Mir ist nicht wohl.
Nicht wohl? Und das wär' alles?
Mir bricht das Herz!
Um meinet willen? Wie?
Sie schläft. Du sagst es selbst -- Wohl schläft sie sanft und süß -- Den
langen Schlaf! Ein Engel nur kann sie erwecken.
Woldemar starrte den Weinenden an und stürzte laut aufschreyend zu der
Todten hin. Sie war noch lau, vor wenig Stunden hatte sie der
Nervenschlag getroffen.
Lichter! Lichter! »rief er« daß ich sie sehe, daß dies Heiligenbild sich
in mein Allerinnerstes versenke!
Therese schlich, auf Trostmittel sinnend, herbey, Auguste rang die
Hände. Laßt ihn toben »sagte Julius« laßt ihn schreyn! Und zu dem
Vergehenden sprach er »Ist es nicht tröstlicher das Kleinod unsers
Lebens im Sarge als an dem Herzen eines Dritten zu finden?«
Neun und zwanzigstes Kapitel.
Als Hermine von dem Spiegel, zu dem sie die letzte Anwandlung ihrer
Weiblichkeit hinzog, auf das Sopha zurückschlich, rieth ihr Auguste die
ungeübten Kräfte nicht über die Gebühr zu versuchen, und beyde
versprachen diese Gedächtniß-Nacht an ihrem Bette feyern zu wollen; die
Kranke aber schien, von jener traurigen Apathie erlöst, sich wieder nach
dem Irrdischen zu sehnen, sich in dem edlen, idealen Gewande zu gefallen
und zog mit reger Lebenskraft die Freundinnen an ihre Seite.
Der Arzt, welcher jetzt seinen Abend-Besuch ablegte, erstaunte, Herminen
außer dem Bett und in diesem Anzuge zu sehn, fand sie jedoch viel besser
als am Morgen, ohne Fieber und in einer gemüthlichen, ihm höchst
erwünschten Stimmung. Auch der Pastor kam, ihr zu dem Wiegenfest des
großen Dulders Glück zu wünschen, der jetzt ihr Tröster und ihr Vorbild
war, erschrack nicht wenig sie im Familien-Kreise zu finden und
schöpfte, gleich dem Arzt, von ihrem Aussehn und Benehmen getäuscht,
neue Hoffnungen.
Als aber bald darauf die Stunde schlug, in welcher sie vordem das Bild
der Entflohenen in dem beschatteten Winkel des Zimmers sah, verfärbte
sich mit einem Mahl die Kranke, umfaßte krampfhaft Theresens Hals, als
sollte diese sie vor der gewaltigen Hand des Todes schützen, und sank
entfesselt an die schwesterliche Brust. Freundschaft und Liebe bot
vergebens alle Mittel zu ihrer Belebung auf; Freundschaft und Liebe
drückte ihr endlich die sanften Augen zu und flocht ein Palmen-Reis in
ihre Locken. Sie ward in jenem Sterbekleide das ihr hienieden die größte
Freude gemacht hatte, von den Jünglingen des Dorfs zu Grabe getragen,
und als man den Sarg verschloß, sank Therese, welche bis dahin beyde
Männer durch ihre Fassung beschämt hatte, bewußtlos nieder und verfiel
in eine Gefahr drohende Krankheit. Sie sah sich für die Quelle aller
jener unseligen Verhängnisse, für die eigentliche Ursache des Todes
ihrer Schwester an und würde ohne den mächtig erhebenden, trostreichen
Beystand des Predigers in unheilbare Schwermuth versunken seyn.
Dreyßigstes Kapitel.
Wir wenden uns von diesen Trauer-Szenen um die Leidtragenden in eine
lichtere Zukunft zu begleiten. Außer dem bittern Gram über eine Reihe
von Uebereilungen hatte auch die Geschichte seiner Gefangennehmung, der
Schmerz gekränkter Ehre Woldemars Herz zerrissen und das Bewußtseyn der
erschöpften Pflicht reichte nicht hin eine Wunde dieser Gattung zu
bedecken.
Julius begleitete ihn bald nach Herminens Todtenfeyer in die Hauptstadt.
Er trat mit ruhigem, gefaßtem Muth dem Groll der Falschen, dem
Vorurtheil der Täuschbaren, dem Verfolgungs-Geist mächtiger Feinde
entgegen, beschämte diese und drang auf ein Kriegsrecht das ihn
freysprach und belobte. Die eben erfolgte Auswechslung der Gefangenen
überhob ihn der Rückkehr in die Nachbarschaft der Guillotine, welche
seitdem die Frau von Wessen bereits ein Dutzend Mahl zur Wittwe gemacht
hatte, und so kehrte denn Woldemar frey und versöhnt mit dem Schicksal
auf Herminens Landgut zurück, das ihm der letzte Wille seiner verewigten
Freundin zugetheilt hatte.
