Die Heide blüht. --

In diesen drei Worten liegt ein Erleben.

Die Heide blüht.

Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?

Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen.

Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte

mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und

goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne

waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....

Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden

Haar an den Schläfen. --

Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen auftaucht und grinst.

Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird

den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“

Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen

bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.

Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.

Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.

Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.

Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das

ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg

dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald

von Unterlüß. --

Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde

vom Umherlaufen in der Stadt.

Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige

Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich

arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.

Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.

Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.

So, -- als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das

Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen

wäre....

Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf Minuten beisammen.

Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht

danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die

Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für

ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide

mir bot.

Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende,

grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die

träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine

rote Heide.....

Dann sprang ich auf und besann mich.....

Und wanderte, wanderte, -- bis ich mich in Heidekamp wiederfand.

Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten

gleich wieder umkehren.

Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die

Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben.

-- Man ließ mich auch nicht fort.

Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der

mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren

Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand

Spiele unternahm.

Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns

herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie

umher recht wie ein Sommerfalter.

Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen

zu uns auf die Terrasse.

Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.

„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da

saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem

Gürtelsträußchen....

„Oh -- nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden

nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, -- wie täppisch du immer bist!“

„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“

Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein

Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 38 / 58 题