Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“

„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm:

„Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in

Heidekamp essen.“

Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli

hat recht, wie immer.“

Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.

Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.

„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da,

sehen Sie, dort -- Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben

biegt er um die Waldecke.“

Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen.

Frau Försterin hatte Kuchen gebacken, als ob anstatt zwölf junger

Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. --

Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.

„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich

wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber

Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“

„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“

sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich.

„Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie

weise hinzu.

„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die

arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne

Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“

„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch

eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“

Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur

gut sind, sie treffen sich doch.“

„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei

arme Schächer, wie Agnes und ich.“

„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus,

Sörine Heidekamp.“

Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.

„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme.

„Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und

Bresthaften in unserm Dorf wollen auch mein Lachen. Wo soll ich’s

immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe?

Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr

viel klagen.“

„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir

schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht

einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht

sagen, du junges, liebliches Kind?“

Ganz still gingen wir nebeneinander her.

Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich

auf uns herab.

Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand

in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir

eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit

Großvaterli.“

Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und

alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler

seid ihr beide, du und das Großvaterli. --

Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und

Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. --

Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!

Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.

Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns in der Ursprache

vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie

lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!

Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den

jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen

Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird

oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein

Stavenhagen Mütterlichkeit.

Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen

Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr

unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie

nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner

Schwester einlud.

Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich

Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz,

wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. --

Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor

scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht

freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.

Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach

Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener

Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse.

Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein

gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf böswillige

Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf

Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.

Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...

Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.

Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes,

großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. -- Sie hatte ihr

Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer

und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist

köstlich.

Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten

Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er,

kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...

Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze

Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung

dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.

Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein

Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen ~Pecunia~ abhängig. Sie

möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will

mir keinen Beruf eröffnen.“

„Was meint sie denn?“

„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.“ Telse wurde sehr

niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.

„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.

„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein

Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“

Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und

Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie

„Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.

„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie

ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen

„Bohrwurm“ führt, -- „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für

uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit

„selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür

verantwortlich. Kapiert ihr das?“

„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith

Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer

bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“

„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in

meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.

„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine

ehrlich, -- „aber -- Großvaterli sagt nichts, über das man nicht

fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das

ist so schön. Hab ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich

vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit,

die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“

„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte

Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.

„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die

verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu:

„Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so

viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“

„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen

herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.

Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den

Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte

er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk.

„Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“,

rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt:

Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf

Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“

„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die

Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog

die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.

Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste hat uns der Ehrenmann

aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen

Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher

keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß

mit der Kapelle verbindet.

Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing

meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.

„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner

lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen

Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen.

„Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz

einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber

wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt,

müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält,

-- die weiß Bescheid.“

Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, -- ein

rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das

Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine

Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine

Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich

nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.

Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung,

und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.

„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht gesund werden“,

sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“

„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft

und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren.

-- Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. --“

„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die

werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, -- ach ich

freue mich ja so schrecklich!“

Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an

dem Herrenhause da draußen, -- dies große Freuen. --

Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.

Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit

seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon

de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald --

ick freu mi bannig.“

Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im

ausgeprägtesten Sinne. +Mitleid+ scheint sie sogar ein wenig zu

verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden,

„diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte,

immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber

trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit

habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.

Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.

Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das

Mitleid für gar zu billig achtet. -- Mitfreude wächst nur auf dem

Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen?

-- Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus

und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem

Unvermögen, hier Freude zu geben.

Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.

Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch

Schulleiter.“ -- Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen

Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.

Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen

und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig

um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie,

und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“

Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:

„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“

Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.

So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.

Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom

Willen eines starken Einzelnen.

Aber damit hat sie nur bedingt recht.

Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl wieder und wieder

an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die

Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. --

Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:

Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine

alles das geben, was sie sich wünscht. -- -- -- -- --

Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen

Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste

Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über

die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet,

die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die

wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen

Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in

Empfang nehmen mußten.

Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft

aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten

und salutierten mit den Peitschen. --

Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch

sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all

das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge

gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten

Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden.

