O. gehörte nicht zu meinen nähern Bekannten, ich konnte es ihm füglich

selbst überlassen, diesen ihm angethanen Schimpf von sich abzuwaschen.

Allein die _levis notae macula_, welche A. der Heidelberger

Burschenschaft angethan, konnte ich nicht sitzen lassen. Ich foderte

ihn daher auf, zu erklären, daß wenn sich die Wahrheit seiner

Behauptung auch herausstelle, die Existenz eines räudigen Schafes in

unserer Heerde unmöglich unserer Burschenschaft präjudiciren könne.

Allein darauf wollte sich A. nicht einlassen. »Ich bleibe bei dem was

ich gesagt habe,« wiederholte er, »und wenn Du dadurch die Heidelberger

Burschenschaft touchirt glaubst, so kannst Du es nehmen wie Du willst.«

--

»Du bist +gefordert+,« war meine nothgedrungene Antwort. Trotz meiner

nicht eben angenehmen Situation, mußte ich in dem Augenblick laut

lachen, was meinen mit seiner Suite scheidenden Gegner zu erbittern

schien. Mir kam nemlich das Einlagerrecht, in den Sinn, ein im

Westphälischen Frieden in Deutschland aufgehobenes und nur für die

Holsteinischen Lande reservirtes Institut, auch +Obstagium+ genannt.

Man verstand darunter die Verpflichtung, wornach der Schuldner

versprach, wenn er seine Zusage nicht erfüllen würde, auf erfolgte

Einmahnung, sich mit einem bestimmten Gefolge an einem gewissen Orte

einzufinden und denselben bei Strafe der Ehrlosigkeit nicht eher zu

verlassen, als bis er alles Versprochene geleistet haben würde. Auch

die Herzöge von Holstein konnten sich auf das Einlager verpflichten,

wenn sie aber ihre Verbindlichkeit nicht pünctlich erfüllten, so

durften sie sich remplaciren lassen und mußten alsdann Drei Räthe für

sie in eine Herberge einreiten, wo immer das +Einlager+ (das auch

deshalb das +Einreiten+ heißt,) gehalten wurde. Einer dieser Herrn

Räthe schien ich mir in dem Augenblick zu sein.

Noch an demselben Tage erwählte ich meinen Sekundanten. Da ich aber nur

den Hieber, mein Gegner den Stoßdegen zu führen gewohnt war, so wurde

ein Pistolenduell unter ziemlich gefährlichen Auspicien beschlossen.

Die Jenaischen Burschenschaftler fühlten sich tief über diese

Verletzung der Gastlichkeit an einem Deputirten gekränkt, um so

mehr jubelten aber ihre Feinde im Stillen, begeistert durch die

Ermunterungen ihres despotischen Generals.

Eine Stunde vor dem Zweikampf ging ich über den Markt, woselbst mein

Gegner sich im eifrigsten Gespräche mit seinem Gelichter befand, das

auf mich, als auf einen Passagier nach Elisum zeigte. Aber siehe,

plötzlich traf mich der Blick des dermal anwesenden Generals.

»Ist das Dein Gegner?« fragte er den bejahenden Nachbar. »Nun« sagte

er, »denn wird aus Eurem Kampfe nichts. Diesse Kehrl hät bi de erste

Pröv von twintig Sorten Beer dat schwarte Köstritzer för dat beste

erklärt.« (Dieser Kerl hat bei der ersten Probe von zwanzig Sorten Bier

das schwarze Köstritzer für das Beste erklärt.)

Der General hatte nie so gesprochen, mein erstaunter Gegner aber

gehorchte mit jesuitischem Gehorsam. Er gab mir eine genügende

Erklärung und der General trank mit uns eine Flasche Köstritzer Bier

zur Versöhnung.

