[4]_Cum primum abste rogarer ut verbis tecum altercandi munus

susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et

certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me

impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed

dicendum est coram tantis +viris+, +quorum+ magna atque divina adeo

doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur

veniam +viri doctissimi+ si +aures+ vestras tam +teneras+ in audiendis

dissouis latinae linguae vocibus fatigem._

Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen

Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie

wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner

Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah,

ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig:

»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie

ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen,

wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre _vocativi

pluralis_ hineinschlucken müssen.«

Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf

Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung

lehren:

In Heidelberg war ein Doctor _juris insigni cum laude_ promovirt,

welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte

abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische

Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre

Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte

betreten der Doctor. »Aber da steht ja _publice defendet_ in Ihren

Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen

vertheidigen werde.« -- »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort,

»fordern Sie ihr Geld zurück, »_+publice+_« heißt ja auf Kosten des

Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß

_+publice+ institui jussit_ nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ

dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der

_insignicum laude_ geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um

sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser

ihn nur zum Besten gehabt habe. --

»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen

sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende

Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines

Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der

überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er

ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt,

der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche

Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell

kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben

Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen

das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie

einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede

erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.

»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die

Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit

Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon

gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«

Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen

Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal

aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der

Meinung aller Juristen die Phrase:

»Herzallerliebstes Schatze mein!«

kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:

»Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«

Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der

Materie über die _culpa_ eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und

wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen.

Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen

Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«

Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters.

Ich habe ihn einen angesehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine

Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine

Unbefangenheit nicht total rauben möge. --

Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der

sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem

Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen:

Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf

der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«

Der Geheimerath +Nägeli+ war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist

berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es

noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden

Ansichten über das »+mir+« und »+mich+« zu theilen. Ich habe ihn nur

einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr feinen

psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. -- »Immer,«

sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich über

die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches

ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde,

aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich

auf den Grund. Man wollte mich durch die Schätze nur dazu bestimmen,

mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen

Rothschild zu behandeln habe.« --

Der Professor +Walch+ war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles fremd

war was nicht im _corpus juris_ stand. Als er einmal Ebbe und Fluth

nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner jovialen

Freunde durch die juristische Formel: Wenn _Cajus_ kommt so geht

_Sempronius_, und wenn _Sempronius_ kommt so geht _Cajus_. Aha nun

verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das Beispiel macht mir die

Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.

Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt

wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen

zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem

von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein

herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:

»Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren

Petschaften.«

Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger

Alter. -- Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem

getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast Thränen der

Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar

Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung

zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos

über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine

strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte,

war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte,

dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl

des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben,

übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer

wohldenkender Vierfüßler.

In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige

geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu

setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten

Gestalt hieher setzen will.

+Meine Lehrer in Heidelberg+ 1817 1818.

Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige

Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner Art

und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der Jugend

einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte Identität

wurde verbannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch machte das

Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. Zunächst war ich

an +Creuzer+ gewiesen, der wie jeder Scholarch, denn er dachte gewiß

an eine Creuzersche philologische Schule, den noch rathlosen Studenten

ganz ausschließend in seinen Karren spannen wollte. Seine Symbolik

machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der höchsten Begeisterung

vor, als wenn er selbst eine Incarnation des Wischnu oder Kneph, so

nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit der höchsten Ehrfurcht

wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst behandelt und ob er

gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen schloß, so wurde er

doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte nicht eine Abmahnung

profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es benahm der Begeisterung

nichts, daß das dritte Wort im Citat aus Jablonsky, Zoega, Porphyrius,

Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch nicht daß er in einer Hand die

