Schweizer. Grimm. Roller. Schufterle. Razmann (_treten auf._)

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Die

Räuber

ein Schauspiel

von

Schiller.

Neue verbesserte Auflage.

Tübingen,

in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.

1805.

=_Hippocrates._=

=Quæ medicamenta non sanant, _ferrum_ sanat, quæ ferrum non sanat,

_ignis_ sanat.=

Personen:

~Maximilian~, regierender Graf von Moor.

~Karl~, }

} seine Söhne.

~Franz~, }

~Amalia~, von Edelreich.

~Spiegelberg~, }

}

~Schweizer~, }

}

~Grimm~, }

}

~Razmann~, }

} Libertiner, nachher Banditen.

~Schufterle~, }

}

~Roller~, }

}

~Kosinsky~, }

}

~Schwarz~, }

~Herrmann~, Bastard von einem Edelmann.

~Daniel~, Hausknecht des Grafen von Moor.

~Pastor Moser~.

Ein Pater.

Räuberbande.

Nebenpersonen.

(Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit ohngefähr zwei

Jahre.)

Vorrede.

Man nehme dieses Schauspiel für nichts anderes, als eine dramatische

Geschichte, die die Vortheile der dramatischen Methode, die Seele

gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne

sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder

nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu

geitzen. Man wird mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumuthung

ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche Menschen zu erschöpfen,

deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es

in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet seyn, daß sich drei

ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner

innerhalb vier und zwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle in

einander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die

allzuengen Pallisaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.

Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr

sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben

machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das

feinere Gefühl der Tugend beleidigt, und die Zärtlichkeit unserer

Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit gesetzt,

wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen

Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist

einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattirt

werden, und die Tugend im Kontraste mit dem Laster das lebendigste

Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu

stürzen, und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden

zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nakten Abscheulichkeit

enthüllen, und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der

Menschheit stellen -- er selbst muß augenblicklich seine nächtlichen

Labyrinthe durchwandern, -- er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen

wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.

Das Laster wird hier mit samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet.

Es lößt in Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in

ohnmächtige Abstraktionen auf, skeletisirt die richtende Empfindung,

und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal

so weit gebracht hat, (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen

Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das

Heiligste nicht heilig mehr -- dem ist die Menschheit, die Gottheit

nichts -- beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht,

von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfey

hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinander

zu gliedern -- und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man

unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr's

gelungen hat -- Ich denke, ich habe die Natur getroffen.

Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner

Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äusserste

Laster nur reitzet um der ~Grösse~ willen, die ihm anhänget, um der

~Kraft~ willen, die es erheischet, um der ~Gefahren~ willen, die es

begleiten. Ein merkwürdiger wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller

Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig entweder

ein Brutus oder ein Katilina zu werden. Unglückliche Konjunkturen

entscheiden für das zweyte, und erst am Ende einer ungeheuren

Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Thätigkeit und

Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich

natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu

diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich

nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war der

seltsame Donquixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und

lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst

anmerken dörfen, daß ich dieses Gemählde so wenig nur allein Räubern

vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geisselt.

Auch ist itzo der ~grosse Geschmack~, seinen Witz auf Kosten der

Religion spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr

passirt, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten

Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der ~Schrift~ muß

sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen

mißhandeln, und ins Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so

heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht

werden kann? -- Ich kann hoffen, daß ich der ~Religion~ und der wahren

Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese muthwillige

Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem

Abscheu der Welt überliefere.

Aber noch mehr. Diese unmoralische Charaktere, von denen vorhin

gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von

Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des Herzens verlieren.

Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem,

auch dem Lasterhaftesten ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen

Ebenbilds aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen

so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die

Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die

Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler

ihre Verfälschung.

Klopstok's Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung

in Abscheu schmilzt. Milton's Satan folgen wir mit schauderndem

Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker

bleibt bei all ihren Greueln noch ein großes staunenswürdiges Weib,

und Shakespear's Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als

er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es

mir darum zu thun ist, ~ganze~ Menschen hinzustellen, so muß ich

auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz

fehlen. Wenn ich vor dem Tyger gewarnt haben will, so darf ich seine

schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen, damit man nicht den

Tyger beim Tyger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit

ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst, und äussert eine

zurückstossende Kraft, statt daß er die Aufmerksamkeit der Leser

fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele

erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das

Gekrizel eines Messers auf Glas.

Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel

auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem

Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu: bei jenem, daß

er das Laster nicht ~ziere~, bei diesem, daß er sich nicht von einer

schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen.

