Schwarz (_tritt auf._)

~Moor~ (_fliegt ihm entgegen._) Bruder, Bruder, den Brief! den Brief!

~Schwarz~ (_giebt ihm den Brief, den er hastig aufbricht._) Was ist

dir? wirst du nicht wie die Wand?

~Moor.~ Meines Bruders Hand!

~Schwarz.~ Was treibt denn der Spiegelberg?

~Grimm.~ Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sanct

Veits-Tanz.

~Schufterle.~ Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub' er macht

Verse.

~Razmann.~ Spiegelberg! He Spiegelberg! -- Die Bestie hört nicht.

~Grimm~ (_schüttelt ihn._) Kerl! träumst du, oder? --

~Spiegelberg~ (_der sich die ganze Zeit über mit den Pantomimen eines

Projektmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, springt wild auf._)

=La Bourse ou la vie!= (_und packt Schweizern an der Gurgel, der ihn

gelassen an die Wand wirft, -- Moor läßt den Brief fallen, und rennt

hinaus. Alle fahren auf._)

~Roller~ (_ihm nach._) Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?

~Grimm.~ Was hat er, was hat er? Er ist bleich wie die Leiche.

~Schweizer.~ Das müssen schöne Neuigkeiten seyn! Laß doch sehen!

~Roller~ (_nimmt den Brief von der Erde, und liest._)

»Unglücklicher Bruder!« der Anfang klingt lustig. »Nur kürzlich muß ich

dir melden, daß deine Hoffnung vereitelt ist -- du sollst hingehen,

läßt dir der Vater sagen, wohin dich deine Schandthaten führen.

Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung machen, jemals Gnade zu

seinen Füssen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig seyn wollest, im

untersten Gewölb seiner Thürme mit Wasser und Brod so lang traktirt zu

werden, bis deine Haare wachsen wie Adlers-Federn, und deine Nägel wie

Vogelsklauen werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir, den

Brief zu schliessen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure dich --

~Franz~ von ~Moor~.«

~Schweizer.~ Ein zuckersüsses Brüdergen! In der That! -- Franz heißt

die Kanaille?

~Spiegelberg.~ (_sachte herbey schleichend._) Von Wasser und Brod ist

die Rede? Ein schönes Leben! Da hab ich anders für euch gesorgt! Sagt'

ichs nicht, ich müßt' am Ende für euch alle denken?

~Schweizer.~ Was sagt der Schafskopf? der Esel will für uns alle denken?

~Spiegelberg.~ Haasen, Krüppel, lahme Hunde seyd ihr alle, wenn ihr das

Herz nicht habt, etwas Grosses zu wagen!

~Roller.~ Nun, das wären wir freylich, du hast recht -- aber wird es

uns auch aus dieser vermaledeyten Lage reissen, was du wagen wirst?

wird es? --

~Spiegelberg~ (_mit einem stolzen Gelächter._) Armer Tropf! aus dieser

Lage reissen? hahaha! -- aus dieser Lage reissen? -- und auf mehr

raffinirt dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre

zum Stalle? Spiegelberg müßte ein Hundsvott seyn, wenn er mit dem nur

anfangen wollte. Zu Helden, sag ich dir, zu Freyherrn, zu Fürsten, zu

Göttern wirds euch machen!

~Razmann.~ Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl

eine halsbrechende Arbeit seyn, den Kopf wirds wenigstens kosten.

~Spiegelberg.~ Es will nichts als Muth, denn was den Witz betrifft,

den nehm ich ganz über ~mich~. Muth, sag ich, Schweizer! Muth, Roller,

Grimm, Razmann, Schufterle! Muth! --

~Schweizer.~ Muth? Wenn's nur das ist -- Muth hab ich genug um baarfuß

mitten durch die Hölle zu gehn.

~Schufterle.~ Muth genug, mich unterm lichten Galgen mit dem

leibhaftigen Teufel um einen armen Sünder zu balgen.

~Spiegelberg.~ So gefällt mir's! Wenn ihr Muth habt, tret einer auf,

und sag: Er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen!

--

~Schwarz.~ Wahrhaftig, da gäb's manches zu verlieren, wenn ich das

verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe!

~Razmann.~ Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das

gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann.

~Schufterle.~ Wenn ich das verlieren müßte, was ich auf Borgs auf dem

Leibe trage, so hätt' ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.

~Spiegelberg.~ Also denn! (_Er stellt sich mitten unter sie mit

beschwörendem Ton._) Wenn noch ein Tropfen deutschen Heldenbluts in

euren Adern rinnt -- kommt! Wir wollen uns in den böhmischen Wäldern

niederlassen, dort eine Räuberbande zusammen ziehen, und -- Was gafft

ihr mich an? -- ist euer Bisgen Muth schon verdampft?

~Roller.~ Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen

Galgen weggesehen hat -- und doch -- Was hätten wir sonst noch für eine

Wahl übrig?

~Spiegelberg.~ Wahl? Was? nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im

Schuldthurm stecken, und zusammenschnurren, bis man zum jüngsten Tag

posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen

trocken Brod abquälen? Wollt ihr an der Leute Fenster mit einem

Bänkelsänger-Lied ein mageres Allmosen erpressen? oder wollt ihr zum

Kalbsfell schwören -- und da ist erst noch die Frage, ob man euren

Gesichtern traut -- und dort unter der milzsüchtigen Laune eines

gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bey

klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spatzieren gehn, oder im

Gallioten-Paradies das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterherschleifen?

Seht, das habt ihr zu wählen, da ist es beysammen, was ihr wählen könnt!

~Roller.~ So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch

meine Plane schon zusammen gemacht, aber sie treffen endlich auf eins.

Wie wär's, dacht' ich, wenn ihr euch hinsetztet, und ein Taschenbuch

oder einen Almanach, oder so was ähnlichs zusammensudeltet, und um den

lieben Groschen recensirtet, wie's wirklich Mode ist?

~Schufterle.~ Zum Henker! ihr rathet nah zu meinen Projekten. Ich

dachte bey mir selbst, wie wenn du ein Pietist würdest, und wöchentlich

deine Erbauungsstunden hieltest?

~Grimm.~ Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten

die vier Evangelisten auf's Maul schlagen, liessen unser Buch durch den

Schinder verbrennen, und so gieng's reissend ab.

~Razmann.~ Oder zögen wir wider die Franzosen zu Felde -- ich kenne

einen Doktor, der sich ein Haus von purem Quecksilber gebauet hat, wie

das Epigramm auf der Hausthüre lautet.

~Schweizer.~ (_Steht auf und gibt Spiegelberg die Hand._) Moriz, du

bist ein grosser Mann! -- oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel

gefunden.

~Schwarz.~ Vortreffliche Plane! honnete Gewerbe! Wie doch die grossen

Geister sympathisiren! Izt fehlte nur noch, daß wir Weiber und

Kupplerinnen würden, oder gar unsere Jungferschaft zu Markte trieben.

~Spiegelberg.~ Possen, Possen! Und was hinderts, daß ihr nicht das

meiste in einer Person seyn könnt? Mein Plan wird euch immer am

höchsten poussiren, und da habt ihr noch Ruhm und Unsterblichkeit!