Die Jenaer Philister waren mir von Thibaut ganz anders geschildert,

als ich sie fand. Dieser, welcher dort Professor gewesen, nannte

sie die demüthigsten Menschen, welche ihm je vorgekommen seien. Er

behauptete sogar, daß sie sich in der Anrede der Brieftitulaturen

bedienten, und die lernenden und lehrenden Mitglieder der Academie

mit »Ew Wohlgeboren, Ew Hochwohlgeboren und Ew Hoch und Wohlgeboren«

anredeten. Mir kamen sie keineswegs so demüthig vor, vielmehr wie

enthusiastisch liebende Jungfrauen, welche alle Thorheiten ihres

Liebhabers (hier der Studenten) vergöttern, oder besser gesagt, wie

reine Sancho Pansa’s, welche sich ganz nach ihren Don Quichotischen

Herren gemodelt haben. -- Als ich den alten Kneipier Senfft, in dessen

Hause die Burschenverhandlungen gehalten wurden, zum ersten Male mit

zwei anderen Deputirten sah, bat uns dieser um die Erlaubniß Eine

Frage an uns richten zu dürfen. Da ihm dies gewährt worden, erkundigte

er sich, was für Landsleute wir seien. Als darauf die Antworten »ein

Sachse, ein Kurhesse, ein Holsteiner«, ertheilt worden waren, versetzte

er gravitätisch: »Falsch geantwortet meine Herren! Sie sind alle

+Deutsche+ und das sollen Sie hier erst recht kennen lernen.«

Der Jenaer Burgkeller bot insbesondere zur Zeit des Mittags- und

des Abendessens einen besondern Anblick. -- Wenn man in die Thüre

des Saales trat, der von einem großen Pfeiler in der Mitte getragen

wurde, sah man rechts an einem Tische einige Privatdocenten, welche

unter sich das kümmerlichste Mahl verzehrten was einem geboten werden

kann. Unter ihnen befand sich der Sohn Wielands. Dasselbe Diner wurde

dem Bruder Studio vorgesetzt, welcher die Mitte und den Hintergrund

des Saales einnahm, während die linke Seite von Bier und Branntwein

zechenden Philistern, größtentheils von Frachtfuhrleuten, besetzt war,

welche ungehindert ihren Kneller pafften, der sich mit den magern

Speisedämpfen zu einem, den Göttern gewiß nicht gefälligen Rauchopfer

vereinigte. --

Man speiste von zinnernem Geschirr, die Suppen erinnerten nicht, wie in

Norddeutschland, an einen Pfauenschwanz, höchstens an einen Cyclopen,

denn es war in derselben selten ein Fettauge zu bemerken. Die meisten

Teller boten auf der Kehrseite ein Studium für Alterthumsforscher.

_Condordia res parvae erescunt -- Gloria virtutis comes. -- Vivat

circulus fratrum Rhenanorum_, Elise ist ein Engel, gekreuzte Schläger,

Todtenköpfe. »Falsch ist Jena« »Vivat Jena!« »1763, 1785, 1800,« und

manche mehr oder wenig verwischte Inscriptionen, waren es die den

archäologischen Hunger viel mehr als den physischen befriedigten. Der

räthselkundigste Hosteiner hätte als Oedip auf dem Rathskeller ohne

Zuflüsterung nicht gerathen, daß das graue Zeug, welches man in Rüben

verhüllt ihm auftischte, +Rindfleisch+ sein sollte.

Nach Tisch zog eine große Menge der Burschenschaftler gewöhnlich nach

Ziegenhain. -- Der Wirth war sehr tolerant und verzapfte sein, nach

meiner Meinung mit betäubenden Kräutern geschwängertes Bier fast Alles

auf Credit, jedoch mußte man den ersten Krug mit einem Groschen baar

bezahlen. Dieser Punct war ein präjudizieller. Daher riefen die oft

alles baaren Geldes entblößten Musensöhne, bevor man von dem Markt

zog: »Wer hat einen Spieß, daß ich mitgehen kann?« Und fast immer fand

sich ein Freund in der Noth. --- Sobald aber alle gehörig mit einem

Spieß bewaffnet waren, ging es im lauten Gesange auf das Dorf. Die

Landsmannschaftler zogen nach Lichtenhain, wo eine Cerevisia, freilich

sehr im Anderssein der meinigen haus’te und dermalen ein Bierkönig

»+Thus der achte+« regierte. Ich bin nie dort gewesen. Abends zog der

Schwarm brüllend heim, am andern Morgen aber erinnerten die blassen

Gesichter der Bierhelden, welche nicht so frisch wie die Walhallahelden

aufgestanden waren, an die Theriakisten, (Opiumesser) der Türken.