Ihr kommt zur rechten Stunde! »rief Auguste die jetzt ihrer Niederkunft
nahe war, den Freunden entgegen« Wir dürfen keinen Tag länger säumen
nach Wessenburg, in die Arme der verlangenden Mutter zu eilen, und doch
ist der gute Rath hier eben sehr theuer. Therese kann, wie sich von
selbst versteht, nicht bey dem ledigen Manne bleiben und doch Keine von
uns es über sich gewinnen das theuere Weihnachts-Geschenk der Hand einer
Wärterin zu überlassen.
Julius dachte bereits auf einen Vorschlag zur Güte, und zu dem Hauptmann
sprach Auguste »Therese ist hergestellt.« Er schwieg -- Sie blüht wie
diese Frühlings-Blumen »fuhr jene fort.« Verwaist, und einsam steht sie
auf der Welt, geziert mit Reitz und Seelen-Güte, der Schwester Ebenbild,
die Erbin ihres Herzens und ihres Goldes. Genug »versicherte sie mit
steigendem Eifer« ich lege mein Haupt nicht sanft, mich eher nicht ins
Wochenbett, bis sie die Ihre ist.
Woldemar aber vernahm kein Wort dieser Rede, denn alle Schrecken jener
Nacht hatten sein verletzbares Herz beym Anblick dieses Zimmers
überfallen. Er starrte das Sopha an, auf dem sie damahls, lieblich
geschmückt von einem Tanz erschöpft, zu ruhen schien und ihr lächelndes
Himmelsbild über diesem, mit Flohr bekränzt, umschlungen mit
Zypressen-Zweigen.
Wo sind Sie? fragte die Baronin und weckte den Träumer, denn eben trat
Therese mit seinem Kind auf ihrem Arm in's Zimmer. Er fuhr empor,
schritt auf sie zu und riß das holde Ebenbild der Todten mit einem
Klageton ans Herz.
Therese wurde roth. Gelobt sey der Genius »rief er aus« der mich durch
diesen Zauberspiegel täuscht. Zur Hälfte nur hab ich die theuere Braut
verlohren. Die schönere Hälfte lebt in diesen Zügen, sie lebt in diesem
Herzen, und ach, in diesem Kinde fort.
Zerbrich Dir den Kopf nicht länger »flisterte Auguste in des Gatten Ohr«
es scheint als wolle sich das Auskunfts-Mittel ganz ohne unser Zuthun
finden.
Therese hatte indeß ihr glühendes Gesicht an des Knaben Brust verborgen.
Wo warst Du denn? fragte die Freundin.
An _Ihrem_ Grabe »sprach Therese« der Abend ist so schön und der
Kirchhof mit Blüthen bedeckt.
O, führen sie mich hin! »bat Woldemar« meine Augen werden diese Blüthen
bethauen.
»Herzlich gern« erwiederte sie und winkte Augusten, ihr zu folgen, doch
diese versagte lächelnd die Gewährung, hing sich an ihres Gatten Hals
und hielt auch den zurück.
Der Gottes-Acker stieß an den Garten, eine Thüre verband sie. Hoch über
alle ragte das Grab seines Lieblings unter der Linde. Die Stimme der
Schläferin schien aus dem Dunkel des sanft bewegten Laubes zu flistern,
ihr freundlicher Geist ihm in den wallenden Halmen des Hügels zu nicken.
O ewige Liebe »rief er aus« nur hier kein Ende! Nur dort kein Grab!
Inniger drückte Therese den Knaben ans Herz, sah tief bewegt in die
sinkende Sonne und sagte »So starb sie!«
Woldemars Stimme lockte die Seele der Sinnenden zu dem Grabe zurück.
Meine Zukunft »sprach er« soll eine fortwährende Todten-Feyer seyn.
Am sichersten »erwiederte sie« wird ein reines, sittlich schönes Leben
diesen heiligen Schatten versöhnen.
Wer leitet mich zur ebenen Bahn? »fragte der Weinende« Therese
antwortete »Das Schicksal der Dulderin!«
Woldemar sah ihr in's Auge. Wehmuth und Sehnsucht, Anmuth und Liebe
begegneten sich im stummen Wechselspiel der Blicke. Hermine »sprach er«
starb an Deinem Herzen. Laß mich an ihm genesen und diese Hand geleite
mich!
Therese drückte voll Innigkeit die seine, und wie im letzten Augenblick
Hermine sie umfing, so umfing jetzt Woldemar die Braut auf ihrem Grabe.