susciperem periculosum, nolui primum iniquum certamen inire, et
certe haud ausus essem nisi spectata tua amicitia ad hoc conandum me
impulisset. Tu mihi es amicus et popularis, nil habeo quad vereas. Sed
dicendum est coram tantis +viris+, +quorum+ magna atque divina adeo
doctrina, satis superque quam sim audax, mihi demonstrat. Detis egitur
veniam +viri doctissimi+ si +aures+ vestras tam +teneras+ in audiendis
dissouis latinae linguae vocibus fatigem._
Die Disputation ging glücklich zu Ende, ich schloß mit einigen
Sapphischen Versen, welche mir doch zu schlecht scheinen, um sie
wieder zu Papier zu geben und ging dann nicht ohne großes Lob meiner
Commilitonen zu Hause. Selbst Thibaut, der mich auf der Straße sah,
ging auf mich zu, drückte mir lächelnd die Hand und bemerkte beifällig:
»Nun das muß ich sagen, für Einen der nichts gelernt hat, haben sie
ihre Sache vortrefflich gemacht. Indessen bin ich mir doch vorgekommen,
wie der Schweizer Winkelried, ich der Einzige, habe alle Ihre _vocativi
pluralis_ hineinschlucken müssen.«
Wie wenig übrigens oft auf den gesunden Menschenverstand der auf
Universitäten promovirten Doctoren zu geben ist, mag folgende Erzählung
lehren:
In Heidelberg war ein Doctor _juris insigni cum laude_ promovirt,
welcher in der Heimath angekommen, sein Diplom als Visitenkarte
abgab. »Aber Herr Doctor,«, fragte ihn der schlaue und humoristische
Bürgermeister seines Geburtsortes. »Sie haben doch nichts für ihre
Promotiva bezahlt?« »Freilich über vierzig Pistolen,« versetzte
betreten der Doctor. »Aber da steht ja _publice defendet_ in Ihren
Diplom.« »Freilich das heißt ja, daß ich öffentlich einige Thesen
vertheidigen werde.« -- »Lieber Freund,« fuhr der Bürgermeister fort,
»fordern Sie ihr Geld zurück, »_+publice+_« heißt ja auf Kosten des
Staates. Ich will Ihnen funfzig Beispiele aus dem Livius zeigen, daß
_+publice+ institui jussit_ nichts anderes bedeutet, als: »Er ließ
dies oder das auf Kosten des Staats errichten.« Verblüfft stand der
_insignicum laude_ geschmückte Doctor da und wähnte so lange sich um
sein Geld gefoppt, bis das Lachen des Alten ihn belehrte, daß dieser
ihn nur zum Besten gehabt habe. --
»Polizeiliche Maßregeln müssen schnell ausgeführt werden, sonst kommen
sie gewöhnlich zu spät,« pflegte Thibaut zu sagen, indem er folgende
Geschichte erzählte: »Als ich vor einigen Jahren einmal das Amt eines
Prorectors verwaltet, wurde ich in der Nacht von einem Polen, der
überhaupt damals fast alle Duelle der Studenten verrieth, obgleich er
ein Senior war, und bei ihnen das höchste Vertrauen genoß, geweckt,
der mir anzeigte, daß zwei in Heidelberg studirende norddeutsche
Edelleute sich morgen früh zu duelliren gedächten. Ich ließ den Pedell
kommen und noch in der Nacht beide auf den andern Morgen um sieben
Uhr citiren. Sie erschienen, mit herzlicher Wärme stellte ich ihnen
das Unvernünftige des Zweikampfs vor, und siehe! versöhnt sanken sie
einander in die Arme, gaben auch freiwillig das sonst als Urpfede
erpreßte Ehrenwort, sich nicht zu duelliren.
