Das ist's was ich fürchte »klagte diese.«

Ich fürchte nichts! »sprach die Baronin« wir sind zum Schmerz berufen;

verstören nur -- zerstören wird er nicht. Wir Unschuldige sind gemacht

die Sünde dieser Welt, die Schuld der Schuldigen zu tragen.

Für die Wahrheit küß' ich Ihre Hand! »rief Therese.« Der liebende Gatte

that ein Gleiches, sie schlang den Arm um beyder Nacken, die Wangen der

Umfangenen berührten sich. Therese »flehte Julius« bey dem schönen Sinn

dieser Gruppe beschwör ich Sie, mich Ihrer Schwester vorzustellen; mich

wenigstens nur ihr liebes, leidendes Gesicht sehn zu lassen. Der Anblick

soll mich stärken für meine Zwecke und der thätigste ihrer Freunde

verdient ja doch, ich fühl' es lebhaft, diese Güte.

Da trat Hermine plötzlich, einem Geiste gleich, hinter der Hecke hervor

und neigte sich laut weinend an seine Brust. Sie haben viel für mich

gethan! »sprach sie mit gebrochner Stimme« mehr als ich je vergüten

kann; doch diese holde Frau wird es vergüten. Ich stehe am Grabe,

Julius; es ist mein letzter Dank! Und auch den letzten Segen leg ich in

Ihrem Herzen nieder. Ich bin nicht mehr wenn Sie _Ihn_ wiedersehn.

Thränen füllten seine Augen. Hermine drückte des Freundes Hand, und

einen Kuß auf seine Lippe. Theilt Euch in diesen! sprach sie mit dem

Flötenton der innersten Wehmuth und sank erbleichend an Theresens Herz.

Leidende Heilige! »rief Julius erschüttert aus.« Der lichte Geist der

Hoffnung umschwebe Sie! Wenn ich zurückkehre wird sich ein Blümchen an

die Rose schmiegen, und der entzückte Gatte, wie Hüon vor Amanden stehn.

Ich werde vor Gott stehn »erwiederte sie« und Ihr gerührt an meinem

Grabe. Julius verwies ihr die bangen Zweifel und machte sich

reisefertig.

Lebe wohl! »sprach die tiefbewegte Auguste und floh an den Hals ihres

scheidenden Gatten« Dem Herrn befehl ich Deine Wege! Umfangend hob er

sie empor. Lebe wohl! »flisterte sie« mein Liebling, meines Lebens

Licht! Meine Wonne!

Als Julius verschwunden war, faßte Woldemars Braut die Hände der neuen

Freundin und der Schwester, drückte beyde an ihr Herz und sprach -- Wie

sanft wird sich's in diesen Armen sterben!

Ein und zwanzigstes Kapitel.

Dem Briefe des Julius welchen der Aufwärter dem Hauptmann überbrachte

war ein kleines, mit Bleystift geschriebenes Blättchen, von der Hand der

Frau von Wessen beygefügt. Es beschied den Vertrauten mit dem Schlage

der bezeichneten Abendstunde in den Gasthof wo sie abtrat, und mehr als

eine Triebfeder drängte ihn, der Einladung zu folgen. Woldemar fand sie

allein, schöner als je, in einem idealischen Nachtkleid und ward mit

bräutlicher Traulichkeit von ihr umfangen.

Ihr Selbstgefühl »sprach sie, als er an ihrer Seite Platz genommen

hatte« wird mir für die Großmuth Dank wissen mit der ich mein höchstes

Gut, den Liebling meiner Seele, einer heiligen, gebietenden Rücksicht

zum Opfer bringe. Lob sey dem leichten Sinne der mir dies Opfer möglich

und den Verlust erträglich macht. Auch Sie »fuhr Julie, als sein

stoischer Gleichmuth die Antwort verzögerte, mit süßem Lächeln fort«

Auch Sie gewinnen offenbar, denn ein so fehlervolles Weib ist nur für

kurze Flitterwochen gut und jungem Weine gleich, der schnell begeistert

aber Kopfweh macht. Sie nicken? Das ist ehrlicher als galant, und auch

ich will ehrlich seyn. Wie innig hing mein Herz an diesem Woldemar. Wie

gern hätt' ich das Süßeste mit ihm getheilt, doch er verstand mich

nicht, zagte nur wo er begehren sollte, und zittert vor dem schönsten

Verhältniß. Mag eine Prüde sich mit kalter Tugend brüsten, ich schlage

schaamroth an dies warme Herz. Ach, nur die Dankbarkeit gewann das Ihre,

nur der redliche Wille ein geträumtes Gelübde zu erfüllen, nöthigte

diesem Munde die längst bereuete Verheißung ab. Doch jenes hatte meine

Leidenschaft erfunden und diese geb ich hier zu Gunsten einer weinenden

Braut zurück. Um endlich die Erinnerung an mich nicht zu den

schmerzlichsten Ihres Lebens geworfen zu sehen, wird sich mein künftiger

Gemahl für Ihre Befreyung verwenden.

Das war ein Wohllaut! Woldemar lächelte wieder, dankte, lauschte, erfuhr

mit Verwunderung wie eigentlich Augustens blaues Band in seine Nähe kam

und sagte, mit dem Geist dieser Burg versöhnt »Ein Vertrauen ist des

andern werth, und nicht bey mir darf die großmüthige Verwendung dieses

sogenannten, künftigen Gemahls beginnen. Vor allem bieten Sie die Hand

um den bisherigen zu retten. Noch lebt ihr Wessen, er ist hier. Seit

wenig Tagen theil ich mein Stroh mit ihm, und auch sein Unglück.«

Julie sah ihn verblassend an, und eben führte Woldemar den Beweis als

plötzlich Waffen auf dem Saale klangen und die kleine Tochter des Wirths

ein leises _Sauvès Vous!_ in's Zimmer rief. Der Polizey-Beamte folgte

der Warnerin auf dem Fuße nach und nahm die Frau von Wessen als

Gefährtin des verdächtig gewordenen Obersten und nebenher auch den

Gefangenen in Verhaft -- Verhaft und Guillotine aber waren, in jener

Schreckens-Zeit fast immer Synonimen.

Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Da siehst Du nun »sprach Therese, und hob die Wiege vor das Bett der

tief bewegten Mutter hin« wie wenig Glauben auch die bängste Ahnung

verdient. Wir zitterten, von Deinem Beyspiel angesteckt, vor der

entscheidenden Stunde; aber sie nahm unsern Kummer mit, und gab uns

diesen Liebes-Gott. O Hoffnung, o Geduld! Ihr seyd die Perlen unsers

Kranzes.

Auguste weihte den Knaben mit stillen Segnungen, Therese ihn mit lauten

Küssen, Hermine mit heiligen Thränen ihr Ebenbild.

Zwar »sprach Auguste« sind die Männer die begünstigten Schooßkinder des

Himmels, aber wiegt wohl ihr höchster Genuß, ihr süßester Rausch, ihr

schönster Gedanke das Entzücken einer Mutter auf?

Die Männer »fiel Therese ein« sind wilde Bäume, und höchstens nur zum

Rauschen gut, bis sich die Dryas naht und sie begeistert.

Potz tausend! »rief Auguste« das ging hoch.

Aber vom Herzen! Ist auch das Bild gesucht so paßt es doch und der

Himmel verzeihe jeder die ihnen zu viel thut. Ich glaube, das hält

schwer. Die Undankbaren! Mit einem hoffärtigen »Ich danke dir Gott!«

sehn sie auf unsere Kinderstuben nieder und in dem sanften, wachenden,

erhaltenden Schutzengel des Hauses nur die gebrechliche Dienerin ihrer

Begierde. Des Heldentods der schmerzenreichen Mütter wird kaum gedacht;

weder der Ruhm noch ein Ehrensold vergilt unsere Entbehrungen und unsere

Opfer -- Geräuschlos bringen wir die größten dar; ruhmredig prahlen

_Sie_ mit den kleinsten. Fast immer folgt ihnen die Vergeltung auf dem

Fuß, wir werden fort und fort an eine andere Welt verwiesen.

»Dein Eifer, Mädchen, hat das Kind erweckt« schalt Auguste und legt' es

an der Mutter Brust. Hermine versank in dem Anschaun des Lieblichen und

vergab sich jetzt die schwache Stunde. Wie hold du bist »sprach sie den

Schmerz vergessend.« Wie diese Augen glänzen -- die Lippe lächelt schon!

Als hätt' ihn mir die gute Fee gebracht.

Die Freundinnen stimmten bey; der Kleine ward, wie einst Latonens Sohn

von den Göttinnen, bewundert, geliebkost und gewiegt. Ich wollte »sagte

jetzt Therese, um die erschöpfte Schwester einzuschläfern« daß es noch

Feen gäbe, das Leben wäre dann um eins so schön. Meine Gräfin hatte ein

altes Buch voll solcher Mährchen, es war bey weitem besser als manch

Dutzend unserer Zauber-Romane -- Die Fingerzeige der weisen und

mächtigen Balsamine haben mich oft mit dem Schicksal versöhnt und mein

Herz von der Sucht der Wünsche, von dem Verlangen nach den scheinbaren

Gütern des Lebens geheilt. So spricht sie unter anderm einst, nach der

Feen Weise, als altes Mütterchen, Fräulein Amanden um ein Almosen an.

Amanda, welche eben in Thränen schwimmt, begabt sie reichlich und wird

nun in aller Demuth gefragt, warum sie denn die Rosen und Lilien ihres

lieblichen Angesichts mit dieser Perlen-Fluth bethaue? Die Herzlichkeit

der Alten erweckt Vertrauen. Eines Liebhabers wegen! sagte Amanda. Ist

er denn unbeständig? Treu wie Gold! Eifersüchtig? So will sie ihn --

Arm? Unglücklich? Gefährlich krank? Mit nichten! gesund und reich, und

ganz wie er seyn soll, aber alle diese Vorzüge werden von seiner

Häßlichkeit verdunkelt. Zwar bin ich ihm »versichert sie« dem

ohnbeschadet vom Herzen gut, doch die Schwestern und Freundinnen werden

nicht müde meines Geschmacks zu spotten, und lächeln schadenfroh so oft

er mich die Seine nennt. Wag' ich es dann, der Lieblosigkeit zum Trotz,

ihm unter mehr als vier Augen ein schönes Wort zu sagen, oder wohl gar

einen Kuß auf seinen ungebührlich großen Mund zu drücken, so greift die

eine nach ihrem Tuch, die andere kichert hinter ihren Fächer, die dritte

lacht ihr Strickzeug an und meine Schammröthe verwundet sein Innerstes.

Balsamine schlich jetzt zum nahen Kreuzweg hin, pflückte dort nach

langer Wahl ein grün und gelbes Blümchen, kam zurück und sprach: das

_Gute_ war immerdar heilbringender als das _Schöne_ und ein reizloser

Mann viel reizender als zehn Werthlose; doch wächst für den gedachten

Uebelstand ein wundersames Hausmittel am Wege das Du nach Belieben

gebrauchen magst. Hat dein unlieblicher Freund zu dreyen Mahlen an dies

Blümchen gerochen, so wird er schnell genug der Schönste aller Schönen

werden. Amanda glaubte sich gefoppt und suchte die Vorlaute durch einen

wegwerfenden Blick zu entfernen, Balsamine aber legte das grün und gelbe

Wunder-Blümchen auf ihren Schooß und sagte -- »Nur siehe zu, was Du

thust, denn manches Uebel ist ein Gut. Schon mancher warf mit der

stinkenden Muschel die köstliche Perl weg und den Kern statt der Schale.