~Meinerseits~ entscheide ein Dritter -- aber von meinen Lesern bin

ich es ~nicht~ ganz gesichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs

die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt,

(unter uns gesagt) weit um, und gibt zum Unglück -- den Ton an. Zu

kurzsichtig, mein ~Ganzes~ auszureichen, zu kleingeistisch, mein

~Grosses~ zu begreifen, zu boshaft, mein ~Gutes~ wissen zu wollen, wird

er, fürcht' ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine

Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu finden meynen, und seine

eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich

alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.

Es ist das ewige =Dacapo= mit Abdera und Demokrit, und unsre guten

Hippokrate müßten ganze Plantagen Nießwurz erschöpfen, wenn sie dem

Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele

Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel

und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu seyn,

und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie

ein Kleid. Vielleicht hätt' ich, den Schwachherzigen zu frommen, der

Natur minder getreu seyn sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle

kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß

Feuer verbrannt, und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle -- Feuer --

und Wasser konfiscirt werden?

Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe,

mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das

Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt

wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer

nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen

zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er -- nicht den Dichter

bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.

Geschrieben in der Ostermesse.

~1781~.

Der Herausgeber.

Erster Akt.

Erste Scene.

Franken.

Saal im Moorischen Schloß.

Franz. Der alte Moor.

~Franz.~ Aber ist euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.

~Der alte Moor.~ Ganz wohl, mein Sohn -- was hattest du mir zu sagen?

~Franz.~ Die Post ist angekommen -- ein Brief von unserm

Korrespondenten in Leipzig --

~D. a. Moor.~ (_Begierig._) Nachrichten von meinem Sohne Karl?

~Franz.~ Hm! hm! -- So ist es. Aber ich fürchte -- ich weiß nicht -- ob

ich -- eurer Gesundheit? -- Ist euch wirklich ganz wohl, mein Vater?

~D. a. Moor.~ Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? --

wie kommst du zu dieser Besorgniß? Du hast mich zweymal gefragt.

~Franz.~ Wenn ihr krank seyd -- nur die leiseste Ahnung habt, es zu

werden, so laßt mich -- ich will zu gelegnerer Zeit zu euch reden,

(_halb vor sich._) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen

Körper.

~D. a. Moor.~ Gott! Gott! was werd' ich hören?

~Franz.~ Laßt mich vorerst auf die Seite gehn, und eine Thräne des

Mitleids vergiessen um meinen verlornen Bruder -- ich sollte schweigen

auf ewig -- denn er ist euer Sohn: Ich sollte seine Schande verhüllen

auf ewig -- denn er ist mein Bruder. -- Aber euch gehorchen, ist meine

erste traurige Pflicht -- darum vergebt mir.

~D. a. Moor.~ O Karl! Karl! wüßtest du wie deine Aufführung das

Vaterherz foltert! Wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem

Leben zehen Jahre zusetzen würde -- mich zum Jüngling machen würde --

da mich nun jede, ach! -- einen Schritt näher ans Grab rückt!

~Franz.~ Ist es das, alter Mann, so lebt wohl -- wir alle würden noch

heute die Haare ausraufen über eurem Sarge.

~D. a. Moor.~ Bleib! -- Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu

thun -- laß ihm seinen Willen, (_indem er sich niedersetzt._) Die

Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied --

laß ihns vollenden.

~Franz~ (_nimmt den Brief aus der Tasche._) Ihr kennt unsern

Korrespondenten! Seht! Den Finger meiner rechten Hand wollt ich drum

geben, dürft' ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer giftiger

Lügner -- -- Faßt euch! Ihr vergebt mir, wenn ich euch den Brief nicht

selbst lesen lasse -- Noch dörft ihr nicht alles hören.

~D. a. Moor.~ Alles, alles -- mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.

~Franz~ (_liest._) »Leipzig vom 1sten May. -- Verbände mich nicht eine

unverbrüchliche Zusage, dir auch nicht das geringste zu verhelen, was

ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen kann, liebster Freund,

nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyranninn geworden

seyn. Ich kann aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten

dieser Art dein brüderliches Herz durchbohren müssen, mir ists als säh

ich dich schon um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen« -- -- (_Der

alte Moor verbirgt sein Gesicht._) Seht, Vater! ich lese euch nur das

Glimpflichste -- »den Abscheulichen in tausend Thränen ergossen,« ach

sie flossen -- stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange -- »mir

ist's, als säh ich schon deinen alten, frommen Vater todtenbleich« --

Jesus Maria! ihr seyd's, eh' ihr noch das Mindeste wisset?

~D. a. Moor.~ Weiter! Weiter!

~Franz.~ »Todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage

fluchen, an dem ihm zum erstenmal ~Vater~ entgegengestammelt ward.

