_Thraso. Gnatho. Parmeno._
_T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?_
_G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem._
_Dono, quam abs te datum esse: id vero serio
Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet.
Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum
Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia._
_G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas._
_Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item._
_G. Labore alieno magnam partam gloriam
Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem,
Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis?_
_T. scilicet._
_G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum.
Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas,
Hominum, aut negoti si quando odium ceperat,
Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio:
Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo._
_T. tenes._
_Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui,
Regem elegantem narras. T. immo sic homo
Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror,
Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi,
Mordere clanculum: ego non flocci pendere.
Illi invidere misere, verum unus tamen,
Impense, elephantis quem Indicis praeceferat._
_Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato,
Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?_
_G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae!
lugularas hominem quid ille? T. mutus illico._
_G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum
Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho,
Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio,
Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro.
Plus millies audivi. T. una in convivio
Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus
Fort habui scortum: coepit ad id aludere
Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens?
Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae._
_T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra_
_Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi._
_T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est._
_G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero._
_P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus._
_Risu omnes, qui aderant emoriri: denique
Metuebant omnes jam me. G. non injuria._
Aus dem Eunuchen des Terenz.[3]
+Dritter Act. Erste Scene.+
Thraso, Gnatho, Parmeno.
(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und
begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)
Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?
Gnatho. Unmenschlich.
Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?
Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von
Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.
Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine
Leutchen herzuführen. Aber -- was sehe ich, den Offizier!
Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne,
schlägt mir ein.
Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.
Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen
Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer _au
contraire_.
Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe.
(Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.
Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. --
Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie
gerichtet?
Thraso. Das kannst Du glauben.
Gnatho. Sie waren sein Favorit?
Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine
Pläne --
Gnatho. Sapperment!
Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er
sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen -- -- Verstanden?
Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele
speien wollte --
Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner
gewesen sein.
Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.
Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.
Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich
cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie
barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer
Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun
anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir,
Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden
Bestien commandiren?«
Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt:
mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?
Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.
Gnatho. Natürlich.
Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher,
niederträchtiger Erzschurke!
Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den
Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?
Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir
erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als
tausend Male gehört.
Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem
Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren
und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek
in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«
Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!
Thraso. Was kommt Euch an?
Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber
ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.
Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?
Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum
Todtlachen.
Thraso. Der ist von meiner Fabrik.
Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß
er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.
Parmeno. Hol’ Dich der Henker!
Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?
Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte
vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.
Gnatho. Und das von Rechtswegen.
Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu
unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich
verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen
einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen
waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines
Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort
trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein
interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen
Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts
desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und
Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts
überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen
Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger
Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe
in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die
Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte
der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den
Schillerschen setze.
In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei
eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn
man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel
anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle
nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache
weg.«
Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit
Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist
mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden
Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster
Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber
warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine
sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«
Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.
So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem
Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem
ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.
Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem
Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß
sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner
und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte
zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die
Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß
ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist
übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote.
Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie
die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version
aufgenommen werden muß.
Das Lied vom Prügel.
_Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango._
Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.
War ein Prügel je auf Erden,
Der dem jüngst zerbrochnen glich?
Dennoch muß ein neuer werden;
Denn mein alter hielt nicht Stich!
Hilf mir, Anne, frisch!
Bring den runden Tisch,
Hol’ mir Beil und Hammer
Aus der kleinen Kammer!
Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wol ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns denn mit Fleiß betrachten,
Was durch des Prügels Kraft zerspringt;
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Custos zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er der Schüler Schmerzen spüret,
Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand.
Reich’ das Holz mir aus der Ecke,
Doch es sei noch etwas feucht,
Daß ich es gehörig recke;
Dann wird mir die Biegung leicht.
Koch’ des Leimes Brei --
Schnell den Topf herbei,
Daß der Leim sich bald zertheile,
Anne, blas in aller Eile!
Was unter seines Daches Stube
Der muth’ge Custos winden muß,
Das fühlet der geschlag’ne Bube,
Wenn er dem Lehrer macht Verdruß.
Noch jucken wird’s in späten Tagen,
Er wird vom herben Schmerz gequält,
Betrübt wird er’s der Mutter klagen,
Die grimmig auf den Lehrer schmäht;
Was ihrem Sohn mit einem Stocke
Das wechselnde Verhängniß bringt,
Das schlägt sie an die große Glocke,
Die es erbaulich weiter klingt.
Blasen seh’ ich sich bewegen:
Wohl, die Massen sind im Fluß.
Du mußt Kohlen unterlegen,
Das befördert schnell den Guß.
Reich von ungefähr
Mir ein Messer her,
Daß den Stock ich ründe,
Eh’ ich ihn umwinde.
Denn, frühe in der Bürgerschule
Begrüßt er das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den er beim ABC beginnt;
Ihm ruhen in der Zeiten Schooße
Die schwarzen wie die heitern Loose.
Der Custos nur allein macht Sorgen,
Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen --
Die Jahre fliegen pfeilgeschwind.
