Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. --

Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen

Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es

war wie ein herber Schmerz.....

Meine Schülerin. -- Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das

unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den

Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen

nach Wunsch deines Vaters....

Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr

Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, -- löse sie

fein langsam....

Denn lösen willst und wirst du sie wohl. -- Der alte Herr gab mir sein

gutes Vertrauen.

„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte

auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte.

„Neffe Kurt ist mir der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein

heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins

Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater

ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn

er erst Herr hier ist.....“

„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....

„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, -- sie hat

ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren

gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden

soll...“

In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen,

herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort,

Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich

langweilig.“

„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.

„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren

Namen.“

Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen,

rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem

schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.

„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder

einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich

umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich

sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. -- Als sie

zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit

mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“

„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht

so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist

doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“

„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen

mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“

Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten

Worten zu mir herüber.

„Und dann,“ -- Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, -- „Herr

Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch

die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“

Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend

nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.

„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine,

aber sie lächelte nur schattenhaft.

„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich

mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete,

pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann

ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz

schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht

mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.

„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch

über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab,

anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu

beschäftigen...“

„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer

etwas anzuvertrauen....?“

„Eine Bitte habe ich, -- -- eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig

mit tiefem Ernst. „Es +muß+ etwas für Agnes geschehen...“

„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie

wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“

„Ich denke an +nichts+ anderes“, rief sie erregt. „Aber alle

lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich

ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“

„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast

könnt ich drüber erschrecken.

„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann

dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen,

und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“

„Sörine...“

„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt

darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht

mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja

direkt wütend über meinen Vorschlag....“

„Sörine! Kindskopf!“

Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein

Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische

Sachen, sondern .....“

„Sondern?“

„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“,

vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“

Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine

Stimme nicht in der Gewalt.

„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.

„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.

„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“

„Natürlich!“

„Darf ich ihn wissen?“

„Ja. -- Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er

gesagt.“

„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute

Freundin von ihm schieden....“

„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht

überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“

„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit

nachkommen. -- Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig +zu+

sörinenhaft. Ist denn etwas Besonderes geschehen, daß Sie wirklich

Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes

zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem

Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es

den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige

Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich

kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“

„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist

eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes

hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte....

Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“

Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig

und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden

Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand

zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von

Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“

„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse

mich nun auch fest darauf. -- Die Agnes freilich, die hat schon jede

Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“

An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße

Gestalt und sah mir nach.

Und wandte sich blitzschnell und floh davon.

+Um Mitternacht.+

Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller

Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.

Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, -- ich will ihn meinem

Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der

freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in

der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, -- vielleicht ist er

wichtiger Art.“ --

Ob er wichtig ist?

Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit

vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir

danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu.

Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf

und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und

lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht

gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und

Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch

erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen

Namen trägt. -- Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war

die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz

geschaut, mein Erne, -- ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt

worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus

7, Vers I. -- Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott

in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies,

daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch,

weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine

Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt

zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und

weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und

die Hände falten mit Dank. -- Und haben wir uns noch auf eine Weise

ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder

gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s

wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der

Erne, -- so kreuzbrav. -- Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav

sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh

brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum

Lachen....“

Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur,

der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs

Lachen gut ist.

Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um

der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben

auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.

Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie

gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch,

daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund

und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach

Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre

antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.

Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine

Sörensen.

Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 39 / 58 题