Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen
Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es
war wie ein herber Schmerz.....
Meine Schülerin. -- Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das
unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den
Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen
nach Wunsch deines Vaters....
Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr
Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, -- löse sie
fein langsam....
Denn lösen willst und wirst du sie wohl. -- Der alte Herr gab mir sein
gutes Vertrauen.
„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte
auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte.
„Neffe Kurt ist mir der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein
heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins
Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater
ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn
er erst Herr hier ist.....“
„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....
„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, -- sie hat
ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren
gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden
soll...“
In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen,
herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort,
Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich
langweilig.“
„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.
„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren
Namen.“
Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen,
rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem
schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.
„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder
einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich
umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich
sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. -- Als sie
zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit
mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“
„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht
so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist
doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“
„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen
mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“
Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten
Worten zu mir herüber.
„Und dann,“ -- Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, -- „Herr
Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch
die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“
Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend
nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.
„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine,
aber sie lächelte nur schattenhaft.
„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich
mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete,
pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann
ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz
schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht
mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.
„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch
über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab,
anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu
beschäftigen...“
„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer
etwas anzuvertrauen....?“
„Eine Bitte habe ich, -- -- eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig
mit tiefem Ernst. „Es +muß+ etwas für Agnes geschehen...“
„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie
wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“
„Ich denke an +nichts+ anderes“, rief sie erregt. „Aber alle
lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich
ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“
„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast
könnt ich drüber erschrecken.
„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann
dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen,
und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“
„Sörine...“
„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt
darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht
mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja
direkt wütend über meinen Vorschlag....“
„Sörine! Kindskopf!“
Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein
Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische
Sachen, sondern .....“
„Sondern?“
„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“,
vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“
Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine
Stimme nicht in der Gewalt.
„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.
„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.
„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“
„Natürlich!“
„Darf ich ihn wissen?“
„Ja. -- Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er
gesagt.“
„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute
Freundin von ihm schieden....“
„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht
überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“
„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit
nachkommen. -- Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig +zu+
sörinenhaft. Ist denn etwas Besonderes geschehen, daß Sie wirklich
Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“
„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes
zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem
Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es
den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige
Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich
kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“
„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist
eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes
hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte....
Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“
Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig
und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden
Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand
zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von
Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“
„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse
mich nun auch fest darauf. -- Die Agnes freilich, die hat schon jede
Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“
An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße
Gestalt und sah mir nach.
Und wandte sich blitzschnell und floh davon.
+Um Mitternacht.+
Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller
Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.
Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, -- ich will ihn meinem
Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der
freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in
der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, -- vielleicht ist er
wichtiger Art.“ --
Ob er wichtig ist?
Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit
vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir
danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu.
Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf
und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und
lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht
gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und
Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch
erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen
Namen trägt. -- Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war
die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz
geschaut, mein Erne, -- ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt
worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus
7, Vers I. -- Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott
in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies,
daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch,
weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine
Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt
zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und
weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und
die Hände falten mit Dank. -- Und haben wir uns noch auf eine Weise
ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder
gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s
wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der
Erne, -- so kreuzbrav. -- Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav
sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh
brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum
Lachen....“
Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur,
der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs
Lachen gut ist.
Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um
der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben
auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.
Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie
gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch,
daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund
und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach
Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre
antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.
Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine
Sörensen.
Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....