bewaffneten Duals ertheilte, lautete durchaus friedlich und beruhigend.
Ich fühlte mich auch von der Gerechtigkeit des Ansinnens überzeugt,
wie durch die Wichtigkeit, welche man unsern Flambergen beilegte,
geschmeichelt. Nachdem aber der Abschied von unserm P. einige
Champagnerpröpfe gelößt, der edle Epercoy und der Trennungskuß von
unserm scheidenden Freunde unserm Gemüth über die bürgerliche Ordnung
gehoben unsere klappernden Damascener uns wieder an das Kriegsrecht
erinnert hatten, bewog ich im kecken Übermuthe den mit mir zu Rosse
steigenden v P., eine durchbrochene Bohnenstange, die gerade im Hof
lag, zu theilen, mit welcher Hälfte wir Jeder bei mittelmäßiger
Beleuchtung, als sei sie ein Sarras durch die schwach erleuchteten
Straßen ritten. Aber wir waren kaum mit unsern spatbegabten Rossen bis
vor die Hauptwache gelangt, als wir den Ruf eines donnernden Haltes
vernahmen und eine große Menge Bayonette zu gleicher Zeit uns entgegen
starrten.
Ich entsinne mich nie, selbst nicht von der Hannoverschen reitenden
Artillerie ein Mannöver mit solcher Schnelligkeit ausgeführt gesehen zu
haben, als diese Umzingelung. Es ist schade, daß sie den Annalen der
Kriegskunst zu entgehen droht.
»Meine Herren Sie sein Arestanten, weil Sie den Sabel gezogen« rief ein
hervortretender Schwäbischer Officier. -- »Um Vergebung unser Säbel
schlummert schon in der Scheide wie wir innerhalb zwei Stunden ein
Gleiches in Heidelberger Betten zu thun hoffen,« war meine Antwort.
»Wir führen jeder bloß eine halbe Bohnenstange bei uns, um unsere Gäule
zur Rückkehr noch mehr anzuspornen. Überzeugen Sie sich selbst Herr
Lieutnant!« --
Bei diesen Worten übergeben wir die vermeintlichen Säbel zur
Ocularinspection. Der Lieutnant war Humorist genug, den Scherz launig
aufzunehmen und durch Nachsicht die rigoristische Ordre des Generals
auszugleichen. Er lächelte, ließ einrücken und wünschte uns eine gute
Reise. -- Unser Abentheuer erregte aber doch noch lange _furore_
unter den Burschen, zumal da es ohne nachfolgende Geldstrafe, Carcer
oder gar Relegation vollbracht war. --
Ein wahrhaft boshafter Streich wurde von einem gewissen F. an einem
Heidelberger Philister begangen. Dieser ein Metzger, wenn ich nicht
irre mit Namen »+Eisengrein+« sollte sich gegen den ersteren einer
Grobheit schuldig gemacht haben, welche F. fürchterlich zu rächen
verhieß. Er stiftete zu diesem Ende einen Trinkorden »die Ritterschaft«
bei welchen das Biertrinken »Lanzenbrechen« hieß, das aber in ein so
bestialisches Trinken ausartete, daß eben in der Ritterschaft später
der intendirte Sauf-Selbstmord vorkam, dessen früher gedacht ist.
Jedes Mitglied der Ritterschaft mußte vor der Aufnahme dem Metzger
Eisengrein einen Possen gespielt haben und dies wöchentlich
wiederholen. Das Begangene wurde dann beim Gelag wiederholt, wozu der
Refrain gelautet haben soll.
1) Wer wird denn wohl der Thäter sein?
_Chorus._ »Der Metzger Eisengrein.«
_Calumniare audacter, semper aliquit haeret._
Der ganz beliebte Schlachtermeister Heidelbergs kam gar bald um seinen
guten Ruf und wenn irgend etwas Übeles verübt worden war, da zischelten
alsbald die verleiteten Mitbürger sich kopfschüttelnd in die Ohren:
»Das hat gewiß wieder der malitiöse Schlachter +Eisengrein+ verübt.«
Wenn Eisen greinen könnte, Eisengrein hätte es gewiß gethan.
Siebentes Kapitel.
