Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst

überreden wollte.

»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.

»Der Herr Obergerichtsanwald D--s, ein braver couragöser Philister,

der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe,

Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz

der Heidelberger _Cerevisia_.«

»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung

überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, _qui cito dat, bis

dat_, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. -- Es galt aber

doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose

Notwendigkeit an.

O Sie Goldmann! rief D--r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! --

»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.

»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D--r. Auf Pistolen oder Degen,

einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften

Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme

und Sie näher instruire?«

»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge

waren noch nicht verklungen, als D--s in mein Zimmer trat. Nach einigen

Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D--r.

D--s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege

sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen,

daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D--r zu fodern. Diese

Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich

verdroß. -- Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja

Alles aus Liebe für Slenz.

D--r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf

8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches

ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine

jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm

freilich auch am Ende den Verstand kostete. -- Zum Theil verdienten

diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte.

Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu

improvisiren. Der Advokat +Hagemeister+ in Kiel, vulgo von den

Bauern ohne alle Ironie »+Hagelmeister+« genannt, kam einmal in ein

Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des

Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das

Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten,

und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht

führen wolle.

»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend

schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« --

und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz

andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt

werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden

triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden

Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, -- so daß diese

begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’

nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« -- »Bravo Herr

Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für

uns geschrieben haben.« -- -- --

Ich trat also in D--r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich.

Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald

eintrat.

»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit

diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. --

»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort?

»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war,

hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie

der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so

allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«

»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des

Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen

hatte, denn sofort schellte D--r. und bestellte bei dem so schnell

eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. --

Ich deprecirte.

»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich

lasse Sie nicht.«

Er zog mich auf das Sopha. --

»Herr D--r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen

Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts

annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. --«

»Wie so? lieber Herr von Kobbe. --«

»Ich soll Sie vom Advokaten D--s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel

wie, fordern.«

»So?« rief D--r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der

Bekanntschaft des Herrn D--s. kommen?«

In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr

D--r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht

beantworten. -- Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu

gedenken. -- Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf

eine unumwundene Erklärung.

»Wenn Herr D--s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf

ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat

Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- und wenn --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«

Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D--s noch alte

Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur

Stunde von D--s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen,

von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß.

Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern

und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu

brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von

der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade

den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen

am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn

entfährt.[11]

D--s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen

Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet

haben, wo dieser in _N^o 1_, dem Professoren und Philister-Zimmer, des

Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas

ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber

sofort dem Bürgermeister _coeram multis testibus_ eine heftige Ohrfeige

applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich

sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr

Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen

König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht

begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«

D--r concludirte endlich nach allen »+Wenns+« dahin, daß, wenn alle

diese »+Wenns+« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D--s

die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen.

Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich

beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt

hat, -- und berichtete dem Hrn. D--s und seiner ihn umgebenden

Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D--r bewögen, die von mir

geschehenen Forderung zu verweigern.

»O über den Cujon!« lachte D--s -- »er glaubt, eine _exceptio litis

ingressum impediens_ zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr

von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«

Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die

verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall

eingelassen zu haben, ertragen.

Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu

entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir

das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht

sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten,

und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich

wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein

vortrefflicher Arzt, der Doktor +Ritter+, dessen Liebe oder Kunst ich

mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die

mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. --

Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen

Frühlingstage ging D--r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe

rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem

Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei

Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters

übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: -- -- -- --

-- Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:

»Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von

Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen,

Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s.

w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren

Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche

Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich

zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den

Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten

geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit

zu entweihen.« --

Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D--r sei gestern vom

Advocat D--s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur

die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück

verhütet.

Der Advocat D--r reichte sofort eine Denunciation wegen

Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten _foro_ des

_delicti commissi_ ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden

die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung,

daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.

Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das _arctius_ citirt, welches,

wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des

academischen Senats bestand.

Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer

angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D--s an den

Herrn Advocaten D--r habe.

Ich referirte dem _arctius_ die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser,

und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu

erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien.

Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen

wollten, mußte ich abtreten.

Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete

innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. -- Denn wenn

ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte

ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu

schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu

ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten,

als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als

Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase

Champagner wieder zu erzählen.

