Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet

worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes

Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist,

welches aber doch hier seinen Platz finden mag.

=Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.=

In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als

Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N...

als Sprecher gewählt.

von L... erschien und erklärte:

»Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und

Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr.

von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen,

da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2

fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch

Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe

N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld

angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese

Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir

das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert:

»»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen.

Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »+Büberei+.« Da v.

L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N...

geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N...

das Wort »+Büberei+« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen.

-- N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb

drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«

von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen

gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im

Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.

N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld

geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort

»+Büberei+« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden

Sinne ausgesprochen.

Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:

Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund,

nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe.

Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell

als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher

hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. -- Da das

Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu

dem Worte +Büberei+, welchem übrigens in diesem Lande auch

nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur

+Kinderei+ bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald

v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in

der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.

V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei«

zurück.

Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.

Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind

doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur

zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den

Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.

Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre

unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft

zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer

burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die

Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die

ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor

die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar

gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent

die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien,

Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen

bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein

Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war

aber noch bisher unterblieben. -- Aber ein unglücklicher Neuseeländer,

den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war

kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem

Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz _tres faciunt

collegium_ seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben

schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke

Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der

Überwundene trank »_smollis_« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief:

Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer

geworden bist.

Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es

gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch

bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig

Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt

schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die

Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein

solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen

accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten,

daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst,

hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in

Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben,

freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft

machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder

wenigstens beim _Pereat_, (auch Lustig meine Sieben; besonders in

Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht

wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim

zu den Gastwirth +Freund+, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren

gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte _uno tenore_

durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder

berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich

hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir

schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar

einige consilirte.

War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu

nennen, so überschritt er doch das Maaß. -- Der Gedanke, den Biergenuß

zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu

behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier

gar nicht liebte, der Stifter einer +Cerevisia+ zu werden, die im

humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens

unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der

Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert

habe und legte mir den Titel »+Eminenz+« bei. Zu gleicher Zeit erließ

ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; _Eminentia errare

nequit_ (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der

andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »_pour le merite_,«

den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche

durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch

auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in

den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, _Eminentibus_,

_Eminentia_ (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade

waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.«

Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt,

so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs,

(Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch

bekleidete. -- Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher

sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem

ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die

Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn

schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem

Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der

Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte:

»Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das

Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den

Tod der Biervernunft und Eminenzen.«

Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden

Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein

Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch

wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im

Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der

in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir

lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den

Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft

in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung

von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll

anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:

Nimm jetzt des Bieres Glas

Biere es aus fürbaß,

Biere mit Eil’

Daß Dich das Bier bewegt

Zur Biervernunft Dich trägt,

Daß Dein Herz bierig schlägt

Biervernunft Heil!

mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen.

Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus

untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne

sich von mir den Cerevissegen: _Sit aqua tua cerevisia_ (Dein Wasser

sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine

Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals

ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen

Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben

Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen

werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere

Universitätsjahre +vorgestern+ -- unsere zwanzig Jahre der Trennung

+gestern+, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe +Heute+ sein

sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn,

daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen,

gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm +gestern+ zehn

Kinder geboren.

Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität

zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte.

Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die

Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung,

sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich

der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu

erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie

möglich. -- Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige

neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines +Biervaters+, +Bierkanzlers+

und +Adoption+ eines +Königlichen Sohnes+, und als ich endlich meiner

Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der

Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In

diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei

ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und

Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich

das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt

zu sehen.

Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen

Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte

dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren

Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir

jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich

sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem

Tode bewahrt habe.

Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein

Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe

lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst

Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der

Biervernunft. -- Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern

wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, _eventualiter_ aber

einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. -- Bemerkenswerth

ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen

Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht

entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.

Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in

den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit

seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei

verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner _Thibaut_

und _corpus juris_ standen stets einige Bierkrüge, welche er zum

Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle

Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor -- Gut war

die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« -- Dies

Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb

fünf Minuten geschehen. -- Als nun X. einmal von Kameraden, die an der

Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und

Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein

Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der

ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel

genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X.

paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer

ungeheuren Quantität _Gèrevis_ aus dem Status der Schande.

Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein

Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie

bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des _Careau_

König die +Eminenz+ sei, die andern Könige »+Großkreutze+,« welche

sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die

Eminenz ausgespielt wurde. _Careau_ König stach Alles, _Careau_ Dame,

(das Bierfräulein) den _Careau_ Buben, (den Bierjunker) die übrigen

_Careaus_ Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern

Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im

Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das

Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will

ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel

hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst

schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist.

Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen.

Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die

Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:

(Melodie: _Gaudeamus_.)

_Venit, virgo hilaris

Casum nullum timens

Sed puella rapitur

Et a rege capitur

Vah! puella cadit._

Das Kobbeschef (von _jeu_) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen

an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.

Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und

eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre

Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr

angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten

Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten

für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr

willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld

hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt.

Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden

Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. -- Schlimm

für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht

leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich

den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens

mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide,

grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne,

die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre

Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. _Gloriam

quam pepere majores, digne studeat servare posteritas._ Ein gewisser

C. schoß sich, -- eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier

Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten

lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die

Vorsehung die Worte ausstieß: +Weiß der Teufel ich glaube es ist ein

Gott+!

Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen

glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen

Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu

einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach

Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den

Worten: »+So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen+.« Diese

unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit

bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen

liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem,

wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste

Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen

sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und

Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen

Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die

Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen

befreundet war. Die Namen _Gulefoky_ und _Porten_ sind mir in das Herz

gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie

recht Muth fassen können.

Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die

Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren

Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters

oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer

humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie

durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn

es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig +duckten+. Man

konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend

demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man

verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das

Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten

einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: -- »Aber!

meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott!

(Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße

rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den

Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch

von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.

Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so

mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer

Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an

ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich

den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die

einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren

auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe

Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein

Normalstaat, Holberg das größte poetische _ingenium_ der Schöpfung

und nichts schwerer als +paa+ (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu

studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger

_Petrus á memoria_ sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher

zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder

Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid,

sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen

kann, der auch höchst selten verpaßt wird. -- Jetzt nimmt Einen der

Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und

schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn

so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. -- Würde

übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein

sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines

ganzen Honorars verlustig geht.

In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron

und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg

auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren

Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten,

ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte,

daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich

Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.

Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte

sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit

der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt,

wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei

der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen

betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen

ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That

wohl daran ihre Beispiele »+von edlen Handlungen illustrer Personen+«

unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem

Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein

Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er

mehr als +Familien-+ denn +Adelsstolz+ hervortritt, sich mithin auch

gegen seines Gleichen geltend macht.

Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien

der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei

Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und

mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war

auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf

das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein

poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.

Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten

deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern

Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu

meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie

hafteten Alle _in solidum_ unter sich, war Einer schwer erkrankt,

so schienen sie alle +plurig+, war Einer beleidigt, so schien die

deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die

Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte,

schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der

gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten

Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die

Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche

Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur

Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und

ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt.

Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem

Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen

Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei

gesprochen wurde. --

Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das

Begeisternde angriff. -- Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der

ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug

eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig

antwortete: Ich will in den Himmel steigen.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 2 / 10 段