»Ich freute mich nicht wenig über meine Eloquenz und über die
Empfänglichkeit junger Gemüther für freundliche Belehrung, aber mit
Schrecken erfuhr ich am andern Tage, daß sich beide Studenten schon
gestern um 5 Uhr Morgens duellirt hatten.«
Thibaut blieb sich ziemlich gleich in seinen lebhaften geistvollen
Vortrag. Nur wenn von den Sponsalien die Rede war, schien er jedesmal
aufgeregter als sonst. Mit großem Lachen erzählte er, daß nach der
Meinung aller Juristen die Phrase:
»Herzallerliebstes Schatze mein!«
kein bindendes Eheversprechen enthalte, wol aber der Satz:
»Ich will Dich nehmen, die Leute mögen sagen was sie wollen.«
Einer seiner Hauptfeinde war der Professor Schömann, welcher in der
Materie über die _culpa_ eine Abhandlung gegen ihn geschrieben und
wovon er geäußert hatte, diese solle Thibaut unter die Erde bringen.
Thibaut citirte diese Abhandlung oft mit einem nicht eben angenehmen
Lächeln: »Todtschlagsdissertation von Schömann.«
Hospitanten litt er nicht, vor allen keine Zuhörer höheren Alters.
Ich habe ihn einen angesehenen Mann, der ihn um die Erlaubniß seine
Vorlesung zu besuchen um Gotteswillen bitten gesehen daß er ihm seine
Unbefangenheit nicht total rauben möge. --
Auf Göttingen war Thibaut übel zu sprechen. Von einem Professor, der
sehr viel auf Etiquette hielt, pflegte er zu erzählen, daß dieser einem
Studenten der ihn nicht in Escarpins besucht, mit den Worten empfangen:
Mit ihrer Kleidung pflegt man nicht honnette Leute zu besuchen, worauf
der Studio geantwortet habe: »Das thue ich auch nicht.«
Der Geheimerath +Nägeli+ war ein geistvoller jovialer Mann. Er ist
berühmt geworden namentlich als Accoucheur, hat gezeigt und thut es
noch, daß man ein sehr gelehrter Mann sein kann ohne die herrschenden
Ansichten über das »+mir+« und »+mich+« zu theilen. Ich habe ihn nur
einmal bei Thibaut gesehen und erinnre mich noch einer sehr feinen
psychologischen Bemerkung, welche er damals zum Besten gab. -- »Immer,«
sagte er, »wenn ich zu armen Juden gerufen bin, erstaunte ich über
die Menge des Silbergeschirrs, das in dem Vorzimmer, durch welches
ich zu der Kammer in welcher das Krankenbett stand, geleitet wurde,
aufgestellt war. Ich konnte dies anfangs nicht fassen, endlich kam ich
auf den Grund. Man wollte mich durch die Schätze nur dazu bestimmen,
mich eben so thätig gegen den Patienten zu beweisen, als ob ich einen
Rothschild zu behandeln habe.« --
Der Professor +Walch+ war ein grundgelehrter Mann, dem aber alles fremd
war was nicht im _corpus juris_ stand. Als er einmal Ebbe und Fluth
nicht begreifen konnte, verdeutlichte sie ihm einer meiner jovialen
Freunde durch die juristische Formel: Wenn _Cajus_ kommt so geht
_Sempronius_, und wenn _Sempronius_ kommt so geht _Cajus_. Aha nun
verstehe ich Sie vollkommen mein Theurer, das Beispiel macht mir die
Sache klar, versetzte der alte Rechtsgelehrte.
