Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen

verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher.

Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne

der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt

er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen

Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und

brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters

aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder

Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder

sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter

Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen

Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi

freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt

haben soll.

Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen

Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram

über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich

in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine

Unsterblichkeit? -- Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene

Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem

Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern

eingenommen werden könne? --

Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um

den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den

sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige

Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod

sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber

einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch

eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.

Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg

nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den

ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war,

nicht getröstet habe.

»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.«

»Ich muß +Ranz+ trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann

zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese

Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« -- »Aber, lieber Mann! es

regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau

vor.

»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte

zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle

gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen

und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen,

»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei

anwenden.« -- --

Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens

Pfarrei. --

Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. -- »Ranz,

ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende

Freund an, »weine Ranz.« -- --

Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein

Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu

einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. --

Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. -- Ranz ward

endlich thränenlos.

»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa,

»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«

Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung

gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell

und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man

doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden

sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre

zeigen. --

+Herzfeld+ war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich

überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch +Kühne+, jetzt »Lenz«

genannt, und der alte +Schwarz+. Das war ein _ensemble_, wie ich es

niemals wiedergesehen. +Lebrun+ trat zu meiner Zeit zum ersten Male,

ich glaube als »+Perin+« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann

schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von

den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche

übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht.

Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.

Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle

+Wrede+, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die

allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein

solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd

auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als

Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so

sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler,

die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die

Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige

Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«

Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! --

Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine

mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld«

und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen;

denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm

nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen

von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde

wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector

»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen

mit passenden Stücken aufwarten würde.

Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin

begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten

Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der

dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben

Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die

Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst

ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz

reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr

witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. --

Da _acta Hamburgensia_ ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung

der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen

des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist,

weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von

einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so

wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter

keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln

können mag, als mancher Geistlicher -- vom Schinderknecht. Und der

jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte,

schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich

gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen

mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich

Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in

den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit

einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die,

nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen

Sätzen immer also: -- Swig man still Magret, -- dat is so slimm nig --

dat kann den +Besten paßeeren+, und zeigte auch noch nach ihrem Tode

dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf,

während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte,

ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand

hinfiel. -- Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. --

Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:

»Schon zückt nach jedem Nacken

Die Schärfe die nach meinem zückt«

verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt

vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse,

so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre

Waffe unwillkührlich fallen, ließen.

Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform,

während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von

mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir

nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst

empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann

wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.

Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die

Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden,

wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der

Strafe überbringt.

Zwölftes Kapitel.

Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie.

Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy.

Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.

Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und

organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr

von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde,

Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn

irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes

Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte.

Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer

von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück

Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen

und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die

ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis

zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu

zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht -- Entweder dod

schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder

todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen

Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.

Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges

Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem

ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen

niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger

Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt,

dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über

Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten

Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg

französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee

angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er

mitgemacht, »+keine+« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert

haben: _Point de bataille, point de colonel_.

Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal

von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?«

worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator

Meier.«

Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein

recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in

Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z.

B. in Bremen, die Conscription.

Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück

lateinisch nie _tychopolitanus_, sondern bescheiden, fast so zu sagen

deutsch weg, _glockstadienis_ schreib, war ich durch meine Geburt doch

ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur

zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt

hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel

Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre

später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in

Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so

lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den

er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug

Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch

patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische

Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen

Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders

mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte

Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für

die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der

Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die

verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen

überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. --

Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu

verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher

auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit

gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000

Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie

sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt

gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen

»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf

ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand

damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in

den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden,

der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand,

als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in

Altona angekommen war. Damals las man:

»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier

angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.

Altona, den. ..

L. S. Meier,

(_id est_ Schukelmeier.)«

Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat,

welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete,

mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen

Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in

Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche

Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch

unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen

brachten.

Ein geistreicher Hamburger war +Pedro Gabe+ der Sohn des dortigen

Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum

eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er.

Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der

Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so

mache ich das ganze menschliche Leben durch.«

»Ich gehe in die +ABC-Straße+; das ABC ist dasjenige, was die Menschen

zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den +Gänsemarkt+,

welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum

+Jungfernstieg+.«

»O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,

Der ersten Liebe goldne Zeit!«

»Ich gerathe nun auf die +Kunst+, die mich an das Streben geistreicher

Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das +Zuchthaus+,

der Weg der Gottlosen; gerade aus der +St. Petrikirchhof+, der frühe

Tod; rechts das +Johanniskloster+, für das beschauliche, ascethische

Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den

+Berg+, denke in der +Reichenstraße+ an den Gewinn und verfolge so

meinen Weg zur +Börse+.«

Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche

seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den

Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit

ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die

Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister,

auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und

zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen

Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe

gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß

ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit

gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die

Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter

Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so

daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese

sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete

Sieger entflohen.

Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die

Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren,

welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos

verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts

von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen

erfahren konnte.

Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten,

sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß

sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben.

Wer kennt nicht den Namen +Salomon Heine+ als den des Rothschild von

Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen

Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der

jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens

auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem

allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz

mit dem _Dr._ Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht

unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie

gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen

dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß

sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses

verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten

Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die

Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während

der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie

einst im _coin du roi_ im Theater _francais_ die pariser Schöngeister

rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie

gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr

Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel

breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden

zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst

aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel

mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an

Güte nicht gleich kam.

Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege,

wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der

Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen

Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit

Resignation ausrufen:

»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is

min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.«

(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg,

da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den

Teufel kriegt.)« --

Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine

Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische

geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht

erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das

unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider

sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.

Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward

praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen

wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres.

Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen,

und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel

endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und

_Saint Peray_. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem

er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.

Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und

versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx:

»_Smollis_ (Brüderschaft) müssen wir trinken!«

Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in

Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge

Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer

zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg

vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die

Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren,

sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben

dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger

Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche

Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer

nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief

er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch

hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit

den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das

ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod

erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer

heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte,

sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.

Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen,

ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige

Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo

auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von

Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom

Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht

weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten

Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das

Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten.

Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der,

wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die

Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf

die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen,

von Ihrer Familie?« -- »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der

lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß

die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von

meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an

mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge

oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten

Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens

ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer

erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich

dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen,

wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche

sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen

Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen

wollte. -- Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für

die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der

Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war

eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen

und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich

aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten

Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr,

Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,«

worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 6 / 9 段