Die Jenaer Burschenschaft, so arm sie auch war, bewirthete die

Deputirten auf eine höchst gastliche Weise. Jeder theilte sein Logis

mit den Burschen, welche sich zum Congreß eingefunden hatten, es

wurde nicht allein den Deputirten während ihren ganzen Aufenthaltes

freie Kost gereicht sondern demselben an den Sessionstagen sogar eine

Flasche Würzburger vorgesetzt, eine so rührende Gastlichkeit, daß sie

selbst die Säure des Weines überwand. Ja man ging soweit innerhalb des

Umkreises von einer Meile jeden Deputiten zu signalisiren und jedem

Wirth bei Strafe des Verrufs zu verbieten, von einem Deputirten Zahlung

zu nehmen. --

Mir fiel oft das Sprichwort dort ein -- »Ein Engel löffelt mit dem

Andern.«

Unter den Deputirten waren Leute, die jetzt einen ausgezeichneten Namen

und bedeutende Stellungen sich erworben haben. Obgleich ich es für ganz

unpräjudicirlich für sie halte, dieselben namentlich aufzuführen, da,

wie ich bereits erwähnt habe, die Acten ergeben, daß jene Versammlung

nur das Gas entwickelte, welches alle Fürsten Deutschlands von

Napoleonischem Drucke befreit, daß die Idee eines Deutschen Bundes

in das Leben gerufen hat, und daß die Fürsten um Gotteswillen zu

conserviren haben, so scheue ich doch jeden Vorwurf einer Indiscretion,

und will mich daher begnügen hier nur zweier zu erwähnen, die jetzt

schon in zweiter und letzter Instanz gerichtet sein werden. Es sind

dies +Loresen+ und +Sand+. Der Dänische Canzleirath Loresen war damals

von Kiel deputirt. Ein blonder, breitschulteriger Insulaner imponirte

er mehr durch seinen Körper, seine Gutmüthigkeit als durch seinen

Geist. Man kam in Versuch diesen kräftiger zu halten als er war und es

ist mir ohne allen Zweifel, daß alle seine nachherigen Schritte, von

denen ich übrigens keinesweges unterrichtet bin, von ihm nur auf fremde

Einflüsterungen gethan sind. -- Überhaupt ist es nicht zu leugnen, daß

die Deutschthümlei in jener Zeit sowohl im guten wie im bösen Sinne

über die Maaßen einseitig und oft nur zu Werkzeugen Anderer machte.

Gewiß paßte auf Viele damals der bekannte Satz:

»Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.«

Ein ähnlicher Character war der +Sands+. Die Ermordung Kotzebues war

lächerlich und deutet hinlänglich auf die partiale Schwachköpfigkeit

des unglücklichen Mörders. Und dennoch war viel Edles und Großes in

ihm verborgen. Nicht ohne Rührung sind folgende Worte zu lesen, die er

mir in das Stammbuch schrieb, als ich voll heiterer fast französischer

Laune ihm das Epigramm beim Abschiede geweiht hatte:

Lieber Freund, wer Dir vertraut,

Der hat auf keinen +Sand+ gebaut.

Sand, dem alle Scherze fatal waren, und den ich wenigstens nie lächeln

sah, antwortete darauf diese ernste Worte:

»Die Kraft, jegliche die Du hast, ist dem Vaterlande, damit du ihm

selbst heimbezahlen die unerlösliche Schuld für Sprache, Sitte und

Erziehung für den Boden, worauf Du groß geworden bist und auf welchem

Du Deine Thaten üben willst, für Alles was Du von ihm hast. Dieses

wollen wir wohl bedenken, -- aber wollen wir dann noch Wohlgefallen

haben an der bisherigen Kleinheit, oder suchen wir wieder die Größe und

Erhabenheit der alten Zeit? Soll uns endlich das ganze deutsche Land

zum Tummelplatze werden, und wollen wir uns eines Volkes erfreuen, daß

nach altem Brauche den mächtigen Schiedsrichter in Europa zu machen,

berufen ist?«

Wir haben Ja gesagt und wollen dem nachleben. --

Jena, am Burschentage vom 29. März

bis 14. April 1818.

