erlebt. Die Freude in der Pfalz und am ganzen Rhein war ungemein.
Die Trauben wurden unter Gesang und Jubel geschnitten, jedem Fremden
davon gereicht, derselbe aber, wenn er alle Beeren pflückte und nicht
mindestens nach altem Herkommen drei am Stiel gelassen hatte, wenn er
denselben wegwarf, von den Winzerinnen mit einer hölzernen Pritsche
unter dem lauten Zuruf »+Herbschthau+« gepritscht, und mußte sich
durch ein Geschenk der ferneren Strafe entziehen. -- Bald wurde der
Übermuth in den Weinbergen allgemein, und da hatten die armen Schiffer,
größtentheils Bewohner des Städtchens +Eberbach+, welche auf dem trägen
Neckar sich langsam in den Kähnen fortbewegten, es am Schlimmsten,
da sie stets von den lustigen Weinbergleuten mit den Spottnamen:
»+Eberbächer Kukuksfresser+,« »+Eberbächer Säckbrenner+!« u. dgl.
beehrt wurden. Zur Erklärung dieser Spitzworte muß ich bemerken,
daß +Eberbach+ ungefähr den Rang von +Schöppenstedt+, +Schilda+,
+Krähwinkel+ und +Buxtehude+ hat und daß von seinem Magistrate erzählt
wird, daß er einmal bei einem Spaßvogel, welcher ihm ein Gastgebot
gegeben, im guten Glauben einen Kukuk für eine Schnepfe verspeist habe.
Auch soll er bei einer andren Gelegenheit eine Menge neuer Rathssäcke
zeichnen gewollt, sich dabei aber eines annoch zu glühenden Eisens
bedient und so alle Säcke durchbrannt haben.
Sehr wenige ruhige Odenwäldische Schiffer fuhren wohl vorbei
und thaten, als ob sie ihre Schande und das Gekicher der jungen
Winzerinnen nicht hörten, allein wir sind alle Menschen, die nur
bis zu einem gewissen Grade zu reizen sind. Machte Windstille und
das plauderhafte Echo von der andern Seite zu sehr Compagnie mit den
Spöttern; so hielten die Schiffer an, formirten wie die Franzosen
heutigen Tages eine _colonne mobile_, erstürmten die Weinberge, wo sie
sich entweder noch Schläge überher oder, wenn die großmäuligen Winzer
wegen zu kleiner Anzahl geflohen waren, gezwungen erpreßte Küsse und
Weintrauben holten.
* * * * *
Sobald der Wein in Gährung gekommen ist, etwa nach einem halben Jahre,
wird er trinkbar und unter den Namen »+ä Schoppe neie+« gefordert.
Er sieht dann aus als ob Kupfer in ihm aufgelös’t sei, ist sehr
berauschend, scharf und bildet ein Mittelding von Wein und Schnapps.
-- Er war bei den rechten Trinkern ungemein beliebt und besonders nach
oft fehlgeschlagenen Weinlesen sehr gesucht. Daher war es auch ganz
erklärlich, daß kurz vor der Erndte einmal die Ziegelhäuser auf der
Hirschgasse überlegten, wer sich in den nächsten neuen Wein wohl todt
saufen würde. Gieb Acht Herr Special! den verwirgt der neie Wein hieß
es dann von dem Einen wie von dem Andern, wogegen denn zuweilen etwa
das Bedenken gemacht wurde: -- »Eine Herbscht hält der Josep de neie
wol aus, aber länger nit.«
Und es begab sich, daß, ein Jahr später, dieselben Leutchen wieder
zusammen saßen. Jetzt recapitulirten sie ihre Reden, und wunderbar!
alle die von ihnen dem Weintode Geweihten, selbst der Josep, hatten
sich todt getrunken.
