Und noch habe ich des Professors von Jever nicht erwähnt, des

als Mensch und Gelehrten so ausgezeichneten +Schlosser+. Dieser,

der so gern mit seinen Zuhörern verkehrte, und niemals von ihnen

gelangweilt wurde, hatte mich besonders angezogen, so daß ich ihm

seine wunderlichen Vorlesungen vergab. Auffallenderes als diese gab

es nicht. Er sprach sehr schnell in einem fremdartigen Idiom, und mit

einer Aussprache der Namen, daß auch die gewöhnlichsten unverständlich

blieben; nahm einen Anlauf mit einem Satze, fand in der Mitte desselben

zur Erläuterung eine kleine Abschweifung für nothwendig, begann darum

einen neuen Satz, in welchem ihn wieder etwas zur Bildung eines neuen

Satzes verleitete, und brachte so eine Stunde lang keinen Satz zu

Ende, bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft, bald in die

gleichzeitige Geschichte sich verlierend. Lehrer und Zuhörer befanden

sich in einem wirbelnden Gewirre, welches sinnbetäubend war. Bei

der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er übrigens seine Hefte schrieb

war es kein Wunder, daß er eine ausführliche Weltgeschichte drucken

lassen konnte, die übrigens eben so wenig ein Kunstwerk wurde, wie

seine Vorlesung, aber mit ächt historischem Tacte die Data der Quellen

auffaßt und in Reih und Glied stellt. Feind aller Declamation, jedes

Nebenzweckes, jeder Willkürlichkeit, alles pragmatischen Geschwätzes,

welches für alle Zeiten und Nationen nur einen Maßstab fertig hält,

ist Schlosser doch nichts weniger, als objectiv, und hat für Alles

seine eigene Meinung, was auf die Wahl des Materials, welches er

zusammen reihen will, einen entschiedenen Einfluß übt. Er scheut

die Philosophie, und erfreut sich der Virtuosität des Denkens eines

Plato’s und Aristoteles, denn diese lassen ihm Spielraum für seine

christlichen Meinungen, die natürlich auch von dem Inhalte des

gläubigen Bewußtseins abweichen. Sein edles Gemüth, sein Erglühen für

alles Gute, Große und Schöne und seine unverhüllte Verachtung und Ekel

vor allem Schlechten und Gemeinen, sein ächt patriotischer Sinn und

deutsche Männlichkeit machen ihn Schiller ähnlich; allein über die

stille That der Häuslichkeit und über das vertrauliche Urtheil und

die literarische Wirksamkeit geht es bei ihm nicht hinaus, und mit

weiblicher Weichheit vermeidet er Conflict und Schmerz des Lebens. Er

versäumt nicht zu jedem Bande seiner Werke eine Vorrede zu schreiben,

und in dieselbe seine Überzeugung und Selbstbekenntniß niederzulegen,

die denn an Voß erinnern. In seiner freisinnigen Geschichte des

achtzehnten Jahrhunderts wird er ein Spittler und Paulus gegen die

Könige und Fürsten, wie jene gegen die Päbste, und sucht damit in die

Bewegung der Zeit einzugreifen, die doch eines Heilmittels gegen den

Königshaß bedurfte. Die Bank der Naturforscher in Heidelberg besetzt

von Tiedemann, Gmelin, Munke, damals auch Konradi, Schelver und den

Hofrath und Ritter v. Leonhard, ist ohne Zweifel in dem Empirismus sehr

tüchtig und nur in dem Puncte sehr bornirt und für die Universität

als Pflegerin aller Wissenschaften nachtheilig, weil sie die ärgsten