Seht arme Schlucker! Auch so weit muß man hinausdenken! Auch auf den

Nachruhm, das süsse Gefühl von Unvergeßlichkeit --

~Roller.~ Und oben an in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein

Meister-Redner, Spiegelberg, wenn's drauf ankommt, aus einem ehrlichen

Mann einen Hollunken zu machen -- Aber sag doch einer, wo der Moor

bleibt? --

~Spiegelberg.~ Ehrlich, sagst du? Meynst du, du seyst nachher weniger

ehrlich, als du izt bist? Was heist du ehrlich? Reichen Filzen

ein Drittheil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ihnen nur den

goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen,

das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort, das

goldne Alter wieder zurückrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen

Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, theure Zeit und ~Doktors~

ersparen -- siehst du, das heiß ich ehrlich seyn, das heiß ich ein

würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, -- und so bey

jedem Braten, den man ißt, den schmeichelhaften Gedanken zu haben: den

haben dir deine Finten, dein Löwenmuth, deine Nachtwachen erworben --

von groß und klein respektirt zu werden --

~Roller.~ Und endlich gar bey lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und

trotz Sturm und Wind, trotz dem gefrässigen Magen der alten Urahne

Zeit unter Sonn und Mond und allen Fixsternen schweben, wo selbst die

unvernünftigen Vögel des Himmels, von edler Begierde herbeygelockt,

ihr himmlisches Koncert musiciren, und die Engel mit Schwänzen ihr

hochheiliges Synedrium halten? Nicht wahr? -- und wenn Monarchen und

Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben

zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? --

Moriz, Moriz, Moriz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht, vor dem

dreybeinigten Thiere!

~Spiegelberg.~ Und das schröckt dich, Hasenherz? ist doch schon

manches Universal-Genie, das die Welt hätte reformiren können, auf dem

Schind-Anger verfault, und spricht man nicht von so einem Jahrhunderte,

Jahrtausende lang, da mancher König und Kurfürst in der Geschichte

überhüpft würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lücke in der

Successions-Leiter nicht scheute, und sein Buch dadurch nicht um ein

paar Oktavseiten gewönne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt

-- Und wenn dich der Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde --

der muß auch kein Wasser im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart,

und seufzt über die elenden Zeiten.

~Schweizer.~ (_klopft ihn auf die Achsel._) Meisterlich, Spiegelberg!

Meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da, und zaudert?

~Schwarz.~ Und laß es auch ~Prostitution~ heissen -- Was folgt weiter?

Kann man nicht auf den Fall immer ein Pülverchen mit sich führen,

das einen so im stillen übern Acheron fördert, wo kein Hahn darnach

kräht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch mein

Katechismus.

~Schufterle.~ Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast

mich geworben!

~Razmann.~ Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein

Gewissen, in den Schlaf gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin.

~Grimm.~ =Si omnes consentiunt ego non dissentio.= Wohlgemerkt ohne

Komma. Es ist ein Aufstreich in meinem Kopf; Pietisten -- Quacksalber

-- Rezensenten und Gauner. Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm

diese Hand, Moriz.

~Roller.~ Und auch du Schweizer? (_gibt Spiegelberg die rechte Hand._)

Also verpfänd ich meine Seele dem Teufel.

~Spiegelberg.~ Und deinen Namen den Sternen! was liegt daran, wohin

auch die Seele fährt? Wenn Schaaren vorausgesprengter Kuriere unsere

Niederfahrt melden, daß sich die Satane festtäglich herausputzen, sich

den tausendjährigen Ruß aus den Wimpern stäuben, und Myriaden gehörnter

Köpfe aus der rauchenden Mündung ihrer Schwefel-Kamine hervorwachsen,

unsern Einzug zu sehen? Kameraden! (_aufgesprungen_) frisch auf!

Kameraden! was in der Welt wiegt diesen Rausch des Entzückens auf?

Kommt Kameraden!

~Roller.~ Sachte nur! Sachte! wohin? das Thier muß auch seinen Kopf

haben, Kinder.

~Spiegelberg.~ (_Giftig._) Was predigt der Zauderer? Stand nicht der

Kopf schon, eh noch ein Glied sich regte? folgt Kameraden!

~Roller.~ Gemach sag ich. Auch die Freyheit muß ihren Herrn haben. Ohne

Oberhaupt gieng Rom und Sparta zu Grunde.

~Spiegelberg.~ (_Geschmeidig._) Ja -- haltet -- Roller sagt recht.

Und das muß ein erleuchteter Kopf seyn. Versteht ihr? Ein feiner

politischer Kopf muß das seyn. Ja! wenn ich mir's denke, was ihr vor

einer Stunde waret, was ihr izt seyd, -- durch Einen glücklichen

Gedanken seyd -- Ja freylich, freylich, müßt ihr einen =Chef= haben

-- Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt, muß das nicht ein

erleuchteter politischer Kopf seyn?

~Roller.~ Wenn sich's hoffen ließe -- träumen ließe -- Aber ich

fürchte, er wird es nicht thun.

~Spiegelberg.~ Warum nicht? Sag's kek heraus, Freund! -- So schwer es

ist, das kämpfende Schiff gegen die Winde zu lenken, so schwer sie auch

drückt die Last der Kronen -- Sag's unverzagt, Roller -- Vielleicht

wird ers doch thun.

~Roller.~ Und lek ist das Ganze, wenn er's nicht thut. Ohne den Moor

sind wir Leib ohne Seele.

~Spiegelberg.~ (_Unwillig von ihm weg._) Stockfisch!

~Moor.~ (_tritt herein in wilder Bewegung, und läuft heftig im Zimmer

auf und nieder, mit sich selber._)

~Moor.~ Menschen -- Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut!

Ihre Augen sind Wasser! Ihre Herzen sind Erz! Küsse auf den Lippen!

Schwerter im Busen! Löwen und Leoparde füttern ihre Jungen, Raben

tischen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er -- Bosheit hab ich

dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein

eigen Herzblut zutrinkt -- aber wenn Blutliebe zur Verrätherinn, wenn

Vaterliebe zur Megäre wird; o so fange Feuer, männliche Gelassenheit,

verwilde zum Tyger, sanftmüthiges Lamm, und jede Faser recke sich auf

zum Grimm und Verderben!

~Roller.~ Höre Moor! Was denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch

besser, als bey Wasser und Brod im untersten Gewölbe der Thürme?

~Moor.~ Warum ist dieser Geist nicht in einen Tyger gefahren, der sein

wüthendes Gebiß in Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das

Liebe für Liebe? Ich möchte ein Bär seyn, und die Bären des Nordlands

wider dies mörderische Geschlecht anhetzen -- Reue, und keine Gnade! --

Oh ich möchte den Ocean vergiften, daß sie den Tod aus allen Quellen

saufen! Vertrauen, unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!

~Roller.~ So höre doch, Moor, was ich dir sage!

~Moor.~ Es ist unglaublich, es ist ein Traum, eine Täuschung -- So

eine rührende Bitte, so eine lebendige Schilderung des Elends und der

zerfliessenden Reue -- die wilde Bestie wär' in Mitleid zerschmolzen!

Steine hätten Thränen vergossen, und doch -- man würde es für ein

boshaftes Pasquill auf's Menschengeschlecht halten, wenn ich's

aussagen wollte -- und doch, doch -- oh daß ich durch die ganze Natur

das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer wider das

Hyänen-Gezücht in's Treffen zu führen!

