,

seyen seine Griechenlieder auf einem andern Boden, aus einer wirklich

subjectiven Begeisterung erwachsen, und er habe sich hier eine Form

geschaffen, habe einen Ton angestimmt, zu dem ich das Vorbild nirgends

zu finden wüßte. Als ich seine ersten Griechenlieder las, rüttelte es

mich im Geiste, wie wenn ich etwas neues, ächtes, „~recens, indictum

ore alio~“ um mit Horaz zu sprechen, las, und ich wurde voll

Bewunderung und wieder kleinmüthig und betrübt, weil ich fühlte, daß

ich so etwas nicht vermöchte. Kurz es wurde mir zu Muth, wie jedesmal

wenn mir etwas Rechtes unter die Augen kommt. Von seinen andern

Liedern könnte ich nur bei drei oder vieren dasselbe sagen. Die andern

konnte ich schön finden, aber sie demüthigten mich nicht, wie mich

Göthe, Novalis, Tieck, Uhland demüthigt. -- Ich weiß nicht, was ich

da schreibe, und ob es nicht anmaßend herauskommt, einen Dichter, wie

Sie, mit meinen Ansichten und Urtheilen zu unterhalten, aber ich möchte

mich über das, was ich von Müller gesagt hatte und noch sagen wollte,

gegenüber von dem rechtfertigen, bei dem ich Rath und Berichtigung

meiner Gefühle, die mir selbst nur halbverständlich sind, suche. --

In die Länge ermüdete freilich auch die Monotonie der Griechenlieder,

wie es mir überhaupt däucht, daß Müller gar zu lang bei Einem Ton

verweilte und am Ende ins Machen hineinkam, statt ins Dichten. --

Wenn ich mich recht erinnere, so führten Sie mir als einen Vorwurf

gegen die Griechenlieder an, daß so manche darin besungene Helden von

der Geschichte uns bald in einem ganz anderen Lichte gezeigt worden,

und daß dieß einen sehr unangenehmen Eindruck mache. Aber sollte das

der innern Vollendung dieser Lieder schaden können? und sollte dieser

Vorwurf nicht jeden Volksgesang treffen? und sollte in späterer Zeit

nicht das Phantastische dieser Gestalten über ihr Geschichtliches in

dem Eindrucke, den Poesieen, die von ihnen handeln, machen werden,

siegen? Zumal da ihr historisches selbst immer mager und dunkel bleiben

wird?

Doch es ist Zeit meinem ausführlichen Geschwätz, das nur einem

Herausgeber Müllers verziehen werden kann, ein Ende zu machen.

Mein junger Freund ~Dr.~ Adolph Schöll kann mir in seinen Briefen

aus Dresden und Göttingen nicht genug rühmen, wie gütig er von Ihnen

aufgenommen worden und welchen Eindruck Ihre Gespräche auf ihn gemacht

haben. Möchte es mir doch so gut werden, auch Stunden lang über alle

poetische Anliegen meiner Seele mich mit Ihnen unterhalten und aus

Ihrem Munde belehren zu dürfen. Ich habe es gewagt, den ersten Band

meiner Gedichte durch Schöll in Ihre Hände zu legen. Ich übergab sie

ihm in einem sehr muthlosen Augenblicke; sie waren mir durch das

Wiederkäuen in der Druckrevision recht zum Ekel geworden, und es ist

mir manchmal, als ob gar nichts an allen miteinander wäre, lauter

nachgemachtes Zeug, wovon nichts mich überleben werde. Wenn ich sie

dann Monate lang bei Seite gestellt und endlich wieder ansehe, fasse

ich wieder zu einigen ein Herz, und meine, dieß und jenes habe doch

seine Persönlichkeit und eine Vitalität in sich. Unter diese letztern

rechne ich die kleine beiliegende Romanze, die ich seit Mitte Juli’s

im Kopf herumgetragen, und die endlich in den Christfeiertagen eine

Gestalt gewonnen. Ich meine solche Darstellung einzelner Momente rein

menschlichen Gefühls gerathen mir am Besten. Alles Phantastische

muß ich ferne von mir halten, weil es mir dazu an innern Mitteln

gebricht. Ich bin noch nicht 40 J. alt, könnte also, trotz eines

vielbeschäftigten, prosaischen Lebens doch noch etwas produciren.