Feinde der Philosophie sind, die sie freilich nicht kennen, die in

ihren Köpfen eine nur vorgestellte Existenz hat. Die Schellingianer mit

denen für diese Leute nun alle Philosophie indentificirt wird, haben

mit ihren willkürlichen Constructionen einen zu üblen Eindruck auf die

Naturwissenschaft gemacht, als daß sie nicht alles Denken als etwas die

Natur meisterndes und verkehrendes sich vorstellen sollten. Auch haben

sie von Hegel nichts verstanden, als seine großen Ausfällen zu §. 320

der Encyclopädie und beurtheilen nun darnach die ganze Philosophie, die

sie in feindseliger Tendenz gegen die Empirie begriffen wähnen. Munke

wurde von einem Schweizer nur der Taschenspieler genannt, obgleich er

keine Ähnlichkeit mit Döbler hat, denn es gelingt ihm keines seiner

Experimente, und im Rechnen ist er auch kein Hexenmeister, da der

Schweizer sein Exempel im Kopf ausrechnete und vor ihm das Resultat

hatte, während das seinige falsch wurde. Darin war er aber einem

Taschenspieler ähnlich, daß er seine Experimente wie Kunststücke

behandelte, womit man die unkundigen jungen Leute in Erstaunen setzen

müsse. Die größte Zeit brachte er mit der Einleitung zu, wo er lehrte,

daß die Naturlehre die Lehre von der Natur sei. Auch Tiedemann begann

seine Zoologie mit der Etymologie des Wortes Zoologie, dessen Theile er

griechisch an die Tafel schrieb. Ein wahrer Hexenmeister ist +Gmelin+,

der in einem halben Jahre 6 St. wöchentlich die dicken Bände seiner

Chemie durcheilte, nichts Wesentliches überging und dabei beständig

experimentirte. Wir Philosophen wünschten uns nur auch eine solche

Anatomie, die aber Tiedemann nur für Mediciner, also zu breit gab,

Leonhards Vortrag über Mineralogie, Vulkane, Geognosie ist unterstützt

durch seine autoptische Virtuosität im Erkennen der Mineralogie, durch

eine köstliche, vollständige auch krystallographische Sammlung durch

Modelle und Abbildungen. -- +Schelver+, der Magnetiseur, war mehr im

magnetischen Rapport mit der Geschichte (so nannte er die Entwicklung)

der Pflanzen, als stark in der Kenntniß einzelner Pflanzen, von

denen ihn hin und wieder die aus seinem eignen botanischen Garten in

Verlegenheit setzten.

Soweit mein norddeutscher verstorbener Freund.

Der Pedell +Krings+ war ein höchst merkwürdiger Gegensatz seines

gutmüthigen Collegen +Ritter+, der fortwährend an den Don Juanschen

Gerichtsdiener erinnerte und sein Amt auch bis zu einem recht hohen

Alter in steter Unbesinnlichkeit verwaltet hat. Krings kannte die

Studenten durch und durch, ihre Duelle, ihre Liebschaften, ihre

Väter, ihre etwaigen Erblasser, und heimlich zusteckenden Oheime und

Großmütter, so wie ihre Kenntnisse. Er verlieh viel Geld, nahm zwar

eine ziemliche Provision, aber mäßige Zinsen, im Gegensatz zu dem

Wucherer M. am Markte, der sich kaum mit zwanzig Procent begnügte und

sich dabei das Ehrenwort zur Hypothek setzen ließ.

»Ich werde,« pflegte Krings z. B. von Diesem oder Jenem zu sagen,

»vielleicht erst mein Geld in acht Jahren bekommen. Dann wird Herr v.

F. mehrere gute Examina gemacht haben und durch eine gute Anstellung

in den Stand gesetzt sein, mir Alles mit Zinsen zu vergüten. Herr R.