Bei den Forstwissenschaften war ein Graf S. angestellt, der beschuldigt
wurde, in seine Vorlesungen zuviel von seinen häuslichen Verhältnissen
zu mischen. Ich habe den alten Herrn nie gesehen, wol aber in einem
von mir dictirten Heft geblättert wo mir dann die Stelle, als ein
herrlicher Beitrag für die jetzige Adelszeitung ins Auge fiel:
»Forstmeistern siegeln mit ihren Wappen, Förster mit ihren
Petschaften.«
Der Oberforstrath von Gatterer war ein sehr angenehmer geschwätziger
Alter. -- Immer habe ich in mir lächeln müssen, wenn er von seinem
getreuen und klugen Pferde erzählte und dabei fast Thränen der
Dankbarkeit vergoß. Er war auf demselben Jahre lang durch den Neckar
Abends zu Hause geritten, als es diesen Weg, trotz aller Ansporung
zu nehmen verweigert hatte. Während Gatterer sich im Bette schlaflos
über den Eigensinn seines sonst so folgsamen Rosses geärgert und eine
strengere Züchtigung desselben für den folgenden Tag beschlossen hatte,
war der von ihm verkannte Gaul crepirt. Der Oberforstrath meinte,
dieser Characterzug des Pferdes, seinen Herrn im nahen Vorgefühl
des Todes nicht dem Ertrinken im Neckar exponiren gewollt zu haben,
übertreffe noch die rührendsten Beispiele von Hundetreue und anderer
wohldenkender Vierfüßler.
In Bezug auf mehrere der Professoren sei es mir erlaubt, einige
geistvolle Mittheilungen eines meiner Universitätsfreunde hieher zu
setzen welche ich, da ich nie mit fremden Kalbe pflüge in unveränderten
Gestalt hieher setzen will.
+Meine Lehrer in Heidelberg+ 1817 1818.
Ich weiß nicht, was mich zurückhalten will, über meine Lehrer einige
Worte zu sagen. Es waren lauter tüchtiger Männer, jeder in seiner Art
und das Ganze was die Einzelnen bildeten ganz geeignet, in der Jugend
einen wissenschaftlichen Geist zu entzünden. Die abstracte Identität
wurde verbannt, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch machte das
Interesse aus und dieses trieb zur regsten Thätigkeit. Zunächst war ich
an +Creuzer+ gewiesen, der wie jeder Scholarch, denn er dachte gewiß
an eine Creuzersche philologische Schule, den noch rathlosen Studenten
ganz ausschließend in seinen Karren spannen wollte. Seine Symbolik
machte Furore. Er trug sie mit dem Schein der höchsten Begeisterung
vor, als wenn er selbst eine Incarnation des Wischnu oder Kneph, so
nannten ihn auch die Seminaristen, wäre. Mit der höchsten Ehrfurcht
wurde der nordasiatisch schmutzige Naturdienst behandelt und ob er
gleich unter der rothhaarigen Perrücke die Augen schloß, so wurde er
doch gewahr, wenn St. Paul lachte und ermangelte nicht eine Abmahnung
profaner Auffassung einfließen zu lassen. Es benahm der Begeisterung
nichts, daß das dritte Wort im Citat aus Jablonsky, Zoega, Porphyrius,
Sylvester de Sacy etc. etc. war, auch nicht daß er in einer Hand die
Kreide in der andern den Schwamm in die Höhe hob, viel Taback nahm
und über die _ars poetica_ sprach. Das Komischste war die Überfüllung
des Locals, so daß kein Gang zwischen ihm und den Subsellien gelassen
war, der letzt hereingetretene Zuhörer so saß, daß man die Thür nicht
mehr öffnen konnte und einer sogar seinen Platz im Katheder selber
neben den Füßen des Meisters hatte. Aus allen Facultäten waren Zuhörer
da und ließen sich das confuseste Gemisch von Wahrheit und Dichtung
(oft schon Dichtung bei den Alten, die Creuzer für die Sache selbst
nahm) ächt philologischen Wissens und der willkürlichsten Etymologie,
ohne Plan und Zweck als etwa den, alles Höchste und Erleuchtetste des
Geistes in der vorgeschichtlichen Zeit zu suchen, und das Dasein des
Menschengeschlechts ins Unendliche der Vergangenheit auszudehnen, die
Methode ohne Philosophie, die Begeisterung ohne Poesie, und doch beides
zur Schau tragen wollend, vortragen, verloren sich seine romantischen
Reflexionen doch nur in trocknen Adversarienkram. +Hegel+ war gerufen