Man hat mir nicht alles entdecken mögen, und von dem Wenigen, das ich

weiß, erfährst du nur weniges. Dein Bruder scheint nun das Maas seiner

Schande gefüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem, was

er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierin

übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß,

nach vierzig tausend Dukaten Schulden -- ein hübsches Taschengeld,

Vater -- nachdem er zuvor die Tochter eines reichen Banquiers allhier

entjungfert, und ihren Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell

auf den Tod verwundet, mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben

gezogen, dem Arm der Justiz zu entlaufen« -- Vater! Um Gotteswillen,

Vater! wie wird euch?

~D. a. Moor.~ Es ist genug. Laß ab, mein Sohn!

~Franz.~ Ich schone eurer -- »man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt,

die Beleidigten schreyen laut um Genugthuung, ein Preiß ist auf seinen

Kopf gesetzt -- der Name Moor« -- Nein! Meine armen Lippen sollen

nimmermehr einen Vater ermorden! (_zerreißt den Brief._) Glaubt es

nicht, Vater! glaubt ihm keine Sylbe!

~D. a. Moor~ (_weint bitterlich._) Mein Name! Mein ehrlicher Name!

~Franz~ (_fällt ihm um den Hals._) Schändlicher, dreimal schändlicher

Karl! Ahnete mirs nicht, da er noch ein Knabe den Mädels so

nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und

Bergen sich herumhezte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das

Gefängniß, floh, und die Pfennige, die er euch abquälte, dem ersten

dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen

Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? -- Ahnete mirs nicht,

da er die Abentheuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer

stockfinsterer Heiden lieber las, als die Geschichte des bußfertigen

Tobias? -- Hundertmal hab' ichs euch geweissagt, denn meine Liebe zu

ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht, -- der Junge

wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! -- O daß er Moors

Namen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die

gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor

Gottes Richterstuhl anklagen.

~D. a. Moor.~ O -- meine Aussichten! Meine goldenen Träume!

~Franz.~ Das weiß ich wohl. Das ist es ja, was ich eben sagte. Der

feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn

für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht; diese

Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese Weichheit des

Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt,

dieser männliche Muth, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen

treibet, und über Gräben und Pallisaden und reissende Flüsse jagt,

dieser kindische Ehrgeitz, dieser unüberwindliche Starrsinn und alle

diese schönen glänzenden Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten,

werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem

treflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem ~grossen~, ~grossen~

Manne machen -- seht ihrs nun, Vater! -- der feurige Geist hat sich

entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht

diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat,

seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so

empfindsam für die Reitze einer Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie

es das Oel seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, daß

er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute, und sind so

unverschämt und sagen: =c'est l'amour qui a fait ça!= Ah! seht doch

diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt,

vor denen die Heldenthaten eines Kartouches und Howards verschwinden!

-- Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen --

was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? --

Vielleicht, Vater, erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines

Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residiret,

und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert

-- vielleicht könnt ihr noch, eh' ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt

nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erden

errichtet -- vielleicht, o Vater, Vater, Vater -- seht euch nach einem

andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf

euch, die euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait

gesehen haben.

~D. a. Moor.~ Und auch du, mein Franz, auch du? O meine Kinder! Wie sie

nach meinem Herzen zielen!

~Franz.~ Ihr seht, ich kann auch witzig seyn, aber mein Witz ist

Skorpionstich. -- Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte,

hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heissen mögen, die euch der

Contrast zwischen ihm und mir mochte eingegeben haben, wenn er euch auf

dem Schoose saß, oder in die Backen zwickte -- der wird einmal zwischen

seinen Gränzsteinen sterben, und modern, und vergessen werden, wenn der

Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt -- Ha! mit

gefaltnen Händen dankt dir, o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne

Franz -- daß er nicht ist, wie dieser!

~D. a. Moor.~ Vergib mir, mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der

sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott, der mir durch Karln

Thränen zusendet, wird sie durch dich, mein Franz, aus meinen Augen

wischen.

~Franz.~ Ja Vater, aus euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird

sein Leben dran setzen, das eurige zu verlängern. Euer Leben ist das

Orakel, das ich vor allen zu Rathe ziehe, über dem, was ich thun will,

der Spiegel, durch den ich alles betrachte -- keine Pflicht ist mir so

heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn's um euer kostbares

Leben zu thun ist. -- Ihr glaubt mir das?

~D. a. Moor.~ Du hast noch große Pflichten auf dir, mein Sohn -- Gott

segne dich für das, was du mir warst und seyn wirst!

~Franz.~ Nun sagt mir einmal -- Wenn ihr diesen Sohn nicht den euren

nennen müßtet, ihr wär't ein glücklicher Mann?