+Adam Müller+, jener bekannte Exprophet, lebte damals unfern
Heidelberg, ich glaube, in Bretten. Wir, die Mitglieder der _table
d’hôte_ im Badischen Hofe, ließen ihn einmal kommen, um die Zukunft
von ihm zu erfahren. Allein er verrieth nichts, indem er sich damit
entschuldigte, daß er nur prophezeien könne, wenn der Geist es
ihm eingebe. -- Adam Müller affectirte zwar eine Jacob Böhmische
Qualirung, einen gewissen Geistesdrang, kokettirte dabei aber noch
mehr mit den Sechsbäznern, welche für ihn gesammelt wurden. -- Der
Pfarrer seiner Gemeinde, der einige Tage später mit uns zu Mittag
speiste, bewahrheitete das Sprichwort, daß der Prophet nicht in
seinem Vaterlande gelte, indem er den von Kaiser und Königen so hoch
geschätzten Adam Müller für das faulste und unnützeste Mitglied seiner
Gemeinde erklärte.
Zu jener Zeit kamen auch die Draisinen auf, deren Vater ein Herr
von Drais aus Manheim war. Die Franzosen nannten die Erfindung
witzig: »_maniere de faire un voyage de quatorze lieues en quinze
jours_«, indessen bewegte sich der Erfinder darauf selbst mit einer
bewundrungswürdigen Schnelligkeit. Man schmeichelte seine Eitelkeit auf
eine fast spöttische Weise, indem man ihn zu Thees einladete, wo er
sich im Saal auf seiner Maschine producirte. Namentlich war dies in der
Routs bei Herr v. B. der Fall, in jenem kleinen Hause, wo eine Menge
Gäste die Grundsätze des Raumes verspottete. Herr v. B. suchte freilich
diesen Übelstand durch Rangerhöhung seiner Gesellschaft auszumerzen.
Denn ein jeder Gast ward wenigstens adelich, wie in meiner Cerevisia,
der Herr von »Baron,« der Baron, Graf. Nur mit den Grafen kam er in
Verlegenheit, wenn der Prinz von Hildburghausen zugegen war, der
indessen zur Entschädigung für die abgetretene Durchlaucht in solcher
Fülle eine Königliche Hoheit erhielt.
Sechstes Kapitel.
Der Odenwald. Erbach. Eilbach. Der Bäcker aus Nürnberg. Der
Wolfsbrunnen. Neckargemünd. Neckarsteinnach. Weinheim. Manheim.
Lieutnant L. Erinnerung an B. Suite in Manheim mit einem Officier.
Metzger Eisengrein.
»O Du Wald, Du sollst mein Erbtheil sein!« soll die Kronprinzessin
Emma ausgerufen haben, als sie mit ihrem Geliebten Eginhard, dem
Geheimschreiber Karls des Großen, des Vaters Rache fürchtend, die
dunkele Waldgegend durcheilte, welcher die spätere Zeit den Namen
+Odenwald+ gegeben hat, die aber von unsern Schulmeistern als Odins
Wald dem Gedächtnisse der Jugend einverleibt wird. Mag immerhin diese
Erklärung mehr historische Wahrscheinlichkeit haben als jene, ich
war selbst im Odenwalde und zweifle nicht an der unumstößlichen
Richtigkeit der ersten. Nur in jener menschenleeren, aber
geisterreichen Gegend, wo der wilde Jäger sein Wesen treibt, und ein
Adam Müller in der höchsten Potenz, im Jahre 1811, vielen Bauern den
Russischen Feldzug durch ein Ohrenspiel deutlich verkündigte, welches
von den Amtmann in Zwugenberg, nachher protocollirt, und von Napoleon,
der Kälte, und den Kosacken bestätigt wurde, leben noch Dryaden, und
die übrigen Gottheiten der jetzt nur den Dichter und seine Klienten
beherrschenden, kümmerlich aus dem Schutt der Vergangenheit ihr Haupt
erhebenden, südlichen und nördlichen Religionen. Aber die vertriebenen
hohen Herrschaft regieren auch noch nach alter Weise, sie verlassen
ihr Elba nicht, und leben hier in der Erinnerung einer mächtigen
Vergangenheit eine heitere Gegenwart. Jeder Baum spricht mit dem
vorübergehenden am Sonntag geborenen Wanderer, die Quellen plätschern
geisterartige Lieder, die man erst recht versteht, wenn man an ihrer
Seite, auf den bemoosten Felsstücken eingeschlafen ist, die Steine
blicken in das Herz und selbst die alten Felsen nicken freundlich,
wenn sie nicht gar anfangen in ihrem Meere um die Riesensäule umher
zu schwimmen. Auch der wilde Jäger, welcher auf dem Schnellert wohnt,
meint es gut mit der armen Welt, welcher er die traurige Zukunft
verkündet. Nur ist er ein Feind von vielen Komplimenten, und ich rathe
Dir, lieber Wanderer! wenn Du ermüdet und erhitzt die steilen Anhöhen
der wellenförmig, bergigten Gegend erklimmst, und in seine rauschende
Nähe kommst nicht außer Respect gegen den Prinzen Hussa von Halloh dein
Haupt zu lüften; der gestrenge Herr ist ein Schelm, er küßt Dir dann
zwar vergeltend das Haupthaar, aber gar bald saust er als Zahnschmerz
oder Ohrenpein in Deinem höflichen Kopfe.