durch Daub, aber wir Studenten wurden zu Paulus geschickt und durften
noch bei Schwarz Exegese hören; der treffliche Sohn des Antisymbolikers
+Voß+, war auch so gut wie verpönt, bei dem man aber die Fülle des
Griechischen und Lateinischen hätte lernen können, wenn man angeleitet
worden wäre, es zu benutzen. +Paulus+ stand damals noch frisch in dem
Rufe, in dem jetzt Strauß steht, etwa im Bund mit dem Teufel zu sein,
der Christus versucht hatte; aber er meinte es treu wie dieser, und
war der freundlichste und wohlwollendste würtembergische Magister. Die
alten in Halle gebildeten rationalistischen Theologen schickten ihre
Söhne zu ihm und nicht zu Daub. Ich hörte die Exegese der Evangelien,
also das Leben Jesu, bei ihm mit dem Vorsatze, sobald er auch nur ein
Wunder nicht natürlich zu machen wüßte, meinen Glauben an die Wunder
nicht aufzugeben. Diese Bedingung wurde denn auch bald erfüllt, als
mir diese und jene Erklärung nicht genügend schien. Überall wurde
Geist und Poesie ausgetrieben und an ihre Stelle der platte Verstand
und die nackteste Prosa gesetzt. Der Widerspruch war zu grell, als
daß er einem mystischen Gemüthe und einer sinnigen Reflexion, deren
Bedürfniß er gar nicht erfüllte, hätte etwas anhaben können. Dieses
Denken schien mir von Gott verlassen, trostlos und willkürlich, denn
Alles was er hatte, selbst die Geschichte, war selbstgemachtes. So
auch in der Kirchengeschichte, Pentateuch, Jesaias. Das Pabstthum und
die Hierarchie wurde in allen Zeiten mit dem modernen Maßstab der
Aufklärung gemessen; die mosaische Verfassung für das klügste Machwerk
eines ägyptischen Priesterlehrlings ausgelegt. Überhaupt wurde alles
nur getrieben, um es in seiner Nichtigkeit als Subjectives aufzuzeigen,
denn Objectives gab es gar nicht, um zuletzt bei dem Subject und
seiner Sichselbstgleichheit, abstracten Identität, Überzeugungstreue
genannt stehen zu bleiben, wobei es natürlich auf den Inhalt ankam,
der wahr oder falsch, gut oder böse sein konnte. -- Wenn +Paulus+
für uns ideenlose und bildungsarme Studenten klar wie Wasser war und
die Schnitte seines scharfen kritischen Messers zu ihrer Auffassung
keiner Sonde bedurften, aber auch eben so schnell wieder heilten, so
war es entgegengesetzt bei dem andern Würtemberger +Hegel+, der sich
um unser Verständniß gar nicht bekümmern konnte, dessen kritisches
Messer in die Tiefe ging ohne daß wir es fühlten, ja ohne daß wir
es ahneten. Da war keine Polemik der Personen und Thaten, und die
tiefste Polemik des Denkens gegen jene schlechten Weisen zu existiren
war uns gänzlich verhüllt. Wir saßen im Trüben bis zum Schwindel und
blieben leer. Nur wenige hatten eine Ahnung von dem, was vorging und
ließen sich durch das Vertrauen zur Vernunft halten. Die Leerheit der
zuhörenden Köpfe, welche auf der einen Seite hinderlich war, hatte auf
der andern den Vortheil der _tabula rasa_, die nun sogleich mit dem
rechten und gediegensten beschrieben werden konnte, Hegel hatte eine zu
anspruchlose Persönlichkeit, als daß er sich an besondern Seiten, als
der seines Vortrages hätte auffassen lassen. Die Synthesis allein in
ihrer Geläufigkeit veranlaßte, daß er jeden dritten Theil eines Satzes
oder jeden dritten Satz mit »also« begann, so daß es Hohlköpfe in
seinem Auditorio gab, welche sich damit unterhielten, bei jeden »also«
einen Strich zu machen. Diese trugen dann immer ein artiges Sümmchen
davon, wenn wir andern ganz leer ausgingen. Der Reiz dennoch so lange
die Nacht auszuhalten bis der Tag anbrach, kann nur die Dämmrung
gewesen sein, die uns doch vergönnt war zu bemerken; sonst wäre es bei
dem gleichsam lungenkranken Vortrag, den unbeweglichen hängenden Zügen
des Gesichts, den matten in sich gekehrten Augen und der einfachen Ruhe
der Hände nicht möglich gewesen. Die nur des Nutzens wegen hingingen,
denen es gar nicht dämmerte, gingen auch wieder davon.