~D. a. Moor.~ Stille, o stille! da ihn die Wehmutter mir brachte, hub

ich ihn gen Himmel, und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?

~Franz.~ Das sagtet ihr. Nun habt ihr's gefunden? Ihr beneidet den

schlechtesten eurer Bauren, daß er nicht Vater ist zu diesem -- Ihr

habt Kummer, so lang ihr diesen Sohn habt. Dieser Kummer wird wachsen

mit Karln. Dieser Kummer wird euer Leben untergraben.

~D. a. Moor.~ O! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.

~Franz.~ Nun also -- wenn ihr dieses Sohnes euch entäussertet?

~D. a. Moor~ (_auffahrend._) Franz! Franz! was sagst du?

~Franz.~ Ist es nicht diese Liebe zu ihm, die euch all den Gram macht?

Ohne diese Liebe ist er für euch nicht da. Ohne diese strafbare, diese

verdammliche Liebe ist er euch gestorben -- ist er euch nie gebohren.

Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt

ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch euer Sohn nicht mehr, und

wär' er aus eurem Fleische geschnitten. Er ist euer Augapfel gewesen

bisher, nun aber, ärgert dich dein Auge, sagt die Schrift, so reiß

es aus. Es ist besser einäugig gen Himmel, als mit zwei Augen in die

Hölle. Es ist besser kinderlos gen Himmel, als wenn beide, Vater und

Sohn, in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit!

~D. a. Moor.~ Du willst, ich soll meinen Sohn verfluchen?

~Franz.~ Nicht doch! Nicht doch! -- Euren Sohn sollt ihr nicht

verfluchen. Was heißt ihr euren Sohn? -- dem ihr das Leben gegeben

habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe gibt, das eurige zu

verkürzen?

~D. a. Moor.~ O das ist allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der

Herr hat's ihn geheissen!

~Franz.~ Seht ihr's, wie kindlich euer Busenkind an euch handelt. Durch

eure väterliche Theilnehmung erwürgt er euch, mordet euch durch eure

Liebe, hat euer Vaterherz selbst bestochen, euch den Garaus zu machen.

Seyd ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr eurer Güter, König seiner

Triebe. Der Damm ist weg, und der Strom seiner Lüste kann itzt freyer

dahinbrausen. Denkt euch einmal an seine Stelle! Wie oft muß er den

Vater unter die Erde wünschen -- wie oft den Bruder -- die ihm im Lauf

seiner Excesse so unbarmherzig im Weg stehen. Ist das aber Liebe gegen

Liebe? Ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche Milde? Wenn er

dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre eures Lebens aufopfert?

wenn er den Ruhm seiner Väter, der sich schon sieben Jahrhunderte

unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt?

Heißt ihr das euren Sohn? Antwortet! heißt ihr das einen Sohn?

~D. a. Moor.~ Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein

Kind doch!

~Franz.~ Ein allerliebstes, köstliches Kind, dessen ewiges Studium

ist, keinen Vater zu haben -- O daß ihr's begreifen lerntet! daß euch

die Schuppen fielen vom Auge! aber eure Nachsicht muß ihn in seinen

Liederlichkeiten bevestigen; euer Vorschub ihnen Rechtmäßigkeit geben.

Ihr werdet freilich den Fluch von seinem Haupte laden, auf euch, Vater,

auf euch wird der Fluch der Verdammniß fallen.

~D. a. Moor.~ Gerecht! sehr gerecht! -- Mein, mein ist alle Schuld!

~Franz.~ Wie viele Tausende, die voll gesoffen haben vom Becher

der Wollust, sind durch Leiden gebessert worden! Und ist nicht der

körperliche Schmerz, den jedes Uebermaas begleitet, ein Fingerzeig

des göttlichen Willens? Sollte ihn der Mensch durch seine grausame

Zärtlichkeit verkehren? Soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf

ewig zu Grunde richten? -- Bedenkt, Vater, wenn ihr ihn seinem Elend

auf einige Zeit preiß geben werdet, wird er nicht entweder umkehren

müssen und sich bessern? oder er wird auch in der großen Schule des

Elends ein Schurke bleiben, und dann -- wehe dem Vater, der die

Rathschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! --

Nun, Vater?

~D. a. Moor.~ Ich will ihm schreiben, daß ich meine Hand von ihm wende.

~Franz.~ Da thut ihr recht und klug daran.

~D. a. Moor.~ Daß er nimmer vor meine Augen komme.

~Franz.~ Das wird eine heilsame Wirkung thun.

~D. a. Moor~ (_zärtlich._) Bis er anders worden!