»Der _arctius_ kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der

Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu

machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten,

wenn die Forderung des Advocaten D--s vom Advocaten D--r angenommen

worden wäre.«

Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. -- Ich dankte für gnädige

Nichtstrafe sehr lebhaft.

»Schon gut!« bedeutete man mir.

Allein ich war im Fluß der Rede und kam _parlando_ nimmer mehr

hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe,

als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe.

Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner

Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und

Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. -- Da klingelte

zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s

Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.

Glücklicherweise fiel mir der Satz ein: »_Incidit in Scyllam qui vult

vitare Charybden_.« Ich schwieg und zog von dannen.

Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte

Kanonisirung ihres _arctius_.

Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran

denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob

vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.

Vierzehntes und letztes Kapitel.

Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. _Dr._ O., der

Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. --

Der Professor +Burchardi+ wollte damals promoviren und veranlaßte

mich, ihm zu opponiren.

Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater

gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem

ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde,

abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher

Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg

niedergesunken sei.

Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der

alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung

sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.

Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und

Erbarmen erwachen wollte. -- Allein ich irrte mich! -- Wir haben für

unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete

unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es

thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch,

Ihr Freunde des Vaters! --

Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück,

ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der

älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von

Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte _Vulgata_ restituiren

wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen

Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher

dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir

selbst kann ich das leider nicht. --

In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien

Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da

sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes

Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden,

sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt

hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.

Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich

beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir

nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen

Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.

Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch

zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen

verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe

er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt

verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß

ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde

sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«

Welche Eventualmaxime!

Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen

näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora

verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo

war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas

für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er

hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors

Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und _in specie_ der

Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung

des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen

Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz

der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. -- Ich hatte dabei zur

Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und

suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten.

Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe

an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn

eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er,

was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der

Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem

Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber

doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen

ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes

diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem

Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie

indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.

Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:

Ewig bleib ich der (die) Deine,

Ewig bleibst Du die (der) Meine,

Was auch der Alte spricht

mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte,

auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man

eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter

agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte

das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen

Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.

Einer der witzigsten Studenten war der joviale _Dr. med._ O.... in

Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen

Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr _brevi

manu_ entschied: »_Fiat justitia_«, und an die Thür dessen Nachbars

eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager

nicht glücklich war: »_Pereat mundus._« Diese für keinen Arzt

schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender,

als derselbe den Spottnamen +Würgengel+ führte, den er daher hatte, daß

er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater

Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die

Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er

dies mit den Worten gethan:

»Auch der Würgengel trat in mein Haus«,

was die böse Welt anstatt auf den »+Todesengel+« auf den »+Hausarzt+«

bezogen hatte. --

Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer

Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große

Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu

sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er

die ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: _Sed sat iam verba

fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque

adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo._ (Wir haben genug

geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten

Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire

ich Dir.

Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader

war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen

mit den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen _cosus_ für einen

_casus_ verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der Spitznamen Herr

»_Cosus_« seiner Frau der »_cosa_« geworden. Die Söhne und Töchter

wurden aber respective _cosellus_ und _cosella_ genannt. --

Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich die

_medicina forensis_ hörte die er mit einem ungemeinen Humor docirte.

Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von denen

er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen wollte

und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm

Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den

Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die

Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod,

allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil

hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick

geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder

in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz

und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. --

Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur

Erwägung.«

Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit

verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen

Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch

Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte

Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter

die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer

gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,«

pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden

Theil seines Körpers in _efigie_ Preis geben, um damit die Wissenschaft

zu bereichern.«

Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit,

hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von

ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich

ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und

er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der

Wein oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen _Dr._ L-- aus Plön

in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein

Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen

Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an

den Commandanten geschriebener Brief dem Patriarchen der Studenten

seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. -- So schaden

Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. --

Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene

Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen,

aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere

Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den

Worten an:

A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame

gesagt?«

H. »Ja.«

A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«

H. »Das thue ich nicht.«

A. »Das sollen Sie.«

H. »Das will ich nicht.«

A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«

H. »Das wissen Sie nicht.«

Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun

hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. --

Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine

academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser

Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben, wie sie mir die

Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein

Zweck erreicht. --

Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im

Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten

zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes

Vorbild an Güte des Herzens bleibt. -- Diese Hände bezeugen dabei,

daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können,

erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und

längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten

Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese

tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn

ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich

und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere

Unabhängigkeit.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 8 / 9 段