~Grimm.~ Höre doch, höre! vor Rasen hörst du ja nicht.

~Moor.~ Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das

Weib nicht gebohren? -- Aus meinen Augen du mit dem Menschengesicht!

-- Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich

hätte tausend Leben für ihn -- (_schäumend auf die Erde stampfend._)

ha! -- wer mir itzt ein Schwerdt in die Hand gäbe, dieser Otternbrut

eine brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte: wo ich das Herz ihres

Lebens erzielen, zermalmen, zernichten -- Er sey mein Freund, mein

Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!

~Roller.~ Eben diese Freunde wollen ja wir seyn, laß dich doch weisen!

~Schwarz.~ Komm mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine

Räuberbande sammeln, und du -- (_Moor stiert ihn an._)

~Schweizer.~ Du sollst unser Hauptmann seyn! du must unser Hauptmann

seyn!

~Spiegelberg~ (_wirft sich wild in einen Sessel._) Sklaven und Memmen!

~Moor.~ Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! (_indem er Rollern hart

ergreift_) das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt!

wer blies dir das Wort ein? Ja, bey dem tausendarmigen Tod! das wollen

wir, das müssen wir! der Gedanke verdient Vergötterung -- ~Räuber~ und

~Mörder~! -- So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!

~Alle~ (_mit lärmendem Geschrey._) Es lebe der Hauptmann!

~Spiegelberg~ (_aufspringend, vor sich._) Bis ich ihm hinhelfe!

~Moor.~ Siehe, da fällts wie der Staar von meinen Augen! was für ein

Thor ich war, daß ich in's Keficht zurückwollte! -- Mein Geist dürstet

nach Thaten, mein Athem nach Freyheit, -- ~Mörder, Räuber!~ -- mit

diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt -- Menschen haben

Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellirte, weg dann

von mir Sympathie und menschliche Schonung! -- Ich habe keinen Vater

mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen

lehren, daß mir jemals etwas theuer war! -- Kommt, kommt! -- Oh ich

will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen -- es bleibt dabey,

ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am

wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll

königlich belohnet werden -- tretet her um mich ein jeder, und schwöret

mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod! -- schwört mir das bey dieser

männlichen Rechte.

~Alle~ (_geben ihm die Hand._) Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis

in den Tod!

~Moor.~ Nun und bey dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier,

treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll

dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt,

oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von jedem unter euch,

wenn ich meinen Schwur verletze! Seyd ihr's zufrieden? (_Spiegelberg

läuft wüthend auf und nieder._)

~Alle~ (_mit aufgeworfenen Hüten._) Wir sind's zufrieden.

~Moor.~ Nun dann, so laßt uns geh'n! Fürchtet euch nicht vor Tod und

Gefahr, denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet

endlich sein Tag, es sey auf dem weichen Kissen von Pflaum, oder im

rauhen Gewühl des Gefechtes, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins

davon ist unser Schicksal!

(Sie gehen ab.)

~Spiegelberg~ (_ihnen nachsehend, nach einer Pause._) Dein Register hat

ein Loch. Du hast das Gift weggelassen. (_Ab_)

Dritte Scene.

Im Moorischen Schloß, Amaliens Zimmer.

Franz. Amalia.

~Franz.~ Du siehst weg, Amalia? verdien ich weniger, als der, den der

Vater verflucht hat?

~Amalia.~ Weg! -- ha des liebevollen barmherzigen Vaters, der seinen

Sohn Wölffen und Ungeheuern Preis gibt! daheim labt er sich mit süssem

köstlichem Wein, und pflegt seiner morschen Glieder in Kissen von

Eider, während sein groser herrlicher Sohn darbt -- schämt euch, ihr

Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr Schande der Menschheit!

-- seinen einzigen Sohn!

~Franz.~ Ich dächte, er hätt ihrer zween.

~Amalia.~ Ja, er verdient solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf

seinem Todbett wird er umsonst die welken Hände ausstrecken nach seinem

Karl, und schaudernd zurückfahren, wenn er die eiskalte Hand seines

Franzens faßt -- oh es ist süß, es ist köstlich süß, von deinem Vater

verflucht zu werden! Sprich Franz, liebe brüderliche Seele! was muß man

thun, wenn man von ihm verflucht seyn will?

~Franz.~ Du schwärmst, meine Liebe, du bist zu bedauren.

~Amalia.~ O ich bitte dich -- bedauerst du deinen Bruder? -- Nein

Unmensch, du hassest ihn! du hassest mich doch auch?

~Franz.~ Ich liebe dich wie mich selbst, Amalia.

~Amalia.~ Wenn du mich liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?

~Franz.~ Keine, keine! wenn sie nicht mehr ist als mein Leben.

~Amalia.~ O, wenn das ist! Eine Bitte, die du so leicht, so gern

erfüllen wirst (_stolz._) -- Hasse mich! Ich müßte feuerroth werden

vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben einfiel, daß du mich

nicht hassest. Du versprichst mir's doch? -- Itzt geh, und laß mich,

ich bin so gern allein!

~Franz.~ Allerliebste Träumerinn! wie sehr bewundere ich dein sanftes

liebevolles Herz, (_ihr auf die Brust klopfend._) Hier, hier herrschte

Karl wie ein Gott in seinem Tempel, Karl stand vor dir im Wachen, Karl

regierte in deinen Träumen, die ganze Schöpfung schien dir nur in den

einzigen zu zerfliessen, den einzigen wiederzustralen, den einzigen dir

entgegen zu tönen.

~Amalia.~ (_bewegt._) Ja wahrhaftig, ich gesteh es. Euch Barbaren zum

Trutz will ich's vor aller Welt gestehen -- ich lieb ihn!

~Franz.~ Unmenschlich, grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu

vergessen --

~Amalia.~ (_auffahrend._) Was, mich vergessen?

~Franz.~ Hattest du ihm nicht einen Ring an den Finger gesteckt? einen

Diamantring zum Unterpfand deiner Treue! -- Freylich nun, wie kann auch

ein Jüngling den Reitzen einer Metze Widerstand thun? Wer wird's ihm

auch verdenken, da ihm sonst nichts mehr übrig war wegzugeben, -- und

bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dafür mit ihren Liebkosungen, ihren

Umarmungen?

~Amalia~ (_aufgebracht._) Meinen Ring einer Metze?

~Franz.~ Pfui, pfui! das ist schändlich. Wohl aber, wenn's nur das

wäre! -- Ein Ring, so kostbar er auch ist, ist im Grunde bey jedem

Juden wieder zu haben -- vielleicht mag ihm die Arbeit daran nicht

gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern dafür eingehandelt.

~Amalia.~ (_heftig._) Aber ~meinen~ Ring -- ich sage ~meinen~ Ring?

~Franz.~ Keinen andern, Amalia -- ha! solch ein Kleinod, und an meinem

Finger -- und von Amalia! -- von hier sollt' ihn der Tod nicht gerissen

haben -- nicht wahr, Amalia? nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht

die Kunst des Gepräges -- die Liebe macht seinen Werth aus -- Liebstes

Kind, du weinest? Wehe über den, der diese köstliche Tropfen aus so

himmlischen Augen preßt -- ach, und wenn du erst alles wüßtest, ihn

selbst sähest, ihn unter der Gestalt sähest? --

~Amalia.~ Ungeheuer! wie, unter welcher Gestalt?