Dein deutscher Bruder +Carl Sand+,

G. G. B. aus dem Fichtelgebirge.

Merkwürdig war es, daß, als ich Sand Lebewohl sagen wollte, ich

denselben auf seinem Sopha liegend fand. Er schien eine Anwandlung von

Pleuresie zu haben, denn er griff mit der Hand krampfhaft in die Seite

und rief mir zu: »Lebewohl! ich sterbe an diesem Stich in der Brust.« --

Als ich in Weimar den Postwagen bestieg um über Göttingen den Rückweg

nach Heidelberg zu machen, war mein Mitpassagier der Sohn Kotzebue’s,

den allerhand Spöttereien welche man aus Rache seinem Vater, ich

glaube bei einer maskirten Schlittenfahrt, angethan hatte, von Jena

vertrieben hatten und der Deutschland verließ, um seine Studien in

Dorpat zu beendigen. Er war ein liebenswürdiger Mensch und ist eine der

angenehmsten Bekanntschaften meines Lebens.

Während ich diese Memoiren schreibe und nach einem von mir entworfenen

Schema die einzelnen Begebenheiten zu einer Schnur zusammen reihe,

komme ich mir vor wie ein Fährmann der bereits vom Ufer abgestoßen

ist, von demselben her aber noch immer ein »Heda! nimm mich doch auch

mit!« vernimmt. Die Erinnerungen tauchen in mir zu Hunderten auf,

ich muß alle Augenblick verneinen um nicht gar zu viel Überfracht

zu bekommen. Mir wird dabei ängstlich, wie einem Reisenden, der auf

der Schnellpost reiset und nur 30 lb. an Bagage frei hat. Und was

zeigt sich da meinen Blicken? Nichts weniger als ein Todter, ein

Leichenhemd. Eine Geistergeschichte, die, weil sie erlebt ist und

wahrscheinlich noch von einem Lebenden außer mir documentirt werden

kann, wohl berechtigt ist, noch als Passagier in das Schiff meiner

Erzählung zu steigen. -- Das ganze ist eine sogenannte Vorahnung

worin ich überhaupt ziemlich stark bin, obgleich ich sonst nicht zu

den Sonntagskindern gehöre. Das mag indessen in meinem Blute liegen.

