Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen
verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus,
von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und
Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol
der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht
eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet;
Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine
Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß
ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch,
dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande
war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets
in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so
daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil
er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges
Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er
sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher
Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es
sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu
fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher
Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten
Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten
Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die
Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war
übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe.
Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.
Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor
Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem
Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch,
welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte.
Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel
deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.
Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken,
daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder
Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst
unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine
Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.
+Der Strauch und die Eiche.+
In eines Strauches Schatten war gepflanzt
Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;
Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,
Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.
Allein die Eiche hob sich himmelwärts
Und sah beschämend auf den Strauch hinab.
* * * * *
So sucht auch oft des Schülers freien Sinn
Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.
Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast
alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich
habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen
diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen
das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch
in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm
abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie
gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch
diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem
Professor Zimmermann gleichsam eine _reparation d’honneur_ wegen meiner
Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.
(Der Magister tritt auf.)
Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!
Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
Ist das eine Klasse von Studiosen?
Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?
Werft Ihr so mit frechem Blick,
Als hätte der allmächtige Fick[5]
Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?
Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,
Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?
_Quid hic statis otiosi_?
Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?
Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:
Die Primaner haben sich schlecht betragen,
Einer ist an die Ohren geschlagen,
Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,
Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,
Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,
Als in den Unterricht des Herrn Enke;
Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,
Als für den gelehrten Doctor Strauch:
Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,
Als französische Dictate des feinen Lemenz;
Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,
Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.
Die Lehrer studiren Tag und Nacht,
Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.
Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;
Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,
Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,
Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!
Der Custos steckt seine dicke Ruthe
Vor seiner Bude Fenster aus,
Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,
Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.
Um unser berühmtes Gymnasium
Leider Gottes -- giebt man nichts um.
Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,
Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:
Anstatt in Folianten aus Bibliotheken
Les’t Ihr in alten Romanencharteken,
Und das beschimpfende Carzer allhie
Ist worden Euer täglich’ Logis. --
Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!
Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,
Von dem Greuel und Heidenleben,
Dem sich _primi_ und Schüler ergeben.
Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,
Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;
Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,
Wie auf den Branntwein das Trunkensein;
Das zu lieben, erregt das _jus_,
Das ist die Ordnung im Livius[6].
»_Sed ubi erit spes literarum_,
_Me si vexatis_?« Wie soll man siegen,
Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?
Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.
Eine Frau hier in der Nachbarschaft
Fand ihren bösen Ehemann wieder,
Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7],
Napoleon seine vertriebenen Brüder:
Aber wer bei Schülern sucht
Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,
Der wird nie seine Hoffnung erjagen,
Thut er auch alle Rücken zerschlagen.
Zu dem König der Franzosen,
Wie wir lesen im Correspondenten,
Kamen sogar Soldaten gelaufen,
Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,
Fragten ihn: »_Sire! que faire?_«
Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?
_Et il repond_, und er sagt:
_Dites: »Vive le roi!_«
Wenn Ihr keine Nelken tragt,
_L’etat c’est moi_,
Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,
_Suivez le roi_, Euch begnügt
_Avec les fleurs de lis_, mit meinen Orden, --
Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. --
Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen
Deiner Lehrer nicht übel auskramen;
Aber wo hört man mehr blasphemiren,
Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?
Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,
Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,
Müßtet geben ein Zweimarkstück her,
Es wäre die hamburger Bank bald leer;
Und wenn für jede Travestie,
Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,
Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,
Das Getränke würde bald schier Wasser sein.
Der alte Gurlitt war auch Primaner,
Der gelehrte Hipp lange Tertianer,
Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,
Daß die Beiden jemals witzig gewesen?
Muß man den Mund doch, ich sollte
Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«
Zum Exponiren und Butterbrod;
Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,
Der als Humor aus Eurem Munde quillt.
Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!
Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:
Ihr studirt auf Ränke immerfort.
Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,
Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen
Ist man nicht sicher, in seinem Haus,
Ihr hebt mir Nachts die Laden aus
Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.
Was sagt Doctor Gurlitt? »_Assidui estote_,
Spart die _clavis Ernesti_ vom Morgenbrode!«
Aber wie soll man die Schüler loben,
Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,
Weil der Professor Zimmermann
Die Menschen ohne Strafe regieren kann!