~Franz.~ Stille, stille, gute Seele, frage mich nicht aus! (_wie vor

sich, aber laut._) Wenn es doch wenigstens nur einen Schleyer hätte,

das garstige Laster, sich dem Auge der Welt zu entstehlen! aber da

blickts schrecklich durch den gelben bleyfarbenen Augenring; -- da

verräth sichs im todenblassen eingefallenen Gesicht, und dreht die

Knochen heßlich hervor -- da stammelts in der halben verstümmelten

Stimme -- da predigts fürchterlich laut vom zitternden hinschwankenden

Gerippe -- da durchwühlt es der Knochen innerstes Mark, und bricht

die mannhafte Stärke der Jugend -- da, da sprizt es den eitrichten

fressenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund und der ganzen Fläche

des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor, und nistet abscheulich in

den Gruben der viehischen Schande -- pfui, pfui! mir eckelt. Nasen,

Augen, Ohren schütteln sich -- du hast jenen Elenden gesehen, Amalia,

der in unserem Siechenhause seinen Geist auskeuchte, die Schaam schien

ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzen -- du ruftest Wehe über ihn aus.

Ruf diß Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl steht vor

dir! -- Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergiften die deinen!

~Amalia~ (_schlägt ihn._) Schaamloser Lästerer!

~Franz.~ Graut dir vor diesem Karl? Eckelt dir schon vor dem matten

Gemälde? Geh, gaff ihn selbst an, deinen schönen, englischen göttlichen

Karl! Geh, sauge seinen balsamischen Athem ein, und laß dich von den

Ambrosia-Düften begraben, die aus seinem Rachen dampfen! der blose

Hauch seines Mundes wird dich in jenen schwarzen todähnlichen Schwindel

hauchen, der den Geruch eines berstenden Aases und den Anblick eines

Leichenvollen Wahlplatzes begleitet.

~Amalia~ (_wendet ihr Gesicht ab._)

~Franz.~ Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung

-- aber ist es nicht ungerecht, einen Menschen um seiner siechen

Aussenseite willen zu verdammen? Auch im elendesten Aesopischen Krüppel

kann eine grose liebenswürdige Seele, wie ein Rubin aus dem Schlamme

glänzen, (_boshaft lächelnd._) Auch aus blattrichten Lippen kann ja die

Liebe --

Freylich, wenn das Laster auch die Festen des Karakters erschüttert,

wenn mit der Keuschheit auch die Tugend davon fliegt, wie der Duft aus

der welken Rose verdampft -- wenn mit dem Körper auch der Geist zum

Krüppel verdirbt --

~Amalia~ (_froh aufspringend._) Ha! Karl! Nun erkenn ich dich wieder!

du bist noch ganz! ganz! alles war Lüge! -- weist du nicht, Bösewicht,

daß Karl unmöglich das werden kann? (_Franz steht einige Zeit

tiefsinnig, dann dreht er sich plötzlich, um zu gehn._) Wohin so eilig,

fliehst du vor deiner eigenen Schande?

~Franz~ (_mit verhülltem Gesicht._) Laß mich, laß mich! -- meinen

Thränen den Lauf lassen -- tyrannischer Vater! den besten deiner Söhne

so hinzugeben dem Elend -- der ringsumgebenden Schande -- laß mich,

Amalia! ich will ihm zu den Füssen fallen, auf den Knieen will ich ihn

beschwören, den ausgesprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden --

mich zu enterben -- mich -- mein Blut -- mein Leben -- alles --

~Amalia~ (_fällt ihm um den Hals._) Bruder meines Karls, bester,

liebster Franz!

~Franz.~ O Amalia! wie lieb ich dich um dieser unerschütterten Treue

gegen meinen Bruder -- Verzeih, daß ich es wagte, deine Liebe auf

diese harte Probe zu setzen! -- Wie schön hast du meine Wünsche

gerechtfertigt! -- Mit diesen Thränen, diesen Seufzern, diesem

himmlischen Unwillen -- auch für mich, für mich -- unsere Seelen

stimmten so zusammen.

~Amalia.~ O nein, das thaten sie nie!

~Franz.~ Ach sie stimmten so harmonisch zusammen, ich meynte immer,

wir müßten Zwillinge seyn! und wär der leidige Unterschied von aussen

nicht, wobey leider freylich Karl verlieren muß, wir würden zehnmal

verwechselt. Du bist, sagt' ich oft zu mir selbst, ja du bist der

ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!

~Amalia~ (_schüttelt den Kopf._) Nein, nein, bey jenem keuschen Lichte

des Himmels! kein Aederchen von ihm, kein Fünkchen von seinem Gefühle --

~Franz.~ So ganz gleich in unsern Neigungen -- die Rose war seine

liebste Blume -- welche Blume war mir über die Rose? Er liebte die

Musik unaussprechlich, und ihr seyd Zeugen, ihr Sterne! ihr habt mich

so oft in der Todenstille der Nacht beym Klaviere belauscht, wenn alles

um mich begraben lag in Schatten und Schlummer -- und wie kannst du

noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in einer ~Vollkommenheit~

zusammentraf, und wenn die Liebe die nemliche ist, wie könnten ihre

Kinder entarten?

~Amalia~ (_sieht ihn verwundernd an._)

~Franz.~ Es war ein stiller, heiterer Abend, der letzte, eh er nach

Leipzig abreiste, da er mich mit sich in jene Laube nahm, wo ihr so oft

zusammensaßet in Träumen der Liebe -- stumm blieben wir lang -- zuletzt

ergriff er meine Hand und sprach leise mit Thränen: ich verlasse

Amalia, ich weiß nicht -- mir ahnets, als hieß es auf ewig -- verlaß

sie nicht, Bruder! -- sey ihr Freund -- ihr Karl -- wenn Karl -- nimmer

-- wiederkehrt -- (_Er stürzt vor ihr nieder und küßt ihr die Hand mit

Heftigkeit._) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren, und ich

hab's ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!

~Amalia~ (_zurückspringend._) Verräther, wie ich dich ertappe! In eben

dieser Laube beschwur er mich, keiner andern Liebe -- wenn er sterben

sollte -- siehst du, wie gottlos, wie abscheulich du -- geh aus meinen

Augen.

~Franz.~ Du kennst mich nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!

~Amalia.~ O ich kenne dich, von itzt an kenn ich dich -- und du

wolltest ihm gleich seyn? Vor dir sollt er um mich geweint haben? Vor

dir? Ehe hätt' er meinen Namen auf den Pranger geschrieben! Geh den

Augenblick!

~Franz.~ Du beleidigst mich!

~Amalia.~ Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie

werde dir an deinem Leben abgezogen.

~Franz.~ Du hassest mich.

~Amalia.~ Ich verachte dich, geh!

