Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.
Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines
Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher
immer sagte, -- das war lähmend.
Und dabei stillhalten zu müssen.
Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer
dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. --
Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.
Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen
Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......
Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....
Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen
sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.
Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.
Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir
allein zutiefst gehört.
Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt
die Herzen auf. Wie gerecht und gütig urteilte er über Harks. Wie
verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! --
Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen
Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen
bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig
und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. -- Meine drei
Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus
Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in
Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken.
Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem
sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?
Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.
* * * * *
Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.
„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und
meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....
Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen
waren freudig bereit, uns zu begleiten.
Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte
Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer
gebreitet sehen will. --
Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald
und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem
Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter
Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte
Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“
Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.
Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.
Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen,
während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen
sprach. -- Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein
rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen
können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge
Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.