Gottlob, die Gefahr war vorüber. Wer so lachen konnte und so frei von

der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter

Jugendleiter nach Gottes Herzen. -- Der alte Friedrich kutschierte

in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine

Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem

Handpferd Isabelle mit. --

„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir

hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag

allein zu lassen, so finde ich das roh.....“

„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten

wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, -- ich war

eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“

„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches

geleistet, -- er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des

Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der

braucht jetzt wohl Ruhe.“

„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie

ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute,

als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, -- ich brauche dich!

Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der

in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die

Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“

Hansohm schloß die Haustür auf.

Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.

„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein

Doktor, -- so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es

noch glüht. Halloh, Lore, -- gut Freund!“

Er öffnete die Wohnstube.

Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für

ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine

Hausschuhe standen bereit.

Alles atmete liebevolle Fürsorge.

Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.

Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die

lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.

Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch

erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der

letzten Zeit......

„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der

erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“

Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest

du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.

Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände

gelegt.

Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen

Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal

dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir

gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein schönes

schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter:

Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte

Frau. --

Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.

Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand

des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich

die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz

mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und

nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.

Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist

jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als

sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie

zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies

Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann.

Gott befohlen, Klaus Hansohm.“

Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah

ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die

Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am

Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn

Direktor sprechen.

Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit

schweren, müden Schritten zu ihm trat.

„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte

Sörensen mit viel guter Liebe seine Arme um den jungen Kollegen, und

dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.

„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, -- und

Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei.

--

* * * * *

Mein alter Foliant, -- auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich

zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.

Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl

lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem

himmelhochjauchzend -- zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts

zu ersetzen. -- Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden

und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen

darf. --

Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders

unsympathisch. +Wenn+ man aber denn durchaus als Obersekundaner

diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß

man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht,

besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. --

Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“

Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und

verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. -- Hätte

sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei

erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen.

-- Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die

Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den

pp. Eltern und Vormündern. -- Aber Fräulein Nissen hatte nicht das

geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und

verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.

Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. -- Eine weitere

Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und

„Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen

Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er

auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen

entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es

eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und

machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein

„Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. -- Dann erst hat er Hanne

Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür

des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich

fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und

dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der

Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich

nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt,

was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner

Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.

Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand, nahm ich an

mich und wurde deshalb von Konrad Dierks -- gestellt. Das Bürschchen

kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl

in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich

in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen

Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige

mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und

meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich

widerrechtlich angeeignet haben.“

Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine

Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl

inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“

Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und

überreichte es ihm.

Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute

Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch,

aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. -- „Also Ihr Gedicht

wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin.

„Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der

ersten Klasse.“

Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern

suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:

„Brünstig brandet mein brausendes Blut

Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“

Es war aber noch erklecklich länger. -- Glauben Sie, daß Telse Lüders

reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.

„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit

ihnen abgeschlossen.“

„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“

„17 Jahre.“

„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“

„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich

zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.

„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen,

daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein

Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen

gelernt, dünken +Sie+ mich eine großangelegte Natur zu sein.“

Ich verbeugte mich geziemend.

„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von +meinem+ Direktor

behandelt worden,.... ich -- ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als

ihn... zu fordern.“

„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“

„Jawohl, Herr Direktor. -- Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, --

meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, -- aber sie hat

mich unerhört im Stich gelassen. -- Es bleibt mir keine Wahl. Wollen --

wollen Sie mein Kartellträger sein???“

Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht

wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden

unbedarften Jungen mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten

Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa:

„Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, -- da lachte ich schließlich so

erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.

Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann -- fing er an

zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich --

freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“,

daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu

folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten

Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den

Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....

Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem

Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu

arbeiten.

Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie

begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. --

* * * * *

Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche

heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau

Dietz geheimnisvoll beiseite.

„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der

Unzufriedenheit.

„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.

„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat

einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“

„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.

„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von

Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu

Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer.

Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als

Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen.....

Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben

Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch

geguckt .....“

Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die

zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen

ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und

als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf

den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“

Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.

Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um

Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise.

„Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und

ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner

Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem

Besuche weiß.....“

„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“

„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte

Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.

„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität,

von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen

Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr

Menschentum ....“

Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber

nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.

Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort:

„Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren,

daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte

zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger

Mensch, -- ich -- ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes

gelernt, als hübsch zu sein.

Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit

vorbei......

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 35 / 58 题