~Franz~ (_mit den Füssen stampfend._) Wart! so sollst du vor mir

zittern! mich einem Bettler aufopfern? (_Zornig ab._)

~Amalia.~ Geh, Lotterbube -- itzt bin ich wieder bey Karln -- Bettler,

sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und

Könige sind Bettler! -- Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht

mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen -- der Blick, mit dem er

bettelt, das muß ein groser, ein königlicher Blick seyn -- ein Blick,

der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Grosen und Reichen

zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! (_Sie reißt

sich die Perlen vom Hals._) Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen

zu tragen, ihr Grosen und Reichen! Seyd verdammt, an üppigen Maalen zu

zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu thun auf weichen Polstern der

Wohllust! Karl! Karl! so bin ich dein werth -- (_Ab._)

Zweyter Akt.

Erste Scene.

Franz von Moor.

(_nachdenkend in seinem Zimmer._)

Es dauert mir zu lange -- der Doktor will, er sei im Umkehren -- das

Leben eines Alten ist doch eine Ewigkeit! -- Und nun wär freye, ebene

Bahn bis auf diesen ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich

dem unterirdischen Zauberhund in den Geistermährchen, den Weg zu meinen

Schätzen verrammelt.

Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des

Mechanismus beugen? -- Soll sich mein hochfliegender Geist an den

Schneckengang der ~Materie~ ketten lassen? -- Ein Licht ausgeblasen,

das ohnehin nur mit den letzten Oeltropfen noch wuchert -- mehr ist's

nicht -- Und doch möchte ich das nicht gern selbst gethan haben um der

Leute willen. Ich möchte ihn nicht gern getödtet, aber abgelebt. Ich

möchte es machen wie der gescheide Arzt, (nur umgekehrt.) -- Nicht der

Natur durch einen Queerstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem

eigenen Gange befördert. Und wir vermögen doch wirklich die Bedingungen

des Lebens zu verlängern, warum sollten wir sie nicht auch verkürzen

können?

Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des

Geists mit den Bewegungen der Maschine zusammen lauten. Gichtrische

Empfindungen werden jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen

Schwingungen begleitet -- Leidenschaften ~mißhandeln~ die Lebenskraft

-- der überladene Geist drückt sein Gehäuse zu Boden -- Wie denn nun?

-- Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg in das Schloß des

Lebens zu ebenen? -- den Körper vom Geist aus zu verderben -- ha! ein

Originalwerk! -- wer das zu Stand brächte? -- Ein Werk ohne gleichen!

-- Sinne nach Moor! -- das wär' eine Kunst, die's verdiente, dich

zum Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmischerey beynahe in den

Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben, und die Natur durch

Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß man nunmehr des

Herzens Schläge Jahr lang vorausrechnet, und zu dem Pulse spricht, bis

hieher und nicht weiter![1] -- Wer sollte nicht auch hier seine Flügel

versuchen?

Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße friedliche

Eintracht der Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von

Empfindnissen, ich werde wählen müssen? Welche wohl den Flor des

Lebens am grimmigsten anfeinden? ~Zorn~ -- dieser heißhungrige Wolf

frißt sich zu schnell satt -- ~Sorge?~ -- dieser Wurm nagt mir zu

langsam -- ~Gram?~ -- diese Natter schleicht mir zu träge -- ~Furcht?~

-- die Hoffnung läßt sie nicht umgreiffen -- was? Sind das all' die

Henker des Menschen? -- Ist das Arsenal des Todes so bald erschöpft?

-- (_tiefsinnend._) Wie? -- Nun? -- Was? Nein! -- Ha! (_auffahrend._)

~Schreck!~ -- Was kann der Schreck nicht? -- Was kann Vernunft,

Religion wider dieses Giganten eiskalte Umarmung? -- Und doch? --

Wenn er auch diesem Sturm stünde? -- Wenn er? -- O so komme du mir zu

Hülfe, ~Jammer~, und du, ~Reue~, höllische Eumenide, grabende Schlange,

die ihren Fraß wiederkäut, und ihren eigenen Koth wiederfrißt;

ewige Zerstörerinnen und ewige Schöpferinnen eures Giftes, und du

heulende ~Selbstverklagung~, die du dein eigen Haus verwüstest, und

deine eigene Mutter verwundest -- Und kommt auch ihr mir zu Hülfe,

wohlthätige Grazien selbst, sanftlächelnde ~Vergangenheit~, und du mit

dem überquellenden Füllhorn blühende ~Zukunft~, haltet ihm in euren

Spiegeln die Freuden des Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen

geitzigen Armen entgleitet -- So fall ich Streich auf Streich, Sturm

auf Sturm dieses zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt

schließt -- die ~Verzweiflung~! Triumph! Triumph! -- Der Plan ist

fertig -- Schwer und Kunstvoll wie keiner -- zuverläßig -- sicher --

denn (_spöttisch_) des Zergliederers Messer findet ja keine Spuren von

Wunde oder korrosivischem Gift.

(_Entschlossen._) Wohlan denn, (_Herrmann tritt auf._) Ha! =Deus ex

machina!= Herrmann!

~Herrmann.~ Zu euren Diensten, gnädiger Junker!

~Franz~ (_gibt ihm die Hand._) Die du keinem Undankbaren erweisest.

~Herrmann.~ Ich hab' Proben davon.

~Franz.~ Du sollst mehr haben mit nächstem -- mit nächstem, Herrmann!

-- Ich habe dir etwas zu sagen, Herrmann.

~Herrmann.~ Ich höre mit tausend Ohren.

~Franz.~ Ich kenne dich, du bist ein entschloß'ner Kerl -- Soldaten

Herz -- Haar auf der Zunge! -- Mein Vater hat dich sehr beleidigt,

Herrmann!

~Herrmann.~ Der Teufel hole mich, wenn ich's vergesse!

~Franz.~ Das ist der Ton eines Mann's! Rache geziemt einer männlichen

Brust. Du gefällst mir, Herrmann. Nimm diesen Beutel, Herrmann. Er

sollte schwerer seyn, wenn ich erst Herr wäre.

~Herrmann.~ Das ist ja mein ewiger Wunsch, gnädiger Junker, ich dank

euch.

~Franz.~ Wirklich, Herrmann? wünschest du wirklich, ich wäre Herr? --

aber mein Vater hat das Mark eines Löwen, und ich bin der jüngere Sohn.

~Herrmann.~ Ich wollt', ihr wär't der ältere Sohn, und euer Vater hätte

das Mark eines schwindsüchtigen Mädgens.

~Franz.~ Ha! wie dich der ältere Sohn dann belohnen wollte! wie er dich

aus diesem unedlen Staub, der sich so wenig mit deinem Geist und Adel

verträgt, an's Licht emporheben wollte! -- Dann solltest du, ganz wie

du da bist, mit Gold überzogen werden, und mit vier Pferden durch die

Strasen dahinrasseln, wahrhaftig das solltest du! -- aber ich vergesse,

wovon ich dir sagen wollte -- hast du das Fräulein von Edelreich schon

vergessen, Herrmann?

~Herrmann.~ Wetter Element! was erinnert ihr mich an das?

~Franz.~ Mein Bruder hat sie dir weggefischt.

~Herrmann.~ Er soll dafür büßen!

~Franz.~ Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die

Treppen hinunter.

~Herrmann.~ Ich will ihn dafür in die Hölle stoßen.