wird wol nicht sein Examen machen, aber den halten die Frauenzimmer

über Wasser, Herr L. hat viel zu viel Verstand, um nicht einmal sein

rüdes Leben aufzugeben und dann noch Kopf und Kraft genug, allen seinen

Landsleuten im Lernen und Wissen zu vorzu kommen.« Von dem reichen

unglücklichen v. W. sagte er schon damals die später über ihn verhängte

Kuratel voraus. Ich werde mich im Himmel danach sofort erkundigen,

was er von mir gesagt, wenn er sich darüber gegen keiner meiner

damaligen Freunde ausgesprochen hat, der es mir vor meiner Sterbestunde

offenbart. -- Damals scheute ich mich vor seiner Prädestinationsgabe. --

Wenn Krings ein Duell witterte, so war er redlich bemüht, dasselbe zu

vereiteln. Seine körperlichen Anstrengungen, um einen Zweikampf auf

Pistolen bei Neckarsteinnach zu vereiteln, der aber doch später bei

Speier vollzogen wurde, und ein dadurch sich fixirender Rheumatismus

der sich später auf seine Lungen warf, sind die frühen Ursachen seines

Todes geworden. Indessen war die Confiscation der Schläger zu seinem

Benefiz auch sehr ermunternd für seine Menschenrettung. Es war oft

sehr komisch, wenn man einen Paukanten in voller Rüstung mit farbiger

Binde, den Schläger in der Hand, bergauf in den Odenwald hinein vor dem

ihm nachsetzenden Pedell wie einen Neger vor einem Bluthund fliehen

sah. --

Bei einer Gelegenheit, wo er nur ein Duell vermuthete, aber sonst

keine Indicien hatte, war er klug genug, von dreien, zur Hirschgasse

wandelnden Musensöhnen den Mittelsten heraus zu nehmen und ihn auf

gut Glück als den einen der Kämpfer in dem bevorstehenden Duell zu

+arretiren+ oder besser gesagt, zum +Prorector+ zu +entbieten+.

Krings hatte sich nicht geirrt. Ich dachte es mir gleich, sagte der

große Psychologe, daß der Paukant in der Mitte gehe. Es liegt in

der menschlichen Natur, daß die feurige Einbildungskraft der Herren

Studenten einen Duellanten wie einen Abreisenden betrachtet. --

Fünftes Kapitel.

Der Lieutenant J. Die Familie Ditteney. Die Tänzer auf der

Hirschgasse. Die blonde Lisette. Die Bäcker- und Schmiedetöchter.

Fränzchen. Selmy. Eine Weinlese in Heidelberg. Die Eberbächer,

Säckbrenner und Kukuksfresser. Adam. Müller. Drais.

Nicht ohne Frösteln denke ich an ein unheimliches Nachtstück unter den

Heidelbergern Philistern, an den pensionirten Lieutnant J., welcher

zuweilen, aber immer nur in der Mitternachtsstunde in unsern frohen

Cirkel trat. Von athletischer Gestalt, mit einem durchschneidenden

Blick, stets begleitet von einem ungeheuren Wolfshund und im halben

Rausch, erschien er mir allezeit immer wie ein böser Dämon. In Spanien

war ihm sein rechter Arm schwer verwundet und endlich amputirt. Er

hatte dann das abgelös’te Glied nochmals geküßt und ausgerufen:

»Du bist eine brave Pfote, Du hast manchen Pfaffen erwürgt.« Auf

seinem Leibe trug J. einen Strick, von dem er behauptete, daß er

ein und zwanzig Spanische Pfaffen damit aufgeknüpft habe. Soldaten,

welche unter ihm gedient hatten, bestätigten auf meine Anfrage die

vollkommene Wahrheit der Anfuhr. -- Wenn J. auf die Hirschgasse kam, wo

ein gewaltiger Kettenhund lag, brachte er jedesmal einen nach seinem

Dafürhalten stärkern Hund mit, und foderte den Sohn meines Wirthes auf,

den großen »Türk« mit seiner Bestie kämpfen zu lassen. Das geschah denn

gewöhnlich, aber Türk blieb fortwährend Sieger und J. zog jedesmal

zähneknirschend und fluchend mit seinem halb todt gebissenen Vierfüßler

von dannen, um ein noch kräftigeres Thier aufzusuchen. Es ist ihm, wie

ich höre, späterhin auch gelungen, den armen Türk besiegen zu lassen.

Wenn Alexanders Dumas und vornämlich Victor Hugo den J. gekannt hätten,

er wäre ihnen eine vortreffliche Studie geworden. Vielleicht ist J.

der Vorläufer des Hugoschen _Johann von Island_, jener Ausgeburt der

Phantasie, welche Entsetzen erregend documentirt, auf welcher tiefen

Stufe sich die am höchsten gestellten Französischen Dichter befinden.

Fast jeden Abend, bevor J. uns verließ, nachdem er von Mord, Blut

und Feuersbrunst erzählt, und unsere Träume gewissermaßen ausgesäet

hatte, zog er ein Messer aus der Brusttasche, besah es und rief: »Dein

Maaß ist halt noch nicht voll.« Wir erfuhren, daß J. damit schon in

seiner zarten Jugend, nach einem Wortstreit fast von seinem Bruder

erstochen sei. Dieser habe nach überstandener Strafe das Instrument zu

sich genommen, übrigens vor einigen Jahren als seine Eltern nicht in

die Verbindung mit einem etwas verrufenen Frauenzimmer haben willigen

gewollt, sich in Gegenwart seiner ganzen Familie, mit demselben Messer,

das der Überlebende auf dem Herzen trug, erstochen.

