Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G.,

der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren

Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug

des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur

Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken

ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine

Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit

zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich

G. ihm als meinem Übernachbar, -- bei meinem Lever sofort seinen

Namen zu rufen. -- Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht

lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen

gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der

Mittelbadgasse.

Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern

(Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten,

indessen kein Arg weiter daraus gehabt. -- Nun begab es sich, daß nicht

gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um

Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß

ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen

zurief und dann mich auf mein Lager warf.

Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und

Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben

auf seinen Arm gestützt, schlafend. -- »Ei was Herr Schwarz!« hub ich

an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so

früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem

Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut

gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf

dieser Seit’ ist hundsmüd!«

»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«

»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt

Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um

fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande

und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe

mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G.

gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge

um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir

lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«

»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll

Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn

oder gar Euer Wecker sein soll.«

Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den

Burschen.

Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen

und tranken im +Kaffeehause+ ihr Bier. -- Mir fällt dabei ein,

daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben

so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »_lusus_« _a non

lucendo_. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige

Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen

Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das

Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.

Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im

Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter

einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste

würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von

edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche

Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der

ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman +Schindler+ in

Glarus. -- Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze

überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten

flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden

Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er

starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich,

obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde

gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student

mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines

gewilligt hatte.

Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die

Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes

Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros

verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden

Herren befehdeten. Sie contrahirten:

»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander

los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die

Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein

Einziger in der Kampfhalle fehlte. --

So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder

Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.

Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft.

Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt,

seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam

eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch

seine Verwundung beendigt.

Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit

Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre

Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,«

versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle

Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi

dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der

Burschenschaft setze. --

Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines

Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich

die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle

contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei

annullirt wurden.

Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler,

worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt

wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren.

Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner

unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige

Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche

Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der

bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der

guten alten Zeit geseufzt.

Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer

erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer

nicht des kräftigen O., des biedern F.? -- Der liebenswürdige Bremer

Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen

gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom

Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen

geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit,

wie viel +Mark+ der und oder habe, ob der Commerz-Deputation +löblich+

oder +wohllöblich+ gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen

ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie

ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen

Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und

Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen

Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer

reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber

Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze

Straße des Hamburger Berges geschieden sind. -- Der geistvolle +Bluhme+

mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen

+Siemsen+ in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel

mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar

sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte

indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. --

Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg

unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl

der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben

daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen

Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel

(Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch _lansquene_) und vor

allen Dingen das sogenannte _L’hombré_ mit Ohren, das Pharospiel ein.

-- Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole

auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt

wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in

einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. --

Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn

er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der

gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in

jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden

Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student

in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für

seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten

zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu

bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.

Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer,

dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der

Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche

über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und

fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß

erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines

Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich

kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum

Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des _Cerevisia_.

Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen

Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen

Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich

überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter

hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch

ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten

Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es

gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich

habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches

Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen

zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast

nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft

an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.

Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens

von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus

gerechtfertigt. -- Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges,

arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel

auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen?

Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die

Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier

eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen

Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.

Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände

durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte

Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand

in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in

Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man

ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover,

ja in Hannover, -- es ist schauderhaft es zu sagen, aber +wahr,

verschlickert+ man ihn, in Kuchen. -- -- -- -- --

Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit

überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will.

Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen

dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein

junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb

Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch

mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel

Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in

»Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl.

m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu

Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich --

wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung

oder seinen Hut anstatt der Makrone, -- er wird fast nie ein Märtyrer,

gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. --

* * * * *

Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen

am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen

warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. -- Selbst

Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes

unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.

Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden

an einer _table d’hôte_ zum Besten gegeben. Während diese

lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover

ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht -- die Worte aus:

»Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle

seine Conditorläden.«

Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man,

wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich

der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein

arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder

Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden

und anspruchlos an das Ohr fluthet. -- Die Worte erinnern dann an die

Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von

Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird,

behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf

das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. -- Genießt man

diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines

Wasserfalls, der Klang überwältigt den Sinn der Rede -- und man

schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher

thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.

Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:

»Hatten dos wohhl jesehn.«

Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem

am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres

Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder

Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne

alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.

Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die

Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den

Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies _par

excellence_ von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den

Residenzbewohnern Hannovers.

Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die

»schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im

Jahr 1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit

vielen Jahren ein gemeinschaftliches Corps gebildet hatten. Ihr Chef

war der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod

seines Hundes »+Peter Fix+« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt

wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der

Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male

das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften

durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet,

sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er

sich sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen,

welches St. mit großen Euphemismus, ein +Duett+ nannte. Tief ergriff

den Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne

Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund

gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:

_Chorus Guestphalorum._

_Moestus noster flet praefectus

Et dolore est confectus,

Quia Canis interfectus._

_St._

_Tu mi canis, quem amisi

Quocum cecini et risi,

Mente adsis, faveas,

Neque canes occurentes

Tibi instant nune et dentes,

Terram levem habeas._

_Chorus Guestphalorum._

_Petre Fixe! the clamamus.