Die Wartburgsfeier. Die Mißgriffe mehrerer academischen Senate.
Rippel. Reise zum Burschencongreß nach Jena. Gotha. Weimar.
Schillers Denkmal. Die Pfannkuchen in Kunitz. Der Halbmeister von
Jena. Ankunft in Jena.
Im Jahre 1817 hatte die Jenaer Universität ein großes Ausschreiben
an alle Deutsche Hochschulen erlassen und dieselben zur Feier des
+Wartburgfestes+ eingeladen. Schon damals war ich von der Heidelberger
Burschenschafft zur Gesandschaft designirt. Der Gedanke aber, daß ich
ein »Brandfuchs« (Student im zweiten Semester) mithin ein gar zu junger
Botschafter sein würde, veränderte die mir günstige Majorität zu meinem
Nachtheil. Mein Freund L. erhielt eine Stimme mehr als ich, und reißte
fort nach Eisenach.
Diese Feier ist vielfach besprochen worden und hat wahrscheinlich
zuerst die polizeilichen Augen der Regierungen auf die Deutschen
Hochschulen gelenkt. Das übermüthige Verbrennen eines Hessischen
Zopfes, einer Russischen Knute, der Schriften einiger hochgestellten
Minister klang wie eine auf etwas Bestimmten basirte Herausforderung,
war aber am Ende nichts als ein Hochverrath, den die Hunde am Firmament
begehen, wenn sie den Mond anbellen. Hätte man sich dahin beschränkt,
die Verbindungen jedes Studenten mit Leuten aus dem bürgerlichen Leben
genau zu beachten, und ihn nur zur Verantwortung zu ziehen, wenn er
auch im Philisterio sich nicht dem allgemeinen Staatswillen unterwerfen
würde, man hätte einen ewigen polizeilichen Conductor gehabt und
so manchen talentvollen Jüngling Deutschlands vor einem Unglück
bewahrt, das eine furchtbare Nemesis ihnen noch in seinen bürgerlichen
Verhältnissen auf den Hals geschickt hat, nachdem er in der Schule des
Lebens ganz anderes Sinnes geworden ist. -- Wahrlich! es giebt nichts
Thörichteres als bei unsern Deutschen staatlichen Einrichtungen von den
Sprudelköpfen unserer academischen Jugend das Mindeste zu fürchten.
Die Reichen sind ohnehin die Conservativen, da aber der +Mangel+
die Leibfarbe fast aller unserer Candidaten ist, so tritt nach dem
Abgange von der Universität, vielleicht die ersten vier Wochen nach der
Rückkehr in das väterliche Haus abgerechnet, in welchen der Schneider
einen neuen Anzug zur Cour bei den Examinatoren angefertigt und von
dem Exburschen mit einigen seines Gleichen noch eine entsetzliche
Menge Bier zur Erinnerung an das verlorne Paradies vertilgt wird,
-- ein solcher Katzenjammer, verbunden mit Examensangst, daß man
veranlaßt werden könnte, den ehemaligen Freiheitshelden für seinen
ehemaligen Hausphilister zu halten. Ja, ich glaube nicht, daß irgend
eine homöopatische Verdünnung existirt, welche der gleicht, die ein
Canzleidirector, Generalsuperintendent oder ein _collegium medicum_, an
dem allerkräftigsten demagogischen _fluidum_ eines sothanen Candidaten
durch ihre erste Anrede beschaffen.
Allein in jener Zeit fing man die Sache verkehrt an. Entweder machte
man das Treiben der Deutschen Studenten, welche aus der reinsten,
edelsten Empfindung hervorging, lächerlich, oder man wandte zu spät
eine barbarische Strenge an, und schuf so -- +Zeloten+ und +Märtyrer+.
Von der Wahrheit meines ersten Satzes liefert der unglückliche Kotzebue
ein Beispiel, von dem Zweiten die Geschichte fast aller Verurtheilten.
Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die Schuld nicht eigentlich
an den Regierungen, sondern an dem zaghaften, eigennützigen und
schwachen Benehmen der meisten academischen Senate lag. Denn wenn die
Regierungen nicht das Treiben der Burschenschaft als eine unschädliche
Kinderei ansehen wollten, so war es die Pflicht aller academischen
Polizeibehörden, solches sofort auszurotten, was ihnen allerdings
möglich gewesen wäre, da nichts leichter auszukundschaften ist, als
die Verbindungen unter den Studenten. Anstatt dessen temporisirten
viele der Herren Professoren, zum Theil selbst vom demagogischen Kitzel
angesteckt, der aber nur so lange sie angenehm juckte, bis er auf das
Terrain der Selbsterhaltung kam, zum Theil ließen sie aus Furcht ihre
Zuhörer zu verlieren, fünf gerade sein, nahmen eidliche Versicherungen
der Nichtexistenzen von Verbindungen entgegen, deren Mitglieder ihnen
alle namentlich bekannt waren, und nur wenn ein mächtiger Erlaß von
Oben kam, übernahm es einer der Professoren, und zwar dann gewöhnlich
der rigoristischste, die von ihm selbst genährten und gesäugten
Schlachtopfer der Hand der Gerechtigkeit zu überliefern.
Schon 1820 habe ich die Universität verlassen, nachdem ich das letzte
Jahr, fern von aller Verbindung, in Kiel zugebracht hatte. -- Daß
aber, (+das Verbot einer Verbindung im Allgemeinen ausgenommen+,) bis
1819, keine im Entferntesten strafbare oder gar hochverrätherische
Tendenz in den Deutschen Burschenschaften gelegen hat, dies glaube ich
später mit einer Abschrift der Protocolle, welche im Jahre 1818 zu Jena
abgehalten wurden, evident belegen zu können.
Es ist ein komisches Ereigniß, das bei dem Wartburgsfest sich ereignete
und gar wenig bekannt geworden, zu referiren. Ich muß indessen vorher
bemerken, daß bei dem Vor- oder Nachtrinken, das Wort ein Gelehrter
einen halben Schoppen, ein Doctor einen ganzen Schoppen, ein +Rippel+
etwa zwei Drittheil Flaschen, bedeutete, welches Vortrinken sich bis
zum Pabst hinauf, in einigen mir nicht mehr erinnerlichen Gradationen,
steigerte. +Rippel+ war aber auch ein Krug, welcher das angegebene
Quantum faßte und insbesondere in der Weberei von den hübschen Töchtern
credenzt wurde. Über den historischen Ursprung dieser Namen wußte
Niemand, selbst nicht die weibliche Ganymede etwas anzugeben.
Als nun an dem Wartburgfeste die meisten Studenten dem Gottesdienst
beigewohnt, zum Theil auch das heilige Abendmahl genossen, sich sodann
unfern der Burg Luthers, in einen engen Kreis zusammengescharrt
hatten, um nach kurzem Gebet ihre Reden fortzusetzen, zertrennte auf
einmal ein Mann, angethan mit einem ins Schwärzliche übergegangenen,
ehemaligem weißen Flaus, in fliegendem Haar, gewaltig dicker Pfeife und
Quästen, welche Ahasverus auf Universitäten getragen haben mochte, den
engen Chor, indem er ausrief:
»Wo sind die Heidelberger Burschen?
Die Heidelberger müssen mich sehen.«
Mit einer Art Respect wichen die jungen Musensöhne dem sichtbaren
_cidevant studio_. Dieser aber hatte kaum die Heidelberger gefunden,
als er Stille gebot und mit Stentorstimme ausrief:
»Kinder! ich bin »+Rippel+,« ich bin ein +Avantagewort+, ich bin
+Rippel+, nachdem die Heidelberger Bierkrüge +Rippel+ genannt
werden.«
Die Wirkung dieses Ausrufs soll zwar höchst originell gewesen
sein, doch sollen nur die humoristischen Burschen über den ewigen
Cerevisianer gelacht, viele ihn arg geschmäht haben.
Gegen Ostern 1818 erließ Jena abermals eine Einladung an alle
Burschenschaften und Landsmannschaften, zu einer allgemeinen
Burschenschaftsversammlung. Heidelberg wählte mich zu seinem
Großbotschafter und ich folgte diesem Ruf. Von Frankfurt bis Eisenach
reis’te ich mit Carrové, gegen den ich in meiner Verblendung eine
Menge Spottpfeile zur Vernichtung der Hegelschen Philosophie abschoß.