Der interessanteste meiner Lehrer war +Carl Daub+, ein Kurhesse, also
Landsmann von Creuzer. Ein Denker, streng und gewandt wie Hegel,
der eigentlich für Philosophie nach Heidelberg berufen wurde, aber
sogleich theologische Vorlesungen zu übernehmen durch die Umstände
genöthigt wurde. Er hatte alle neuere philosophischen Systeme nicht
nur studirt, sondern eines nach dem andern zu seinem Eigenthum gemacht
und auf die Theologie angewendet, als Methode deren Wahrheit ihm die
Theologie war. Bis auf Hegel ist er aus dem reflectirenden Denken nicht
hinaus gekommen, und mußte darum consequent die Philosophie für das
Subordinirte jenes Philosophirens über den Inhalt der Religion oder des
religiösen Bewußtseins, das er Theologie nannte, halten, und heftig
gegen die Philosophie abwehrend polemisiren. Dies fiel noch in die
Periode meiner ersten Studienjahre oder auch nur Curse, denn innerhalb
derselben ließ Hegel seine Encyclopädie drucken, und machte dadurch
das ganze System überschaulich, wodurch mithin auch die Stelle der
Religion bestimmt wurde. Daub hatte den Ruf Hegels veranlaßt, trieb
die Theologen in seinen Hörsaal, und studirte dies System eifrig. Den
Zufall und das Böse hatte er bisher abstract als die einfache Negation
festgehalten und in diesem dualistischen Sinne den ersten Theil
seines Ischarioth drucken lassen. Den verwarf er jetzt zuerst als ein
schlechtes Buch, und erklärte dem Buchhändler, den zweiten Theil nicht
schreiben zu wollen. Es bedurfte nur geringe Aufklärung über seine
Differenz mit Hegel, und er war durchaus versöhnt mit diesem System, in
dessen Licht nun sein ganzes theologisches Wissen eine andere Gestalt
gewinnen mußte. In diese trübe Gährung, dieses Ringen und Kämpfen mit
dem Begriff, fielen nun gerade die Vorlesungen über Dogmatik, die
ich drei Jahr lang bei ihm hörte, ohne nur den dritten Theil der
Lehre vom Geiste zu bekommen. Da er das Beste unmittelbar auf dem
Katheder schuf in der objectiven Stimmung die er mitgebracht und in der
subjectiven die ihm seine Zuhörer gaben, so waren diese Vorträge das
interessanteste was man hören konnte. So lange ich sie besuchte fing
Daub nicht eher an, als bis ich gekommen war, saß, und zum Schreiben
gerüstet war. Nie vergesse ich die ernste hohe Gestalt dieses Priesters
der Weisheit, mit den vorstrebenden Augen, das kahle Haupt mit den
schwarzen Mützchen bedeckt unter dem die dünnen Locken herabwallten,
wie er das Taschentuch zu knoten anfing und im tiefsten Basse murmelnd:
meine Herren! seine dialektischen mäandrischen Entwickelungen begann,
erhoben über alle Endlichkeit des Seins und Denkens, denn es giebt auch
ein endliches Denken. Der freie Vortrag war demnach so feierlich und
arbeitend, daß die fertige Feder auch jedes Wort nachschreiben konnte.