Aber wie komme ich zu so gräßlichen Schilderungen, die meiner Natur

fremd sind. -- Ich sehe mich im Zimmer umher, da fällt mir der Kalender

in das Auge, es ist heute Schalttag, der 29. Febr. -- Nun ist Alles

klar.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Heidelberg schon Michaelis 1818

zu verlassen. Indessen verzögerte sich dieses Ereigniß bis Ausgangs

Januar 1819 und hatte ich in dieser Zeit die Hirschgasse bezogen.

Mein Wirth der alte Ditteney war nach meiner Wissenschaft von ihm,

ein braver aber auch finsterer Mann von vielen Erfahrungen, an den

alle Ereignisse des Lebens, nur nicht das Glück sich versucht hatten.

Er erzählte gern von den Kriegszügen, welche so oft sein Eigenthum

verheert und beschädigt, von Schinderhannes, der auch bei Heidelberg

mit einer Bande sein Unwesen getrieben und ihm nach dem Leben

gestanden, weil Ditteney ein Depot gestohlener Waaren, das über seinem

Hause auf der Engelwiese eingegraben war, gefunden und der Polizei

verrathen hatte. Er hatte einen ganzen Winter hindurch wegen mehrerer

in das Haus gefallener Schüsse sich so setzen gemußt, das man nicht

von außen auf ihn zielen gekonnt hätte. Eine Base von Überrhein, wo

das ganz ähnliche Bild des Räubers in jedem Hause zur Warnung hing,

hatte den Schinderhannes eines Tages während seiner Anwesenheit in der

Hirschgasse erkannt, und den Vettern veranlaßt, sich einige Nachbarn

zum Schutz herbeiholen zu lassen.

Wenn die Familie Ditteney am Abend dem erzählenden Vater, oder dem

Sohne, einen Metzger, der in Östreich condicionirt hatte, zuhorchte,

schnitten die rüstigen Söhne Faßbänder in der Hoffnung einer

glücklichen Weinlese. Dazwischen ertönten die schnurrenden Spinnräder

der Hausfrau, Töchter und der beiden Dienstmädchen, von denen das

eine die goldgelockte wunderschöne Maria E r. aus dem benachbarten

Odenwalde mit ihrer silberhellen Stimme begleitete. Nie vergesse ich

den Eindruck, welchen eine Ballade, (im Sinne des Pfarrers Tochter zu

Taubenhain) mit den langsam gezogenen Refrain, in mir erweckte:

»Und als er ein Stück gereiset war,

Sieht er sechs Gräber graben.

Wiederum dum da, wiederum dum da,

Sieht er sechs Gräber graben,

Ach liebste liebste Gräber mein

Was grabt Ihr da für’n Grabe,

Wiederum u. s. w.

Was grabt Ihr da für’n Grabe.

Das graben wir für Seine Braut,

Die ist diese Nacht gestorben.

Wiederum u. s. w.

Die ist diese Nacht gestorben.«

Während dieser Zeit brannte der älteste Sohn Joseph, der kräftigste

Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, den sogenannten

Quetschen- (Zwetschen-) Branntwein in einem nahe gelegenen Stalle.

Diese Arbeit verrichtete er, es klingt unglaublich, den ganzen

Winter hindurch von Abends eilf bis Morgens sechs Uhr und ging dann

wieder, ohne der Ruhe zu pflegen, an seine Arbeit. Nur die Nacht auf

den Sonntag und zwei Stunde Schlummer im Lehnstuhl am Abend gönnte

sich der fleißige Haussohn. Das geht noch über die Vigilanz des

Oldenburgischen Schauspiel-Directors Gerber, der bekanntlich sich nur

drei von vier und zwanzig Stunden Ruhe gönnt.

Der alte Ditteney besaß das Geheimniß, fließendes Blut zu besprechen.

