Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um

mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit

zu verwandeln, welche man »+Humor+« nennt, und nur eine mühsame

Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines

Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden,

daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen

Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht

ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein

Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden

kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich

werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten

geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine

Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben,

Glauben beimessen wird.

Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich

übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen

Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit

höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste

veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei

solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.

Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen.

-- Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon

an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit

ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der

jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt,

brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger

Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab

ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt.

-- Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette

lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner

übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche

Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er

verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück:

wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der

vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. -- Anders ist es bei uns in

Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.

Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück,

äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen.

Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit

der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft.

Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die

Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. --

Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs

auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen

Windes nur +ein+ Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die

Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug,

raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater

gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der

selige Herr!«

Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung

den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so

schön singt:

»Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,

Denn er hat es hart gegeben.

Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,

Denn er führt das rechte Leben.«

bewegte mein Herzblut.

Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter

diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen

Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen.

Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher

kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der

Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem

sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein

sollte, während ein anderer Vierspänner über den +Berg+ nach der Börse

hineilte. -- Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht

am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt

nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt

machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden

Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig

ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu

haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor

ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in

der Ordnung sei. -- Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der

alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort

ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war

ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein,

obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem

lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur

Erde.

Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch

Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.

Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit

man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die

Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages

besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren

großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm

die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause

empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur

zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei;

wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an

Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn

des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der,

kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren

sei.

Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge

Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche

mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm

Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »_God save

the king_« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen

Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus

dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre

Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.

Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch

fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit

lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater

Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte,

aber auch einige der Komik hervorrief.

Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden.

Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer

Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die

Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber

Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein

Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben

untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl

Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern

Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich

immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in

deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und

Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit

dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth

ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem

Menschen getäuscht sieht. »_Distinguendum._« Einige Menschen sind

unsterblich und einige sind es nicht.

Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg

unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt

sehr materiell gewordenen Gelehrten.

Dreizehntes Kapitel.

Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus

E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen.

Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D--s

und D--r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und

Wegelagerung. Citation vor das Arctius.

Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen,

welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur

auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte,

worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus

belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und

fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen

elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen

Vacanz Hunderte, -- ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals«

erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar

Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich

jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem

Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir,

ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im

Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen

Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht

einmal eine _sella curulis_, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine

so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines

dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen

sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen,

so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in

den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch

ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten -- --

Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten

Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich

hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker

aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber

nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch

meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim

Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging;

dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines

alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren

hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise

seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen

Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war

auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in

dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788

hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals

ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut

predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden

haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein

ich müßte doch ein +niederträchtiger Kerl+ sein wenn ich mich in

meinen Jahren noch bessern wollte.

Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,«

welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches

in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und

andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es

wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird

es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen

Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen

Skizzen einzuschalten.

»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem

Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten

Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und

andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die

Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am

Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und

Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665

vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie

auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese

sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht

irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen

gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen

Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein,

Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird.

Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach

demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel

»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen

Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als

Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche

eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in

solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt,

das trauliche »Du«, das _Smollis_ aufgehoben, und Alles bewegt sich

in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme

machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr

Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge

eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage

gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre

Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten

im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief

sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das

vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine

Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz

und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter,

wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage

duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre

nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) --

Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern

theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf

eben so viele hundert Thaler an.

»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen

süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind

meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von

allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in

dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von

einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt

findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt

von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche

die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine

grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den

Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser

Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des

Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte,

antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung

einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«

Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr

und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein,

wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern

Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger

zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist

eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter

duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder

ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten

der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden,

warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie

einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und

Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern

an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern

ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches

Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten

zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? -- Wahrlich ich sage Euch,

Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters

aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr

das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch

ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig

genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer

vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.

Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen +Pfaff+,

dem vielgeliebten +Dahlmann+, dem Menschen rettenden +Ritter+, vor

allen Dingen der Statsrath +Cramer+ zu merken, der sowohl als Jurist

wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern

einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm

gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem

vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf

dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch

aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie

schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte,

und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr,

ich glaubte, es sei +meine+ Nase.« Mit dem Professor der deutschen

Sprache, Adolph +Nasser+, einem süßflötenden und lispelnden Männchen

aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das

Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild,

welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, -- hatte

Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf

Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren.

Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen,

Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen

hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit

Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um

Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn

verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung

nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen

Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers

Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht

hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.

Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich

auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum

ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts

destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, +Justizrath+, der andere,

ein Herr Maas, +Kriegsrath+.

Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere

Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel

absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei

machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das

eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten,

und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben

zurückkehrten.

Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen,

und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es

jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche

geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen

Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer

Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in

den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe

für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen,

und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende

Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche

heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert

an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil

unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen

eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine

gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus.

--

Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich

einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit

seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine

ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium.

Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie,

dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in

Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »+ochsen+,« (der

technischem Ausdruck der Studenten für »+fleißig sein+«) wollte.

Allein des Morgens schadeten die +Katzen+ dem +Ochsen+. Denn Slenz

hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und

in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon

viele mit Frühlingsahnung einfanden, -- sie mit seiner Flinte zu

verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »_salvum conductum_«

denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die

kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als

Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo

sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel

Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.

Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem

biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von

Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner

und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange

ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt

werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner

juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der

Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über

die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz

einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage,

und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.

Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche

waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund

v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich

nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm

an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer

kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.

»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß

Sie den verdammten D--r fodern.«

»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?«

versetzte mein Freund.

»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,«

versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur

morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß

sie in Blut abwaschen.«

»Sie wissen mein lieber Herr D--r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich

mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich

schon mehrere Male das _consilium_ unterschrieben, und möchte nicht

gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.

»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine

Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht

wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet

fort.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 7 / 9 段