Treuherz folgt in Noth und Tod, aber Schönlieb ist aller Mädchen

Schatten.« Das Fräulein sprach »Es ist schon gut, sie kann nun gehn.«

Die Alte ging, Amanda sah ihr nach und ihren Amatus in der Allee

herabkommen. Die Schwestern haben Recht! »gestand sie sich« er wird von

Tage zu Tage garstiger. Kein Ziegeuner kann bräuner, keine Mohren-Nase

stumpfer, kein Juden-Kinn verletzender seyn. Amatus sah von Ferne schon

die Falten ihrer Stirn, die hängende Unterlippe, den starren, auf ihre

Arbeit gehefteten Blick und setzte sich seufzend an ihre Seite. Sie

seufzte auch und schob die Thränen, die sich unaufhaltsam in ihre

himmelblauen Augen drängten, auf Rechnung eines heftigen Schnupfens. Er

suchte sie durch die Versicherung daß sich jedes heftige Uebel in der

Regel am schnellsten erschöpfe, zu erheitern, spielte mit ihrer

Busen-Locke und langte bald darauf auch nach dem seltsamen Blümchen das

noch auf ihrem Schooße lag. Wollte Gott, dachte sie und sprach im

Scherze »_Riech ein Mahl!_«

Es riecht nach gar nichts! »versetzte er, und drückt' es tief in die

häßliche Stumpfnase« es kriebelt nur!

Ists möglich? »rief Amanda in ihre Hände schlagend« Ja, ja, sie wächst!

Ich seh's genau; die Nase streckt sich! Mehr verlang ich nicht! Aber

schon verschmolz der schwarze Stachelbart in blaue Schatten, die weit

geschlitzten Lippen schlossen sich zum Rosenkelche, des Herzens sanfte

Flamme strahlt' aus dem verklärten Augen-Paar, und als ihm die

Ungenügsame das Blümchen zum dritten Mahl hart vor die umgeschaffene

Nase hielt, wich das Mulatten-Gelb dem herrlichsten Inkarnat der je

einen Feen-Günstling verlieblichte, wurden die röthlichen Lichtspieße zu

goldenen Locken, formte sich der vieleckige Scheitel zum Apollons-Kopf

um.

O Du Göttlicher! rief das Fräulein, erfreute ihn mit feurigen Küssen und

beschwor den Verwunderten sie heute auf den Ball zu begleiten.

Amatus war entzückt den Dämon ihrer Laune so schnell entfliehen zu sehn

und gab Amanden stracks den Arm. Ihm war als hab er immer so ausgesehn

und allen Freundinnen und Bekannten als hab ihnen nur von der

Häßlichkeit des engelschönen Mannes geträumt -- Jetzt lächelte, statt

der Spottsucht, das Verlangen aus diesen; jetzt hatte jede die sonst auf

alle Tänze versagt war, die besten für ihn aufgehoben, und die ihn

gestern noch wie einen Unhold flohn, suchten den unstäten heute mit

allen ihren Zauberkünsten fest zu halten --

Leiser! »bat Auguste« sie schlummert sanft.

»So schlafen wir auch!« entgegnete die Erzählerin und setzte sich,

erschöpft von Nachtwachen zurecht, um nun ein wenig auszuruhn. Die

Baronin aber, der das Mährchen gefallen hatte, versicherte, sie werde

sich durch diesen unzeitigen Schlaf die Nacht verderben, und auch

Hermine schlug jetzt die sanften Augen auf, und erbat sich die

Fortsetzung.

Wenn Ihr es denn befehlt, gnädige Frauen! »sprach Therese,« so will ich

in der wunderseltsamen Geschichte des grünen und gelben Blümchens

fortfahren und wünsche nur, daß mein ungeschicktes Bestreben, Eure

Nachsicht verdienen mögen.

Auguste nickte lächelnd, Hermine warf ihr einen Kuß zu und diese sprach

--

Ihr könnt glauben, daß sich Amanda vor Freuden nicht zu fassen wußte,

wenn die Eine sie die beneidenswertheste Braut nannte, die Andre nicht

müde ward ihr jeden seiner Reitze vorzuzählen; wenn eine Dritte, Vierte

und Fünfte bey jeder Liebkosung die er Amanden brachte, aus Mißgunst

theils und theils aus Mitgefühl erröthete. Aber die Freude der

Eigensucht ist ein flüchtiger Wildfang. Er fliegt am Arm der eitlen Hore

fort und keine Fessel bindet ihn.

Immer hatte der Vielgetreue sonst, von den Grazien gemieden, des Winkes

seiner Braut gewärtig gestanden, jetzt mußte sie oft Stundenlang den

zarten Hals verlängern um ihn im dichten Mädchen-Kreise auszuspüren.

Sonst labte er sie während der Tänze mit Thee, kredenzte ihr bey Tafel

den Wein und den Kühltrank, jetzt trank er diesen, erhitzt vom Walzer

selbst, und hatte dann soviel mit seiner Mühmchen-Schaar und ihren

Nachbarinnen zu verkehren, daß die Vergessene oft voll Ingrimms in den

Fächer biß.

Sonst pries er sich selig sein gewaltiges Haupt auf dem Halse einer

Huldgöttin wiegen zu dürfen, jetzt scheinen diese Wiegen im Preise

gesunken und Hände, die ihm sonst im Pfänderspiel bald Schnippchen

schlugen, bald in die Wade stachen, lockten den verwandelten Amatus

jetzt, der Taube gleich, mit sanften Flügel-Schlägen. Bald schwindelte

ihm der Apollons-Kopf, die Weibergunst blies ein Licht seines Verstandes

nach dem andern aus; nur wie zur Frohne schlich er nun mit dem

getheilten, erkälteten Herzen zu der schmollenden Braut. Die fromme

Gutmüthigkeit, die reine Treue, die sittliche Güte, der schöne Kranz

seltener Vorzüge, über dem Amanda früher oft die vermißte Blume der

Körper-Schönheit vergessen hatte, war bis auf die letzte Spur

verschwunden.

Die getäuschte Braut verwünschte ihre Uebereilung, sah täglich nach

allen Winden hin der alten Bettlerin entgegen und in jedem Spital-Weibe

Balsaminen. Aber diese ließ sich weder hören noch sehen.

