Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. --

Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.

Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines

Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher

immer sagte, -- das war lähmend.

Und dabei stillhalten zu müssen.

Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer

dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. --

Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.

Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen

Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......

Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....

Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen

sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.

Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.

Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir

allein zutiefst gehört.

Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt

die Herzen auf. Wie gerecht und gütig urteilte er über Harks. Wie

verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! --

Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen

Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen

bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig

und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. -- Meine drei

Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus

Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in

Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken.

Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem

sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?

Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.

* * * * *

Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.

„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und

meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....

Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen

waren freudig bereit, uns zu begleiten.

Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte

Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer

gebreitet sehen will. --

Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald

und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem

Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter

Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte

Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“

Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.

Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.

Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen,

während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen

sprach. -- Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein

rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen

können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge

Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 34 / 58 题