~Franz.~ Schon recht, schon recht -- Aber, wenn er nun kommt mit

der Larve des Heuchlers, euer Mitleid erweint, eure Vergebung sich

erschmeichelt, und morgen hingeht und eurer Schwachheit spottet im Arm

seiner Huren? -- Nein, Vater! Er wird freywillig wiederkehren, wenn ihn

sein Gewissen reingesprochen hat.

~D. a. Moor.~ So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.

~Franz.~ Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich,

möchte euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz

zerspalten würden -- und dann -- glaubt ihr nicht, daß er das schon

für Verzeihung nehmen werde, wenn ihr ihn noch eines eigenhändigen

Schreibens werth haltet? Darum wird's besser seyn, ihr überlaßt das

Schreiben mir.

~D. a. Moor.~ Thu' das, mein Sohn. -- Ach! es hätte mir doch das Herz

gebrochen! Schreib ihm -- --

~Franz~ (_schnell._) Dabei bleibt's also?

~D. a. Moor.~ Schreib ihm, daß ich tausend blutige Thränen, tausend

schlaflose Nächte -- Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.

~Franz.~ Wollt ihr euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff euch hart

an.

~D. a. Moor.~ Schreib ihm, daß die väterliche Brust -- Ich sage dir,

bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.

(Geht traurig ab.)

~Franz~ (_mit Lachen ihm nachsehend._) Tröste dich, Alter, du wirst ihn

nimmer an diese Brust drücken, der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der

Himmel der Hölle -- Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wußtest,

daß du es wollen könntest -- da müßt' ich ein erbärmlicher Stümper

seyn, wenn ich's nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom

Herzen des Vaters los zu lösen, und wenn er mit ehernen Banden daran

geklammert wäre -- Ich hab' einen magischen Kreis von Flüchen um dich

gezogen, den er nicht überspringen soll -- Glück zu, Franz! Weg ist

das Schooskind -- Der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends

aufheben, wie leicht könnte jemand meine Handschrift kennen? (_er liest

die zerrissenen Briefstücke zusammen._) -- Und Gram wird auch den

Alten bald fortschaffen, -- und ihr muß ich diesen Karl aus dem Herzen

reissen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.

Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bei

meiner Ehre! ich will sie geltend machen. -- Warum bin ich nicht

der Erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum

mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? gerade mir?

Nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte?

Warum gerade mir die Lappländersnase? Gerade mir dieses Mohrenmaul?

Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen

Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen, und mich

daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben, jenem

dieses zu verleihen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum

hofiren, eh' er entstund? Oder sie beleidigen, eh' er selbst wurde?

Warum gieng sie so partheylich zu Werke?

Nein! Nein! Ich thu' ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit,

setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans, ~Welt~ --

Schwimme, wer schwimmen kann, und wer plump ist, geht unter! Sie gab

mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache.

Jeder hat gleiches Recht zum Grösten und Kleinsten, Anspruch wird an

Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht

wohnet beim Ueberwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere

Gesetze.

Wohl gibt es gewisse gemeinschaftliche Pakta, die man geschlossen hat,

die Pulse des Weltcirkels zu treiben. Ehrlicher Name! -- Wahrhaftig

eine reichhaltige Münze, mit der sich meisterlich schachern läßt,

wer's versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, -- o ja, freilich! ein

tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröcken!

-- auch das ein gut geschriebener Wechselbrief, mit dem auch der

Bankerotirer zur Noth noch hinauslangt.

In der That sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und

den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto

bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnackische Anstalten! Kommen

mir für, wie die Hecken, die meine Bauren gar schlau um ihre Felder

herumführen, daß ja kein Haase drüber setzt, ja beileibe kein Haase! --

Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppirt weich

über der weiland Aerndte.

Armer Haase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Haase seyn müssen

auf dieser Welt -- Aber der gnädige Herr braucht Haasen!

Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger

mächtig, als der, den alles fürchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen

an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter

und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten

Façon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen, wie wir

zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und

Breites von einer sogenannten ~Blutliebe~ schwatzen gehört, das einem

ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte -- Das ist dein

Bruder! -- das ist verdollmetscht: Er ist aus eben dem Ofen geschossen

worden, aus dem du geschossen bist -- also sey er dir heilig! -- Merkt

doch einmal diese verzwickte Consequenz, diesen possierlichen Schluß

von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister; von

eben derselben Heimath zu eben derselben Empfindung; von einerley

Kost zu einerley Neigung. Aber weiter -- es ist dein Vater! Er hat

dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut -- also sey er

dir heilig. Wiederum eine schlaue Consequenz! Ich möchte doch fragen,

~warum~ hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir,

der erst ein ~Ich~ werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich

machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er

mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er, was ich werden würde? das