Joseph hatte eine große Narbe auf dem Fuß und behauptete, der Hieb

eines Beiles habe einst alle Adern zerschnitten. Auf den Zauberspruch

seines Vaters sei der Lauf des Bluts indessen plötzlich gehemmt,

dasselbe Experiment habe er übrigens mit gar vielen Leuten gemacht. Ich

lachte, wie begreiflich über diese Thorheiten an die ich noch nicht

glaube. -- Aber das kann ich bezeugen, daß als die alte achtzigjährige

Tante Philippine einst in der Abendsoirée vom Stuhl und sich ein Loch

in den Kopf fiel, der alte Ditteney aber auf den Zuruf: »Vetter still

er mir das Blut, er kann es ja,« herbei eilte, bei der Berührung des

Zauberers die Blutströmung aufhielt und sich der letzte Tropfen mit den

Haaren vercopulirte. Mich wollte er die Zauberformel nicht lehren, da

er behauptete, ich müßte sie von einem Frauenzimmer erlernen, und den

Umweg des Unterrichts durch seine Töchter nicht gestatten.

Nach sechszehn Jahren sah ich die Familie Ditteney wieder. Das Glück

hatte sie damals noch mehr verlassen, als während meiner Burschenzeit.

Der Alte fiel mir um den Hals und schien vor Freude närrisch zu werden,

die Mutter war zum Kretin geworden. Der Schlag hatte sie gerührt,

ihre Tochter Babette hatte sie so eben, wie ein Stück Bettzeug in die

Sonne gelegt, welche Alles, nur nicht die Empfindungslose ruhig vor

sich Hinstarrende, belebte. -- Und doch passirte bei meinem Anblick

das Unglaubliche, daß die seit drei Jahren total Stumme, auf meine

Anrede, mich mit den gespenstigsten Augen, welche ich je, sei es im

Leben oder auf einem Bilde gesehen, anstarrte, meinen Namen wenn gleich

schwer, doch deutlich aussprach, -- dann aber mit grinsenden Lächeln

wieder in ihren Stumpfsinn versank, aus der sie erst vor zwei Jahren

der Todesengel erlöst hat. --Der alte Papa Ditteney ist ihr schon

mehrere Jahre vorangeeilt, Joseph noch Besitzer der Hirschgasse, Vater

vieler Kinder und durch die Abfindung seiner zahlreichen Geschwister

nicht in den besten finanziellen Umständen. Mein Anerbieten, eine

öffentliche Auffoderung zu seiner Unterstützung an unsere reichen

Universitätsfreunde ergehen zu lassen, von denen man doch nicht

annehmen könne, daß alle ihre Herzen verknöchert und dem Teufel

verfallen seien, lehnte er bestimmt ab. »Ich habe schon alschfort

Zutraue zu meine Herre, wo fort seye, aber ich will lieber verhungern,

als des mer sagen soll, der Joseph Ditteney habe bei seine alte Herre

gebettelt.«

Außer den städtischen Cassinos, auf welchen es im Durchschnitt ziemlich

langweilig zuging, wurde am Sonntag gewöhnlich vor allen Thoren

getanzt, auf der Hirschgasse drehte sich aber der Burschenschaftler, in

Neuenheim der Corpsbursche in dem damals beliebten Cotillon, zu welchem

bei uns Babette Ditteney den zaghaften schwindeligen Fuchs einzutanzen

pflegte. Kam ein Student von einer andern Parthei in das Tanzrevier

des Andern, so hatte das gewöhnlich eine Herausfoderung zur Folge, es

wurde wie man zu sagen pflegte, +contrahirt+. Der Bruch zwischen den

Burschen aber wirkte begreiflicher Weise auch auf die Priesterinnen der

Terpsichore. Wenn die Heidelberger Mädel Sonntags über die Neckarbrücke

zogen, da ertönte es am Ende vor der sogenannten _Clarina_: »Kattel,

kumm mit, wie machst Du mit de wüste Kurländer tanze?« Ei was frage

ich darnach, sakramentsche, sodiramentische Altdeutsche, entgegnete

die landsmanschaftlich Gesinnte, und Heidelbergs Töchter gingen jede

nach ihrer Überzeugung, bald links, bald rechts. Nur die blonde dicke

Lisette war neutraler, speculativer Natur, sie vereinigte Realität mit

Begriff. Sie ging bald zur Hirschgasse bald nach Neuenheim, nur nicht

dorthin, wo nicht getanzt wurde. -- »Ich tanze mit alle Herre Juriste

mit alle Herre wo brav sein,« war ihr neutraler Ausspruch.