Das Völkchen des Odenwaldes, das von drei mediatisirten Grafen von
Erbach zunächst beherrscht wird, ist von besonderer Eigenthümlichkeit.
Auferzogen mit den Gottheiten und Gespenstern, kennen die Bewohner das
Buch der Bücher dennoch sehr wohl, wenigstens handeln sie darnach. Sie
haben keine andere Spitzbuben unter sich, als die aus den Gefängnissen
benachbarten Städte springen, die sie kleiden, ernähren, und mit
maurischer Gastfreiheit schützen, bis der Arm der Gerechtigkeit ihren
spendenden Händen wehrt, und die Gäste gefesselt entführt. --
Die Arbeit ist den Odenwaldern ein Sporn zur Fröhlichkeit, sie
genießen wie wir die Freuden des Spiels und des Tanzes, wenngleich im
verkleinertem Maaßstabe, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihre Lust
Spartanisch durch vorhergangene Arbeit würzen. Von ihren Kartenspielen
weiß ich wenig zu sagen, nur daß der +König+ der +Schuldenmacher+ bei
ihnen heißt, und daß sie ein Spiel haben, in welchem derselbe die
geringste Karte ist. Merkwürdig aber sind ihre Kirchweihen. In dem
oft nur aus vier von einander liegenden Häusern bestehenden Dorfe
versammeln sich an einem solchen Tage die Bewohner der Umgegend.
Es giebt dort keinen Thränenwinkel; denn alles tanzt, wenn auch
die bunte Reihe zuweilen durch ein doppeltes Frauzimmer entstellt
wird. Nicht an Erfrischungen fehlt es, die aus Bier, Kartoffeln- und
Zwetschenbranntwein bestehen, wol aber an der ersten Requisite unserer
Bälle, an Musikern. Auf vier Häuser darf man nur einen Fiedler rechnen,
der auch nicht einmal immer der Bundesversammlung ihr gehöriges
Seitencontingent zu stellen vermag. Nirgends aber erscheint das
Sprichwort:
»Wer gern tanzt, dem ist auch leicht gepfiffen« -- so wahr als hier.
Denn kaum hat der Paganini des Odenwaldes die Geige ergriffen und an
den Hals gelegt, -- so beginnt das ganze Haus seinen Tanz. Er bestätigt
eigentlich die Tanzenden nur in ihrem Beginnen; denn nach Verlauf
einer halben Minute eilt er schon zum Nachbarhause und prüft hier die
Taktmäßigkeit der Tänzer, wie im ersten Salon. So geht er in seinem
Sprengel umher, bis alle seine Tanzkinder mit Musik versorgt sind, Berg
auf, Berg ab, als hätte er den Wahlspruch:
In meine Seiten greif ich ein,
Sie müssen alle hinter drein.
Seine fernere Arbeit besteht alsdann nur darin, das Tactfeuer
anzuschüren, wenn es zu erlöschen droht.
