„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“
Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr
Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende. Ich habe mir vieles gefallen
lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu
mir, -- ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und
es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß
ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus,
Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern
Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, -- so viel Sauberkeit
in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann -- gleichviel woher --
erfuhr, daß gerade im Vorleben +meines+ Mannes ein häßlicher Punkt
sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben,
habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen
sei und -- mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine
eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun -- Herr Direktor, nun wohnt da
draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person -- man
sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er
hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles
so niedrig, -- ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie
bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider
Bertels.....“
Frau Kahl schluchzte schwer auf.
„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.
„Ja, und gestern -- -- gestern war sie sogar in unserer Wohnung....
Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein
Dienstmädchen stand dabei und grinste....
Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu sein, -- er schalt
mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“
Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe
vorstellen“, bat er drängend. --
„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person
kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und -- -- Sie sollen der
Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, -- Sie werden
Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns
zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines
Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur
loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen,
denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im
Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“
Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und -- -- alles so
widerstandslos aufgeben?“
„Er haßt Birkholz -- und Sie!“ sagte Frau Kahl.
„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, --
aber Haß???“
„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den
Aufrechten....“
„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es
ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten
Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte.
„Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und
beleidigt und doch immer dieselbe....“
„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er
jetzt.
Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus,
und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der
mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. --
Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach
den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf
irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ --
„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper
Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum
Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“
„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.
„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin
aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt
das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....
Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich
habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“
„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings
nicht.“
„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern
sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte.
Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“
Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich
in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor
Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer
auf und nieder.
Der nächste Tag war ein Sonntag.
Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein
Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor,
der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte,
vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war,
wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus
früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so
herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen
auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und -- das Pharisäertum
geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in
den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern
aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu
Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber
als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken,
ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ,
da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen
gemünzt war. --
Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.
Aber nicht allzuweit.
Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm
sonst gegeben: besinnliche Stille.
Er befand sich in seltsamer Aufregung -- und Verlegenheit. Und die
Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht,
wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der
gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach
einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den
„Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe
des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier
Schneidermeister Bertels wohnte.
Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in
den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen
prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der
andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches
mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.
Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts
anderes lesen als: Lisette Balian.
Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken
kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese
Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere
Todfeinde gegenüber.
„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.
„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und
packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“
Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.
Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie du +mir+
wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht.
Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und
schüttelte die Fäuste.
„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht
gerufen.“
„Aber wie kommst +du+ hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer
Heilanstalt....“
„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir
gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst
auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich
ordentlich pflegen und auskurieren....“
„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine
Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich
habe eine zähe Natur.“
„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel
gab ich dir reichlich....“
„Ja. -- Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet
neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld.
Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“
„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und
dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“
„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick
nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem
Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“
„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.
„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu
haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“
„Woher wußte er deine Anschrift?“
„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben
Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war
alle, und -- alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus
Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach
Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen.
Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön
dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“
„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine
ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen
schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“
Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und
biß sich auf die Lippen.
„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es
ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte
wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“
„Erkläre dich näher....“
„Nun, der Herr Kahl meint doch, -- es besteht irgend etwas Unsauberes
zwischen uns beiden, mein lieber Erne. Meinst du denn, ich hätte ihm
gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.
„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße
Lisette Balian und -- -- -- na ja, er hatte sich eine ganze lustige
Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten
da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.
Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was
er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte +er+
hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich
allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern +deine Frau+
wäre...“
„Lisette!!!“
„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure
dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze
Geschichte verkreckt.“
Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer
Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit
Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er
geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich
aus. Heute nachmittag komme ich wieder und -- bringe dich selbst in ein
Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß
du krank und allein in die Weite fährst....“
Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen
brannten.
„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und wir zwei hätten doch
dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh
dich gar nicht.....“
„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann
schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann -- -- -- geliehen hat, --
packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit
diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus.
Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen
ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor
Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab
nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging,
zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte,
bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein
Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in
Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn
Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt
wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe
ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei
Kahls kündigen.....
Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor
Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie
hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.