Von _mensa_ reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt nach Quarta freudig hin;
Geleitet nur an meinem Stabe,
Wächst ihm der Unart wilder Sinn,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,
Mit rothen ungeschminkten Wangen
Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n.
Doch tönet oft ein schweres Klagen
Vom Knaben her: er irrt allein,
Er muß sich mit dem Nepos plagen,
Er flieht der Brüder wilde Reih’n,
Es lauscht der Lehrer seinen Spuren,
Er wird von seinem Fleiß beglückt,
Und mit der schönsten aller Uhren
Wird er vom Vater ausgeschmückt.
O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen
Für ihn, der keine Sorgen kennt!
Er sieht für sich schon Prima offen,
Er ist im Geiste schon Student,
O, daß sie Gott ihm doch bewahre,
Die erste Zeit der Flegeljahre!
Wie sich schon die Blasen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
Seh’n wir’s überglas’t erscheinen,
Wird’s zum Decken zeitig sein.
Anne, sei zur Hand!
Leder von der Wand,
Laß mich jetzt den Stock bekleben,
Und mit Juchten fest umgeben. --
Denn wo der Jugendseelen Flügel
Begleitet wird von einem Prügel,
Da giebt es eine gute Zucht.
Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet,
Sobald er böse Jugend findet,
Dies Mittel keiner unversucht.
Freudig machen sie Spectakel,
Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt.
Und mein allzu ernster Bakel
Sie aus ihrem Frohsinn schreckt.
Mancher Kantschuh ist zerbrochen,
Schaden hab’ ich auch dabei,
Und auf fühllos derben Knochen
Ging mein letzter noch entzwei.
Der Schüler geht fort,
Der Custos muß bleiben,
Der wechselt den Ort,
Mich wird man nicht treiben.
Gar Mancher steigt auf,
In Tertia zu streben
Für’s künftige Leben,
Muß pflanzen und schaffen,
Mehr hören, als gaffen,
Muß Nächte studiren,
Um was zu capiren,
Muß wetten und wagen,
Genie zu erjagen.
Da wird nach Secunda der Schüler gehoben:
Man hört den Director den Fleißigen loben,
Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus.
Und drinnen studirt
Der _primus secundae_,
Die Mutter der Klasse,
Und herrschet weise
In der Schüler Kreise,
Und wehret dem Langen
Und muthigt den Bangen,
Und regt ohne Ende
Die Zung’ und die Hände
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme,
Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme,
Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank
Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank.
Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer
Und ruhet nimmer.
Und der Primaner mit frohem Blick
Aus der Prima geöffnetem Fenster
Ueberdenket sein blühend Glück,
Wie die Schüler vor Arbeit vergehen
Und um gnädige Strafe flehen;
Sieht einen Knaben traurig gefangen,
Welcher versucht die eisernen Stangen, --
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Lehrers Macht
Steht unserer Klasse Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten.
Und das Unglück waltet schnell.
Wohl, jetzt herrlich grad gerecket,
Schön geründet ist der Stock;
Doch, bevor ihn Leim bedecket,
Mache mir ein Gläschen Grock.
Etwas Aquavit
Stärke mein Gemüth.
Bei den so gelehrten Brocken
Wird mir sonst die Zunge trocken.
Wohlthätig sind der Schläge Macht,
Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das leite seiner Hände Kraft;
Doch furchtbar wird der Hände Kraft,
Wenn sie im Zorn sich aufgerafft.
Einher tritt in der Schüler Kreis,
Und selber führt den Rechtsbeweis. --
Wehe! wenn da losgelassen
Treffend voller Unverstand
An die Ohren der Primaner
Fliegt, die zornentbrannte Hand!
Denn die jungen Leute hassen
Einen Schlag von Lehrers Hand.
Von dem Lehrer kommt die Wahrheit,
Strömt die Klarheit;
Doch der Lehrer ohne Wahl
Schlägt auch ’Mal.
Seht Ihr’s toben dort _in prima_?
Roth wie Blut
Ist der Lehrer.
Das ist bösen Zornes Gut!
Welche Worte!
Der steht auf,
Jener auf.
Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter!
Eilend fliegt er vom Katheder,
Spricht: Heraus, Du Schwerenöther!
Kochend wie aus Ofensschlunde
Glüh’n die Augen; aus dem Munde
Stürzen Buben, Jungen fallen,
Böse Worte hört man schallen,
Nicht geberdt sich,
Nicht mehr wehrt sich
Steffen, der in’s Freie flüchtet,
Nach der Thür den Lauf gerichtet,
Durch der Glieder lange Kette
Um die Wette.
Jenen Unfug zu bezahlen,
Fliegen fast magnet’sche Strahlen.
Keuchend Töffel kommt geflogen,
Der den Zwist zu hemmen sucht.
Steffen in der engen Bucht
Will den Streit noch weiter führen,
Hingeworfen an die Thüre,
Und mit jedem Augenblicke
Wächst der Lärm. Die junge Zucht
Nimmt fast schon vor Angst die Flucht.