Hielten Sie mich wohl eines Fingerzeigs werth, verehrter Meister?

Wir haben diesen Winter Ihren Alten vom Berge und Ihr Fest von

Kenelworth gelesen und uns innig daran erquickt. Am wohlsten wird

mir bei Ihren Erzählungen da, wo die gemeine Critik darüber als

unnatürlich und unwahrscheinlich zu schimpfen anfängt, d. h. wo die

gewohnten Formen, mit welchen Sie das Publicum beschwichtigen, mit

einemmal aufhören und die lautre Poesie, derselben spottend, ungehemmt

hervorsprudelt; wo der zahme Bach auf einmal zum Wasserfall wird und

seinen Weg durch Wald und Felsen nimmt, wie in Ihren alten, herrlichen

Dichtungen, in welchen ich mich vor 18 Jahren unter der schönen, hohen

Lindenallee bei Tübingen als Student zum erstenmal berauschte.

Während ich diesen Brief schreibe, lese ich von dem schmerzlichen

Schlage, der Sie durch den Tod Ihres Freundes, Friedrich Schlegel,

in Ihrer unmittelbaren Nähe betroffen. Wenn meine Zeilen nicht eine

ziemliche Zeit brauchten, bis sie zu Ihnen nach Dresden gelangen, so

würde ich sie nicht abschicken; denn unmittelbar nach einer solchen

Verwundung muß das Geschreibe eines Dritten unerträglich zu lesen seyn.

So aber vertraue ich auf die Langsamkeit der Buchhändlergelegenheit,

der ich diesen Brief übergebe. Meine liebe Frau ruft sich Ihnen und

mit mir Ihren verehrten Reisebegleiterinnen ins Gedächtniß zurück.

Jener Abend in unsern dumpfigen Stuben kann freilich keine angenehme

Erinnerung für Sie alle seyn. Wir aber denken mit Stolz und Wonne an

Ihre Erscheinung zurück.

Genehmigen Sie den Ausdruck der innigen Verehrung von Ihrem für die

höchsten Genüsse ewig dankbaren

_G. Schwab_.

Das Morgenblatt hofft sehnlich auf Ihre Beiträge.

=Seckendorf, Gustav Freiherr von.=

Geb. zu Meuselwitz bei Altenburg am 20. November 1775, gestorben in

Amerika 1823.

Otto III., Tragödie (1805.) -- Orsina, 1816. -- Vorlesungen über

Deklamation und Mimik, 2 Bde. (1816.) -- &c. Redigirte auch die

Zeitschrift Prometheus.

Unter seinem Autornamen Patrik Peale zeigte er sich auf

verschiedenen Theatern als plastisch-mimischer Künstler, und

schlug sich als Docent, Musikdirector, Musiklehrer, Schriftsteller

durch Deutschland und Amerika, ohne einen sichern Aufenthalt zu

finden, vor dem allersichersten im Grabe. In wie fern das Mißlingen

all’ seiner verschiedenen Unternehmungen von äußerlichem Unglück

verursacht wurde? in wie fern es aus ihm selbst hervorging? wer

wagt darüber zu entscheiden? Nicht abgeleugnet kann werden, daß er

die Aufmerksamkeit vorzüglicher Männer zu erregen im Stande gewesen.

Solger schreibt an Friedrich v. Raumer: „der Mann hat mir bei einem

Besuche einige Beispiele von seinem Talent und einer wirklich

seltenen Macht über sein Gesicht gegeben: so z.B. drückte er mit

der linken Seite des Gesichts den tiefsten Schmerz aus, so daß er

sogar mit dem linken Auge weinte, während die rechte Seite ganz

unverändert blieb.“

Das schmeckt nun freilich mehr nach Kunststücken, als nach Kunst.

_Wien_, 1. Dec. 1808.

