Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine

Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei

seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen

eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit

anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett.

Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »_vingt-sept,

rouge impair et passe_« heraus; das erste Mal aber, als ich in den

Saal trat und nicht gesetzt hatte. -- Zum Zweiten, als ich den

vorhergehenden _coup_ mein letztes Achtgutegroschenstück verloren

hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in

der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen.

Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher

Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen

hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. -- Unter

den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen _guignon_ zu

nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich

sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld

mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren

dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels

angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante

Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer

des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner

Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im

Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die

Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich

verloren, anbringen könntet.«

Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde

dem Sprichwort »+Bankier ist ein Hund+« viel Qualität verleihn. Die

Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den

Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils

als _chevaliers de demie fortune_ in Einspännern, oder auch wol um

alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger

unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich

ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen

Appetit zum Essen haben, -- und daß sie tüchtig zusammen soupiren

wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,«

pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie

Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen

noch Geld zur Rückreise überher geben.«

Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem

benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren

leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren,

und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod

verzehren. Der Platz hat davon den Namen »+Schinkenhölzchen+,« und

ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat

ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem

Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen,

um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende

Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung

derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren.

-- An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause

fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten

einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch

gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen

väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die

Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der

Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.

Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich

fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend,

ich hätte ihm gerne ein »_dosine tandem carnifex!_« zugerufen, ich

fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das

zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der

Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald

links, der Schlaf floh mich. -- Voll Verzweiflung warf ich mich der

Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines

Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser

erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier

einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.

(Alter Bursch und Fuchs treten auf.)

+Alter Bursch.+

Ich muß dich vor allen Dingen,

Hier in dieses Wirthshaus bringen,

Wo der Bursch fast immer kneipt;

Kannst am Abend wie am Morgen,

Beim Philister Porzel borgen,

Wenn er auch oft doppelt schreibt.

Ich bin ihm schon höllisch schuldig,

Doch der Kerl der ist geduldig.

+Fuchs.+

Wenn das Tante wüßte, Fritze

Mir verbot man Kaffeehäuser.

+Alter Bursch.+

O so sprich doch etwas leiser.

Hört’ man deine schnöden Witze,

Könnte man ja Wunder denken.

+Fuchs.+

Gott wie magst du Tante kränken.

+Alter Bursch.+

Mutter ist ein Frauenzimmer,

Fürchtet sich bei Allem immer;

Doch wie die Philister sagen,

War Papa als Bursche schlimmer

Hat sich alle Tag’ geschlagen.

Ist ein Erzsuitier gewesen.

Hab seinen Namen im Carcer gelesen.

+Fuchs.+

Fritz! nein ich bezweifle dies,

Onkel der ist so vernünftig.

+Alter Bursch.+

Nun das werd ich auch zukünftig,

Wahr ist es auf Cerevis.

+Fuchs.+

In den letzten zwei Semestern

Sollt’st du wirklich fleißig sein.

Das versprachst du mir noch gestern,

So gewiß, und fest; allein --

+Alter Bursch.+

Ja ich will auch, laß das Lästern,

+Fuchs.+

Der verdammte Branntewein!

Denke dran was du versprochen.

+Alter Bursch.+

Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?

Hab’ die ganze Nacht gewacht,

Immerfort hab’ ich studirt,

Nicht gegrockt und nicht gebiert.

+Fuchs.+

Nun, das hast du brav gemacht.

+Alter Bursch.+

Heute mach ich eine Pause,

Aber jetzt erzähl mir ja,

Was macht Mutter und Papa

Und die Schwestern denn im Hause?

Und wie gehts in unserm Städtchen,

Insbesondere mit den Mädchen?

Sprich, was macht Louise Kranz?

+Fuchs.+

Neulich sah’ ich sie beim Tanz,

Schwer hob sie die Schwanenbrust,

Gerne wollt ich mit ihr tanzen,

Doch sie hatte keine Lust.

+Alter Bursch.+

Warum machte sie Speranzen?

Wenn sie mir das abgeschlagen,

Hätt’ ich wollen sie curanzen!

+Fuchs.+

Gott! wie kannst du so was sagen?

Denk dir, ihre Augensterne

Blickten still und schmachtend nieder,

Immer sprach sie ach! von dir.

+Alter Bursch.+

Ja sie mag mich höllisch gerne.

Wenn die Besen sich verkeilen

Sind sie einmal nicht zu heilen.

+Fuchs.+

Könnt wie du, ich, um sie minnen,

All mein Leben setzt’ ich dran,

Diesen Engel zu gewinnen. --

+Alter Bursch.+

Seht mir mal den Crassen an.

+Fuchs.+

Wird Ihr Vetter lange bleiben?

Fragte sie von Schmerz erweicht,

Gerne wollte ich an ihn schreiben,

Doch ich fürchte daß er schweigt.

Sieh so sprach sie, Du Profaner!

+Alter Bursch.+

Ach der Besen ist halb toll,

Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,

Aber ich war noch Primaner.

+Fuchs.+

Fritz bei dem verwandten Blute

Das ja in uns beiden fließt,

Und so wahr das reine Gute

Ewig unvergänglich ist;

Reich Louisen deine Rechte

Wolle ihr dein Leben weihn,

Eurem kommenden Geschlechte,

Will ich Freund und Onkel sein.