~Franz.~ Er sagte: man raune sich einander in's Ohr, du seyst zwischen

dem Rindfleisch und Meerrettig gemacht worden, und dein Vater habe dich

nie ansehen können, ohne an die Brust zu schlagen und zu seufzen: Gott

sey mir Sünder gnädig!

~Herrmann~ (_wild._) Blitz, Donner und Hagel, seyd still!

~Franz.~ Er rieth dir, deinen Adelbrief im Aufstreich zu verkaufen, und

deine Strümpfe damit flicken zu lassen.

~Herrmann.~ Alle Teufel! ich will ihm die Augen mit den Nägeln

auskratzen.

~Franz.~ Was? du wirst böse? was kannst du böse auf ihn seyn? Was

kannst du ihm böses thun? was kann so eine Ratze gegen einen Löwen?

Dein Zorn versüßt ihm seinen Triumph nur. Du kannst nichts thun,

als deine Zähne zusammenschlagen, und deine Wuth an trocknem Brode

auslassen.

~Herrmann~ (_stampft auf den Boden._) Ich will ihn zu Staub zerreiben.

~Franz~ (_klopft ihm auf die Achsel._) Pfui, Herrmann! du bist ein

Kavalier. Du must den Schimpf nicht auf dir sitzen lassen. Du must das

Fräulein nicht fahren lassen, nein, das must du um alle Welt nicht

thun, Herrmann! Hagel und Wetter! ich würde das äusserste versuchen,

wenn ich an deiner Stelle wäre.

~Herrmann.~ Ich ruhe nicht, bis ich ~Ihn~ und ~Ihn~ unter'm Boden hab.

~Franz.~ Nicht so stürmisch, Herrmann! komm näher -- du sollst Amalia

haben!

~Herrmann.~ Das muß ich, trutz dem Teufel! das muß ich!

~Franz.~ Du sollst sie haben, sag ich dir, und das von meiner Hand.

Komm näher, sag ich -- du weist vielleicht nicht, daß Karl so gut als

enterbt ist?

~Herrmann~ (_näher kommend._) Unbegreiflich, das erste Wort, das ich

höre.

~Franz.~ Sey ruhig, und höre weiter! du sollst ein andermal mehr davon

hören -- ja, ich sage dir, seit eilf Monathen so gut als verbannt. Aber

schon bereut der alte den voreiligen Schritt, den er doch, (_lachend._)

will ich hoffen, nicht selbst gethan hat. Auch liegt ihm die Edelreich

täglich hart an mit ihren Vorwürfen und Klagen. Ueber kurz oder lang

wird er ihn in allen vier Enden der Welt aufsuchen lassen, und gute

Nacht, Herrmann! wenn er ihn findet. Du kannst ihm ganz demüthig die

Kutsche halten, wenn er mit ihr in die Kirche zur Trauung fährt.

~Herrmann.~ Ich will ihn am Krucifix erwürgen!

~Franz.~ Der Vater wird ihm bald die Herrschaft abtreten, und in Ruhe

auf seinen Schlössern leben. Itzt hat der stolze Strudelkopf den Zügel

in Händen, itzt lacht er seiner Hasser und Neider -- und ich, der

ich dich zu einem wichtigen grosen Manne machen wollte, ich selbst,

Herrmann, werde tiefgebückt vor seiner Thürschwelle --

~Herrmann~ (_in Hitze._) Nein, so wahr ich Herrmann heisse, das sollt

ihr nicht! wenn noch ein Fünkchen Verstand in diesem Gehirne glostet!

das sollt ihr nicht!

~Franz.~ Wirst du es hindern? auch dich, mein lieber Herrmann, wird er

seine Geissel fühlen lassen, wird dir in's Angesicht speyen, wenn du

ihm auf der Strase begegnest, und wehe dir dann, wenn du die Achsel

zuckst oder das Maul krümmst -- siehe, so stehts mit deiner Anwerbung

um's Fräulein, mit deinen Aussichten, mit deinen Entwürfen.

~Herrmann.~ Sagt mir! was soll ich thun?

~Franz.~ Höre dann, Herrmann! daß du siehst, wie ich mir dein Schicksal

zu Herzen nehme als ein redlicher Freund -- geh -- kleide dich um --

mach dich ganz unkenntlich, laß dich beym Alten melden, gib vor, du

kämest geraden Wegs aus Böhmen, hättest mit meinem Bruder dem Treffen

bey Prag beygewohnt -- hättest ihn auf der Wahlstatt den Geist aufgeben

sehen --

~Herrmann.~ Wird man mir glauben?

~Franz.~ Hoho! dafür laß mich sorgen! Nimm dieses Paket. Hier findest

du deine Kommission ausführlich. Und Dokumente dazu, die den Zweifel

selbst glaubig machen sollen -- mach itzt nur, daß du fortkommst, und

ungesehen! spring durch die Hinterthüre in den Hof, von da über die

Gartenmauer -- die Katastrophe dieser Tragi-Komödie überlaß mir!

~Herrmann.~ Und die wird seyn: Vivat der neue Herr, Franciskus von Moor!

~Franz~ (_streichelt ihm die Backen._) Wie schlau du bist? -- denn

siehst du, auf diese Art erreichen wir alle Zwecke zumal und bald.

Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der alte mißt sich den Tod

seines Sohnes bey, und -- er kränkelt -- ein schwankendes Gebäude

braucht des Erdbebens nicht, um über'n Haufen zu fallen -- er wird die

Nachricht nicht überleben -- dann bin ich sein einiger Sohn -- Amalia

hat ihre Stützen verloren, und ist ein Spiel meines Willens, da kannst

du leicht denken -- kurz, alles geht nach Wunsch -- aber du must dein

Wort nicht zurücknehmen.

~Herrmann.~ Was sagt ihr? (_frohlockend._) Eh soll die Kugel in ihren

Lauf zurückkehren, und in dem Eingeweid ihres Schützen wüthen --

rechnet auf mich! Laßt nur mich machen -- Adieu!

~Franz~ (_ihm nachrufend._) Die Erndte ist dein, lieber Herrmann! --

Wenn der Ochse den Kornwagen in die Scheune gezogen hat, so muß er mit

Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd, und keine Amalia! (_Geht ab._)

Zweyte Scene.

Des alten Moors Schlafzimmer.

Der ~alte Moor~ schlafend in einem Lehnsessel. ~Amalia~.

~Amalia~ (_sachte herbey schleichend._) Leise, leise! er schlummert.

(_Sie stellt sich vor den schlafenden._) Wie schön, wie ehrwürdig!

-- ehrwürdig, wie man die Heiligen malt -- nein, ich kann dir nicht

zürnen! Weißlockigtes Haupt, dir kann ich nicht zürnen! Schlumm're

sanft, wache froh auf, ich allein will hingeh'n und leiden.

~D. a. Moor~ (_träumend._) Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!

~Amalia~ (_ergreift seine Hand._) Horch, horch! sein Sohn ist in seinen

Träumen.

~D. a. Moor.~ Bist du da? bist du wirklich? ach! wie siehst du so

elend? Sieh mich nicht an mit diesem kummervollen Blick! ich bin elend

genug.

~Amalia~ (_weckt ihn schnell._) Seht auf, lieber Greis! ihr träumtet

nur. Faßt euch!