Träumte doch meinem ältesten Bruder, Peter von Kobbe, dem Historiker,

einem dreizehnjährigen Knaben, in der folgenden Nacht, da sich das

Ereigniß im mittelländischen Meere zugetragen hat, die Schlacht bei

Trafalgar, (mit Ausnahme dieses Namens) der Tod Nelsons, die Zahl der

von ihm eroberten Schiffe, das Datum der Schlacht, die Nummer des

Hamburger Correspondenten worin diese gemeldet wurde, und der ganze

Artikel, welcher den Sieg und die Himmelfahrt Nelson’s enthielt. Sah

er doch in Itzehoe in dem Hause der Generalin +Hedemann+ einen

Tag vorher die Leiche eines Knaben in jedem Zimmer, der am andern Tage

aufgefischt und in das Haus der Generalin gebracht wurde. Mein Bruder,

ein Mann von seltener Gelehrsamkeit, der als rühmlichst bekannter

Geschichtsforscher dem legitimen Princip ergeben ist, hat für seinen

Kaßandratact die Undankbarkeit der Fürsten erfahren, welche ihm ehren

sollten, wie keinen seines Gleichen, und ihm ein Prytaneum bauen. Ich

bin aus zu luftiger Construction, weder für Aristokraten noch für

Democraten recht brauchbar, aus viel Respect gegen den Himmel und aus

viel Verachtung gegen die Erde zusammengesetzt und daher ein Humorist

geworden, oder besser gesagt, geblieben, habe übrigens meine Qualität

als Geisterseher, wovon ich noch einige andere merkwürdige Beispiele

erzählen könnte, wahrscheinlich für dieses Leben verscherzt. Erzogen

von einem frommen Großvater im sogenannten Mysticismus, wofür ich

übrigens Gott als Poet noch auf meinen Knieen danke, habe ich alle

meine Sonntagskindseigenschaft durch eine ganz im Ernste gemeinte

Bemerkung meines Freundes v. St. verloren, welcher kurzsichtig war und

nach einer Relation mehrerer Geistergeschichten in einem Kreise von

Freunden sich höchst naiv über seinen Mangel an Aperception von solchen

Dingen mit den Worten darüber beklagte: »Ich kann leider! keine Geister

sehen, weil ich einen Geist nicht von einem Bettlacken zu unterscheiden

vermag.« Seit dem heftigen Gelächter, worin ich damals über diese

_crassa minerva_ ausbrach, bin ich kein Seher mehr, sondern nur

noch höchstens ein Fühler geworden. Ich fordre den Buchhändler Herrn

Berndt zu Oldenburg hiemit zum Zeugen auf, ob ich ihm nicht im Jahre

1832 als eine Neuigkeit erzählt habe, +daß ich innerhalb drei Tagen

ein Bein brechen würde+. Am zweiten Abend hatte ich durch ein bloßes

Ausgleiten die _tibia_ zersprengt. --

Vielleicht hätte ich übrigens Restitution als Geisterseher bekommen.

Allein ich habe einen zu rationalistischen Weg eingeschlagen, der mich

bald ganz um meine Swedenborgschen Eigenschaft bringen wird. Da nämlich

der Zufall mich auf alle Weise chicanirt, habe ich mich entutirt,

denselben zu besiegen. Ich habe ihn lieb gewonnen, wie Richard Savage

seine grausame Mutter, ich lasse nicht von ihm, ich erscheine ihm bald

als Berliner, bald als Braunschweiger, bald als Osnabrücker, d. h. ich

spiele häufig in der Lotterie, und verwende alle meine Sehergaben dabei

um einen großen Gewinn zu ergattern. Ja, mein Streben geht soweit, daß

wenn ich in stiller Mitternacht zu meiner _villa_ kehre, welche vor

dem Heiligengeistthore unfern des Kirchhofes liegt, und den Todtenweg

hinunter wandre, auf dem es bekanntlich in dieser Stunde nicht recht

richtig ist, -- -- sobald mir irgend ein Geist begegnet, sei es ein

edler Hingeschiedener im unversehrten Todtengewande oder nur so ein

Lump in der Form des Bettlakens, ich sogleich rufe: »Bester! oder

Beste, welche Nummer in der Preußischen oder in der Braunschweigischen

Lotterie wird das große Loos gewinnen?« Die Verstorbenen müssen

allerhöchste Ordre haben, auf diese epinöse Frage, vielleicht aus

Furcht, daß der souveraine Zufall sie doch nachher blamirt, nicht zu

antworten; sogleich wenden sie sich. Wenn man darauf losgeht sind

sie verschwunden und man muß sich Mund und Augen wischen, in denen

sich dann höchstens von der ganzen Erscheinung, noch etwas alter

Weibersommer befindet.