Der Graf von +Erbach+ war ein kurioser Antiquitätenkrämer. Zu den
vielen Rüstungen, welche er in einem Saale aufgespeichert, hatte sich
auch der Helm eines der vierzigtausend Römer gesellt, welche in der
Schlacht bei Cannä, den Landsleuten der heutigen Kabylen unterlegen
sind. Noch singulärer und höchst unpoetisch waren einige Knochen des
unglücklichen Abälards und seiner geliebten Heloise, ich glaube die
Fistula und die Tibia dieses renommirten Brautpaars, Theile, welche
doch wol der Kirchhof _pére la Chaise_ bei Paris, wo bekanntlich
die anderen Überreste der unglücklichen Liebenden dem jüngsten
Tage entgegenschlummern, nach den Grundsätzen der Pertinenzien und
Accessionen requiriren könnte. --
In +Eilbach+, etwa eine Meile davon, besaß der Graf sein Lustschloß,
welches von innen und außen mit Geweihen verziert war. Ein einziger
Saal enthielt lauter Abnormitäten dieses thierischen Kopfputzes.
Vor allem prangte aber ein Hirschgeweih, als das größte der jetzt
entdeckten Welt, ich glaube es war ein Acht und sechszig- oder gar ein
hundert acht und zwanzig Ender. Seine Erlaucht hatte dies Monstrum
(nach genaueren Nachforschungen wahrscheinlich das Geweih der Actäoe)
von einem +Bäcker+ u. Weinwirth in +Nürnberg+ erstanden, welcher aber
bald diesen unseligen Kauf verwünscht hatte. Denn seine Kunden hatten
den Verkauf des Achtundsechszigenders sehr übel genommen und ihm ihre
Unzufriedenheit durch allgemeines Wegbleiben von seinem Weinschank
bitter intimirt. --
Der Bäcker, ein nicht bemittelter Mann, hatte bald die Erbachschen
Carolinen zugesetzt und riskirte am Ende gänzliche Verarmung.
Um dieser zuvor zu kommen, ergriff er das Symbol derselben, einen
weißen Stab und pilgerte damit zum Grafen nach Erbach.
Allein wie Napoleon den Bitten der schönsten Frauen widerstand, wenn
es darauf ankam, eine Festung abzugeben, so erklärte der Herr Graf
sich gegen den Bäcker für moralisch unfähig, das gewissermaßen tief
in seine Seele verzweigte Geweih wieder auszukehren. Er +schenkte+
dem weinenden Bäcker aber ohne alle Renumeration sein Hirschgeweih
_accessit_, das zweite, sein _ci devant_ Bestes, dem nur zwei Zacken
gemangelt haben sollen, um dem Nürnberger zu gleichen, und soll
dadurch dem so restituirten Wirth auch bei der Nürnberger Bürgerschaft
Verzeihung und eine volle Weinstube wieder verschafft haben.
Eine sehr gewöhnliche Ausflucht der Studenten bestand alljährlich in
einer Tour nach Baden-Baden, den reizendsten Kurort, den meine Augen
je sahen. Leider ging hier ein beträchtlicher Theil der Studienkosten
alljährlich verloren, und die oft projectirten weitern Reisen durch
den Schwarzwald und in die Schweiz fanden an dem Todtentische des
Roulets oder des _trente et quarante_, welches mit seinem trügerischen
Grün so viele Leute anlockt, ihre Grenze. Man sollte die Tische
wenigstens mit schwarzem Tuch bedecken und Todtenköpfe auf seine Ecken
heften. Es befanden sich in Baden-Baden allezeit einige Studenten,
welche ohne alle Baarschaft waren, gegen Abend auf die Chaussee nach
Rastadt hingingen, -- und von den ankommenden Landleuten, die mit
Hoffnungen und Kronthalern versehen ankamen, einige Gulden liehen, --
um dieselben noch an demselben Abend zu verlieren und wieder in ihr
pauvres Nichts zurück zu sinken, bis sie nach mehreren Wiederholungen
verschuldet, wortlos, erschöpft und mismuthig, physisch und moralisch
verdorben in das Neckarathen zurückkehrten. -- Ein ähnliches
Spielinstitut hielten Sonntags zwei Darmstädter Juden in Auerbach,
einem kleinen unbedeutenden Bade, etwa acht Stunden von Heidelberg. --
Heut zu Tage findet sich die Verführung Heidelberg noch näher, in dem
Schwefelbad Langenbrück, wo ein Bruchsaler Tabulettkrämer, mit einer
solchen Satansschlinge die in großer Anzahl durchpassirenden oder dahin
wallfahrenden Heidelberger Studenten die kostbarere Reise nach Baden
zu ersparen, indem er sie auszuziehen pflegt, wie dies kaum auf einer
Italienischen Reise die Wegelagerer thun. --
Ich wiederhole hier mein Catonisches »_caeterum censeo_« das wie ein
rother Faden, durch alle meine Schriften laufen soll. Wann werden
endlich einmal diese priveligirten Satanskünste, diese Garküchen der
Hölle ausgerottet werden? -- Man rechnet Louis Philipp manches, was
sehr problematisch ist, zum Verdienst an; aber die Aufhebung der
Spielhäuser in Paris sichert ihm allein einen ehrenvollen Platz im
Pantheon.