Nie, nie hätte ich mir gedacht, daß die blonde ruhige Lisette, je

eines so hochfahrenden Selbstmordes fähig geworden wäre. Und doch

ist es wahr, daß sie von demselben Thurme, von dem ihr Geliebter,

ein Schieferdecker, durch einen Zufall sich den Tod gegeben, --

aus Verzweiflung hierüber, ihr mit Kummergedanken erfülltes Gehirn

zerschellt hat. --

Zu den Sonntagstänzen fand sich wie in Gräfenberg, wo Fürsten und

Handschuhmachergesellen, kirchhofsmäßig gesellt mit einander diniren,

außer den Studenten, Alles ein, was tanzen wollte, Bürgersöhne und

Handwerksgesellen, Bürgertöchter und Dienstmädchen. Um die Gesellschaft

ein wenig aristocratischer zu machen, recitificirten die beiden G.--

(v. B. der bekannte Pharaobanquier und der Besieger der Kurländer) und

ich diesen Tanzbesuch an einem Wochentage dahin, daß nur Bürgertöchter

und Studenten zugelassen wurden, an welche das billige Verlangen

gestellt wurde, +ohne Hunde+, ohne +brennende Pfeife+ und wenn derselbe

kein _alibo_ behaupte, auch im +Frack+ zu erscheinen.

Diese ungeheure Reform war nicht ohne bedeutende Folgen. -- Jetzt

fingen die Bürgertöchter an wieder Subdivisionen zu machen, denn

die Schmiede- und Bäckertöchter, ob durch den Reichthum der Eltern,

was wenigstens bei dem Reichthum der Letztern begreiflich war, da

diese alle zugleich Weinhandel trieben, oder durch sonst einen mir

unbekannten Umstand, alliirt, erklärten sich für die einzigen Cassino

fähigen Damen, welche nur ausnahmsweise andern Handwerkstöchtern

dann und wann ein Eingeladenwerden zugestehen wollten. Und kann man

sich es denken? die Bäcker- und Schmiedetöchter standen oft geputzt

in ihrer Kammer und harrten der Botschaft ihrer von der Hirschgasse

zurückkehrenden Dienstmädchen, welche erst durch das Saalfenster

hatten gucken und sich überzeugen müssen, ob auch eine Schneider- oder

gar Schustertochter auf das neue Cassino gegangen sei. Erfuhren sie

das, so legten sie lieber weinend ihren Ballstaat ab, als daß sie in

die Schand’ und Bosheit gewilligt hätten, mit den Pariatöchtern des

Handwerksstandes zu tanzen. -- Damals schüttelte ich ärgerlich den Kopf

über solche Standesvorurtheile, durch das Leben bin ich freilich anders

belehrt. Ich habe gelernt, daß es nur gar wenige hochherzige Menschen

giebt, welche aus der Sphäre ihrer individuellen Aristokratie sich

erheben können, daß dies gescheute Leute sind, welche aus Anerkennung

fremden Verdienstes, vor jeder Selbstüberhebung zurückbeben und dabei

vor Liebe nicht hassen und verachten können. -- Ist es mir doch später

einmal mit meinem eignen Stiefelwichser passirt, das er mir von seiner

durch Trunksucht getödteten Frau erzählte und hinzusetzte: »Ich kann

nicht begreifen, wie meine Frau so sehr an den Trunk gekommen ist.

Sie ist von zu angesehener Familie. Ihr Großvater war der erste und

einzigste Stiefelwichser seiner Zeit, der vier und dreißig Herren zu

bedienen hatte.«

Heidelberg hatte gegen die Regel der Universitäten, wonach die Mädchen

häufig nur zu frühe verblühen, viele hübsche Mädchen[5], welche

übrigens die Vergänglichkeit der Studentenliebe wohl zu würdigen wußten

und die zu heftigen Galanterien mit den Worten abzuweisen pflegten:

»Ach des wissen wir schon, von denn Herrn Juriste nimmt unter zehen

einer des Mädchen nit, wann er ihr die Eh’ auch versprochen hat.«

Ich hatte das Unglück in der Kettengasse zu wohnen, in welcher

damals die beiden ersten Schönheiten des Stadtcassinos _vis a vis_

residirten. Ich habe dermalen viel von Ständchen gelitten, wovon eins

das andere mit Flötentönen und Gesang gebracht wurde. Oft rief ich

ihm des Schlesiers D. auf mich gerichteten Witz zu: »Wenn du singst

klingt es schön, wenn du aufhörst noch besser,« es giebt nichts

unverbesserlicheres als einen verliebten Studenten.