~D. a. Moor~ (_halb wach._) Er war nicht da? drückt ich nicht seine

Hände? Garstiger Franz! willst du ihn auch meinen Träumen entreissen?

~Amalia.~ Merkst du's, Amalia?

~D. a. Moor~ (_ermuntert sich._) Wo ist er? wo? wo bin ich? du da,

Amalia?

~Amalia.~ Wie ist euch? Ihr schlieft einen erquickenden Schlummer.

~D. a. Moor.~ Mir träumte von meinem Sohn. Warum hab ich nicht

fortgeträumt? Vielleicht hätt' ich Verzeihung erhalten aus seinem Munde.

~Amalia.~ Engel grollen nicht -- er verzeiht euch. (_Faßt seine Hand

mit Wehmuth._) Vater meines Karls! ich verzeih euch.

~D. a. Moor.~ Nein, meine Tochter! diese Todten-Farbe deines Angesichts

verdammet den Vater. Armes Mädgen! Ich brachte dich um die Freuden

deiner Jugend -- o fluche mir nicht!

~Amalia~ (_küßt seine Hand mit Zärtlichkeit._) Euch?

~D. a. Moor.~ Kennst du dieses Bild, meine Tochter?

~Amalia.~ Karls! --

~D. a. Moor.~ So sah er, als er in's sechszehente Jahr gieng. Itzt

ist er anders -- Oh es wüthet in meinem Innern -- diese Milde ist

Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung -- Nicht wahr, Amalia? Es war an

seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? -- Oh meine

Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.

~Amalia~ (_immer das Aug auf das Bild geheftet._) Nein, nein! er ist's

nicht. Bey Gott! das ist Karl nicht -- Hier, hier (_auf Herz und

Stirne zeigend._) So ganz, so anders. Die träge Farbe reicht nicht,

den himmlischen Geist nachzuspiegeln, der in seinem feurigen Auge

herrschte. Weg damit! dis ist so menschlich! Ich war eine Stümperinn.

~D. a. Moor.~ Dieser huldreiche, erwärmende Blick -- wär' er vor

meinem Bette gestanden, hätte gelebt mitten im Tode! Nie, nie wär' ich

gestorben!

~Amalia.~ Nie, nie wär't ihr gestorben? Es wär' ein Sprung gewesen, wie

man von einem Gedanken auf einen andern und schönern hüpft -- dieser

Blick hätt' euch über's Grab hinübergeleuchtet. Dieser Blick hätt' euch

über die Sterne getragen!

~D. a. Moor.~ Es ist schwer, es ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn

Karl ist nicht hier -- ich werde zu Grabe getragen, und er weint nicht

an meinem Grabe -- wie süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf

des Todes von dem Gebet eines Sohns -- das ist Wiegengesang.

~Amalia~ (_schwärmend._) Ja süß, himmlisch süß ist's, eingewiegt

zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gesang des Geliebten --

vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort -- ein langer, ewiger,

unendlicher Traum, von Karln, bis man die Glocke der Auferstehung

läutet -- (_aufspringend, entzückt._) und von itzt an in seinen Armen

auf ewig, (_Pause. Sie geht an's Klavier, und spielt._)

Willst dich, Hektor, ewig mir entreissen,

Wo des Anaciden mordend Eisen

Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt?

Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,

Speere werfen und die Götter ehren,

Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?

~D. a. Moor.~ Ein schönes Lied, meine Tochter. Das must du mir

vorspielen, eh ich sterbe.

~Amalia.~ Es ist der Abschied Andromachas und Hektors -- Karl und ich

haben's oft zusammen zu der Laute gesungen. (_Spielt fort._)

Theures Weib, geh, hol die Todeslanze,

Laß mich fort zum wilden Kriegestanze,

Meine Schultern tragen Ilium;

Ueber Astyanax uns're Götter!

Hektor fällt, ein Vaterlands Erretter,

Und wir seh'n uns wieder im Elysium.

Daniel.

~Daniel.~ Es wartet draussen ein Mann auf euch. Er bittet, vorgelassen

zu werden, er hab euch eine wichtige Zeitung.

~D. a. Moor.~ Mir ist auf der Welt nur etwas wichtig, du weist's,

Amalia -- ist's ein Unglücklicher, der meiner Hülfe bedarf? Er soll

nicht mit Seufzen von hinnen gehn.

~Amalia.~ Ist's ein Bettler, er soll eilig herauf kommen. (_Daniel ab._)

~D. a. Moor.~ Amalia, Amalia! schone meiner!

~Amalia~ (_spielt fort._)

Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,

Einsam liegt dein Eisen in der Halle,

Priams groser Heldenstamm verdirbt!

Du wirst hingeh'n, wo kein Tag mehr scheinet,

Der Cocytus durch die Wüsten weinet,

Deine Liebe in dem Lethe stirbt.

All mein Sehnen, all mein Denken

Soll der schwarze Lethefluß ertränken,

Aber meine Liebe nicht!

Horch! der Wilde raßt schon an den Mauren --

Gürte mir das Schwerdt um, laß das Trauren,

Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht!

Franz. Herrmann (_verkappt._) Daniel.

~Franz.~ Hier ist der Mann. Schröckliche Botschaften, sagt er, warten

auf euch. Könnt ihr sie hören?

~D. a. Moor.~ Ich kenne nur eine. Tritt her, mein Freund, und schone

mein nicht! Reicht ihm einen Becher Wein.

~Herrmann~ (_mit veränderter Stimme._) Gnädiger Herr! laßt es einen

armen Mann nicht entgelten, wenn er wider Willen euer Herz durchbohrt.

Ich bin ein Fremdling in diesem Lande, aber euch kenn ich sehr gut, ihr

seyd der Vater Karls von Moor.

~D. a. Moor.~ Woher weist du das?

~Herrmann.~ Ich kannte euren Sohn --

~Amalia~ (_auffahrend._) Er lebt? lebt? Du kennst ihn? wo ist er, wo,

wo? (_will hinwegrennen._)

~D. a. Moor.~ Du weist von meinem Sohn?

~Herrmann.~ Er studierte in Leipzig. Von da zog er, ich weiß nicht wie

weit, herum. Er durchschwärmte Deutschland in die Runde, und, wie er

mir sagte, mit unbedecktem Haupt, barfus, und erbettelte sein Brod vor

den Thüren. Fünf Monathe drauf brach der leidige Krieg zwischen Preußen

und Oestreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr zu hoffen

hatte, zog ihn der Hall von Friderichs siegreicher Trommel nach Böhmen.

Erlaubt mir, sagte er, zum grosen Schwerin, daß ich den Tod sterbe auf

dem Bette der Helden, ich hab keinen Vater mehr! --

~D. a. Moor.~ Sieh mich nicht an, Amalia!

~Herrmann.~ Man gab ihm eine Fahne. Er flog den preußischen Siegesflug

mit. Wir kamen zusammen unter ein Zelt zu liegen. Er sprach viel von

seinem alten Vater und von bessern, vergangenen Tagen -- und von

vereitelten Hoffnungen -- uns standen die Thränen in den Augen.

~D. a. Moor~ (_verhüllt sein Haupt in das Kissen._) Stille, o stille!

~Herrmann.~ Acht Tage d'rauf war das heiße Treffen bey Prag -- ich darf

euch sagen, euer Sohn hat sich gehalten wie ein wackerer Kriegsmann.

