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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
aber sinngemäß ergänzt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
verwendet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: _Unterstriche_
Das Zeichen für ‚Pfund‘ wird in der vorliegenden Version durch die
Abkürzung ‚lb.‘ ersetzt.
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Humoristische Erinnerungen
aus meinem
academischen Leben
in
Heidelberg und Kiel
+in den Jahren+ 1817-1819
von
Theodor von Kobbe.
Erstes Bändchen.
Bremen,
Verlag von Wilhelm Kaiser.
1840.
Druck von F. W. Buschmann.
+Meinen+
Universitätsfreunden
voll unsterblicher
+Erinnerung+
gewidmet.
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort. I
Erstes Kapitel. 1
Zweites Kapitel. 13
Drittes Kapitel. 39
Viertes Kapitel. 79
Fünftes Kapitel. 105
Sechstes Kapitel. 126
Siebentes Kapitel. 145
Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der
Abgeordneten-Versammlung zu Jena. 187
+Vorwort.+
_Smollis_ Ihr Herren!
Während des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in
Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung
mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur
totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte,
mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite
34 Zeile 9, +negierend+ statt +regierend+, S. 20. Z. 12, +Hirschhorn+
für +Hirschhern+. S. 16. Z. 21, +Choragen+ für +Choragee+. S. 151. Z.
21, +Jena’s+ für +Jonas+ zu lesen, und hie und da sogar ein Wort zu
suppliren.
Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl
instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von
Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen
Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir
+Amnestie+, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel unserer
humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und es ist
mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:
_Fiducit!_
+Oldenburg+
im Großherzogthum Oldenburg
im August 1840.
Theodor von Kobbe.
Erstes Kapitel.
Weinheim. Graf M. -- J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die
Burschenschaft. Ms. Duell. -- Js Rappierjunge.
»Wie heißt diese Station?«
»Weinheim. -- Sie ist die letzte vor Heidelberg.«
»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J.
darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«
M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.«
Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«
»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,«
lautete die Antwort.
»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.
»Und denn will sich der Ort noch +Weinheim+ nennen. Die einzigste
Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht
wird. +Wasserheim+ sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.
»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als
wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort
unserer Bestimmung zu gelangen.
»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der
schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.
Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. -- Wir waren dort
Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und
mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz
gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser
dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der
Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.
Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der
Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl
vor sich her trieb.
»+Maulthier+,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der
Burschensprache.
Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten
war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der
Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten
Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein
älteres Aussehen verdankte, -- und zwar dahin bewilligt, daß er
behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.
J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge
Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir
schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.
Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen
unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von
mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.
»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.
M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir
die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.
»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis
Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde
das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn
Beinen,« beanfragte der Fremde.
Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später
keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor
Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das
Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe,
der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. -- Ist es mir doch
noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken
zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte.
Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede
Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender
Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche
Zeit der Ideale schwelgt.
Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut.
J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine
peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den
Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, -- zum Geständniß
seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm
darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche
Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M.
sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt
einnimmt. --
Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. -- Sobald es
Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. -- Aber
das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit
ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein
Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer
Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.
Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.
Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur
hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre
Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht,
das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.
Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht
weiter konnte. --
Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.
Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg
erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin
fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die
Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.
Der Eindruck war unbeschreiblich.
Der Postillon führte uns zum goldenen +Hecht+, auf ausdrückliches
Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der
Stelle:
»Zum blauen +Hecht+ trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«
dabei erinnerte.
M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner
Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in
Heidelberg erkundigen.
Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich
in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima
Heidelbergs.
»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit
ausgestreckter Hand anredete.
Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung.
Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der
Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei
bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor,
wenn ich Unverdauliches gegessen habe.
»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der
Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder
höher als eine Pistole anschlagen.«
Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche
Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. -- Ich habe
viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, -- doch weg mit
allen Klatschereien, sie sind alle todt, _requiescant in pace_.
Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich
fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen,
wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten
Türken.
Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes
Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade
im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien
einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende
nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal
entschuldigen.
Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den
ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die
Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten,
besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den
Mittagstisch genommen.
* * * * *
Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg.
Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben,
im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund,
kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge
fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen,
da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise
hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte,
zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.
* * * * *
Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu
Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein
durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen
bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen
Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen
Schaden, annahm. --
Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich
bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche
Verbindung wir treten wollten. -- Ich hatte von den Burschenschaftlern
die Arndtschen Lieder:
»Was ist des Deutschen Vaterland?«
»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«
so wie das Körnersche:
»Wie wir so treu beisammen stehn.«
gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut
durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu
können. --
Ich eröffnete dies M.
Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das
Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.
Ich trat in die Burschenschaft.
Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu
sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. --
Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M.,
mit einer klaffenden Wunde in der Brust. -- Ein feindlicher
Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N.,
war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite
gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit
Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl
hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche
auch ich verwickelt war.
Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung
einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.
In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus
verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich
verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu
können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen
Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.
Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen
Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die
Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.
Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter
einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im
Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr
zurück nach Heidelberg.«
S. that wie ihm der Engel geheißen.
+Chelius+ aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei
Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine
Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden.
Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.
Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche
Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. --
Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt
hatte. --
Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten
Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die
er gar nicht kannte, erlaubt hatte.
R -- bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen
werth.«
Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften
Rappieren.
»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that,
einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona
erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir
einen.«
»Du Fuchs!« lachte N.
N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein
wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er
nahm ihn daher sich »_sûr_« wie die Studenten es nennen.
Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug
eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.
N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus
dem Munde geschlagen.
Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg
war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.
Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.
Zweites Kapitel.
Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm
Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß,
Wambold, Morstadt, Uexküll.
Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch
+Göthe+, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich
nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht
hatte. -- Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen,
sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen,
welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu
benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der
Mephisto, _sit venia verbo_, hatte die Gestalt des Schülers angenommen
und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu
sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre
1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme
nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in
Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.
Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen
die +Boißerée+schen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang,
mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre
Urheber ausgerufen haben soll: +Das waren noch Dichter!+ Bei dieser
Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen
Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche
der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei
Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung,
als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria
vor, zum Besten zu geben pflegte:
»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren
Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit,
bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte
noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer
seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den
Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen
Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,«
erreichen zu können. +Wolfgang+ erklärte aber rundweg, er wolle den
Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden
Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung
des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn
sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte
durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für
den _envagé_ seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche
waren aber vergebens. +Göthe+ blieb regierend im Bette liegen. Da
verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er
den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des
Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf
die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen
Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte
Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die
heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches
calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen
Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange
warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den
Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des
Faust’s erkennen konnte.«
Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist +Ludwig Robert+ gewiß
mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder +Rahels+,
hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen
Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen
»+Ich+« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz
durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. -- Welch
einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf
uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein
Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die
Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des
Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, +ja
was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen+« --
Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den
Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische
Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß
von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann
gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. --
Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar
um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen
für +Sie+ zu schreiben, geziemt uns nicht.«
»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas
aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf
er ihm nicht sagen; daher wird +Robert+, weil er +Kobbe+ sehr lieb
gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und
Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.
Ihr Robert«
Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.
Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. -- Freilich
demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem
schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter
Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels
mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch
darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja
alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle
jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«
Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig
Roberts so wenig =Epoche= gemacht haben, und selbst jetzt selten
genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. -- Denn
in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz
+Jahnisch+ und +Arendtsch+; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor
die Augen der Leser bringen. Roberts »+Kämpfe der Zeit+« erregten einen
rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen
Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der
Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs
sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich
vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages
anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in
demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten
der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel,
dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen
wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. -- Wenig bekannt ist
Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares
Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit
willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein
Beifall zollendes Publikum erworben hat.
An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in
demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das
meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese
Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige
eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große
pecuniäre Opfer erlößte. -- Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren
Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige
Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe
erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. -- Ihr Herz brach mit
seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet.
Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars
erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer
weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des
Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel
die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«
Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thorbecke aus Osnabrück,
welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch
eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich
zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen
Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der
Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen
Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit,
den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher
unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier
+Hirschhern+ zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen
Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:
»+Hirschhern+ kräftig gegen Schwindel,
Wenn man weiß nicht aus noch ein,
Muß verwahrt mit einem Spündel,
Alsobald verschlossen sein.
Darum halt ihn fest im Glase,
Jenen Geist, der sonst verfliegt;
Sonst behältst Du wohl die Nase,
Aber nichts woran sie riecht.«
Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner
wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.
»Was willst du singen?
Willst Du singen ein lustig Lied?
Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser
Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,
Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
Das Schiff läuft aus,
Kommt wieder nach Haus.
Ich fliege nicht auf dem Wasser
Mit Well’ und Freude.
Was willst du singen!
Willst du singen ein traurig Lied?
Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer
Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz
Wie einen Eimer in die Tiefe,
Verlorenes zu schöpfen:
Sänger traurigen Liedes
Stehet im segelnden Schiffe still,
Meinet, meinet nicht fortzugehn.
Kein lustig Lied, kein traurig Lied
Willst du singen?
Schweigen will mein Herz?
Nicht schweigen!
Singen will es sehnend Lied!
Wer singet ein sehnend Lied,
Solche Stille Schauer erfährt,
Als wer von Land und Freunden schied
Und das weite Meer befährt,
Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,
Sehnend Lied ist mitten auf der See:
Unten Liebe oben Himmel,
Nirgends Land;
Und aus Wolken und aus Wasser
Eine ausgestreckte Hand.
Auf einander Wellen reiten,
Gegen einander Winde streiten,
Sausen, Brausen,
O wie schön, schön
Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«
Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit
entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:
=Im Walde.=
Im Wald ist es herrlich!
Im Wald ist es herrlich,
Am Abend ist schön im Walde gehn,
Die Bäume wie stille Freunde stehn,
Aus jedem Strauch die Liebste tritt,
Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,
Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!
Welch wonniglich Graun,
Da hinnein zu schaun!
Der Wind durch die Zweige sehnend streicht
Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,
Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt
Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt
Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.
Als ging’s im Himmel hinnein
Ist hier mit der Liebsten seyn,
Schneller kann keine Reise geschehn,
Als mit dem Monde zu gehn.
Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit
Ist die ganze reiche Herrlichkeit,
Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.
Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche
Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast
mit dem unglücklichen Obersten +Massenbach+, welcher sich vor seiner
Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in
Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. -- »Mein Gott, wie kann
man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst
Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke
die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch
warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr
Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem
Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«
Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten
gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager
mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne
Flitterwochen.
»Ich hin sonst allen Menschen gut
Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«
möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller
ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den
ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen
empfunden habe.
Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche
Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und
wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die
allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle
versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich
bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten
Erröthen, bedanke. --
Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine
Scheidung von Tisch -- wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem
Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit
ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden
Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche
gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei
Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des
Gegenwärtigen war.
Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean
Paul +Richter+, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der
geistreiche +Börne+ in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein
würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den
Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser,
die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur
als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden
Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle,
Festordner, Adjudanten und _Chapeaux d’honneur_ bilden, wurde von der
Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen,
die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte.
Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der
Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die
Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die
Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.
Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem
edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. -- Andere
Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich
noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach
einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge
vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich
ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen
genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore
gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten
Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von
Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem
an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten
die Worte: Es lebe +Jean Paul+[1], der große Dichter, der deutsche
Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner
Melodie auf die Töne des »_God save the king_« gepfropft. Jean Paul
erschien beim ersten gehörten Ausruf. -- Die breite Stirn, das nur vom
Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn
gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende
Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und
nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die
ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen
eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des
Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem
großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen
Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun,
dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle
segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit
reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«
Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer
enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen
schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war
als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht
umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den
Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand
reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr
zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem
großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen
Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul,
»hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«
Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige
Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte
Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit
Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts.
Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei,
den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen
Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur
Rückkehr. -- Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund,
den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der
vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten
übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.
In jener Zeit war ein _Clair-voyant_ in Heidelberg, welcher ein sehr
großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der
Mann hieß wenn ich nicht irre »+Auth+,« war der Sohn eines Quacksalbers
und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich
aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem
magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem
etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und
Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere
Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche
der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren
fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig,
und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand
des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben
und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist,
ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu
verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte,
als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.
Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das
Collegium _medicum_ und namentlich der Professor Tiedemann sei
beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants +Auth+ zu untersuchen
und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der
Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit
+Auth+ auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf
gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe,
sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs
am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver
haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe
verschwinden lassen.
Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem
Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern.
Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit
gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon
in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und
in die beste Laune gerieth.
Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft
in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb
er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit
ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die
Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen
fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige
Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche
Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein
Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte
schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean
Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag
bildete die Nachwelt.
* * * * *
In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student,
den ich +Meier+ nennen will, und der immer mit den größten
Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal
Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen.
Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging
dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich
nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb
ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde
nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s
und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit
einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche
Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«
»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren,
»ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer
erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich
bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den
Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«
Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier
gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir
dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt
schon auffinden.
Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich
Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich
vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean
Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute
Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte,
das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge
solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem
chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu
einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des
Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer
Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist.
-- Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul
gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken,
soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die
Höhlen der Vorstellung geflohen sein.
+Heinrich Voß+ war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei
ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus
der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen
Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem
andern Sinne nannte, das _puer heidelbergensis_. Von sechs bis zwölf
arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung,
dann ging er zum Vater und las dem seine _pensa_ vor. Sein ganzes
Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der
strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er
kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er
eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern,
stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor
Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft
erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim
Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den
Tod des corpulenten Mannes erfrühen. -- Einer der Genossen seiner
Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger
Schule angestellte Professor +Martens+, ein wohldenkender aber stets
regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß,
noch mehr aber den dänischen Dichter +Holberg+ anerkannte, den er, wie
ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und
zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht
in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander
die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher
einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen.
Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch
einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse
ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit
derselbe zu helfen bereit war.
Heidelberg, den 18. October 1817.
»Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres
Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht
sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und
mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der
Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es
nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen,
verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt
der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die
Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder
würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift
nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen,
wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu
legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden
Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu
unterzeichnen.«
=_Dr._ Heinrich Voß=,
Professor der Philosophie auf der
hiesigen Universität.
Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe
dinirten, ist ein Domherr v. +Wambold+ zu rechnen, ein Epikuräer,
im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum
gegründet hätte; dann -- +Morstadt+ mein alter Freund, dieses
Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier,
und wenigstens _esprit pour quatre_, hat, und ein origineller
Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher
im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen
schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und
Soupers meines Lebens verlebt.
Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten
seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von
einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater
vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von
dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so
vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch
erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich
auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die
sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet,
günstig geäußert hatte.
Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer
umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann
nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck
machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden
Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur
+Speisen+, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben
nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich
wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. -- Dann ging der alte
Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der
Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten
Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden
bewogen habe. -- »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei
dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine
Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias
Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser
Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. -- Er zog
jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem
mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm
erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie
ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine
bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er
so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran
gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam,
sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« --
Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß
Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten
einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen
Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und
respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich
habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den
Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ
ausweichend zu bescheiden.
Drittes Kapitel.
Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die
Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die
Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die
Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen.
Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.
Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen
entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg
mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen
hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur
Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren
des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die
Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen
in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher
Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die
Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. -- Eine
strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre
1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus
Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in
der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den
ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen
dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf
den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung
könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit
den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger
und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung
predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte
und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das
Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. -- Hier sind übrigens die großen
Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther
erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat
als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein
weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten
wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »+was man Respect
nennt+,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die
Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen
müsse, bis man die Welt verbessern könne.