Das rosige kindliche +Fränzchen+, die Jugendliebe meines theuersten

Freundes St., hat den Lohn ausdauernder Treue gegeben und empfangen.

Die himmlische Seligkeit der Erde war für sie zu groß. Die treue

Gattin hat nach wenigen Jahren der reinsten ehelichen gegenseitigen

Zärtlichkeit das Irdische gesegnet, nachdem sie ihm einen Sohn geboren,

der mein lieber Pathe geworden ist.

Die anmuthige veilchengleiche S. R. ist an einen angesehenen Badischen

Beamten verheirathet. Ich bin mehre Male Zeuge ihres häuslichen Glückes

gewesen und habe über die Natur lächeln müssen, wie diese bemüht ist,

die Züge der lieblichen Mutter trotz aller Variation in den Gesichtern

der blühenden Kinder zu reproduciren.

Es mag mir hier vergönnt sein, eine kleine Episode einzuschalten, die

vielleicht meinen Lesern bereits zu Gesichte gekommen, da sie aus

einer frühern Erzählung genommen und von den literarischen Raubblättern

mit Telegraphenschnelle verbreitet ist. Sie gehört aber zum Ganzen

und glaube ich doch auch mehr Recht als ein Anderer zu haben, meine

eignen emancipirten Kinder in meinem neu erbauten Hause meinen Gästen

vorzustellen.

Als ich vor etwa sieben Jahren Heidelberg zum ersten Male wiedergesehn,

besuchte ich den Wolfsbrunnen, das Schloß und den heiligen Berg; ich

fand die schöne Natur unverändert und warf mich voll süßer Erinnerung

an ihren unsichtbaren Busen. Auf der Schloßterrasse stiegen mir Eure

Bilder, Du trefflicher Ammon, Du Bruderpaar Papa, Du, in Griechenland

gefallener unglücklicher Ditmar, Du ewig gleicher Knobel, vor meiner

Seele auf. Die Zeit hat unsere Körper getrennt, manche hat sogar der

unerbittliche Tod geraubt, aber mit unsterblicher Flammenschrift

strahlt ihr in dem vielleicht auch bald unter der Lebenslast brechenden

Herzen. Wie wenig ist von unsern Träumen wahr geworden!!! Da fielst

auch Du mir ein, süße +Selmy+! Du schönes Mädchen aus N., Du meine

erste meine schüchterne Liebe, die Du im väterlichen Posthause, unter

den vielen schönen Worten, die aus den Lippen der Musensöhne zu Deinen

Ohren flutheten, wohl mein Herzenspochen überhört hast, aber mich

doch, um meiner Bescheidenheit willen, den wilderen Gesellen vorzogst.

Du warst damals schon Braut und konntest daher auf mich wirken wie

eine Heilige. Ach! wärest Du in der Nähe, ich würde zu Dir eilen und

Dich an die frohen Abende erinnern, die wir kurz vor der Abreise in

Deinem väterlichen Hause zubrachten. Nie war ich so zufrieden mit

meinen Versen, als wenn Deine Rosenlippen ihnen Beifall lächelten. Doch

Du bist in der Schweiz, eine glückliche Hausfrau, die Gattin eines

hoffentlich Deiner würdigen Mannes, die Mutter blühender Kinder. So

weit geht mein Ziel nicht; meine Verse trogen, wenn ich Dir versprach,

einst auf einer Schweizerreise an Deiner Pforte anzuklopfen. -- --

Noch immer mich im Geiste auf dem Schloßberge wähnend, saß ich schon

vor dem zweiten Gericht an der Abendtafel des Herrn Holwerth, als mich

bei dem leise mir entquollenen Ausruf: »Selmy!« ein alter Süddeutscher

Universitätsbekannter mit der Bemerkung aus meinen Träumen weckte:

