Aber das hat noch lange Wege. --

* * * * *

Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner

Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit

ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.

Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit

großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde.

Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde

gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe

nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die

engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden,

die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so

nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der

Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand

es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der

Spruch prangte:

Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,

Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.

„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.

Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet hatte, dann mußte man

sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der

Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich

nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich

nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein,

gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr

mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so

recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun

gebrannt heimkommen.

In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen

der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und

belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen

Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der

die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er

war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der

so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war +nur+

„korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung

zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen

hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen.

Und während die ~prima omnium~ Grete Vahl in wohlgesetzten Worten den

in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse

vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte

die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre

Händchen zusammen, tat unentwegt einen kleinen Luftsprung und rief:

„Ach ja bitte! Ach ja bitte!“

Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise

hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. --

Und er sagte „+ja+“.

Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß

Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. --

Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.

So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das

Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und

nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.

Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an

einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht

geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen,

vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein

eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate,

die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau

bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.

Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr

früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen

Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der

Heidekamper Wagen.

Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die

Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen

Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.

In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und

es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern

ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die

rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte

Annahme. -- Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf

dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. -- Man fuhr dem

Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das

junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen

den Brauen kannte, erhellt gewesen...

Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.

Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn

jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an

die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!

Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise.

Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....

* * * * *

Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man

stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter

sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und

nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war, nahm man

die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der

Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.

Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny

Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen

zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was

du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine

Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es

vorgeschlagen. --

Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet

den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten.

Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer

mehr Kinder und Eltern drängten herein.

„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte

Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die

Luft wird uns hier knapp.“

Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied

rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner

vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier

festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun

lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses

vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch

die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“

Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Aufforderung aus, man

zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit

zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern

nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man

vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil

des Raumes.

„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr

Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“

Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht

hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die

das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die

Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht

beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions

gelöscht hätten....

Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies

gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“

Niemand vergaß es je, der es gehört.

„Feuer! Feuer!“

Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte

lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock

aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte

es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere

Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm

nach und half, die Flammen zu ersticken. --

Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brandwunden davongekommen.

Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen

sitzen und kühlte die wehen Hände.

Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster

zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem

Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden,

verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.

Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und

Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.

Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und

als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen

wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen

Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.

Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand

hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden

und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.

Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen

Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.

„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende

Diele.

Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und

verbrannten Fingern.

Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.

Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig

geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten

Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 43 / 58 题