Als endlich das zerfallene Paar eines Abends wieder in finsterer

Zwietracht auf der Rasenbank saß, fiel Amanden am Schluß ihrer

Gesetz-Predigt, die, gleich allen Predigten, wo nicht ungehört, doch

unbeachtet blieb, der Kreuzweg in's Auge. Sie gedachte des Störenfrieds

welchen das Mütterchen dort gepflügt hatte, sammelte von einem Gedanken

überrascht, die ganze Flora dieses Platzes in ihre Schürze, tratt vor

den schweigenden Flattergeist hin und sprach -- Wie kräftig! Riech ein

Mahl! Spöttisch warf er den Kopf in die Höhe, Amanda aber flehte jetzt

so liebevoll und hob ihr Schürzchen so hoch empor, daß Amatus endlich

der unschuldigen Bitte nachgab, zu ihrer Verzweiflung immer noch schöner

ward, und nach öfterm Gähnen plötzlich davon ging. Sie sah ihm

hoffnungslos, wie damahls Balsaminen nach, und o Himmel, da kam die Fee

ganz unverhofft am Krückenstabe in der Allee herab. Amanda griff zu

ihrer Arbeit und that als habe sich kein Wässerchen durch ihre Schuld

getrübt.

Guten Abend, schönes Fräulein! »sprach das Mütterchen« ich seh ihr weint

nicht mehr, und werdet mir nun um so williger eine Gabe reichen.

Ich wollte alles was ich habe, darum geben »entgegnete Amanda« wenn mein

Liebster noch häßlicher als zuvor, und wieder der Alte wäre. Euer

verwünschtes Blümchen hat nichts als Unheil angestiftet, und wenn Ihr

mich lieb habt und Euch mein Unglück zu Herzen geht, so sorgt dafür daß

er künftig nur mir gefalle, denn wenn auch seine Nase den Kunstsinn

nicht befriedigte, so würde ich ihn doch viel lieber ganz ohne diese,

als in einer so hoch stehenden sehen; auch zieh ich jetzt ein Auge, das

liebevoll an meinen Winken hängt, und wäre es grau und schielend, den

schönsten Sternen vor, die ohne Auswahl allen leuchten.

Ihr hättet bedenken sollen »sprach die Fee« daß es auf Erden keinen

Gewinn ohne Verlust, kein Licht ohne Schatten geben kann, und daß die

reichsten Geschenke der Natur, in der Regel, durch die häßlichsten

Fehler verdunkelt oder aufgewogen werden. Die Vollkommenheit, schönes

Fräulein, erscheint hienieden, gleich dem Silberblick edler Metalle, nur

wie ein flüchtiges Meteor, und der Phönix ist kein Spielzeug für Kinder

die noch, wie Ihr, dem unscheinbaren Kleinod einen rothbäckigen

Hampelmann vorziehn.

Das Fräulein gab ihr in allem Recht, bat aber flehentlich um irgend ein

anderes Blümchen, das den unseligsten aller Zauber zu lösen, und ihren

Amatus wieder so häßlich, aber dabey auch wieder so gut als zuvor zu

machen vermöge. Euer nächster Kuß »erwiederte Balsamine« wird, wenn es

Euch anders Ernst damit ist, die Wirkungen des Blümchens aufheben, nur

sehet, zu was ihr thut, denn wer nach dem Unvergänglichen strebt, darf

kein Opfer scheun, und den Götzen nicht schonen, wenn er die Götter

versöhnen will. Am Ende könntet Ihr mich wohl wie gestern verwünschen

und ich würde dann ganz unfähig seyn ein so bestandloses Herz zum

dritten Mahle zufrieden zu stellen. Aber seht, dort kömmt Euer

Ungetreuer mit einer ganzen Schaar lockender Jungfrauen in der Allee

herab. So lebt denn wohl, armes Fräulein und fortan in der festen

Ueberzeugung, daß nur ein bösartiges Gemüth den Menschen entstellt, ein

edles hingegen auch über die entschiedenste Häßlichkeit einen

gewinnenden Zauber verbreitet.

Amanda vernahm diese Worte kaum und bemerkte das plötzliche Verschwinden

der Fee um so weniger, da ihre gefährlichste Nebenbuhlerin an seinem

Arme wandelte und die andere ihm ein Liedchen vorsang, daß die Sehnsucht

des liebekranken Herzens aussprach. Sie rauschte einer Windsbraut

ähnlich, nach der Allee hin. Amatus ließ, von dem Anblick bestürzt, den

Arm der Begleiterin aus dem seinen fallen und fühlte seine Lippe mit

tausend gierigen Küssen bedeckt. Der Mädchen-Kreis schlich spöttelnd und

beschämt abseits, sie aber lachte laut als das Antlitz des Geküßten

plötzlich in die frühere, abschreckende Form zurückschnellte. Sie lachte

zu früh.

O Himmel »rief jetzt Amatus« wie siehst Du aus? Was ist meiner Amanda

begegnet? Welcher schadenfrohe Zauberer hat Dich Arme in einen Spiegel

verwandelt der mein abstoßendes Ebenbild zurückwirft? Erblassend warf

Amanda einen Blick in den Bach der zu ihren Füßen wallte, und sank

bewußtlos an ihm nieder, denn Amatus hatte Recht.

Ermahne Dich! »bat er, als das frische Wasser mit dem er die Verwandelte

bespritzte, sie aus dem Scheintod des Entsetzens erweckte« Wir wollen

nun recht glücklich seyn! Mir ist aus der Götterlehre bekannt wie es dem

Häßlichen erging als es sich mit dem Schönen vermählt hatte, und welche

Rolle dem armen Vulkan an der Seite der Liebesgöttin zu Theil ward.

Dieser Sorge seh ich mich jetzt auf immer überhoben und Ergebung in das

unbeugsame Schicksal wird Amanden in meinen Augen viel reitzender als

vorhin machen.