Einer der Zuhörer erwies ihm wohl den Dienst die Vorlesung auch für
ihn noch einmal abzuschreiben. Große Episoden in derselben waren der
Darstellung der Kantischen, Schellingischen und Hegelschen Philosophie
gewidmet. Löste er in der schärfsten Säure der Kritik den Rationalismus
auf, dann hatte er immer seinen Collegen Paulus vor Augen. Von Hegel
sprach er damals mit der höchsten Achtung und Bewundrung. Und
obgleich es außer Hegel gewiß damals keinen tieferen Denker als Daub
mehr gab, so meinte er doch, wir jungen Schüler Hegels seien in der
Dialektik gewandter als er, was freilich Ironie oder Irrthum war,
aber doch Zeugniß gab, wie schwer es auch einem alten geübten Denker
ankam, Hegels Schriften zu verstehen, von denen es damals nur Logik,
Phänumenologie, Encyclopädie und Naturrecht gab. Manchmal löste eine
Stelle aus meinen Hegelschen Heften einen Anstand, über den er nicht
hinaus konnte. Außer kritischen Arbeiten ließ er nichts mehr drucken
und lebte nicht mehr lange genug, um auf die gährende Theologie den
klärenden Einfluß zu haben, den er als Lehrer durch das lebendige Wort
gehabt hat. Was er sich gewünscht, geschah auch; er begann auf dem
Katheder zu sterben, und mußte von seinen Schülern weggetragen werden.
-- Den Hofrath +Langsdorff+ kannte ich nicht als Lehrer, denn er hat zu
unserer Zeit nicht mehr gelesen. Als Mathematiker war sein Ruf größer
als seine Leistungen, die schon verschollen sind. +Schweins+ dagegen
hat die Mathematik in einer ansprechenden Nimbus zerstreuenden Methode
vorgetragen und lebt in einer Schule junger Mathematiker fort, mit
denen er aber, sobald sie etwas drucken lassen, in öffentlichen Streit
geräth wegen vermeintlichen Plagiat’s. Es ist dies eine Schwachheit
von ihm. Er stand in Heidelberg ganz allein, und hat sich hungernd
herauf gearbeitet. Nach unserer Zeit heirathete er hülfsbedürftig seine
gesetzte Köchin, und hat noch ein Mädchen gezeugt. Seine Kränklichkeit,
Halsleiden, machten ihn sehr pedantisch, so daß er wohl keine Suppe
aß, ohne vorher das Thermometer eingetaucht zu haben. Ließen ihn die
Schmerzen nicht schlafen, so arbeitete er die ganze Nacht und ich
hatte im Winter früh 7 Uhr bei Licht ein Collegium bei ihm, wo ich ihn
antraf, als einen Übernächtigten. Mit seinen Collegen konnte er sich
nie vertragen, desto besser machte er den Vater und Rather der jungen
Leute unter denen er am besten mit den Burschenschaften harmonirte, und
sich am liebsten der politisch Gravirten annahm. Angehende Schüler hing
er immer mit älteren oder geübteren zusammen, so mußte ich der Lehrer
von 3-4 sein, während zwei Jahren. Ohne einen Anfang in der Mathematik,
brachte ich sie in 2 Jahren vollständig genug bei ihm durch, und in
der schwersten Parthie gab er mir unentgeldlich Privatissima, die ich
auf das fleißigste benutzte. Eine Sonderbarkeit in seinem Vortrag
war, daß er so viel thunlich deutsche Termini gebrauchte. So sagte
er: vervielfachen statt multipliciren, theilen, messen (schöner
Unterschied) statt dividiren, -- Verbindungen statt Combinationen; die
Trigonometrie heißt bei ihm: Kreisfunctionen, die Arithmetik nannte er:
Größenlehre, und eine wissenschaftliche Begründung derselben: Theorie
der Zahlen. Er ist ein Franzosenfeind und beweiset, daß ein _Lacroix_
und _Laplace_ ihr Bestes von Euler haben, nur hätten sie’s verdorben.