»Aha! Sie meinen die schöne Selmy aus N.? Nun die ist zu haben. Nach

einer unglücklichen Ehe, die endlich der Tod ihres seit sechs Jahren

vor seinem Ende schrecklich wahnsinnigen Mannes beschloß, ist sie

zurückgekehrt nach N., lebt dort still und eingezogen, aber entstellt

durch Kummer und Noth keinem ihrer früheren Bekannten mehr kenntlich.«

--

Ein heftiges Feuer durchbebte mein Inneres bei diesen Worten. Die

träge Nacht schwand mir in süßen Wachen und in kurzen noch süßeren

Träumen. Hormuths Schimmel hatten bald ihre Aufgabe gelös’t, und die

zehnte Stunde des folgenden Tages führte mich an den Ort, wo mein

Herz beim Gedanken an das Wiedersehen so süß erbebte. Ich verlangte

kein jugendliches Wesen, nur die Seele, wenn ich mich so ausdrücken

darf, meiner liebenswürdigen heitern Selmy wieder zu sehen. Nur ihr

freundlicher Blick war es, der meinen Geiste vorlächelte.

»Wohnt hier die Räthin N. N.?« fragte ich eine übelgestaltete Magd,

die mit grinsendem Lächeln die Thür mit den Worten öffnete, die Frau

Räthin sey drinnen. Hastig folgte ich dem dürren Zeigefinger, aber

nicht ohne Schmerz und Erstaunen trat ich zurück, als ich in der mir

gezeigten Dame ein altes Mütterchen erblickte, an der nur noch die,

selbst im Erlöschen noch strahlenden Augensterne an meine geliebte

Selmy mich erinnerten. Und sie schien mich nicht einmal zu erkennen.

»Sind Sie Selmy?« fragte ich, ihre Hand ergreifend. Sie aber verneigte

sich bejahend, mich fremd, fast mit Opheliablicken betrachtend.

»Kennen Sie mich nicht mehr?« fragte ich fast ängstlich; »denken Sie

sich einmal um siebenzehn Jahre zurück.« -- »Sie haben vielleicht

dermalen in Heidelberg studirt,« fuhr die Gefragte fort, »allein ich

entsinne mich Ihrer nicht mehr.« -- »Besinnen Sie sich einmal, ich

bin ein Holsteiner,« fragte ich mit steigender Unruhe. -- »Heißen Sie

von Ahlefeldt?« - »Nein, das nicht.« Da fiel mir Geängstigtem Selmy’s

Stammblatt ein, das ich seit sechszehn Jahren in meiner Brieftasche

trug. Zitternd überreichte ich es, wie ein Jude einen Wechsel, dessen

Abläugnung er fürchtet, »Haben Sie das geschrieben?« -- »Ja!« versetzte

die Frau mit starren Blicken, dann aber setzte sie bewegt hinzu: »Ach

Sie haben gewiß viel von mir gehalten in der Zeit meiner Jugend und

meines Glücks; ich habe durch entsetzliche Leiden alle meine Erinnerung

daran verloren; diese beginnt erst in dem Momente, da der Priester

meine Hand in die meines Mannes legte. Haben Sie mich darum nur lieb,

wenn Sie es je gehabt haben; der schwere Schleier, der auf meinem

Gedächtnisse ruht, wird dereinst schon fallen, und ich werde Sie

erkennen.« -- »Selmy!« rief ich und nannte ihr meinen Namen, »kennen

Sie mich noch nicht? Sie müssen ein Stammblatt von mir besitzen.« --

»Nein,« entgegnete sie, »Ihr Name ist mir nicht erinnerlich, allein

ich besaß ein Blatt, daß mein Mann in einem Anfall von Wahnsinn zerriß;

ich barg nur noch einige Reihen, Sie lauten:

»Klopf ich an deine Pforte an,

Einst im Verlauf des Lebens,

So sei es nicht vergebens.«

Das war mir zu viel. Thränen entstürzten meinen Augen; ich enteilte

dem Hause. Vergebens bat mich Selmy zu bleiben oder wieder zu kommen.

Nicht ohne feuchten Blick rief sie: »Ich will mich besinnen auf Sie,

seien Sie nicht böse!« Schweigend eilte ich ins Wirthshaus, ließ meinen

Kutscher anspannen und mit den Worten, welche ich mir oft wiederholte:

»Die Menschheit vergißt innerhalb fünf Minuten Freundschaft und Liebe

und will unsterblich sein!« warf ich mich in den Wagen, der meine Laune

sehr verändert, mich nach Heidelberg zurücktrug. -- --

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 5 / 10 段