Die Unglückliche beweinte jetzt ihr thörichtes Beginnen und fast ging

ihr der doppelte Verlust ihres schuldlosen Freundes mehr noch als der

eigene, verschuldete zu Herzen. Der Bräutigam aber war nie fröhlicher

gewesen und die junge Frau bereits seit Jahr und Tag mit dem Schicksal

versöhnt, als ein engelschönes Kind sie für das mannigfache, aus dem

Verkehr mit der Fee erwachsene Unheil entschädigte. Kaum hatte Amanda

den Kleinen an ihr Herz gedrückt als sie plötzlich wieder schöner denn

je ward; kaum neigte sich der gerührte Gatte zu dem Engel nieder als ihm

dasselbe wiederfuhr. Das liebende Paar umarmte sich, still entzückt,

über dem Kinde und ich Ungeliebte bitte die gütige und weise Balsamine,

daß sie meine gnädigen Frauen sowohl als diesen kleinen Fee-Sohn in

ihren freundlichen und mächtigen Schutz nehme.

Allerliebst! »sprach Auguste« und Dir bescheere sie einen Amatus.

Hermine, die zu schlummern schien, richtete sich plötzlich auf und

sprach -- Es ist nicht gut daß Ihr es wagtet mich so plötzlich, so ohne

alle Vorbereitung zu erfreuen. Aber, warum zaudert Er denn? Führt ihn

doch näher -- Her an mein Herz! Ach, Du Geliebter!

Auguste und Therese sahen sich betroffen an und nach der Thüre hin an

der Herminens Augen fest hingen, dort aber ließ sich nichts erblicken

und die Kranke sank mit geschlossenen Augen in das Kissen zurück.

Drey und zwanzigstes Kapitel.

Hermine hatte in den folgenden Abenden genau um dieselbe Stunde dieselbe

Vision und versank darauf jedes Mahl in einen tiefen Schlaf, ohne sich

beym Erwachen des Vorgangs bewußt zu seyn. Augusten faßte allgemach das

Grauen, wenn die bleiche Dulderin oft mitten unter traulichen Gesprächen

nach irgend einem dunkeln Winkel des Zimmers hinwies und getäuscht von

Sehnsucht und Phantasie den Gatten ihres Herzens im leeren Raum sah. Der

Arzt verschrieb, demonstrirte, tröstete und unterhielt die Damen mit

ähnlichen Beyspielen die sie immer noch furchtsamer machten und Therese

kehrte bereits in der Stille zu dem verworfenen Glauben an die

Möglichkeit sogenannter Ahnungen zurück und sah von Tage zu Tage einer

Trauerpost entgegen.

Eben nahte sich der Zeiger eines Abends der Geister-Stunde als Hermine

die Schlummernden mit angsthafter Stimme bey ihren Nahmen rief und sie

bat die Gartine des Fensters aufzuziehen, denn es hat »setzte sie unter

Schauern hinzu« zu wiederhohlten Mahlen leis' und seltsam an die Scheibe

geklopft. Beyde Freundinnen eilten an ihr Bett hin, sprachen ihr zu und

hörten beyde jetzt an der bezeichneten Stätte dasselbe Klopfen.

Ich wache schon seit einer Stunde »entgegnete Hermine« bin ohne Fieber

und habe mit Entsetzen, leise, klägliche Seufzer vernommen, die dem

Klange der Scheibe vorangingen. Fürchtet Ihr Euch so ruft die Wärterin,

denn daß ein Mensch oder ein Geist vor ihm lauscht, ist außer Zweifel.

Die Wärterin, welche in der offen stehenden Kammer schlief und von dem

Gespräch erwacht war, kam jetzt herein, glaubte, vertraut mit Herminens

Zustand, die Kranke durch Erfüllung ihres Willens zu beruhigen, zog die

Gardine rasch empor und fuhr mit einem Angst-Geschrey zurück. Ohnmächtig

sank Auguste am Bette nieder, Therese verbarg ihr Gesicht in den Kissen

der Schwester, Hermine aber wendete sich erbleichend nach der Wandseite

und lispelte -- »Er hat vollbracht.«

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Julius eilte indeß mit Pässen einer neutralen Macht und geltenden

Empfehlungen ausgerüstet, nach der Grenze und traf in Straßburg auf

einen Officier von dem Gefolge des Obersten, der in jenen stürmischen

Tagen auf der Wessenburg sein täglicher Gesellschafter war. Er ging so

eben, dem Tod entronnen, zur Armee zurück, erzählte ihm, daß der

unglückliche Oberste die humane in Feindes Land geübte Schonung mit dem

Leben habe bezahlen müssen, daß er selbst nur durch Zufall demselben

Schicksal entgangen, und daß der Entschluß, sich einem Freund zu Liebe

in den Strudel dieser tobenden See werfen zu wollen, mehr als tollkühn

sey. Der Officier schilderte ihm das Reich der Schrecken mit so

lebhaften Farben, verhieß ihm den gewissen Tod mit so reger Zuversicht,

stellte ihm die Nutzlosigkeit dieses Wagstücks so klar vor Augen, daß

Julius die Erfüllung der Pflichten gegen sich selbst, jeder entferntern

vorzog. Er kehrte fürs erste zu seiner Schwieger-Mutter zurück, welche

wieder auf der Wessenburg hauste, die zufolge geschlossener Verträge

jetzt auf neutralem Gebiete lag, unterrichtete Augusten schriftlich von

der Vergeblichkeit seiner Bemühungen und von der Nothwendigkeit, die

gehäuften, durch den Krieg verstörten Angelegenheiten der Baronin in

Ordnung zu setzen.

Vergebens hatte er bey jenem Zusammentreffen mit dem feindlichen Freunde

nach Woldemars Schicksal geforscht, denn der Officier war kaum

freygesprochen, als er ohne Zögerung auf das Feld der Ehre zurückeilte.

Er wußte nur, daß es der schönen Frau von Wessen, kraft ihrer Reitze,

ihrer Geistes-Gegenwart und Gewandtheit gelungen sey, den Blutdurst der

Richter in milde, menschliche Schonung zu verwandeln, und daß man sie

zugleich mit jenem auf freyen Fuß gesetzt habe.