wollt' ich ihm nicht rathen, sonst möcht' ich ihn dafür strafen, daß

er mich doch gemacht hat? Kann ich's ihm Dank wissen, daß ich ein Mann

wurde? So wenig, als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir

gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung

gegen mein ~Selbst~ gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden

seyn, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung

seyn muß? Wo stickt dann nun das Heilige? Etwa im Aktus selber, durch

den ich entstund? -- Als wenn dieser etwas mehr wäre, als viehischer

Proceß zur Stillung viehischer Begierden? Oder stickt es vielleicht im

Resultat dieses Aktus, der doch nichts ist, als eiserne Nothwendigkeit,

die man so gern wegwünschte, wenn's nicht auf Unkosten von Fleisch und

Blut geschehen müßte. Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, daß

er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoossünde aller

Künstler, die sich in ihrem Werk kokettiren, wär' es auch noch so

häßlich. -- Sehet also, das ist die ganze Hexerey, die ihr in einen

heiligen Nebel verschleyert, unsre Furchtsamkeit zu mißbrauchen. Soll

auch ich mich dadurch gängeln lassen, wie einen Knaben?

Frisch also! muthig an's Werk! -- Ich will alles um mich her ausrotten,

was mich einschränkt, daß ich nicht ~Herr~ bin. ~Herr~ muß ich seyn,

daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit

gebricht. (_ab_)

Zweite Scene.

Schenke an den Gränzen von Sachsen.

Karl von Moor (_in ein Buch vertieft._) Spiegelberg (_trinkend am

Tisch._)

~Karl v. Moor~ (_legt das Buch weg._) Mir eckelt vor diesem

Tintenkleksenden Seculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen

Menschen.

~Spiegelberg~ (_stellt ihm ein Glas hin, und trinkt._) Den Josephus

mußt du lesen.

~Moor.~ Der lohe Lichtfunke Prometheus ist ausgebrannt, dafür nimmt man

itzt die Flamme von Berlappenmehl -- Theaterfeuer, das keine Pfeife

Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des

Herkules, und studiren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein

Ding sey, das er in seinen Hoden geführt hat? Ein französischer Abbé

docirt, Alexander sey ein Haasenfuß gewesen, ein schwindsüchtiger

Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschgen Salmiakgeist vor

die Nase, und liest ein Collegium über die ~Kraft~. Kerls, die in

Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die

Taktik des Hannibals -- feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der

Schlacht bei Kannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie

exponiren müssen.

~Spiegelberg.~ Das ist ja recht Alexandrinisch geflännt.

~Moor.~ Schöner Preiß für euren Schweiß in der Feldschlacht, daß

ihr jetzt in Gymnasien lebet, und eure Unsterblichkeit in einem

Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird. Kostbarer Ersatz eures

verpraßten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen

gewickelt -- oder, wenn's glücklich geht, von einem französischen

Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt, und mit Drahtfäden gezogen

zu werden. Hahaha!

~Spiegelberg~ (_trinkt._) Lies den Josephus, ich bitte dich drum.

~Moor.~ Pfui! Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts

nütze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukäuen, und die Helden

des Alterthums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit

Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun

muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.

~Spiegelberg.~ Thee, Bruder, Thee!

~Moor.~ Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmakten

Conventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie

Gesundheit dazu trinken müssen -- beleken den Schuhputzer, daß er sie

vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht

fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten einander

vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird.

-- Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche

kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare -- fallen auf die Knie,

damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können -- wenden kein Aug von dem

Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisirt ist. -- Fallen in

Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände,

wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht -- -- So warm ich

ihnen die Hand drückte -- »nur noch einen Tag« -- Umsonst! -- Ins Loch

mit dem Hund! -- Bitten! Schwüre! Thränen (_auf den Boden stampfend._)

Hölle und Teufel!

~Spiegelberg.~ Und um so ein paar tausend lausige Dukaten --

~Moor.~ Nein, ich mag nicht daran denken. Ich soll meinen Leib pressen

in eine Schnürbrust, und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das

Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.

Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit

brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpallisadiren sich ins

Bauchfell eines Tyrannen, hofiren der Laune seines Magens, und lassen

sich klemmen von seinen Winden. -- Ah! daß der Geist Herrmanns noch

in der Asche glimmte! -- Stelle mich vor ein Heer Kerls, wie ich, und

aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta

Nonnenklöster seyn sollen. (_Er wirft den Degen auf den Tisch, und

steht auf._)

~Spiegelberg~ (_aufspringend._) Bravo! Bravissimo! du bringst mich eben

recht auf das Chapitre. Ich will dir was in's Ohr sagen, Moor, das

schon lang mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu -- sauf Bruder,

sauf -- wie wär's, wenn wir Juden würden, und das Königreich wieder

auf's Tapet brächten?