Der +Wolfsbrunnen+, das Neckarthal überhaupt, ganz bis Heilbronn hin,
tragen einen so merkwürdigen Character, daß man weder im Rheingau noch
in den andern Thälern Badens etwas Ähnliches sieht. Die Fahrt nach
+Neckargemünd+, +Neckarsteinnach+ und seinen vier Schwesterburgen,
wurde gewöhnlich einmal im Jahre zu Schiffe und Abends bei Fackelschein
und Musik zurückgemacht, welches einen reizenden magischen Anblick,
besonders von der Neckarbrücke aus, gewährte.
Indessen welch einen Abstecher man auch von Heidelberg machte, so mußte
man, wenn man wieder heim gekommen war, doch gestehen, daß man auf den
schönsten Punct zurück gekehrt sei. Unvergleichlich reizend ist auch
das Birkenauer Thal bei +Weinheim+ so wie die ganze Gegend um dieses
Städtchen herum. Als ich vor einigen Jahren hier meinen Freund Bender
und seine liebenswürdige Gattin in dem neu erbauten Hause unterhalb
des Städtchens auf dem Hügel besuchte, wo ein besserer Wein reift, als
ihn der ganze Rheingau aufzuweisen hat, -- da bekam ich die Idee, daß
hier einstens das Paradies gewesen, welches das liebenswürdige Ehepaar
wieder aufgefunden habe. Hätte ich nicht so viel Anderes zu thun, ich
würde mich längst bemüht haben, diese Ansicht historisch zu begründen.
Drei Male in der Woche war in +Manheim+ Schauspiel, wohin man
gewöhnlich nach dem Mittagsessen in einer Hormuthschen Kutsche fuhr.
Das Personal war nur mittelmäßig, jedoch entsinne ich mich noch des
alten Thürnagels als eines sehr wackern Schauspielers und mehrerer
artistischen Rudera aus der Ifflandischen Zeit. In der Oper glänzten
Nieser als Tenorist und die Discantstimme der Demoiselle Gollmann.
-- Nach der Vorstellung zog man gewöhnlich in die Restauration eines
alten Ehepaars Namens »+Sauerwein+«, die keine andere Kinder als ihren
Rebensaft der ihren Namen zu tragen verdiente, aber eine so schöne wie
züchtige Pflegetochter als Kellnerin hatten, daß sich die Hälfte des
eintretenden Dutzend Studenten auf der Stelle in sie verliebten. -- Das
gab denn komische Scenen, Einige wurden schüchtern, Andere gefällig,
noch Andere tiefsinnig, die Weinstube bekam durch diese Affectionen,
den ansäuerlichen Geschmack eines Irrenhauses, während die liebreizende
Kellnerin mit ewig gleicher Freundlichkeit Keinem einen Vorzug gebend,
allen Respect einflößend, das Verlangte credenzte. Für Dich lieber S.,
dem eine liebliche Gattin, umblüht von rosigten Kindern vielleicht
diese Zeilen vorlies’t, der Du, wie L. und St. jeder besonders mir an
einem und demselben Tage vertrautest, daß Du kein größeres Erdenglück
kanntest, als an Sauerweins Adoptivtochter Hand durch das Leben zu
wallen, der Du schon im Begriff warst, die väterliche Einwilligung
in die Verbindung zu suchen und es gethan haben würdest wenn Dich
der blondköpfige L. nicht fortwährend so eifersüchtig gemacht hätte,
und Dir L. und St. und K., und für Euch andern Verehrer der schönen
Kellnerin, deren Namen ich nicht einmal verblümt angeben will, diene