Der Professor +Köstlin+ war ein interessanter und vielseitig gebildeter
Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod
herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. -- Von den übrigen
Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor
Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein
gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing
unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler
desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem
Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten
Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl
entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen
läßt:
»Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,
Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«
Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur
etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen
Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt
wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen«
vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns,
oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen
mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe.
Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen
+Pelt+ und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge,
hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in
Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres
Wissen, die erste Rolle spielte.
Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht
alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben
ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine
bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. -- Das
Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine
gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau
und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen
zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen
nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem
großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem
redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom
Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen
sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und
Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der
Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden
der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so
wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine
interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu
nennen. -- Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren
Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent
der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies
bekannte Holsteinsche _cerveau brulè_, voll herrlicher Anlagen, ist
von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den
Todesengel befreit.
Elftes Kapitel.
v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine
Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.
Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten
Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der
noch in Hamburg lebende Russische Minister +von Struve+, ein als
Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer
zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen
Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe
daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines
Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben
scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird,
von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre
Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. --
Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme,
vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen
der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter
beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde
oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. --
Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das
Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein
gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei
dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war
ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins
der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche
Junggesellensteuer in Hamburg, die +Trinkgelder+, abgeschafft, mit
denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß,
und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer
sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging
es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine
vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von
Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge
Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später,
jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die
literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde.
Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines
»+Hermann und Dorothee+,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen
lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste
Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« -- Als
Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als
Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick
seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte,
und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige
Wort »Champagner« aus.
Der Sohn des Consuls Mellis’h, +Charles+, war mit mir bei Zimmermann in
Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer.
Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in
seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen,
wenn er nicht unter die _torys_ gegangen wäre, zu denen sein Vater,
ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.
Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor
allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast
immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem
leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der
seine zehn Stunden _uno tenore_ wegschnarchte und sich weder durch
meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen
und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche
Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die
Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte,
abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur
je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen
Geschöpfen begnadigt hat.
Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles
zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm,
waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die
einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten,
kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da
fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »_God save the king_«, bald
»_Rule Britannia_« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab
geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber
bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und
Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin
ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein
ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«
Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren,
chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu
musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf
einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so
den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch
meine Lebendigkeit bei den Worten: »_rule the waves_« einen sanfteren
Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im
Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: _For
Britons never shall be slaves_.
Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor
Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch
keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge
stören lasse und wollte ihm ein _privilegium de non cantando_ nicht
zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles
wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war
großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie
lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor
meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus,
schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. --
Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre
später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen
liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele
interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische
Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »+Misthaufen+«
nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut.
Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner,
zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns
zu verweilen. »_Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo
gefattigeerd?_« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie
so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: _Myn Her ik ben
gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet_. (Mein
Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)
Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und
Mellis’hens rechte Hand, hieß +Wesselhoeft+ und bekleidet noch
jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in
seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen
Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers
vereinigte.
Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte,
ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum +bloß+ gab, daß
er nie seine Garderobe, d. h den Titel als _maître de la garderobe_
ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem
republikanischen Hamburg, wo übrigens die _haute volée_ oft auch sehr
an die _noble aristrocraci_ von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt.
Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte
eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte.
Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern
Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen
sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von
ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse
und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer
Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister
bestohlen war -- geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu
sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«
Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener
Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen
poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders
Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der
Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur
stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben,
den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale
Devrient nur als »+Franz Moor+« erreicht haben soll. Nie vergesse ich
Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge
zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »+Lenore+« im
schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd
gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen
Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten -- Schröder war aber auch
in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere
jungen Histrionen höchstens eine _Radawazka_ einstudiren.
Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger
Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf
erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege
gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren
Rollen, wie im »+zerbrochnen Krug+« eignete, oft aber auch sehr störend
einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien
gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent
als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein
»+leichtsinniger Lügner+,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn
als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z.
B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben
haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director
zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst
liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche
Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen
Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und
verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.
»Die Elemente rasten nie,
Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,
Sagt mir Ihr Philosophen, wie
Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«
Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller
Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie
ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor,
auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht
verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben
kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar
keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein
alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine
niedliche Oper »+das Dorf im Gebirge+« war immer zum brechen voll,
wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab,
wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise
begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt
hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit
einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert
den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger
Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste
Jugendliebe nie alt wird.