Justa tibi ut solvamus,

Et quae decent, tribuamus._

Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten

gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen

wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren

geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der

Vorstellung hat. -- Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten

unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden

examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in +allen+

Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer

gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein

Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen

residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden

haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen

immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines

verhungerten Harfenmädchens vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern

ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren

wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen

ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens

originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.

Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen,

so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und

eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden

würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe

gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im

buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in

der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die

Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der

Prophezeiung des Tübinger Professors +Bengel+ freilich schon 1836

hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt

noch nicht völlig reif zu sein scheint.

Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß

sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die

Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und somit des

Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es

fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht

den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten

durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht)

Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen

Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen

Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt

sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote

vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen

Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend

vorgestellt:

»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:

»+Ich nenne mir+ _Lottum_.«

Der Sachse:

»Ich heeße Musemeischel.«

Der Westphale:

»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)

Der Rheinländer:

»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben

soll.

Ein Holländer +Ruhs+, der schönste und kräftigste Student seiner

Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch

nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst

meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren

mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch

satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. --

Viertes Kapitel.

Die Heidelberger Professoren. Thibaut. Nägeli. Walch. Graf Sponek.

Creuzer. Hegel. Paulus. Daub. Langsdorf. Schweins. Schlosser.

Tiedemann. Gmelin. Munke. Konradi. Schelver. v. Leonhard. Die

Pedelle, Krings und Ritter.

+Thibaut+ ist ein Mann des Verstandes, zu dessen Ehre er oft die

Empfindung zu demüthigen bestrebt ist. Die Art und Weise wie er über

den damals empor lodernden Enthusiasmus der Jugend ironisirte, indem

er vor allen Dingen die Lieblingsideen der Burschen lächerlich zu

machen suchte, gaben ihn in unseren Augen das Ansehn eines kalten

gefühllosen Mannes und vielleicht nicht ganz mit Unrecht. In Heidelberg

selbst war die Petition der Bürger noch nicht vergessen, welche Martin

mit unterzeichnet, Thibaut aber als strafbar desavouirt hatte.

Durch diesen Umstand ward Thibauts bedeutender Einfluß in Carlsruhe

gegründet, Martin hingegen bewogen, Heidelberg zu verlassen und einem

Rufe nach Jena zu folgen.

Wenn hingegen von Musik die Rede war, so zeigte sich Thibaut auch

als Enthusiast. Er lobte aber nur die geistliche, und von dieser die

Italienische Musik. Man sagte, er halte Agenten in Rom, welche ihm zu

hohen Preisen aus den verschiedenen Kirchenregistraturen manches Requim

der trägen Ruhe für das gottseelige Thibautsche Fortepiano entreißen

mußten, nichts destoweniger war er in dieser Beziehung jedenfalls

einseitig, da er alle neuere Musik total verwarf, und +Paer+ den

+Kotzebue+ der Musik nannte. Auf den Letzten schien er es besonders

nicht zu haben. Er erzählte mit großem Vergnügen eine Historie von

Schiller und Kotzebue. Der letzte hatte bei dem großen Dichter ein

von ihm verfertigtes Trauerspiel, ich glaube den Ubaldo einschmuggeln

gewollt, und zu diesem Ende vorgegeben, er wünsche Schiller das Product

eines jungen hoffnungsvollen Dichters, und zwar ein Trauerspiel

vorzulesen. Schiller hatte eingewilligt, indessen hatte Kotzebue

noch nicht den ersten Act beendigt, als Schiller nicht mehr seine

krampfhaften Zuckungen beherrschen gekonnt und ausgerufen habe: »Das

Trauerspiel mag der Teufel auch von einem jungen Dichter sein, das ist

das Machwerk eines alten keiffigen Theaterscriblers, der die Bühne

durch und durch kennt, dem aber Phantasie und Gefühl mangelt.« --

* * * * *

Nachdem ich ein halbes Jahr studirt hatte, wurde ich von meinem

Landsmann, dem gelehrten St. aufgefordert, ihm zu oponiren. Obgleich

ich die Collegia nicht sehr fleißig besucht hatte, die rücksichtlich

meines Fachs auch nur auf Institutionen und Rechtsgeschichte beschränkt

gewesen waren, so nahm ich doch diese Einladung an. Ich hatte die

Hamburger Schule frequentirt und sprach ziemlich gewandt Latein. Ich

instruirte mich nach Collegien-Heften über die Personalservituten und

ob ein Lehn nur durch _dolus_ oder auch durch _culpa_ verloren wird,

hatte eine kleine lateinische Anrede formirt, und ging dann getrost in

die Aula.

Aber wie erschrack ich, als ich nur einen einzigen, Thibaut auf den für

die Professoren bestimmten Sitze gewahrte. Alle meine Vocativi Pluralis

waren schon auf meiner Zunge, ich konnte ihnen keine Contreorden

mehr ertheilen. Ich gab daher den neugierigen Musensöhnen allen

Professorenrang und hub meine Rede etwa mit diesen Worten an:

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 3 / 10 段