Doch zur Sache. -- Ich logirte in Jena bei zwei Gebrüder B. aus

Mecklenburg, welche in der Apotheke am Markt wohnten. Eines Tages

ging ich mit Sand und einem Andern, dessen Name mir entfallen ist,

ich glaube aber es war der jetzige Professor +Leo+ in Halle über das

_forum_ vor das Thor, um einen Platz zu suchen, wo wir am 3. März zur

Feier der Einnahme von Paris eine Eiche pflanzen wollten, welches

auch an dem fraglichen Tage mit großer Feierlichkeit vollführt worden

ist. Ich beklagte mich, daß der Taback schlecht sei und daß ich um

mich Sächsisch-Weimarsch-Eisenachsch auszudrücken, den +Lausewenzel+

nicht mehr +bleffen+ möge. »Ei!« bemerkten meine Begleiter, »wenn Du

sechs gute Groschen für das Viertelpfund anwenden willst, so gehe nur

in den Kramladen da, dicht neben der Sonne, da kannst Du Hamburger

+Justus+ bekommen.« »Hängt!« (das lateinische _accipio_) entgegnete

ich burschikos und ging in das mir bezeichnete Kaufhaus, worin sich

der Krämer mit seinem Lehrburschen befand. Die Anderen warteten meiner

draußen. --

Ich foderte den mir bezeichneten Taback. Der Kaufherr erklärte mir,

daß die fragliche Sorte auf dem Boden liege, daß er sie mir holen

wolle. Aber in demselben Augenblicke sah ich diesen guten Mann als

+Leiche+ auf einem Paradebett. Die Vision schwand indessen sogleich und

beängstigte mich eben auch nicht sehr, denn es war heller Mittag. --

Nichts desto weniger bemerkte ich dem Ladenjungen: »Geben Sie Acht Ihr

Herr stirbt bald.« »Ei warum entgegnete dieser, er ist ja kerngesund.«

»Er ist so corpulent,« versetzte ich, hiedurch Entscheidungsgründe für

mein Gottes-Urtheil suchend.

»O das hat nichts zu bedeuten,« versetzte der Lehrling. »Ich kenne den

Herrn schon seit vielen Jahren, er hat immer so ausgesehen.«

In dem Augenblicke kam der Kaufmann und überreichte mir das Paquet

Taback. Ich zahlte, glotzte ihn noch einmal an und fühlte nun wohl daß

ich mich total geirrt hatte. Er sah in der That kerngesund aus.

Wenn man im Norden einen Bauer fragt: »Freund! wie weit habe ich bis

zu X.?« so hört man nicht selten die Antwort: »Eine Pfeife Taback.« Es

wird von den Antwortenden darunter eine gewisse Zeit verstanden. In

diesem Sinne kann ich von einem Viertelpfund Taback weiter referiren.

Ich blies meine letzte Pfeife nach wenigen Tagen aus dem zweiten Stock

der Jenaer Marktapotheke in die Luft, als ich vor dem bereits erwähnten

Kramladen, dicht an der Sonne, einen Leichenzug halten sah.

Ich gestehe, nie in meinem Leben von einer solchen innern Angst

ergriffen worden zu sein, als an dem fraglichen Nachmittage. »Seht

Ihr,« rief ich aus, abermals eine Vision wähnend, mit dem Finger nach

dem Kramladen zeigend, »seht Ihr was dort vorgeht?«

»Es ist ein Leichenzug,« war die, aus dem Munde der Gegenwärtigen

einstimmig hervordringende Antwort.

In Bremen lebt ein geistreicher Schiffsmackler Namens +Heineken+, der

erste und vielleicht der einzigste, welcher nach einem Compaß von

Schwedisch nach Russisch Lappland gesteuert ist. Zehn Tage und zehn

Nächte hat derselbe sich mit gefrorner Milch und Fleisch vom Rennthier

und mit Branntwein genährt, und schon die Hoffnung aufgegeben, je

wieder menschliche Wohnungen in diesen Schnee- und Eisgefilden zu

finden, als er endlich am eilften an einem Tannengehölz gekommen ist,

aus dem ein Hundegebell ihm die Nähe von bald gefundenen Menschen

verkündigt hat. »Nie,« pflegte er oft zu sagen, »hat mich eine

menschliche Stimme, nie der Ton einer Sängerin so entzückt, wie dies

Wau-Wau eines unvernünftigen Thieres.«

So war auch mir zu Muthe, als ich merkte, daß meine Erscheinung kein

Spuck sei, sondern diesmal wirklich Realität hatte. Neugierde und

Tabacksbedürfniß führten mich indessen noch an demselben Tage in das

Haus des Krämers, dessen Tod mir die Nachbarn bestätigt hatten. Im

Anfang gab der Bursch mir sorglos die verlangte _herba nicotiana_;

als ich ihn aber an meinen prophetischen Spruch erinnerte, wurde er

kreidebleich und rief aus: »I Herr Jesus es ist wahr, Sie haben den

Tod meines Herrn vorausgesagt, er ist noch an demselben Abend, da Sie

zuletzt hier waren am Schlagfluß gestorben.«

Ich überlasse die nähere Anatomie dieser Geschichte den Medizinern,

Philosophen und selbst den, bald hiezu berechtigt werdenden

Wassertrinkern, wahr ist sie auf Cerevis und Ehrenwort. Überhaupt

lüge ich nie, habe es auch nicht nöthig. Denn warum? Es wäre dies

ein abscheulicher Luxus. Mir passirt Gott sei Dank! und Gott leider!