Noch kann ich mich über Ihre schnelle, gar nicht vermuthete Abreise

nicht zufrieden geben, in einem Augenblick, wo ich mir soviel von

Ihrer Unterstützung versprochen hatte, wo es leichter, als zu

irgend einem andern Zeitpunkt war, einen bedeutenden Einfluß auf die

hiesigen Theater sich zu sichern, und vereint auf ein schönes Ziel

hinzuwirken. Sie werden mir freilich einwenden, daß diese meine Ideen

vielleicht ganz außer Ihrem Gesichtskreise lagen, mit Ihrer Neigung

unvereinbarlich waren -- allein vergeben Sie mir, wenn ich keine

Kraft erblicke, ohne ihr zugleich in Gedanken ein bestimmtes Ziel

anzuweisen, wenn ich gern alles Edle und Schöne um mich vereinigen

möchte, um so vereint, eine bleibende Stätte für die Kunst zu gründen.

Und hier scheint mir durch die Entziehung Ihrer persönlichen Gegenwart

ein großes Hinderniß entstanden. Nennen Sie es immerhin Träume, wenn

ich mir Sie an der Spize der hiesigen Theaterwelt, und mich als Ihren

Gehülfen dabei dachte. In Ihrer Persönlichkeit lagen alle Mittel dazu,

und was nun vielleicht auf Umwegen durch jahrelange Bemühungen nicht

erreicht werden kann -- das hätte Ihre Gegenwart, mit diesem Sinn

das Gute überall anzuerkennen, und an seinen Plaz zu stellen, mit

dieser poetischen Schöpfungskraft -- und nicht zu vergessen die jezige

Verlegenheit der Direktion, welche zwischen zwei Stühlen, Hartel und

Iffland, sitzt, möglich gemacht. Dieser Augenblick kehrt vielleicht

nie zurück -- nie die Möglichkeit eines entschiedenen Einflusses auf

Hartel durch seine Verwandte, wovon ich selbst nichts wußte -- denn er

geht nun in 4 Wochen vom Theater ab. Iffland kommt auch nicht, folglich

wird -- -- Sonnleithner oder gar etwas ärgers das Factotum werden. Nun

sind das alles fromme Wünsche. Ich werde wohl nicht nachlassen, aber

ich habe auch nur den guten Willen, mit den Menschen vermag ich nichts

anzufangen. Auch hat mir meine erste Verbindung mit Stoll zu viel

geschadet.

Dagegen scheint es nun mit der Fortsezung des Prometheus Ernst zu

werden. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, ist als wahrscheinlich

mit Cotta entschieden. Er ist nicht abgeneigt, und ich habe

billige Bedingungen gemacht, und hoffe jezt seine günstige

Definitiventscheidung. Auf diesen Fall rechne ich bestimmt auf Ihre

Mitwirkung, und so schnell es sein kann, auf die Uebersicht der

hiesigen Theater, wozu Sie mir Hoffnung gemacht haben. Diese ist

ganz dazu geeignet das hiesige Publikum günstig für die Zeitschrift

zu stimmen. In der Folge hoffe ich auch auf den Aufsatz _über das

teutsche Theater überhaupt_, und über _Fleck_. Ich erwarte Ihre

Bedingungen, bitte Sie aber, mir Ihre Abreise von München, und Ihren

künftigen Aufenthalt sogleich wissen zu lassen. -- Schlegel läßt Sie

herzlich grüßen. Knorring und (? unlesbar) machen noch immer keine

Anstalt zur Abfahrt. Der jüngere Collin geht in 14 Tagen nach Krakau,

als Professor der Aesthethik. -- Empfehlen Sie mich Mad. Bernhardi und

gedenken meiner zuweilen in Ehren.

_Seckendorf_.

(Vordre Schenkenstraße No. 23.)

=Seidel, Max Johann.=

Es kann Einer ein sehr guter, naturwahrer, allbeliebter Komiker,

und braucht deshalb eben kein Musterbriefsteller zu sein. Daß

Herr Seidel Ersteres gewesen, wissen alle älteren Weimaraner, so

wie sämmtliche Besucher Ilm-Athens, die den lustigen Mann auf der

Bühne gesehen. Daß er letzteres nicht gewesen, geht aus diesem

Briefe hervor, den wir deshalb doch nicht weglassen wollen; denn

er schildert einen wichtigen Tag aus Goethe’s Leben treuherzig und

unbefangen. Die Bezeichnung „_biederer_ Greis,“ die S. auf

Goethe anwendet, erinnert uns an einen andern Schauspieler, der

zur Jahres-Feier der Schlacht bei Belle-Alliance einen Prolog zu

sprechen und in diesem von dem Einzuge in Frankreichs Hauptstadt

zu reden hatte, das richtige Beiwort vergaß, und voll Verlegenheit

sagte:

„Wir aber folgen Dir, das ist gewiß,

Und grüßen Dich im _traulichen_ Paris.“

Auf Goethe hätte sich wohl ein umfassenderes Epitheton finden

lassen als grade „_bieder_“. Und dennoch hat dieses, in

dieser Ideenfolge, etwas eigenthümlich Hübsches, denn es giebt

den Eindruck deutlich wieder, den der alte Herr durch sein

schlicht-patriarchalisches Benehmen, während jener festlichen

Momente, auf die Umgebungen ausgeübt. Goethe ließ sich durch die

Huldigung, die König Ludwig ihm hochherzig darbot, nicht aus dem

Geleise bringen.

_Weimar_, den 31ten Aug. 1827.

_Verehrtester Herr Hofrath!_

Nehmen Sie dieses Schreiben als einen Beweis, daß die, zwar kurzen

Augenblicke, wo meine Frau und ich das Vergnügen hatten, Ihre

persönliche Bekanntschaft in Teplitz zu machen, uns unvergeßlich sind,

und daß wir uns oft und mit Freuden daran erinnern. Diese Zeilen sollen

dazu dienen, die mir so werthe Bekanntschaft zu erneuern, denn, daß

Sie meine Kühnheit, an Sie zu schreiben, nicht übel deuten werden,

bin ich überzeugt, aber wäre ich es doch auch davon, daß das, was ich

schreibe, für Sie Interesse hätte. Ich will es versuchen; vielleicht

gewährt Ihnen eine kleine Erzählung von Goethe’s Geburtstagsfeier, da

ich Augen- und Ohrenzeuge war, einiges Vergnügen.

Daß Göthe’s Geburtstag, den 28t. August, von seinen Freunden und

Verehrern alle Jahre laut gefeiert wird, ist Ihnen sicherlich bekannt;

jedoch vernehmen Sie, verehrtester Herr, welche freudige Ueberraschung

ihm, dem biedern Greise (!) zu Theil wurde.

Den 27t. August Abends kam hier ein Fremder mit Extra-Post im Gasthofe

zum Erbprinzen an, und läßt sich bei unserem Großherzog unter dem Titel

und Namen des Ober-Stallmeister von Keßling am königl. bairischen

Hofe, anmelden, mit dem Zusatze: früh acht Uhr sich bei Sr. kgl.

Hoheit dem Großherzog vorzustellen; allein, noch ehe die Uhr halb 8

geschlagen, fährt unser Großherzog an dem Gasthofe zum Erbprinzen

vor, und macht _seine_ Aufwartung dem -- Könige von Baiern,

welcher ~incognito~ hier ankam, um Göthe an seinem Geburtstage zu

überraschen, Glück zu wünschen und ihn persönlich kennen zu lernen.

Gegen 11 Uhr Mittags fuhren Sr. Maj. der König und unser Serenissimus,

der Großherzog, bei Göthe’n vor.

Göthe war den Tag besonders gut gelaunt, er war froh und heiter und

wie verjüngt erschien er der Gesellschaft, die sehr zahlreich war,

denn, er nahm alle Besuche an, sprach mit jedem und freute sich der

vielen Theilnahme, die wir an ihm nehmen; da traten der Großherzog und

der König ein, schon angemeldet, die Anwesenden traten zurück. Der

König ging auf ihn zu, bezeugte durch huldvolle Worte seine Freude,

ihm diese Ueberraschung vorbehalten zu haben, und zog aus seiner

Rocktasche ein rothes Kästchen hervor, worin der Zivil-Verdienstorden

der königl. bairischen Krone, Großkreutz und Stern sich befanden,

welches er Göthe’n mit den Worten überreichte: hier (auf Göthe’s Brust

deutend), wird sich wohl noch ein Plätzchen finden, wo sie dieses

anheften können. Alles bezeugte seine Theilnahme und Freude, Göthe

war sehr überrascht, unterhielt sich dann über eine Stunde noch mit

den fürstlichen Personen, die sich theilweise auch zu den Anwesenden

gewendet hatten. Der König war über alles entzückt, was er sah und

hörte und nach 12 Uhr beurlaubten sich die fürstlichen Personen.