Unsere Gespräche waren ohne Resultat. Wahrlich! mein Freund Stieffel in
Carlsruhe hat Recht, wenn er sagt:
»Ein Lehrer der Philosophie kann seinen Schülern, welche so gern in
der Vorstellung bleiben, die Sinnlichkeit nicht genug austreiben.
Wenn man sich es am Wenigsten ersieht und meint sie in einem
Luftballon der Erde entrückt zu haben, da sitzen sie im dichtesten
Rohr und schneiden Pfeifen.« --
In Gotha fuhr ich mit einem Hauderer in das Thor. Ein Unterofficier
trat an den Wagen, sah mich an und fragte dann nachlässig: »Doch kein
Von?« Ich antwortete sehr prägnant »+Zufällig ja+,« weshalb ich nun
eine Vernehmung _ad personalia_ bestehen mußte. Als ich Gotha verließ,
geschah dies zu Fuß, ohne daß man einen entfernten Versuch gemacht
hätte, zu erfragen, ob ich ein Edelmann sei.
Als ich in Weimar angelangt war, fühlte ich das Verlangen, +Schillers+
Grab zu sehen. Der Todtengräber verstand mich erst nicht als ich den
Namen des größten Deutschen aussprach. Endlich aber faßte ihn sein
Ohr doch auf, und er entgegnete: »Ach Sie meinen den Herrn »»+Hofrath+
von +Schiller+,«« Ja der liegt hier. Der Herr +Hofrath+ muß sehr viele
Verbindungen in der Welt gehabt, in Geschäftssachen alle seine Kunden
sehr gut bedient und sehr viel Gutes gethan haben, denn alle Reisende
fragen nach dem Herrn Hofrath mehr, als nach allen Geheimeräthen.« --
Damals wunderte ich mich, nachher habe ich in vielen Orten mehrere
solche Todtengräber kennen gelernt, welche ihre Schriftsteller nur nach
der Classe und Ordnung kennen, in welche sie das Linne’sche System des
Staats, die Rangordnung setzt. -- Aber in Weimar mag dies Ignoriren der
großen Geister überhaupt zu Hause sein. --
»Das Nächste liegt uns oft zu fern.« Erzählt man sich doch von der
Gemahlin des großen Göthe, daß sie bei dem Anblick eines Gedichts
ausgerufen haben soll: »Ach das sind Fehrsche (Verse) der Herr
Keheimerath macht auch +Fehrsche+.«
Von Schillers Nicht-Denkmal zurückkehrend, ging ich in den Erbprinzen,
wo ich zum ersten Male in den Sächsischen Herzogthümern und zwar durch
Rebhühner meinen Hunger stillte. Damals kannte ich Jena noch nicht, und
hatte noch keine Ahndung davon, daß ich mich erst in Göttingen auf
meiner Rückkehr nach Heidelberg wieder satt essen wurde. Zwar muß ich
die +Pfannkuchen+ des alten Tyks in Kunitz ausnehmen, von denen ich
übrigens ein langer ausgehungerter Jüngling von Grenadiergröße, in der
Zeit des Wachsthums so übermäßig viel genoß, daß ich noch Jahre lang
nachher den Artikel +_omelette_+ auf den Repertoirs der Restaurants mit
der Hand bedecken mußte. -- Jetzt bin ich, wie überhaupt mit dem ganzen
Leben, auch wieder mit den Pfannkuchen versöhnt und rufe gar oft bei
dem Anblicke leider aus: »_quel bruit pour une omelette_.«
Mein Dejeuner war beendigt, jetzt sollte ich zum Congreß. Bis jetzt
war ich wegen körperlicher Schwäche +gefahren+. Es schien mir aber
des Deputirten einer Deutschen Burschenschaft total unwürdig, zu
Wagen in Jena anzukommen, ich machte mich also auf die Wanderung,
überhaspelte, wie ich dies auch jetzt noch wol thue, aber besser
vertragen kann, meine ohnehin flüchtigen Schritte, bei welche mich die
in mich gesenkten Rebhühner nicht wenig incommodirten, und kam müde und
athemlos zu +Ketschau+, etwa auf der Hälfte des Weges von Weimar nach
Jena, an. Vorher aber hatte ich Sorge getragen mir das Ansehen eines
weitgereis’ten Fußgängers zu geben, indem ich meine ohnehin undeutsche
Polonica mit Chauseestaub bepudert, die seidenen Schnüre verdeckt und
ihnen eine gleiche Farbe, wie dem Tuche meines Habits verliehen hatte.
