Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. --

* * * * *

Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft.

Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und

Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich

weidwund.....

Einen Traum begrub er, -- von einem Schemen nahm er Abschied...

Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem

trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.

Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte

an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte,

wie herb es schmerzt, wenn Jugend zur Jugend strebt -- -- über ein

reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen

jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen

wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar

davongeflogen war...

Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte

ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die

verräterischen Spuren.

Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer

Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle

Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint.

-- --

* * * * *

Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach

vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?

Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um

deiner im untersten Fache habhaft zu werden?

Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen

Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den

Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und

verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für

vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ -- Da wurde der Schrank

aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier

unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du,

mein alter Foliant. „Dann knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen

Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen

sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in

der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen

fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren

Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite

geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.

Was schrieb ich vor vier Jahren +zuletzt+ in dich hinein?

Laß sehen:

„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und

wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du

gute Mutter!“

Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.

Aber du mußt dich ohne den „+fröhlichen+“ Anfang begnügen. Ich bin

ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.

Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle

zu ihrem „Vater“, -- diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest

geworden.

Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden,

mißtrauischer....

Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt

davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr

kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein

einsames, strenges Leben eher stutzig macht, als zum guten Glauben

bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich

könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens

zeigt man es mir nicht.

So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden

wollte. -- Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an +mir+ hängen,

aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen

angeschmiedet bin. --

Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.

Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.

Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe

schloß.

Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar

Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach.

Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir

hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder

singen zu können. --

Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in

Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet

hatte. --

Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den

darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland

zeigen in all seiner Pracht. -- Jetzt weilt sie allein auf einer

Studienreise in der Schweiz -- ~Dr.~ Hofer und ich haben sie ihr

verschafft. --

Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei mir gesessen, und

das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen

schloß.

Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein

böses, unreifes Kind weh tat....

Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen,

damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei

unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb,

genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.

Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des

Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.

Freilich bin auch ich in Netze gefallen, -- in die des alten Fräulein

Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele

allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin

sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten

dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich

sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende

„Geheimnis der alten Mamsell“.

Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein

treuer Rat und sein gutes Gesicht.

Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann

und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An

Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter

Christ, aber schlechter Musikant. -- Klaus Hansohm, ich vermisse dich

sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. --

Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren

Schlages vertreten. -- Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat

sie mit übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am

eifrigsten. -- Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen

seines bösen Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen

wird er das Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz,

den er aufwühlte auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er

planlos hinterher warf. -- Wie sagte mir ~Dr.~ Hofer? „Die guten

Gedanken Ihrer Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das

ist ein rechtes Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein

+Lehrerfreund.+ -- Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an.

Kinder- und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber

+Lehrerfreunde+? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, und

als die Erntezeit kam, lag er brach....

* * * * *

Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in

Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch

einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf

den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.

Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter

wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten.

-- Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte

Blumen auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte

durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die

Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah,

wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und

kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke

ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen

den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten!

Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig

tröstend.

Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod

getrieben....

Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht

gehalten....

* * * * *

Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie

auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit

meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und

blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar

nicht, daß sie die Gebende war.

Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten

Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen

und Trinken vergaß.

„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder

selig.“

Das mußt ich oft von ihr hören.

Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der

Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein

Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit

den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner

Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der

Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese

mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte

sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß

ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und

war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde

werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“

Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der

Treusten.

In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.

Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der

Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt

merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut,

denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten

Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut,

kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.

Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne, mein Jung, willst

du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter

liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“

Das wolltest du sagen, Mutter.

Aber dein Empfinden war so zart und fein. -- Du wolltest nicht an

Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug

bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur

um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige

Mutter. -- Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte

in Arbeit und Pflicht. -- Dein Mund war herb geschlossen, als wolle

er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten.

Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern

meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto

unwirscher wurdest du. -- Kenne ich dich gut, Mutterherz?

Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz

deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht

in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir

schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag

hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich

den weiland Heidekönig nannte.

So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich

wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem

Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte

sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du lehntest

den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes

Brust.

Weißt du noch, Mutter?

Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er

fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise

zu dir -- und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine

Hände -- -- -- -- „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb.

Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren

zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn

Enkelin.

Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut,

daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig

und groß ist sie, daß sie nur ein +Mutterherz+ mit dem Sohne tragen

kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eine

+Mutter+ sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber

beten und weinen kann. -- Da sahst du mich an, und wolltest sprechen.

Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten

-- fragten....

Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich.

Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen

helfen, Mutter...“ --

Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder

in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.

Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr

Direktor?“ fragte er. Und machte es umgekehrt wie die gebildeten

Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie

belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre

antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von

mir ging, hatte er mich hochgeehrt.

Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus

seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen

Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir

‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen,

Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen.

Aber“, -- und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an,

„nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar

nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte

Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet

hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von

alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich

glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut.

Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr

sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das

Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu

Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd

ich fünsch. +Eine+ Dummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn

die machen die meisten jungen Lehrer, -- er wird zu früh geheiratet

haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine +Frau+. Was

da sonst drum und dran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte

noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie

oft ich +dich+ hab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und

jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein

Frauenzimmer.“ --

Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein

einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte

ich seine Rechte ganz herzhaft.

„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind,

Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war

meine Frau.“

„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie

hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“

„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette

habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, -- ehe

sie starb.“ --

„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete

ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung,

solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf

holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel

zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie

solange beehrt habe. --“

Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen,

goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte

meiner Großmutter Gesine gehört, und ich schenkte sie Lisette an

unserm Hochzeitstage. -- Dachte auch an die Kleinstadt und ihre

Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes

einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu

meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.

Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.

* * * * *

Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr

von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt

war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.

* * * * *

Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so

eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag,

Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben

wir nie miteinander.

Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt,

aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. --

Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus

wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. --

Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete

sie in Heidekamp weiter.

Da sah ich sie auf der Straße.

Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der

Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.

Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes,

erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.

Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr

ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß

hören.

Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in

Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel

von Mensch und Tier, nur nicht der meine....

* * * * *

Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!

Rufe mich immer +zuerst+ an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an dir

vorüber.

* * * * *

Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr

des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann

meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt....

Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von

Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz

von selbst hat sie mich darum gebeten.

Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz

neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 42 / 58 题