zur Nachricht, daß, als ich vor einigen Jahren einen alten Gegennachbar
der Colonade nach den alten Sauerweins und nach der süßen Kellnerin
fragte, welche in dem, jetzt einem Hutmacher eingeräumten Locale vor
zwanzig Jahren gewohnt hatten, mir dieser erwiedert hat: »Die beide
alte Sauerweins seien schon neunzehn Jahre todt, aber de schöne Madel
wo sie gehabt, ischt sehr gut daran, sie hat ä brave reiche Mann und
neun wackere Bube und wohnt im Elsaß.«
Das Badische Militair bestand aus sehr erfahrenen gescheuten
Offizieren, man konnte aber von ihnen sagen, daß die Hälfte derselben
in Rußland halb erfroren, die andere Hälfte in Spanien halb verbrannt
war. Mancher der letzteren trug auch noch unverkennbare Spuren
versuchter Vergiftung. -- Die meisten lagen in Manheim wo sie einen
Clubb hatten, in dem Einem Alles +spanisch+ vorkam, da dort wo
möglich, +spanisch+ gegessen, getrunken und geredet wurde. So erscheint
die traurigste und mühseligste Vergangenheit rosigt. (_Acti labores
jacundae_.)
Ein +Lieutenant+ L. hatte den Feldzug in Rußland mit gemacht. Bei
der Retirade war er mit ganz erfrornen Händen in das Hauptquartier
nach Wilna gekommen, woselbst aus irgend einer Französischen Kasse
den meisten Flüchtlingen Geld, das man wol nicht in die Hände der
Russen fallen lassen wollte, gegen Schein ausbezahlt wurde. Auch L.
hatte hier funfzig Silberrubel bekommen. Ein mitleidiger General, der
die bejammernswerthen Hände des L. gesehen, hatte seinen Wundarzt
gerufen, und dieser sofortige Amputation beider Hände als das einzige
Rettungsmittel verordnet. -- L. hatte geschwankt, endlich aber die
Operation verweigert, weil ein alter ergrauter Kamerad ihm immer leise,
aber eindringlich das Wort »+Terpentin+« in die Ohren geraunt hatte.
Der Flüsterer hatte dieses nach ihrer Entfernung aus dem Hauptquartier
auch sofort gekauft; dem L. die Haut der Finger zerschnitten, das Öl
hineingegossen und es mit Lappen umwunden.
»Als wir vor Wilna kamen« fuhr L. fort, »sahen wir einen polnischen
Juden, der von einem Wägelchen Bröde das Stück für Einen Silberrubel
verkaufte. Leider entschloß ich mich erst zuletzt zum Ankauf, nachdem
schon Alle meine Kameraden verproviantirt des Weges gezogen waren. Im
Zustande meiner Hülflosigkeit mußte ich den Juden bitten mir zwei Bröde
in meinen Schnappsacke zu stecken, dann aber aus meiner Tasche sich mit
zwei Silberrubeln bezahlt zu machen. -- Und siehe der Bösewicht leerte
mir meine ganze Tasche unbarmherzig. Aber dennoch segne ich ihn, denn
er ließ mir die zwei Bröde, ohne welche ich gewiß verhungert wäre.«
Der liebenswürdige L. ist jetzt Hauptmann in Carlsruhe. Von seinen
Fingern fehlen zwei, welche das Terpentinöl nicht restituirt, nicht
wieder von ihrem Scheintode in das Leben gerufen hat. Der Gerettete
ist sonst ohne Spur von der Russischen Campagne, ja, die unversehrt
gebliebene Hand könnte Bildhauern und, Wachsboissirern als Muster
dienen.