Nie mehr wird mein Auge trübe

Denn ich denk’ an Körners »Durch«

Ich veredle meine Liebe

Gleich dem Ritter Toggenburg.

Wenn ich dann oft einsam weine

Daß Dein Mädchen mich verkannt,

Daß die Holde nicht die Meine!

Einst mich decket Grabes-Sand!

Fritz! dann mögest Du ihr sagen,

Opfer kennt die Liebe keine! --

+Alter Bursch.+

Das ist doch zum Überschlagen!

+Fuchs.+

Marmorstein! wirst du nicht roth?

+Alter Bursch.+

Die Louise Kranz in Ehren,

Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod

Eine Frau mir zu ernähren.

+Fuchs.+

Willst du denn des Mädchens Tod?

+Alter Bursch.+

Hör’! ich will sie dir cediren,

Willst du tüchtig Wein poniren!

Aber nimm es mir nicht krumm.

+Fuchs.+

Hör Elender! du bist dumm.

Meines Hasses Fackel lodert. --

Solch ein schändlicher Betrug!

+Alter Bursch.+

Das Wort »dumm« das ist genug.

Du touchirst, weist nicht warum.

Aber Fuchs du bist gefordert.

+Fuchs.+

Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab).

+Alter Bursch.+

Ich bin meiner Seel verplext,

Wie kann mich der Jung’ touchiren?

Die verdammte Lise Kranz

Hat den Bengel wol behext?

Doch der Fuchs muß revociren

Millionen Donnerwetter!

Hört man das im Vaterlande,

Louis bleibt ja doch mein Vetter,

Das wär’ eine ew’ge Schande. --

Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines

Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald

strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht

lieber Bruder« an mein Ohr! --

Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen

gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde,

an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.

»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair

der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit

uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien

machen.«

Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein

Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. -- »Laßt den Kerl

liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr

von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur

verstellt zu schlummern schien. --

Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen

war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der

Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner

erzählten.«

»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft

ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir

stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«

Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei

zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel

alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus

dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen

Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle

dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die

Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon

singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.

Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers

traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten

mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um

ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod,

(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche

Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose,

die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel

hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir

mit einigen feierlichen Worten kredenzte. --

Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun,

aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier

stürzten auf die Erde. -- --

Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte

nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre

übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie

im Schlaf gewesen.

Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend

anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun

gehabt,« bemerkte er jetzt. --

Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig

schweigend. --

Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der

Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.

»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit

irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«

Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung

sogleich gegenwärtig waren.

»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich

meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben

habe, Ihnen weh zu thun.« --

»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort

aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich

anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh

wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.

Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen

erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und

leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und

ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von

Posa sagt:

»Er dachte klein von mir und starb.«

Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich!

ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses

Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko

noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne

wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen,

allein die sollen +klein+ von mir denken wenn ich sterbe, dafür

bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem

Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein

Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die _verité_

enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf

den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt

werden.

Zehntes Kapitel.

Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine

Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem

Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp.

Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius

Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der

Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.

Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen

Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil

meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie

werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie

meine academischen Reminiscenzen haben.

Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der

Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort

auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen.

Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809

erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau,

(_vulgo_ Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen

erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke,

denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das

wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat,

-- meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche

und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll

von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie

stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über

Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet -- und das

Motto meiner humoristischen Blätter: »_nil bonum nisi quod honestum_«

-- ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl

unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark

verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete

Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger

Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im

fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector«

verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen

Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im

Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise

»+königlich+« bestätigen.

An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht

diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags

vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine

meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich

für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich

einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die

Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug

hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel

wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie

die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin

Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel,

aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären,

verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich

alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch

der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und

zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine

geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse

lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch

auf die plattdeutsche Anfrage:

Hehtst Du nich +Jan+ Matzen?

die Antwort

»Ne, Klas Matzen.«

erhielt.

Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern

Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner,

heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den

Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man

erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum

Christum auch besser erkennen. --

Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische

Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.

Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol

durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand

erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr,

heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden

Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und

fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt

Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend

ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete,

als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat.

Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht

irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort

gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels

nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche

namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich

kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres

Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein

solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten

Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser

Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure

Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe

Minute in eiskaltem Wasser badet. _Probatum est_. Merke Du Dir es vor

allen Dingen, jedesmaliger _pro tempore_ Pastor in Kaltenkirchen!

Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg.

Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte,

ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den

Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und

verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.

Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen,

das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem

Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu

Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General

Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000,

nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die

Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und

wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich

umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche

die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich

vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten

_Skys_ und _Skas_ und _Witschs_ entströmten, als sie sich so in die

heimathlichen Gegenden versetzt sahen.

Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch,

vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr

als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das

gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen,

aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit

einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt

hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge

auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das

man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr

massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu

begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!)

zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu

haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam

Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus

Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. --

Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der

damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst

Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.

Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen,

ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an

der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die

Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine

bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt,

so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem

Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte

eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst

thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie

seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten

dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem

Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815

oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet,

daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von

Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen

Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch

hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht

ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein

Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu

sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied,

während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause

saß. -- Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und

klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine

gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die

ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete.

In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der +Becker+ und der

+Gley+ nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen

Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es

auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann

allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters

dieses _epitheton_, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel

»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung

die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.

Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und

des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine

unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das

Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm

dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto

herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich

dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Zweites Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 3 / 9 段