vielmehr, als sich die tollste Fieberphantasie auszubrüten vermag, und

vor allen auf Reisen; ich brauche oft nur das Erlebte zu schildern um

zu riskiren, daß man mich für einen Münchhausen hält. Zwar gilt von mir

auch der Göthische Vers:

»Das Geisterreich ist nicht verschlossen;

Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist todt,

Auf Schüler! bade unverdrossen

Die ird’sche Brust im Morgenroth.«

Ich bin vigilant und _Vigilantibus_, »_jura sunt scripta_« sagen

wir Juristen. Zudem versäume ich nicht leicht eine Gelegenheit, um

meinen Abentheuerschatz zu bereichern. Wenn ich reise und es bricht in

dem Orte wo ich mich befinde, sei es auch in der weit entferntesten

Vorstadt, Feuer aus, so stehe ich auf und eile hin, wie ein guter

Landesherr, weil ich mich für einen humoristischen Prinzen von Geblüt

ansehe, dem zu Ehren das Feuerwerk gegeben wird.

Hiebei fällt mir wieder eine Erzählung aus dem Philisterio ein, die an

das Unglaubliche gränzt und meinen Satz schlagend bewahrheitet. Also

wieder ein Passagier der in mein Schiff springt.

Ich besitze das Talent, so ziemlich jeden Dialect zu copiren, und ein

wie schlechtes musicalisches Ohr ich auch habe, so scharf und sicher

höre ich doch aus jeder Rede des einzelnen Deutschen den Ort seiner

Geburt oder besser gesagt, seiner Erziehung, und bin dabei im Stande

die meisten gehörten Idiome zu reproduciren.

Hiebei will ich eine Historie zum Besten geben, welche der

Vergangenheit entrissen zu werden verdient. --

Vor ungefähr 6 bis 8 Jahren saß ich in den Gasthof _hôtel de Russie_ in

Oldenburg an der _table d’hôte_, mir zur Rechten der noch lebende Agent

Herr +Jürgens+, am Ende der Tafel ein Hannoverscher Officier Herr Major

+Magius+, welcher mit seinem Nachbar sich über Paganini unterhielt.

»Können Sie nun wohl rathen, was der Officier für ein Landsmann ist?

raunte mir mein Nachbar zu.« --

Ich besann mich, auf die Rede des Majors horchend, dann aber sage ich:

»Der Herr spricht wie ein +Lübecker+.«

»Wollen Sie eine Flasche Wein darauf wetten?« lächelte Herr Jürgens

scherzend.

»Die ist gehalten,« entgegnete ich.

Ich wartete nun bis Herr Magius einen Punct in der Rede hatte und bat

ihn dann da wir eben eine Wette gemacht hätten, um Bescheid was er für

ein Landsmann sei.

»Das werden Sie nun und nimmer rathen,« versetzte der Herr Major

ablehnend, und gab dann eine Menge, mich freilich nicht von meiner

Juryüberzeugung abbringende Gründe an, weshalb es unmöglich sei, daß

ich seine Heimath errathe. Mir ist nur der, seines längern Aufenthaltes

in Italien vor allen noch erinnerlich. --

Endlich schloß der Redner: »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich ein

geborner +Lübecker+ bin.«

»Ich danke Herr Major! ich habe meine Wette gewonnen.«

Während mein Treffer dem Herrn Magius wol etwas magisch vorkommen

mochte, ich hingegen mich des Triumphzuges meines Steckenpferdes

freute, erhob sich ein jüdischer Kaufmann, welcher mir die viel

kitzlichere Frage stellte ob ich wol merken könne woher er denn sei.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 8 / 10 段