~Moor~ (_lacht aus vollem Halse._) Ah! Nun merk' ich -- nun merk' ich

-- du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die

deinige schon hat?

~Spiegelberg.~ Daß dich, Bärenhäuter! Ich bin freylich wunderbarerweis

schon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und

herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden

der Welt, und citiren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt.

Da beweis ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst,

sey mein Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria

abgeben, Kerl, wenn sie wieder in's Trockene kommen, und Jerusalem

wieder aufbauen dörfen. Itzt frisch mit den Türken aus Asien, weil's

Eisen noch warm ist, und Cedern gehauen aus dem Libanon, und Schiffe

gebaut, und geschachert mit alten Borten und Schnallen das ganze Volk.

Mittlerweile --

~Moor~ (_nimmt ihn lächelnd bei der Hand._) Kamerad! Mit den

Narrenstreichen ist's nun am Ende.

~Spiegelberg~ (_stutzig._) Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen

Sohn spielen wollen? Ein Kerl, wie du, der mit dem Degen mehr auf die

Gesichter gekritzelt hat, als drei Substituten in einem Schaltjahr

in's Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche

vorerzählen? ha! ich muß nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen,

das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr

begeistert. Weißt du noch, wie die Herren vom Collegio deiner Dogge das

Bein hatten abschiessen lassen, und du zur Revange liessest ein Fasten

ausschreiben in der ganzen Stadt. Man schmollte über dein Rescript.

Aber du nicht faul, lässest alles Fleisch aufkaufen in ganz L.., daß

in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung, und

die Fische anfangen im Preiße zu steigen. Magistrat und Bürgerschaft

düsselten Rache. Wir Pursche frisch heraus zu siebzehnhundert, und du

an der Spitze, und Mezger und Schneider und Krämer hinterher, und Wirth

und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen, Sturm zu laufen wider die

Stadt, wenn man den Purschen ein Haar krümmen wollte. Da gieng's aus,

wie's Schiessen zu Hornberg, und mußten abziehen mit langer Nase. Du

lässest Doktores kommen ein ganzes Concilium, und botst drei Dukaten,

wer dem Hund ein Recept schreiben würde. Wir sorgten, die Herren werden

zuviel Ehr im Leib haben und ~Nein~ sagen, und hattens schon verabredt,

sie zu forciren. Aber das war unnöthig, die Herren schlugen sich um die

drei Dukaten, und kam's im Abstreich herab auf drei Bazen, in einer

Stund sind zwölf Recepte geschrieben, daß das Thier auch bald drauf

verreckte.

~Moor.~ Schändliche Kerls!

~Spiegelberg.~ Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht,

Carmina gab's die schwere Meng' um den Hund, und zogen wir aus des

Nachts gegen tausend, eine Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen

in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel und

Geklimper, bis der Hund beigesetzt war. Drauf gab's ein Fressen, das

währt bis an den lichten Morgen, da bedanktest du dich bei den Herren

für das herzliche Beileid, und liessest das Fleisch verkaufen ums halbe

Geld. =Mort de ma vie=, da hatten wir dir Respekt, wie eine Garnison in

einer eroberten Vestung --

~Moor.~ Und du schämst dich nicht damit groß zu prahlen? Hast nicht

einmal so viel Schaam, dich dieser Streiche zu schämen?

~Spiegelberg.~ Geh, geh. Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch,

wie tausendmal du, die Flasche in der Hand, den alten Filzen hast

aufgezogen, und gesagt: Er soll nur drauf los schaben und scharren, du

wollest dir dafür die Gurgel absaufen. -- Weißt du noch? he? weißt du

noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war noch männlich

gesprochen, und edelmännisch, aber --

~Moor.~ Verflucht seyst du, daß du mich dran erinnerst! Verflucht ich,

daß ich es sagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz

hörte nicht, was meine Zunge prahlte.

~Spiegelberg~ (_schüttelt den Kopf._) Nein! nein! nein! das kann

nicht seyn. Unmöglich, Bruder, das kann dein Ernst nicht seyn. Sag,

Brüderchen, ist es nicht die Noth, die dich so stimmt? Komm, laß dir

ein Stückchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt' ich neben

meinem Haus einen Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit

war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten, hinüber zu springen.

Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein Gezisch und

Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und

über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so

bißige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte,

wenn sie sichs versahn, und zu nah' dran vorbey strichen. Das war nun

mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken, wo ich nur konnte, und

wollt' halb krepiren vor Lachen, wenn mich dann das Luder so giftig

anstierte, und so gern auf mich losgerannt wär', wenn's nur gekonnt

hätte. -- Was geschieht? Ein andermal mach' ich's ihm auch wieder so,

und werf' ihn mit einem Stein so derb an die Ripp', daß er vor Wuth von

der Kette reißt, und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reiß

aus, und davon -- Tausend Schwernoth! Da ist dir just der vermaledeyte

Graben dazwischen. Was zu thun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und

wüthig, also kurz resolvirt -- ein Anlauf genommen -- drüben bin ich.

Dem Sprung hatt' ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu

Schanden gerissen.

~Moor.~ Aber wozu itzt das?

~Spiegelberg.~ Dazu -- daß du sehen sollst, wie die Kräfte wachsen

in der Noth. Darum laß ich mir's auch nicht bange seyn, wenn's auf's

äusserste kommt. Der Muth wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich

im Drang. Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben wollen,

weil's mir so queer durch den Weg streicht.

~Moor~ (_ärgerlich._) Ich wüßte nicht, wozu wir den Muth noch haben

sollten, und noch nicht gehabt hätten.

~Spiegelberg.~ So? -- Und du willst also deine Gaben in dir verwittern

lassen? Dein Pfund vergraben? Meynst du, deine Stinkereyen in Leipzig

machen die Gränzen des menschlichen Witzes aus? Da laß uns erst in die

große Welt kommen. Paris und London! -- wo man Ohrfeigen einhandelt,

wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes grüßt. Da ist es

auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk in's Große prakticirt. --

Du wirst gaffen! Du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschriften

nachmacht, Würfel verdreht, Schlösser aufbricht, und den Koffern das

Eingeweid ausschüttet -- das sollst du noch von Spiegelberg lernen!

Die Kanaille soll man an den nächsten besten Galgen knüpfen, die bei

~geraden~ Fingern verhungern will.

~Moor~ (_zerstreut._) Wie? du hast es wohl gar noch weiter gebracht?

~Spiegelberg.~ Ich glaube gar, du setzest ein Mißtrauen in mich. Wart,

laß mich erst warm werden; du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen

soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreisender Witz in die

Wochen kommt. -- (_steht auf, hitzig._) Wie es sich aufhellt in mir!

Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenplane gähren in

meinem schöpfrischen Schedel. Verfluchte Schlafsucht! (_Sich vor'n

Kopf schlagend._) die bisher meine Kräfte in Ketten schlug, meine

Aussichten sperrte und spannte; ich erwache, fühle, wer ich bin -- wer

ich werden muß!

~Moor.~ Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasirt aus deinem Gehirne.

~Spiegelberg~ (_hitziger._) Spiegelberg, wird es heissen, kannst

du hexen, Spiegelberg? Es ist Schade, daß du kein General worden

bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Oestreicher

durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör' ich die Doktors jammern, es ist

unverantwortlich, daß der Mann nicht die Medizin studirt hat, er hätte

ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und daß er das Kamerale nicht zum

Fach genommen hat, werden die Sully's in ihren Kabinetten seufzen, er

hätte aus Steinen Louisd'ore hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es

heissen in Osten und Westen, und in den Koth mit euch, ihr Memmen, ihr

Kröten, indeß Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des

Nachruhms empor fliegt.

~Moor.~ Glück auf den Weg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des

Ruhms. Im Schatten meiner väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia

lockt mich ein edler Vergnügen. Schon die vorige Woche hab' ich meinem

Vater um Vergebung geschrieben, hab' ihm nicht den kleinsten Umstand

verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe.

Laß uns Abschied nehmen, Moriz. Wir sehen uns heut und nie mehr. Die

Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb

dieser Stadtmauren.

Schweizer. Grimm. Roller. Schufterle. Razmann (_treten auf._)

~Roller.~ Wißt ihr auch, daß man uns auskundschaftet?

~Grimm.~ Daß wir keinen Augenblick sicher sind, aufgehoben zu werden?

~Moor.~ Mich wundert's nicht. Es gehe, wie es will! sah't ihr den

Schwarz nicht? sagt er euch von keinem Brief, den er an mich hätte?

~Roller.~ Schon lang sucht er dich, ich vermuthe so etwas.

~Moor.~ Wo ist er, wo, wo? (_will eilig fort._)

~Roller.~ Bleib! wir haben ihn hieher beschieden. Du zitterst? --

~Moor.~ Ich zittre nicht. Warum sollt' ich auch zittern? Kameraden!

dieser Brief -- freut euch mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der

Sonne, warum sollt' ich zittern?

Die Räuber: Ein Schauspiel · 第 1 / 37 题