Fünf und zwanzigstes Kapitel.

Julius fand bey seinem endlichen Eintritt in Herminens Asyl, Theresen in

Thränen, seine Auguste der weißen Rose gleich und die Kranke noch

bettlägerig. Jene sah nicht ohne tiefen Schmerz, die theure vielgeliebte

Schwester allmählig vergehen, diese sah den Freuden der Mutter entgegen,

Hermine duldsam und ergeben in das offene Grab. Der Geist des Geliebten

war seit jenem Abend gewichen, selten nur gedachte sie seiner und auch

dann nur wie die Erinnerung eines längst verschiedenen Jugend-Gespielen

gedenken mag. Auguste hatte nach dem Ergusse der ersten Begrüssungen

nichts wichtigeres als ihren herzgeliebten Gatten von allem was sie hier

erfuhr, empfand und leistete, von Herminens Zustand und der Erscheinung

jener Nacht zu unterhalten. Welchen Zuwachs »fuhr sie fort« meine

natürliche Bänglichkeit unter diesen Eindrücken und Umgebungen erleiden

mußte und unter welchen Empfindungen ich in jener Schreckensstunde nach

der Gardine hinsah, wirst Du selbst fühlen. Aber denke Dir auch jetzt

mein Entsetzen, als der Vorhang nun aufrauschte und ein bleiches

Gespenst durch die Scheibe sah. Der Sturmwind hob ihm die verwilderten

Haare gen Berge, sein Stöhnen zerriß mein Ohr, mein Auge ward von

bekannten Zügen festgehalten und als ich der Sinne wieder mächtig ward,

hatten die Bedienten bereits den Garten durchsucht, hatten ein halb

erstarrtes, in Lumpen verhülltes Schreckbild unter dem Fenster

aufgefunden, und den Unglücklichen in das Gewächshaus gesperrt. Noch lag

Hermine sprachlos da und zeugte zu der Kirche hin. Wir sandten nach dem

Geistlichen. Er hörte mit Erstaunen was uns begegnet sey, vernahm die

Bedienten, ließ sich in das Gewächshaus führen und bereitete mich nach

der Rückkehr aus diesem, auf das Daseyn meines todt geglaubten,

beweinenswerthen Bruders vor, den er sofort für den Augenblick bey sich

aufnahm. Julius faßte voll Erstaunen ihre Hände. Eine Wunde »fuhr

Auguste fort« deren Narbe sich über die Scheitel bis in den Nacken

hinabzieht, ist die wahrscheinliche Quelle seines Wahnsinns, denn bis

jetzt nur wenig lichte Augenblicke unterbrachen. Er vertraute dem Pastor

während eines solchen, daß er schon halb begraben, durch das Mitleid

einer Bäuerin gerettet, geheilt, in das Innere Frankreichs abgeführt

worden sey; daß ihm der heilige Gregor erschienen, ihm zur Flucht

behülflich gewesen sey; daß sein Aussehn, sein Zustand und das Geleite

des Heiligen ihm den Weg gebahnt habe. Er will zuerst auf der Wessenburg

gewesen, dort nicht eingelassen worden und von den Hirten hierher

gewiesen worden seyn. Auch hier fertigt der Gärtner den sinnlosen,

scheinbar wilden Mann vor der Thür ab, er aber steigt bey Nacht über die

Garten-Mauer, schleicht zu dem erleuchteten Fenster hin und veranlaßt

die schrecklichste aller Scenen.

Gern, ach, gern »setzte die Baronin unter herzlichen Thränen hinzu« wär

ich längst an seinen Hals geflogen und hätt' ihm die gesuchte, lang

entbehrte Schwester finden lassen, aber der Pastor gestattet es nicht

und besteht auch darauf, die Mutter in dem Glauben an seinen Tod zu

erhalten. Darum verschob ich die Mittheilung dieser erschreckenden

Neuigkeit bis auf Deine Herkunft, und Du wirst Dir nun leicht erklären

können warum wir, trotz des Dranges Deiner Geschäfte, und der

Triftigkeit Deiner Gründe auf dieser bestanden.

Julius säumte nicht, sich von dem Daseyn eines so merkwürdigen als

Schrecken erregenden Verwandten zu überzeugen, fand ihn tief im Stroh

vergraben das er dem einladendsten Bette vorzog und den Leibes- wie den

Seelen-Arzt an seiner Seite. Jener erklärte ihn, kraft den Folgen der

Wunde welche das edlere Gehirn verletzt habe, für unheilbar, und man kam

überein, den Unglücklichen einer nahen Versorgungs-Anstalt zu übergeben.

Tief bewegt kehrte der Baron jetzt an Herminens Bett zurück die ihm mit

Innigkeit ihre brennende Hand reichte, ihm ihr liebliches Kind an das

Herz legte, und den Freund mit süßen, tief eindringenden Worten bat, das

nahe Weihnachts-Fest in ihrem Hause zu begehen.

Gern will ich das! »sprach Julius, ergriffen von Erinnerungen« nur

geloben Sie mir auch dagegen, es mit Heiterkeit zu feyern, und Ihren

Gram in den Strom der ewigen Liebe zu versenken welche diesen Tag vor

allen zum Freudenfest weihte. Mit einem schmerzlichen Lächeln versetzte

sie »Bald, theurer Julius, bald wird mich dieser Strom umfangen.«

Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Zugleich mit Julien war auch Woldemar auf freyen Fuß gestellt worden.

