Ich habe nur eine Weinlese in Heidelberg und zwar im Jahre 1818

erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein.

Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden

davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht

mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er

denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche

unter dem lauten Zuruf »+Herbschthau+« gepritscht, und mußte sich

durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -- Bald wurde der

Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer,

größtentheils Bewohner des Städtchens +Eberbach+, welche auf dem trägen

Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten,

da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen:

»+Eberbächer Kukuksfresser+,« »+Eberbächer Säckbrenner+!« u. dgl.

beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken,

daß +Eberbach+ ungefähr den Rang von +Schöppenstedt+, +Schilda+,

+Krähwinkel+ und +Buxtehude+ hat und daß von seinem Magistrate erzählt

wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot

gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe.

Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke

zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens

bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.

Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei

und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen

Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur

bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und

das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den

Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen

heutigen Tages eine _colonne mobile_, erstürmten die Weinberge, wo sie

sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer

wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und

Weintrauben holten.

* * * * *

Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre,

wird er trinkbar und unter den Namen »+ä Schoppe neie+« gefordert.

Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr

berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps.

-- Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach

oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz

erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der

Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt

saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß

es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa

das Bedenken gemacht wurde: -- »Eine Herbscht hält der Josep de neie

wol aus, aber länger nit.«

Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder

zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar!

alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten

sich todt getrunken.

+Adam Müller+, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern

Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der _table

d’hôte_ im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft

von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit

entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es

ihm eingebe. -- Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische

Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch

mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. -- Der

Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag

speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in

seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch

geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner

Gemeinde erklärte.

Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr

von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung

witzig: »_maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze

jours_«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer

bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf

eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er

sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der

Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge

Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich

diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen.

Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia,

der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in

Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der

indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher

Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.

Sechstes Kapitel.

Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der

Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim.

Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier.

Metzger Eisengrein.

»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin

Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem

Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die

dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen

+Odenwald+ gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins

Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese

Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich

war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen

Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber

geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein

Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den

Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches

von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon,

der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und

die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten

beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt

erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen

hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen

ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen

Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem

vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern

geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer

Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine

blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich,

wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher

zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt,

meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft

verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe

Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen

der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende

Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein

Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann

zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz

oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.

Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von

Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit.

Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das

Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie

haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen

benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit

maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren

spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. --

Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie

genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im

verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust

Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen

weiß ich wenig zu sagen, nur daß der +König+ der +Schuldenmacher+ bei

ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die

geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem

oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe

versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend.

Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch

die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt

wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und

Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer

Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen,

der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges

Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das

Sprichwort:

»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« -- so wahr als hier.

Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an

den Hals gelegt, -- so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt

eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf

einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die

Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem

Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg

auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:

In meine Seiten greif ich ein,

Sie müssen alle hinter drein.

Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer

anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.

Der Graf von +Erbach+ war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den

vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich

auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der

Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen

sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des

unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die

Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche

doch wol der Kirchhof _pére la Chaise_ bei Paris, wo bekanntlich

die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten

Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und

Accessionen requiriren könnte. --

In +Eilbach+, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß,

welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger

Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes.

Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt

entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein

hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum

(nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe)

von einem +Bäcker+ u. Weinwirth in +Nürnberg+ erstanden, welcher aber

bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten

den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre

Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank

bitter intimirt. --

Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen

Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.

Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen

weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.

Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn

es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf

sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief

in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er +schenkte+

dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih

_accessit_, das zweite, sein _ci devant_ Bestes, dem nur zwei Zacken

gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll

dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft

Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.

Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in

einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen

je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten

alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch

den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des

Roulets oder des _trente et quarante_, welches mit seinem trügerischen

Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische

wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken

heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten,

welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach

Rastadt hingingen, -- und von den ankommenden Landleuten, die mit

Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, --

um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr

pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen

verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch

verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. -- Ein ähnliches

Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach,

einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. --

Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem

Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer

solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin

wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden

zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer

Italienischen Reise die Wegelagerer thun. --

Ich wiederhole hier mein Catonisches »_caeterum censeo_« das wie ein

rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden

endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der

Hölle ausgerottet werden? -- Man rechnet Louis Philipp manches, was

sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der

Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im

Pantheon.

Der +Wolfsbrunnen+, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin,

tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch

in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach

+Neckargemünd+, +Neckarsteinnach+ und seinen vier Schwesterburgen,

wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein

und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick,

besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.

Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte

man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den

schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch

das Birkenauer Thal bei +Weinheim+ so wie die ganze Gegend um dieses

Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender

und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb

des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als

ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, -- da bekam ich die Idee, daß

hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar

wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich

würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.

Drei Male in der Woche war in +Manheim+ Schauspiel, wohin man

gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr.

Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des

alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer

artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten

Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann.

-- Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines

alten Ehepaars Namens »+Sauerwein+«, die keine andere Kinder als ihren

Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie

züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des

eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. -- Das

gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig,

noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen,

den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende

Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend,

allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S.,

dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht

diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an

einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück

kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu

wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung

in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich

der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte,

und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen

Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene

zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar

der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin

fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor

zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide

alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel

wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und

neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«

Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten

Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben

in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt

war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren

versuchter Vergiftung. -- Die meisten lagen in Manheim wo sie einen

Clubb hatten, in dem Einem Alles +spanisch+ vorkam, da dort wo

möglich, +spanisch+ gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint

die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (_Acti labores

jacundae_.)

Ein +Lieutenant+ L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei

der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier

nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse

den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der

Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L.

hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der

die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt

gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige

Rettungsmittel verordnet. -- L. hatte geschwankt, endlich aber die

Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise,

aber eindringlich das Wort »+Terpentin+« in die Ohren geraunt hatte.

Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier

auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl

hineingegossen und es mit Lappen umwunden.

»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen

Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel

verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem

schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im

Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde

in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit

zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. -- Und siehe der Bösewicht leerte

mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn

er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«

Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen

Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht

wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete

ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt

gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster

dienen.

Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus

freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch

selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die

Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der

letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen

alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des

Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die

demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und

Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.«

-- Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell

vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen

blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon

seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an

einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben.

Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum

Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief

erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir

sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.

Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.

»O daß ich tief

Im Grünwald schlief

Von wehenden Bäumen umschattet,

Im Erdenschooß

Des Jammers los,

Worunter das Leben ermattet.

Die Thrän’ versiegt

In Ruh’ gewiegt

So lieg ich auf kühlendem Bette;

Im Abendschein

Strahl’n Perlenreih’n,

Und schmücken die ruhige Stätte.

Kein Leichenstein

Auf mein Gebein!

Der Fremde vorüber mag wallen,

Im Frühlingsblau

Im Himmelsthau

So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.

O daß ich tief

Im Grünwald schlief

Von wehenden Bäumen umschattet,

Im Erdenschooß,

Des Jammers los,

Worunter das Leben ermattet.«

Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten

Charakteren, Poesie und Prosa weckt. --

Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen

Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine

Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen

bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch

auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie

ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde,

die ewigen Burschen (_juvenes perpetui_), nicht für die Philister,

die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. -- Also heraus damit:

Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus

Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu +Pferde+ comitiren.

Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das

Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee,

die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack,

einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit

ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener,

deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an

dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.

Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem

Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen

Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität

aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles

+Kriegsrecht+ sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des

Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr

General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem

Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls

die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 6 / 10 段