--
Sehr willkommen war es mir daher, als ich vor dem Wirthshause ein
Wägelchen mit einem Pferde bespannt fand, dessen Kopf nach dem Wege
gerichtet war, der nach Jena führte. Ich fragte nach dem Eigenthümer
und, als ich ihn ermittelt, was er verlange, wenn er mich mit nach
Jena nehme. Auf seine Versicherung, daß er sich eine große Ehre daraus
mache, wenn ich einen Platz auf seinem Wagen einnehmen wolle, besah
ich mich im Spiegel, aus Furcht, noch zu aristokratisch philiströs
auszusehen, folgte aber, in diesem Puncte vollkommen beruhigt, der
Einladung. Ich lernte aber bald den Grund der Devotion des Fremden
kennen, sein Chaischen konnte nicht als Triumpfwagen eines, wenn
auch nur burschikosen Deutschen Bundesgesandten dienen, es gehörte
dem +Freiknechte+ Jonas. -- Hilf Himmel! das war ein Moment. Stolz
und Mitleid kämpften alsbald in mir. -- Auf einem solchen Karren als
Heidelberger Deputirter zu fahren, das wäre, sobald es ausgekommen,
ein unauslöschbarer Schimpf für meine Burschenschaft gewesen, ich
hatte ihr einen verächtlichen _characterum indelebilem_ angehängt,
das Ereigniß wäre zudem eine ewige Fundgrube schlechter Witze für
die Landsmannschaften in Heidelberg geworden. Denn damals war
_Jules Janins_ »todter Esel« noch nicht ins Leben gerufen und die
Lieblingslecture aller Damen geworden. Auf der andern Seite habe ich
immer das Vorurtheil gehabt keins zu haben, und stets die Ansicht
gehegt, daß es für den nur »Teufel,« »Mandarinen« und »Parias« gebe,
der daran glaubt. Ich wollte daher nach der gemachten Entdeckung nicht
den +Ganzmeister+ im Samariterwesen als +Halbmeister+ demüthigen, und
ihn nach der Erforschung seines Status nicht sofort verlassen. Habe ich
es doch nie über das Herz bringen können, undankbar zu sein!
»Aber so hilf Dir doch, ein Deputirter, ein Diplomat, eine Eminenz,«
raunte mir mein Genius, dann aber die Idee zu, die ich sofort ergriff
und ausführte.
»Mein Bein ist mir eingeschlafen,« hub ich an »ich muß mich ein wenig
vertreten und es Ihrem Pferde leichter machen. Doch will ich Ihnen
zuvor noch ein Histörchen zum Besten geben. Sie gehören einem Stande
an, in dem Liebe, Freundschaft und Ansehen weder durch Reichthum und
Fürstenlaune einem Cours unterworfen sind. Die Ehre, welche eigentlich
nur in der Meinung der Andern besteht, also eigentlich wie ein Buckel
keine Realität hat.«
»Wie ist das mit dem Buckel zu verstehen?« fragte der Wasenmeister,
»Wie stehen die beiden Dinge in Verbindung?«
»In der allernächsten,« versetzte ich, »Beide bestehen in der Meinung
Anderer. Denn da wir aus Erfahrung wissen, daß es keinen Bucklichten
giebt, der sich seiner Deformität bewußt ist, so sind wir im
Allgemeinen möglicher Weise auch dieser Selbsttäuschung unterworfen.