Aber sieh, zu ihrem Glücke
Thür aufgeht:
Rektor steht
Da, und Alles fliegt zum Sitze;
Auf Befehl nimmt seine Mütze
Jeder Schüler sich und geht. --
Leergebrannt
Ist die Stätte
Wilder Stürme rauhes Bette,
In der öden _prima_ Mauern
Wohnt das Grauen,
Und nur Secundaner trauren
Schwitzend dort.
Einen Blick
Nach dem letzten
Der Geschätzten
Sendet Gurlitt noch zurück,
Eilt fröhlich dann in seine Kammer.
Was ihm der Trotzkopf auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben, --
Er hat die Klasse seiner Lieben
Drei volle Tage ausgesetzt. --
Wohl, der Stock hat angenommen,
Glücklich ist das Holz beklebt,
Damit in den Saal zu kommen,
Und der Stein im Kalk erbebt.
Wenn man munter singt,
Heiter scherzt und springt,
Mache ich die Thüre offen
Und die Horde schweigt betroffen.
Des frechen Buben starken Rücken
Vertrauen wir des Lehrers Saat,
Und hoffen, daß sie keimen werde
Zum Doctor, Pred’ger oder Rath.
Doch einem undankbaren Herzen
Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n,
Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen,
Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun.
Aus dem Stadtthor,
Schwer und bang
Tönt der Schüler
Ernster Gang.
Sie begleiten, die das Feuer schürten,
Einen armen Relegirten!
Ach! es ist der theure Steffen,
Ach! es ist der gute Schüler,
Der das Scholarchat verkannte,
Den der Herr Director bannte
Aus der Schüler muntrer Schaar,
Deren Eins und All’ er war,
Denen er so sehr gefiel
Durch Primaner Widerspiel.
Weh! der Schule zarte Bande
Sind gelös’t auf immerdar!
Er studirt in fernem Lande,
Der der Klasse Seele war;
Denn es fehlt sein treues Pochen,
Seine Sorge wacht nicht mehr,
Und seit sieben vollen Wochen
Ist der liebe Karzer leer.
Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:
»Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch das schrecklichste der Schrecken,
Das ist der böse Zimmermann!«
lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der
Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen
harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt,
zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und
mich, da sie selbst _mala fide_ waren, nicht _bona fide_ consiliiren
konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie
seines Pensionärs und Secundaners gelacht.
Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie
»+Gurlitt+«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er
eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte.
Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich
mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.
Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin
übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner
mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die
Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch
auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der _disciplina
scholastica_ mit eiserner Ruthe handhabte, _au fond_ ein höchst humaner
und gutmüthiger Mensch war. _Incuriosus_ in Bezug auf die Dinge des
Lebens, verwechselte er _Fouqué_ und _Fouché_, litt nicht, daß die
gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese
Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens
eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken
durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen
Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen
über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und
er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche
Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei
Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage
hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es
auch nie zwei Tage hinter einander regne. -- »Wie das?« fragte Gurlitt
erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die
Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt
verwirrt.
Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz
seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als
bis zur _classis latina et graeca secunda_, und das Letztere nur
deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage:
»Was das _verbum_ für eine Zeit sei?« mit großem Glücke _aoristus
primus_ geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme
Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit
genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte
heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß
durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn
erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie,
mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so
desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt
vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der _Clavis
ciceronia_, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte
und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er
_litem_, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der
Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von
ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem
jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. --
»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es
aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die
Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der
Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen
zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete
Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«
Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die
Erklärung über den _infinitivus historicus_. Nachdem er gezeigt hatte,
daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich
der Invinitiv des Affects sei, wie »_me hoc pati, me hoc ferre_?«
den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er
oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den
_infinitivus historicus_ durch das ausgelassene Wort »_coepit_« zu
erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der
Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen
Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran
erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte
der _infinitivus historicus_ abhänge? Der prüfende Lehrer, der den
Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am
Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der _infinitivus
historicus_ hängt von _coepit_ ab.« -- Schweigend ließ der Lehrer die
jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort
»_coepisse_« als _infinitivus historicus_ kam. »Von welchem Worte
hängt der _infinitivus historicus_ ab?« fragte nun der gekränkte
Collaborator. »Von dem Worte _coepit_,« rief die Jugend. »Recht,«
entgegnete der Lehrer -- _coepit_, _coepisse_ --
Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger
Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn
Jemand habe beschenken hören: -- »Wenn Sie so fortfahren, fleißig
vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein
Fünkchen lernen.«
In _politicis_ war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen
Hamburgern, die in ihrem _vitae curriculo_ beim Eintritt in _prima_
der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes
Staats erwähnten, mit der Bemerkung: _hoc falsum est, ut ex scriptis
Hafneri_ (des dänischen Obristen) _apparet_. -- Am empfindlichsten war
Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben
scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege
Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden
aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten
erzählte.
In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist.
Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die
symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den
Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus,
daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber
doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können,
gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«