Das Betragen der Badischen Offiziere gegen die Studenten war durchaus
freundlich und zuvorkommend. Wie gewöhnlich werden alle, wenn auch
selten sich ereignende Zwistigkeiten mit den Musensöhnen, durch die
Studenten veranlaßt, welche gewöhnlich zur großen Beschämung der
letztern endeten. Der gute B. fragte im Rausch in Schwetzingen einen
alten spanischen Offizier, wie er sich erlauben könne das Bild des
Kaisers Napoleon auf der Pfeife zu tragen, und erhielt dafür die
demüthigende Antwort: »Ich trage den Großherzog von Baden im Herzen und
Napoleon auf der Pfeife und wer etwas dagegen hat ist ein Hundsfott.«
-- Die Sache wurde zwar noch so gut als möglich ohne Pistolenduell
vermittelt, indessen zur einigen Beschämung des sonst so gutmüthigen
blonden B. aus A. Jetzt drückt sie ihn nicht mehr, er schläft schon
seit zehn Jahren im Friedhofe. Er ist nach unsäglichen Leiden, an
einem fürchterlichen Uebel, am Markschwamm im Kopfe 1826 gestorben.
Ein langes körperliches Leiden hat den heitern Lebensmenschen zum
Dichter gemacht. Für seine theilnehmenden Freunde setze ich die tief
erschütternden, nach seinem Tode gefundenen Verse hierher, welche mir
sein Bruder nach seinem Tode mitgetheilt hat.
Letzter Wunsch eines lebensmüden Unglücklichen.
»O daß ich tief
Im Grünwald schlief
Von wehenden Bäumen umschattet,
Im Erdenschooß
Des Jammers los,
Worunter das Leben ermattet.
Die Thrän’ versiegt
In Ruh’ gewiegt
So lieg ich auf kühlendem Bette;
Im Abendschein
Strahl’n Perlenreih’n,
Und schmücken die ruhige Stätte.
Kein Leichenstein
Auf mein Gebein!
Der Fremde vorüber mag wallen,
Im Frühlingsblau
Im Himmelsthau
So will ich die Ruhstätt’ vor Allen.
O daß ich tief
Im Grünwald schlief
Von wehenden Bäumen umschattet,
Im Erdenschooß,
Des Jammers los,
Worunter das Leben ermattet.«
Wunderbar, wie das Schicksal oft in anscheinend entgegengesetzten
Charakteren, Poesie und Prosa weckt. --
Glücklicher war ich selbst in einer Differenz mit dem Badischen
Militair. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich in eine
Art Conflict mit der Polizei oder einer ihr verwandten Behörde gerathen
bin, das Ganze dazu eine Jugendsünde die mir eben keine Ehre aber doch
auch wol keine Schande macht. »Als ich ein Bursch war handelte ich wie
ein Bursch.« Zudem ist mein Buch für meine alten Universitätsfreunde,
die ewigen Burschen (_juvenes perpetui_), nicht für die Philister,
die Prokrustes der Menschheit, geschrieben. -- Also heraus damit:
Mein Freund v. P. und ich wollten den jetzt hochgestellten P.. aus
Cöthen, der über Manheim zu Hause reis’te, zu +Pferde+ comitiren.
Vier Chaisen, jede mit vier Menschen erfüllt, gaben ihm ohnehin das
Geleite. Unbegreiflicher Weise kamen von P.. und ich auf die Idee,
die wir stets in gehöriger Civilkleidung, in einem blauen Frack,
einhergingen, sogar einen runden Hut trugen, uns einen Säbel mit
ledernen Riemen zuzugesellen, und, wie neu ernannte Polizeidiener,
deren Uniform noch unter Schneiders Händen ist, mit gezogener Klinge an
dem Kutschenschlage des scheidenden Freundes zu reiten.
Wir waren kaum in Manheim angelangt, als sich in unserm Hotel, dem
Schaf, ein Officier als Deputirter des Generals v. V. des dermaligen
Stadtcommandanten einfand, der uns zwar mit außerordentlicher Urbanität
aber doch mit großer Wichtigkeit eröffnete, wie es gegen Alles
+Kriegsrecht+ sei, daß Bewaffnete in eine Garnison ohne Erlaubniß des
Commandanten und namentlich mit gezogener Waffe einritten. Der Herr
General lasse uns mit dem Ersuchen bedeuten, heute Abend bei dem
Zuhause ritt, ja unsern Säbel in der Scheide zu lassen, widrigenfalls
die Besatzung angewiesen sei uns zu verhaften.