Sie suchte ihn jetzt selbst in seiner Zelle heim und hörte nicht ungern

daß Herr von Wessen während dem, die Aufmerksamkeit der Wächter und

Schildwachen getäuscht und sich aus dem Staube gemacht habe. Woldemar

hielt der Lieblosen eine ausführliche Straf-Predigt. Er rieth ihr, sich

nun ohne Zögern um Pässe zu bewerben und in die Arme ihrer

Schwiegermutter zurückzukehren, wo die Verkündigung der Existenz des

Sohnes, der vielleicht bereits auf dem Wege nach der Heimath sey, der

verlohrnen Tochter eine günstige Aufnahme verschaffen werde; sie aber

setzte sich auf seinen Schooß und sprach --

Da sey Gott für, daß ich einem Verrückten nachziehen sollte, dessen Hand

mir ein unglückliches Verhältniß aufdrang; den die Erfahrung, daß es

keine Rose ohne Dornen gebe, zu einem erklärten Widersacher machte und

der über Verrath und Treulosigkeit schrie, wenn ich mich wohlwollender

zu den geistreichen, theilnehmenden Freunden als an den Schöpfer der

Pein und der Zwietracht hinneigte. Ich bin wie ich bin, guter Woldemar,

und Liebe nur vermag die Flügel des flüchtigen Sinnes zu binden, der

mich so oft schon durch den Himmel zur Hölle, und wieder empor trug.

Wollte das Gemüth jeden wirklichen oder möglichen Unfall, das Herz jeden

Schmerz und jede Verirrung nach Würden berechnen, betrauern und

festhalten, so würde unser Auge vom Weinen erblinden, der Selbstmord

ansteckender als der Schnupfen und die Schwermuth der allgemeine

Charakter des Menschen-Geschlechts werden. Wer in der Narbe noch die

Wunde sieht, wird das Wundfieber nie verlieren, und nur der unnütze

Rückblick auf vergangene Schrecken versteinerte Loths Ehehälfte. Ich bin

vergnügt das Leben aus dem Sturme gerettet zu haben. Was er mir raubte,

verschlingt der Lethe; er ist vergessen.

Sie lächelten wo Männer bebten »entgegnete Woldemar« und machten den

Tyger zum sehnsüchtigen Kinde. Aber nicht alle sind zähmbar und unser

Leben schwebt noch immer, nach wie vor, auf eines Haares Spitze.

So mög' es hinabfallen! ist doch dieses Stündchen noch unser. Willst Du

lachen oder weinen? Ich will es auch. Die frühern Rechte geltend machen?

Da sind meine Lippen. Küsse Dich satt, treuloser Bräutigam, denn daß Du

hienieden noch lachen und weinen und küssen kannst, ist ja mein Werk.

Ich habe Dich erlöst von dem Uebel; komm, bete mich an. Erröthend

wendete er das Gesicht von ihr ab, doch Julie schlang den Arm um des

Spröden Hals, strich das Haar aus seiner Stirn und gedachte jetzt der

schlaflosen Nächte, die ihr die Narbe dieser Stirn gekostet hatte;

gedachte der süßen, berauschenden Situationen auf der Wessenburg, der

Blüthen und der Früchte die sie dort in den Kranz seines Lebens webte.

Er aber wand sich aus dem Arm der Versucherin und sprach »Bedauern Sie

den albernen Thoren, der nur das Achtungswerthe lieben kann, doch Blumen

die für Jeden blühn, wie die benagte Frucht verschmäht.«

Julie sah ihn mit blitzenden Augen und glühenden Wangen an. »Benagt?

Verschmäht?« fragte sie, schnell empört. So bedaure denn auch das

Geschlecht das sich nie ungerochen verschmähen ließ.

Ein Officier unterbrach sie; er forderte den Gefangenen vor die

Schranken des Ausschusses, um dort über seinen geflüchteten

Unglücks-Gefährten Auskunft zu geben.

Sieben und zwanzigstes Kapitel.

Therese trat am Weihnachts-Abend mit dem Kind auf ihrem Arm an Herminens

Bett, und von des Kindes Arme sah ein Wachs-Püppchen auf die Mutter

herab. Das hat ihm der heilige Christ bescheert »sprach die Schwester«

ich fand es unter Deinen Papieren. Hermine verhüllte plötzlich ihr

Gesicht. Das war die Papagena die ihr in jener Nacht sein Daseyn

verkündigte; das treue, prophetische Bild ihrer Zukunft, und jetzt

gleich ihr verblichen. Ein Reihentanz verloschener Erinnerungen schwebte

von dem Püppchen belebt, an ihrer Seele vorüber. Sie gedachte des

Ueberraschenden »_Er ist Dir nah!_« der bangen Betroffenheit, des süßen

Schrecks, des magischen Schlages mit dem der Inhalt des Notenblatts ihr

Herz traf; der Thränen die sie an dem seinen weinte, des himmlischen

Wahnsinns der aus des Lieblings Augen glänzte, von seinen Lippen floß,

durch seine Nerven schauerte -- Gedachte der nahmenlosen, unendlichen

Wonne, der ach, der nahmenlose Jammer folgte, zog jetzt das Kind zusammt

dem deutungsvollen Bild an ihre Brust und bedeckte sie beyde mit Küssen

und Thränen.

Wenn ich bedenke »fuhr sie gefaßter fort« wie vor dem Jahre alles so

anders war! Der selige Onkel schenkte mir willkommene Dinge, drückte

mich liebend an die Brust und nannte mich ein Herzens-Kind. O, welch ein

Wechsel!

Der Wechsel »erwiederte Therese« erhebt uns, indem er uns niederbeugt.

Verklage Dein Schicksal nicht. Wie glücklich ist der Traurige dem noch

die Freundschaft weinen hilft; o wie beneidenswerth der Kranke an dessen

Bett die Liebe wacht. Sey gerecht und erheitere Dich. Sieh, wir

erschöpfen alles für diesen Zweck. Ist auch der Onkel todt, so soll es

Dir doch nicht an Gaben fehlen, wie dieser Tag sie mit sich bringt.

Herzliebste Schwester »bat die Kranke« Habe Geduld mit mir!

Wie sollt ich nicht! Du guter Engel? Meine Wohlthäterin, meine

Schwester, meine Geliebte! Damit küßte Sie tief bewegt Herminens Hand.

Die junge Baronin unterbrach die Vertrauten. Ihre Jungfern trugen einen

lichterreichen Tisch in das Zimmer und stellten ihn vor dem Bett der

Freundin nieder.

Auguste schlug in ihre Hände. Schaut auf »rief sie aus« der heilige

Christ ist da, laßt Euch bescheeren.

