Prasselnd brannte die Waldkate nieder.
Weithin leuchtete der rote Feuerschein.
Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten
nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur
Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.
Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm.
Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur
Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den
neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von
Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen
unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch
immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren
Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz
Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und
schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.
Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein
höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann
genesen könnte, und sein Freund würde.
Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen vor. Vorsichtig
bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden
durch die dämmernde Heide. --
* * * * *
+Mein alter Foliant, grüß dich Gott!+
Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!
Zwar mit dem Wieder+sehen+, da hat es so seinen Vorbehalt und
Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und
das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll
Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. --
Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben
Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.
Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......
Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.
Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als
hundert Kinder um Hilfe schrien.
Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal
gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. --
Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir
auferlegte, weiß ich Ihm Dank. --
Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz +eingebrannt+.
In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.
Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein
armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter
Heide gebettet hatte.
Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und
Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne
bedeuteten.
Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.
Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten
und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche
Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen
Binde, die meine versehrten Augen barg.
Mütter hörte ich schluchzen, -- sie weinten wohl über mich. Aber ich
lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder.
--
Gestern haben mich die Ärzte entlassen.
Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab.
Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind
Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen
Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der
schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“
Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie
hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.
Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn
all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen.
--
Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.
Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias
geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die
Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend
Jungvolk um sich habe“.....
Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem
gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. --
Vier Hände legten sich in die meinen.
Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen
die Namen an mein Ohr.
„Seid +ihr’s+, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in
meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch
beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag
ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden.
Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“
Dann haben wir lange beieinander gesessen.
Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges
Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn
die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“
Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.
Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt
vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während
ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit,
Doktorsche, ich hatte gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren
vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“
Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...