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Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß
erwartungsvoll und horchte nach der Tür.
Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute
zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der +liebe+ Herr Direktor“
hatte er gesagt.
Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten,
wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte
auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine
Antwort hatte ihm gefallen. -- Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen
an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und
ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....
Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich
begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben-
bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien,
um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger
Neugierde zu verfolgen --
Großer Pädagoge Traute!
Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt,
und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung
urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.
Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.
Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen
der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.
In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer
Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“,
sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“
Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun
fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.
„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.
„Ach, -- Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich
wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“
„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.
„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen.
„Sone ganze Stadt mit allen drin.“
„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“
„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom
Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden
und strich liebkosend über die Blondköpfe.
„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige,
und Hansohm bestätigte lachend.
Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm
erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden
und fragten ihn um Unverstandenes.
Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der
neunten Klasse ein guter, ja der beste Freund war, zu dem sie recht
mit bewußtem Vertrauen aufsahen.
Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das
Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen
Schule und Haus. -- Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts
verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern
hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.
„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur
Mutti, wie sie +so+ weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch
wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und
setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht
aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann
kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ -- Der hat ihn dann auch
aufgekriegt.“
„Na, der hat’s auch leicht mit -- die vielen Werkzeuge,“ bestätigte
Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.
Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz
mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig
mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und
wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom
Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.
Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie
recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf,
so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen
Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites
Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß,
Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein,
-- aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt
Sodom und wurde -- zur ‚Salzgurke‘.“
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Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und
Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor
selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war
wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde
immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige
hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie
Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. --
Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als
auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr
sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht,
betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt,
„ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders
bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der
große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu
mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest
an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn +alle+,
-- wohlgemerkt den +Kinderfreund+, der ihnen entgegenkommt, nicht den,
den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“
„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer
vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“,
aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie
gewesen....“
„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl
bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer
Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“
„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der
Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden
nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor
Claßen.“
Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der
letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde....
+Sie+ natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl
meckerte hämisch. --
Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim
Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der
Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz
viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind
immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und
klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen
Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden,
-- grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine
Herzensfreude bereiten könne.
So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den
schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun,
sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen
Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen
Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz
erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen
Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.
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+Sonntag abend.+