Zorn und Scham brannten in seiner Seele. -- --

* * * * *

Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß

erwartungsvoll und horchte nach der Tür.

Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute

zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der +liebe+ Herr Direktor“

hatte er gesagt.

Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten,

wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte

auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine

Antwort hatte ihm gefallen. -- Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen

an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und

ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....

Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich

begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben-

bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien,

um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger

Neugierde zu verfolgen --

Großer Pädagoge Traute!

Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt,

und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung

urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.

Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.

Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen

der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.

In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer

Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“,

sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“

Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun

fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.

„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.

„Ach, -- Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich

wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“

„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.

„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen.

„Sone ganze Stadt mit allen drin.“

„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“

„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom

Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden

und strich liebkosend über die Blondköpfe.

„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige,

und Hansohm bestätigte lachend.

Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm

erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden

und fragten ihn um Unverstandenes.

Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der

neunten Klasse ein guter, ja der beste Freund war, zu dem sie recht

mit bewußtem Vertrauen aufsahen.

Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das

Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen

Schule und Haus. -- Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts

verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern

hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.

„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur

Mutti, wie sie +so+ weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch

wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und

setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht

aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann

kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ -- Der hat ihn dann auch

aufgekriegt.“

„Na, der hat’s auch leicht mit -- die vielen Werkzeuge,“ bestätigte

Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.

Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz

mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig

mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und

wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom

Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.

Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie

recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf,

so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen

Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites

Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß,

Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein,

-- aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt

Sodom und wurde -- zur ‚Salzgurke‘.“

* * * * *

Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und

Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor

selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war

wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde

immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige

hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie

Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. --

Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als

auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr

sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht,

betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt,

„ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders

bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der

große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu

mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest

an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn +alle+,

-- wohlgemerkt den +Kinderfreund+, der ihnen entgegenkommt, nicht den,

den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“

„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer

vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“,

aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie

gewesen....“

„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl

bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer

Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“

„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der

Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden

nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor

Claßen.“

Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der

letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde....

+Sie+ natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl

meckerte hämisch. --

Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim

Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der

Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz

viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind

immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und

klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen

Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden,

-- grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine

Herzensfreude bereiten könne.

So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den

schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun,

sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen

Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen

Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz

erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen

Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.

* * * * *

+Sonntag abend.+

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 37 / 58 题