Wer steht sich selbst dafür, daß er nicht einen Buckel hat, wer
kann über die Ansicht eines Anderen gebieten, wer schafft sich eine
Anerkennung bei einem verblendeten Volke, das einmal annimmt, daß man
an Rückenüberfluß oder an Mangel an Ehre leidet? Hieraus ergiebt sich,
daß Ehre und Buckel keine Wirklichkeit haben, vielmehr nur in der
Meinung Anderer bestehen.«
Der Freiknecht lächelte. »Aber Ihre Geschichte wenn ich bitten darf.«
»Ja so! Sehen Sie, ich bin ein geborner Holsteiner. Bei mir zu Lande
nähren die klugen Halbmeister das Vorurtheil der dummen Leute, daß
sie nicht ehrlich seien. Sie riskiren nicht, daß ihnen irgend ein
Wollüstling ihre Tochter verführt und leben bei einem reichlichen
Erwerb lustig und in Freuden. Sie heirathen unter einander wie die
Fürsten und erhalten ihr Blut reichlich so rein wie diese. Als vor
etwa sechszig Jahren die humane Dänische Regierung diese Anrührigkeit,
welche dort auf ihrem Stande lastete, aufheben wollte, supplicirten die
Freiknechte: »»Seine Majestät der König möge doch von dieser Intention
abstehen, denn dann könne ja jeder +Esel+ und +Dummkopf+ Halbmeister
werden.««
Ich habe niemals mit einer Erzählung so viel Glück gemacht als mit
dieser. Freudenblitze schossen aus den Augen des Wagenlenkers, dann
folgte ein herzliches Gelächter, und diesem die Versicherung, daß er
nie eine so vortreffliche Historie gehört habe und zu Hause eilen
wollen, um sie Weib und Kind mitzutheilen. Ich aber verließ meinen
dankbaren Fuhrmann und pilgerte auf Jena zu. Endlich zeigte sich die
Ölmühle und hinter einer Staubwolke ein Rudel Burschen. -- Und hier mag
es der Ort sein, eine freilich schon von mir, wenn auch bis jetzt nicht
ganz getreu der Wahrheit gemäß, publicirte Anecdote unverschleiert zu
erzählen, welche lehrt, daß so gefährlich, ja tödtlich es sein mag,
viel Bier zu vertilgen, zuweilen doch Eine Flasche Einem das Leben zu
retten, wenigstens vor großen Unannehmlichkeiten bewahren vermag. --
Die Studenten sahen mir gleich das Congreßmäßige und die
Burschenqualität an, und ich wurde sofort nach dem in Jena herrschenden
Generalsmollis, mit einem »Lieber Kerl, wo kommst Du her?« empfangen;
als man aber hörte, daß ich ein Deputirter sei, wurde ich unter
Flötenton freudiger Lippen, halb als Arrestant, halb als Triumphator
auf den Burg-Friedrich (Burgkeller) gebracht, mir der möglichst
amphitheatralische Platz angewiesen, und zu meiner Labung eine
köstliche Biersorte versprochen. Jeder wollte dabei seine Geliebte
recommandiren. Bringt Wölnitzer -- Pfui doch! Schwerstädter -- nein,
Lichtenhainer -- warum nicht gar! -- Oberweimarisches Bier wird ihm
munden! Mit diesen und vielen andern ähnlichen Phrasen verwirrten die
Gastlichen den alten Wirth, »Vetter« genannt, bis dieser auf den Rath
seiner häßlichen Tochter sich beeilte, eine lebende Probekarte von
allen Bieren auf den Tisch zu stellen.
Nun ging es an ein Untersuchen. Alle Krüge vergossen ihr Blut, und
marschirten an meine Mundküste, um sich von mir +köhren+ zu lassen.
Begierig tranken die einzelnen Blicke der Anhänger der verschiedenen
Sorten mit meinen Lippen, etwa wie die mütterlichen Augen auf den
Bällen mit den Füßchen ihrer Töchter tanzen.
Da fiel mein Blick auf ein Dintenmäßiges schwarzes Cerevis, das, in
ein kleineres Glas geschenkt, verborgen, wie ein Bierveilchen blühte.
Sein Name war mir nicht genannt; als ich dieses aber, nachdem ich es
probirt, für das beste erklärte, schlugen meine Freunde die Hände über
den Kopf zusammen, und zum Erstaunen erfuhr ich, daß dieser schwere
starke Stoff nur den ärgsten Biersäufern zu munden pflege, daß mein
Geschmack um so mehr auffalle, weil ich von einer Universität komme, wo
derzeit immer Wein getrunken wurde.