Unser guter Fürst, der Großherzog, hat sich wieder sehr erholt,

obgleich ihn das Teplitzer Bad sehr angegriffen hatte und er einige

Zeit nach der Badekur krank darnieder lag; er hatte bei Göthe die Gnade

mich zu bemerken und mit mir und meiner Frau zu sprechen; auch er

äußerte seine große Freude über die unvermuthete Ankunft des Königs,

doch als derselbe sich als „von Keßling“ anmelden ließen, schlossen Sie

gleich, daß es der König sey, welcher meist in der Gesellschaft des

„von Keßling“ reist.

Mittags war eine große Gesellschaft, die aus Göthe’s Verehrern bestand,

bei einem glänzenden Gastmahle, welches im hiesigen Stadthaussaale

gehalten wurde, versammelt, an welcher auch meine Wenigkeit Antheil

genommen. Mehrere Gedichte, die wechselsweise gesprochen und gesungen

wurden, habe mir die Freiheit genommen Ihnen zu übersenden.

Herr Kanzlar von Müller sprach das Gedicht „zur Weihe des Tafelfestes“

als Einleitungsrede, worauf denn unserm geliebten Fürsten ein 3maliges

Lebehoch gebracht wurde. Dieses, so wie No. 2, sind von Herrn Kanzlar

von Müller selbst gedichtet, so wie das ganze Arrangement zu voller

Zufriedenheit aller Anwesenden von ihm getroffen war.

Herr Kapellmeister Hummel lieferte uns eine vortreffliche Composition,

welche eben so vortrefflich ausgeführt wurde. Herr Kammersänger und

Oberdirektor Stromeier trug, wie immer, voll Gefühl und klangvoller

Stimme die Gesänge vor, eben so Herr Kammersänger Moltke, auch Herr

Musikdirektor Eberwein leistete Vortreffliches.

Unter dem Jubelrufe: Auch die Todten sollen leben! von Herrn Geheimen

Kammerrath von Göthe (Sohn) ausgebracht, wurde den Manen Wieland’s,

Herder’s und Schiller’s ein Lebehoch gebracht. Abends wurde dem König

von Baiern zu Ehren Freiball im hiesigen Schießhaussaale gegeben, wobei

der König und unser ganze Hof gegenwärtig waren.

Zugleich war der Ball, durch das jezt hier stattfindende Vogelschießen,

von vielen Fremden besucht, die sich zu diesem seltenen Vergnügen hier

einzufinden pflegen.

Das Theater sollte erst den 3t. September zum Geburtstag des

Großherzogs eröffnet werden, mit „der Schnee.“ Zum erstenmal aber

auf Verlangen des Königs geschah dies schon den 29t. August mit „die

humoristischen Studien“ und „die 7 Mädchen in Uniform;“ beide Piecen

gingen vortrefflich.

Gestern reiste der König von hier wieder fort.

Verehrtester Herr Hofrath, daß meine Frau und ich es sehr bedauerten

Sie nicht in Dresden getroffen zu haben, werden Sie ganz in der Ordnung

finden; denn Ihren Vorlesungen beiwohnen zu können, zähle ich (nur aus

dem, was ich davon erzählen hörte) zu dem herrlichsten und größten

Kunstgenuß unserer Zeit, und die Eile, mit der ich nach Hause berufen

wurde, brachte mich darum; doch wir werden nicht versäumen kommendes

Frühjahr oder Sommer Ihnen unsere ergebenste Aufwartung zu machen, und

dann zweifle ich nicht an Ihrer Gewogenheit, daß Sie uns durch Ihr

so schönes, seltenes Talent Gelegenheit geben werden, Sie einigemal

bewundern zu können.

Indem wir uns Ihrem gütigem Wohlwollen bestens empfehlen, unterzeichne

ich mich als

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 62 / 310 题