Die Kranke richtete sich lächelnd auf, lächelnd starrte ihr kleiner

Woldemar die Lichter an.

Fürs erste »sprach Auguste« ein Hannswurst für den Kleinen. Ganz meines

Mannes Ebenbild -- Und dann dies Jäckchen, das ich für ihn strickte, und

für Dich Hermine dies gestickte Morgenkleid. Bey jedem Stich dacht ich

des süßen Lächelns mit dem Du es empfangen würdest. So lächle denn! ich

bitte Dich.

Helft mir heraus! »bat Hermine« ich muß es anprobieren. Die Freundinen

sahen sich verwundert an, und erstaunten als sie darauf bestand, über

die Kraft-Aeußerung mit der die Kranke ganz im Widerspruch mit ihrer

Schwäche dem Bett entschlüpfte und auf Theresen gestützt sich von

Augusten bekleiden ließ. Endlich und zuletzt »sprach diese« hab ich auch

für ein Spitzen-Häubchen gesorgt. O sieh, das läßt Dir allerliebst.

Wenn sich der Reichthum erschöpft hat »fiel jetzt Therese ein« so tritt

die Armuth bescheiden und verschämt herbey und opfert ihr Schärflein.

Verschmäh es nicht! meine Haare sind es, in ein Halsband geflochten.

Doch würde auch jedes einzelne zu einem Segen, sie würden dennoch nicht

die Dankgefühle meines Herzens erschöpfen. Hermine schlang es hastig um

ihren Hals und ließ sich vor den Pfeiler-Spiegel führen. Lange

betrachtete sich die Schweigende, und lispelte jetzt mit sinkender

Stimme -- »Die Braut im Sterbekleide!« Das Kind sah von dem Arm der

Wärterin an der erhabenen Gestalt der Mutter auf. Sie ergriff es. Hier

»sprach sie zu den Freundinnen und legt' es in ihre Hände.« Hier habt

ihr ein Gegen-Geschenk. Mein köstlichstes! Ermattet wankte sie zum Sopha

hin.

Acht und zwanzigstes Kapitel.

Das Schicksal schien sich endlich an dem armen Gefangenen erschöpft zu

haben. Ganz unverhofft erhielt Woldemar durch die Vermittlung eines

Gesandten, dessen Gemahlin seinem Hause verwandt war, die Erlaubniß, auf

sein Ehrenwort nach Deutschland zurückzukehren. Er eilte nicht, er flog

über den Rhein nach der Wessenburg, wo man ihn denn an Ort und Stelle

wies. Mitten in der Nacht dieses denkwürdigen Weihnachts-Abends

erreichte Woldemar das lang ersehnte Ziel. _Er ist Dir nah!_ rief der

Entzückte, sprang vom Pferde, sah die Fenster noch erleuchtet, die Thür

unverschlossen und suchte jetzt, um nicht durch die Gewalt der

Ueberraschung Unheil anzurichten, vergebens ein dienstbares Wesen auf.

Da stürzte plötzlich eine verweinte Gestalt mit einem Kind in dem Arm

aus der nächsten Thür hervor. Woldemar drängte sie zurück.

Sie ists! »rief er, den Vorsatz vergessend, hingerissen von dem

Zauberbilde der Erscheinung« Du bist's! Das ist mein Kind! Er warf sich

zu des Mädchens Füßen.

Unglücklicher! »stammelte sie« ich bin es nicht! -- Ich bin Therese!

Woldemar sprang empor. Aber Sie lebt! Sie ist hier! »fiel er ein.« Wo?

Wo find ich Sie und _Wie_? -- Das erweckte Kind schrie unter seinen

Küssen. Geben Sie die Hoffnung auf »sprach Therese« meine Schwester noch

in dieser Nacht zu sehn. Hoch über der Wirklichkeit schwebt die

Phantasie und das Bild das jetzt vor Ihrer Seele steht wird dem

Originale schwerlich gleichen.

Ich weiß »entgegnete er« was sie gelitten hat und bin auf den Anblick

eines Schattens gefaßt, denn die alte Baronin verwundete mein Herz durch

die Schilderung ihres Zustandes. Aber mein Hierseyn wird Wunder thun und

stände sie schon mit einem Fuß im Grabe, ich reiße die Verscheidende

empor und hauche neues Leben in ihre Brust.

Ach, _Einer_ nur vermochte das und dieser einzige stieg gen Himmel.

Sie lebt! sie liebt! Sie harrt auf mich. O, eilen Sie, den Retter zu

verkündigen der alle Wunden heilen wird.

Ich fühle mich diesem Auftrage nicht gewachsen »erwiederte Therese« und

gehe, den Baron zu hohlen. Hier ist Ihr Kind. Verfahren Sie säuberlich

mit dem Kleinen. Das Mädchen ging. Unter Schauern der Vaterwonne sah er

in des Knaben Augen. Sie glichen den Augen seiner Mutter die ihn so oft

im Innersten bewegten. »Willkommen!« sagten die Himmelreinen.

Jetzt regt' es sich im Neben-Zimmer. Der Sehnsucht Wellen drängten ihn:

er trug das Kind in seine Wiege, schlich zu der Thüre hin und öffnete

sie, verstohlen, mit leiser Vorsicht. -- Da lag Hermine, bräutlich

angethan, in dem Sopha: das Nachtlicht goß seinen bleichen Schimmer über

die Schläferin aus.

Mein Freund! Mein Woldemar! flisterte in diesem Augenblick eine Stimme

hinter ihm, er fühlte sich mit starkem Arm zurückgezogen und lag am

Herzen seines Julius.

So reizend »versetzte Woldemar nach den ersten Begrüssungen und wies

nach der halb geöffneten Thüre hin« so magisch anziehend hab ich _Sie_

nie gesehn. O, weckt sie auf! Erweckt die Schläferin zum neuen Leben --

Vermöcht ich das! sprach Julius mit zitternder, vom Schmerz erstickter

Stimme.

Der Weihnacht-Abend · 第 6 / 8 题