Er that Wunder vor den Augen der Armee. Fünf Regimenter mußten neben

ihm wechseln, er stand. Feuerkugeln fielen rechts und links, euer Sohn

stand. Eine Kugel zerschmetterte ihm die rechte Hand, euer Sohn nahm

die Fahne in die linke, und stand --

~Amalia~ (_in Entzückung._) Hektor, Hektor! hört ihr's? er stand --

~Herrmann.~ Ich traf ihn am Abend der Schlacht niedergesunken unter

Kugel-Gepfeiffe, mit der linken hielt er das stürzende Blut, die

rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief er mir entgegen, es

lief ein Gemurmel durch die Glieder: der General sey vor einer Stunde

gefallen -- er ist gefallen, sagt' ich, und du? -- Nun, wer ein braver

Soldat ist, rief er, und ließ die linke Hand los, der folge seinem

General, wie ich! Bald darauf hauchte er seine grose Seele dem Helden

zu.

~Franz~ (_wild auf Herrmann losgehend._) Daß der Tod deine verfluchte

Zunge versiegle! Bist du hieher kommen, unserem Vater den Todesstos zu

geben? -- Vater! Amalia! Vater!

~Herrmann.~ Es war der letzte Wille meines sterbenden Kameraden. Nimm

diß Schwerdt, röchelte er, du wirst's meinem alten Vater überliefern,

das Blut seines Sohnes klebt daran, er ist gerochen, er mag sich

weiden. Sag ihm, sein Fluch hätte mich gejagt in Kampf und Tod, ich sey

gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia.

~Amalia~ (_wie aus einem Todesschlummer aufgejagt._) Sein letzter

Seufzer, Amalia!

~D. a. Moor~ (_Gräßlich schreyend, sich die Haare ausraufend._) Mein

Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!

~Franz~ (_umherirrend im Zimmer._) Oh! Was habt ihr gemacht, Vater?

Mein Karl, mein Bruder!

~Herrmann.~ Hier ist das Schwerdt, und hier ist auch ein Portrait, das

er zu gleicher Zeit aus dem Busen zog! Es gleicht diesem Fräulein auf

ein Haar. Diß soll meinem Bruder Franz, sagte er, -- ich weiß nicht,

was er damit sagen wollte.

~Franz~ (_wie erstaunt._) Mir? Amalia's Portrait? Mir, Karl, Amalia?

Mir?

~Amalia~ (_heftig auf Herrmann losgehend._) Feiler, Bestochener,

Betrüger! (_faßt ihn hart an._)

~Herrmann.~ Das bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Sehet selbst, ob's

nicht euer Bild ist -- ihr mögt's ihm wohl selbst gegeben haben.

~Franz.~ Bey Gott! Amalia, das deine! Es ist wahrlich das deine!

~Amalia~ (_gibt ihm das Bild zurück._) Mein, mein! O Himmel und Erde!

~D. a. Moor~ (_schreyend, sein Gesicht zerfleischend._) Wehe, Wehe!

mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!

~Franz.~ Und er gedachte meiner in der letzten schweren Stunde des

Scheidens, meiner! Englische Seele -- da schon das schwarze Panier des

Todes über ihm rauschte -- meiner! --

~D. a. Moor~ (_lallend._) Mein Fluch ihn gejagt, in den Tod, gefallen

mein Sohn in Verzweiflung! --

~Herrmann.~ Den Jammer steh ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr!

(_leise zu Franz._) Warum habt ihr auch das gemacht, Junker? (_geht

schnell ab._)

~Amalia~ (_aufspringend, ihm nach._) Bleib, bleib! Was waren seine

letzten Worte?

~Herrmann~ (_zurückrufend._) Sein letzter Seufzer war Amalia. (_ab._)

~Amalia.~ Sein letzter Seufzer war Amalia! -- Nein, du bist kein

Betrüger! So ist es wahr -- wahr -- er ist tod! -- tod! -- (_hin und

her taumelnd, bis sie umsinkt._) tod -- Karl ist tod --

~Franz.~ Was seh' ich? Was steht da auf dem Schwerdt? geschrieben mit

Blut -- Amalia!

~Amalia.~ Von ihm?

~Franz.~ Seh' ich recht, oder träum ich? Siehe da mit blutiger Schrift:

~Franz, verlaß meine Amalia nicht!~ Sieh doch, sieh doch! und auf der

andern Seite: ~Amalia! deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod.~ --

Siehst du nun, siehst du nun? Er schrieb's mit erstarrender Hand,

schrieb's mit dem warmen Blut seines Herzens, schrieb's an der Ewigkeit

feyerlichem Rande! sein fliehender Geist verzog, Franz und Amalia noch

zusammen zu knüpfen.

~Amalia.~ Heiliger Gott! es ist seine Hand. -- Er hat mich nie geliebt!

(_schnell ab._)

~Franz~ (_auf den Boden stampfend._) Verzweifelt! meine ganze Kunst

erliegt an dem Starrkopf.

~D. a. Moor.~ Wehe, Wehe! Verlaß mich nicht, meine Tochter! -- Franz,

Franz! gib mir meinen Sohn wieder!

~Franz.~ Wer war's, der ihm den Fluch gab? Wer war's, der seinen Sohn

jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? -- oh! er war ein Engel! ein

Kleinod des Himmels. Fluch über seine Henker! Fluch, Fluch über euch

selber! --

~D. a. Moor~ (_schlägt mit geballter Faust wider Brust und Stirn._) Er

war ein Engel, war Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch

über mich selber! Ich bin der Vater, der seinen grosen Sohn erschlug.

Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu rächen, rannte er in Kampf und

Tod! Ungeheuer, Ungeheuer! (_wüthet wider sich selber._)

~Franz.~ Er ist dahin, was helfen späte Klagen? (_hönisch lachend._)

Es ist leichter morden, als lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus

seinem Grabe zurückholen.

~D. a. Moor.~ Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zurückholen!

Hin, verloren auf ewig! -- Und du hast mir den Fluch aus dem Herzen

geschwäzt, du -- du -- Meinen Sohn mir wieder!

~Franz.~ Reizt meinen Grimm nicht. Ich verlaß euch im Tode! --

~D. a. Moor.~ Scheusal! Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder!

(_fährt aus dem Sessel, will Franzen an der Gurgel fassen, der ihn

zurück schleudert._)

~Franz.~ Kraftlose Knochen! ihr wagt es -- sterbt! verzweifelt! (_ab._)

Der alte Moor.

Tausend Flüche donnern dir nach! Du hast mir meinen Sohn aus den Armen

gestohlen (_voll Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel._) Wehe,

Wehe! Verzweifeln, aber nicht sterben! -- Sie fliehen, verlassen mich

im Tode -- meine gute Engel fliehen von mir, weichen alle die Heilige

vom eisgrauen Mörder -- Wehe! Wehe! will mir keiner das Haupt halten,

will keiner die ringende Seele entbinden? Keine Söhne! keine Töchter!

keine Freunde! -- Menschen nur -- will keiner, allein -- verlassen --

Wehe! Wehe! -- Verzweifeln, aber nicht sterben!

Die Räuber: Ein Schauspiel · 第 2 / 37 题