Kreide in der andern den Schwamm in die Höhe hob, viel Taback nahm

und über die _ars poetica_ sprach. Das Komischste war die Überfüllung

des Locals, so daß kein Gang zwischen ihm und den Subsellien gelassen

war, der letzt hereingetretene Zuhörer so saß, daß man die Thür nicht

mehr öffnen konnte und einer sogar seinen Platz im Katheder selber

neben den Füßen des Meisters hatte. Aus allen Facultäten waren Zuhörer

da und ließen sich das confuseste Gemisch von Wahrheit und Dichtung

(oft schon Dichtung bei den Alten, die Creuzer für die Sache selbst

nahm) ächt philologischen Wissens und der willkürlichsten Etymologie,

ohne Plan und Zweck als etwa den, alles Höchste und Erleuchtetste des

Geistes in der vorgeschichtlichen Zeit zu suchen, und das Dasein des

Menschengeschlechts ins Unendliche der Vergangenheit auszudehnen, die

Methode ohne Philosophie, die Begeisterung ohne Poesie, und doch beides

zur Schau tragen wollend, vortragen, verloren sich seine romantischen

Reflexionen doch nur in trocknen Adversarienkram. +Hegel+ war gerufen

durch Daub, aber wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften

noch bei Schwarz Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers

+Voß+, war auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des

Griechischen und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet

worden wäre, es zu benutzen. +Paulus+ stand damals noch frisch in dem

Rufe, in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein,

der Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und

war der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die

alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen schickten ihre

Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien,

also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein

Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder

nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als

mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde

Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand

und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als

daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren

Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses

Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn

Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So

auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und

die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der

Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk

eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles

nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen,

denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und

seiner Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue

genannt stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf den Inhalt ankam,

der wahr oder falsch, gut oder böse sein konnte. -- Wenn +Paulus+

für uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und

die Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung

keiner Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so

war es entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger +Hegel+, der sich

um unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches

Messer in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir

es ahneten. Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die

tiefste Polemik des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren

war uns gänzlich verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und

blieben leer. Nur wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und

ließen sich durch das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der

zuhörenden Köpfe, welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf

der andern den Vortheil der _tabula rasa_, die nun sogleich mit dem

rechten und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu

anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als

der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in

ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes

oder jeden dritten Satz mit »also« begann, so daß es Hohlköpfe in

seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also«

einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen

davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange

die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung

gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei

dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen

des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe

der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen,

denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.

Der interessanteste meiner Lehrer war +Carl Daub+, ein Kurhesse, also

Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel,

der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber

sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände

genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht

nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht

und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die

Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht

hinaus gekommen, und mußte darum consequent die Philosophie für das

Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des

religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig

gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die

Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb

derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch

das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der

Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb

die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den

Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation

festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil

seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein

schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht

schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine

Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in

dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt

gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit

dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die

ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der

Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem

Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der

subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das

interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing

Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben

gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters

der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den

schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten,

wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd:

meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann,

erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch

ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und

arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte.

Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für

ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der

Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie

gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus

auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel

sprach er damals mit der höchsten Achtung und Bewundrung. Und

obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub

mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der

Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war,

aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker

ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik,

Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine

Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht

hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken

und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den

klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige Wort

gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf dem

Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen werden.

-- Den Hofrath +Langsdorff+ kannte ich nicht als Lehrer, denn er hat zu

unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war sein Ruf größer

als seine Leistungen, die schon verschollen sind. +Schweins+ dagegen

hat die Mathematik in einer ansprechenden Nimbus zerstreuenden Methode

vorgetragen und lebt in einer Schule junger Mathematiker fort, mit

denen er aber, sobald sie etwas drucken lassen, in öffentlichen Streit

geräth wegen vermeintlichen Plagiat’s. Es ist dies eine Schwachheit

von ihm. Er stand in Heidelberg ganz allein, und hat sich hungernd

herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit heirathete er hülfsbedürftig seine

gesetzte Köchin, und hat noch ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit,

Halsleiden, machten ihn sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe

aß, ohne vorher das Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die

Schmerzen nicht schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich

hatte im Winter früh 7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn

antraf, als einen Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich

nie vertragen, desto besser machte er den Vater und Rather der jungen

Leute unter denen er am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und

sich am liebsten der politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing

er immer mit älteren oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer

von 3-4 sein, während zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik,

brachte ich sie in 2 Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in

der schwersten Parthie gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich

auf das fleißigste benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag

war, daß er so viel thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte

er: vervielfachen statt multipliciren, theilen, messen (schöner

Unterschied) statt dividiren, -- Verbindungen statt Combinationen; die

Trigonometrie heißt bei ihm: Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er:

Größenlehre, und eine wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie

der Zahlen. Er ist ein Franzosenfeind und beweiset, daß ein _Lacroix_

und _Laplace_ ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 4 / 10 段