Während ich mich als diplomatische Person wegen meines Geschmackes zu
schämen anfing, erhielt ich plötzlich einen sanften Schlag auf die
Schulter von einem ziemlich ältlichen Burschengesichte, das durch
seine gelbe Farbe und Zusammengeschrumpftheit einem ledernen Schlauche
nicht unähnlich sah. Bei meinem Eintreten saß dasselbe still in einer
Ecke vor einem Kruge des dunkeln Biers, so daß durch die Fäden der
Erinnerung vielleicht meine Wahl einer gleichen Sorte bestimmt worden
war. »Du bist ein herrlicher Kerl,« scholl eine heisere, bald mit dem
Sprechenden verschwindende Stimme, begleitet von einigen leuchtenden
travestirten Blicken von Stolbergs altem Ritter. »Wer war das?« fragte
ich unheimlich ergriffen. Das ist der alte sogenannte »Peter General,«
belehrte mich mein Nachbar.
»Nur seine abgöttische Verehrung des schwarzen Köstritzer Biers und
Dein diesem gespendetes Lob wird ihn zu dieser Zärtlichkeit gegen Dich
vermogt haben. Er kennt sonst keinen andern Beruf als Scandale (Duelle)
und besonders gegen junge Burschenschaftler anzuzetteln, steht dafür
aber auch bei allen Hallischen Teutonen und einigen blindschleichenden
Landsmannschaftern in großem Ansehen, bei denen er grade wegen dieser
moralischen Ansäuerlichkeit Alles vermag.«
Als wir unsere Sitzung aufgehoben, eilten wir auf den Markt, der,
wie sein College der Neapolitanern, den meisten Jenaer Studenten als
Wohnung und Kaffeehaus diente. Hier wurde geraucht, conversirt, rappirt
und gesungen. Eine Kopfbedeckung war keine durchaus gewöhnliche Tracht,
ich habe Jenaer Studenten gekannt, welche sich diese Ausgabe drei
Jahre erspart, ja ganze Fußreisen durch das Fichtelgebirge in ihren
lang herab wallenden Haaren gemacht haben. Der Cynecker Diogenes hätte
überhaupt vielleicht hie und da Gelegenheit gehabt, seine Laterne auf
dem Jenaer Markte auszulöschen.
Inzwischen hatten sich am Nachmittage wieder einige Bundestagsgesandte
ich glaube von Königsberg und Leipzig, eingefunden. Wir wurden von den
Kümmeltürken (eingeborenen Studenten) angestaunt und umringt, etwa wie
einst die Weißen von den Indianern, indessen dies doch größtentheils
nur mit jener Freundlichkeit und Herzlichkeit, welche nur den
academischen Jahren eigen ist, und die dem Menschen zu einem höheren
verklärt.
Nur eine Ratte bewegte sich in Knäulform mit grinsendem und spöttischem
Gesichte, dem man weder Gastlichkeit noch Wohlwollen ansah. Der General
ihr geistiger Chef, war indessen nicht dabei. Es waren größtentheils
ehemalige Anhänger der Jenaer und andere Landsmannschaften auf fremden
Hochschulen, die burschikosen Titanen, welche der ihnen verhaßten,
damals souverainen Burschenschaft, auf alle mögliche Weise ein Drangsal
anzuthun suchten. Dazu bot sich nun die paßendste Gelegenheit, wenn
man einen der Gäste und gar einen Deputirten beleidigte. Ihr Blick war
auf mich, der ich, eine Hopfenstange über Allen hervorragte, gefallen,
worauf die malcontenten Verschwornen mir unvorzüglich nahten.
»Ich kann vor der Heidelberger Burschenschaft keinen Respect haben,«
bemerkte nach kurzer Anrede A., ein Gießener, ziemlich laut prahlend,
»da Ihr einen Kerl unter Euch gehabt, der eine Gans gestohlen hat.«
Und der wäre?
»Ein gewisser O. aus X., ich will es ihm beweisen, daß er eine Gans
gestohlen hat.«