Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. --

Aber auch ihm kann ich nicht helfen.

Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum

„schwarzen Schaf“ befördert werden ...

Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.

Von ihm und dem Ehepaar Asmus, -- ob sie schweigen oder es vorziehen,

zu schwatzen.

Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu

niedrig gewählt?

An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie

hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte

wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine

herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden

über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, -- würde beichten,

würde fragen... Mutter! Mutter...

* * * * *

Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.

Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer

Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit

raschem Entschluß.

Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.

Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.

„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.

„Nichts Gutes.“

Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je

etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, -- das,

was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß

dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“

Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in

meiner dritten Klasse gestohlen.“

„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“

„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir

den Dieb in Sicherheit einwiegten. --“

„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind

kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“

„Seit vierzehn Tagen.“

„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer

Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in

schroffstem Gegensatze.“

„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.

Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide

objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen

Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein

Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht

doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“

„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte,

frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“

„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr

unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“

„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es

gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die

Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“

„Was wird gestohlen?“

„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu gekaufte Hefte

an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel

verschwand...“

„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht

Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei

solchen Vorkommnissen?“

„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich

beizulegen...“

„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen

das einzig Gegebene...“

„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete

Durchstechereien.“

„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit

der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht

sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“

„Herr Direktor,“ -- Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es

handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, -- mein

Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf -- ich spreche

streng vertraulich -- auf den Schuldiener Harks.“

„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“

„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten

Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht

immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks

gespielt hätten.“

„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“

„Hm.“

„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm.

-- Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von

verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen

worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“

„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu

gehen.“

„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich

weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche

Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener

erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“

„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...

„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe

ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose

Anschuldigungen.“

Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen

an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann

freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“

„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn

Harks nicht der ist, der er scheint?“

„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und

nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich

alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald

Klarheit schaffen.“

Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des

Harks?“ fragte er schroff.

„+Persönlicher+ Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde

nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, -- seit einiger

Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber

wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da

noch einmal vorstellig werden...“

„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“

„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha

Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon

einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich

der ‚Onkel Harks‘ für sie...“

„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen

heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger

Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld

seiner Schwestertochter.“

„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.

„Herr Oberlehrer, -- ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles

sorgen.“

„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“

„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“

„Ziemlich, Herr Direktor.“

Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“

Aber da las er in den Augen des Kollegen so viel Befriedigung... und

fühlte zugleich, daß er -- gehaßt wurde...

„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von

einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die

Bertha Ehlen vernehmen ...“

„Guten Morgen, Herr Direktor.“

Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich

Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein

paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.

Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein

Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. --

Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren

Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten

und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders

hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat,

wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige

Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan

habe!“

„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch

etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß

immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine

Freundin hast.“

„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“

„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im

rechten, echten Angeberton.

Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja

immer fortgegessen,“ schrie sie. --

Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt

werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der

Wintermantel gestohlen?“

Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan

und wenn ich es nicht getan habe?“

Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.

„Was willst du, Lise Steffens?“

„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen.

Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo

draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener

Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war

doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“

„Setz dich.“

Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie

waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach

Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“

„Der Schuldiener?“

„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch

wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“

Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht

getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam

noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief

verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“

Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.

„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.

Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr

umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir

haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen

dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“

Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die

öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.

Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt

Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen

hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt,

Muff und Gummischuhe lagen obenauf.

„Ich habe es aber nicht getan, und...“

Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und

schob sie zur Türe hinaus.

„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst

nicht wiederzukommen.“

Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt,

sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“

„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“

Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor

öffnete ihm.

„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie

soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu

deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch

einzulassen.“

Es war alles rasch erledigt.

Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart

Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das

Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus

seiner Brust.

„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die

Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“

„Mein guter Name!“ ächzte Harks.

„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie

vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. -- sie

tun mir leid.“

„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie -- glauben

nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr

Direktor...“

Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte

nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.

„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der Direktor, „ich habe

nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“

„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau

gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die

gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“

„Ja, -- gehen Sie, Harks.“

„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre

Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich

verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst

so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr

Direktor, -- ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein

Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“

Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr,

Harks,“ sagte er einfach.

„Herr Direktor -- wenn Sie mal einen Menschen suchen, der -- für

Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.

„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. --“

Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich

stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten

Klasse zurück.

„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern.

„Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges

Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“

„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch

wohl...“

„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor

fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich

hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau.

Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles

immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und

verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ --

* * * * *

An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn.

Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und

Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so

zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz

beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien

auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem

Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr

Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam

nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen

Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks

hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. --

„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und

harmlos. Und gleich darauf: „Aber, lieber Herr Harks, -- ich bitte

Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht

Ihr eigen Fleisch und Blut...“

„Herr Direktor,“ -- ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf,

-- „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, -- -- in die Hand

eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.

„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf

mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen

anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des

Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, -- ich höre zu.“

„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht

viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“

Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg

zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.

„Herr Direktor, -- der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“

„Harks, -- was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein

Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. --

„Ja, er will mich verderben und -- er kann mich verderben. Aber ich

will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll

nicht diese angstvollen Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen

mein Richter sein, Herr Direktor.“

„Harks, braver, alter Harks...“

„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig,

der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze

Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut

drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde

mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und

konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns,

blühende, schöne Kinder, -- was das heißt, können nur Elternherzen

recht verstehen -- dann kriegt ich den Typhus, -- Herr Direktor, ich

will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus

bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. -- Die einzige Freude

in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, -- wie ein Bäumchen, Herr

Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe,

-- das schöne, feine Mädchen, -- da muß ich mich immer abwenden. Grad

so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge,

ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was

Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob,

und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch

nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel

hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“

Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an,

Harks.“

„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier

als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte.

Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst.

Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der

Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem

noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie

die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so

viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten

unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch

getan, und, -- es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen

auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich --

die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns

von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst

zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu

bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die

Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und

es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts

mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit

einer Lüge in das neue Amt gegangen war. -- Aber wie wir hier so am

Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten,

eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob

ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie

schon zweimal geschickt. Und der Apotheker fragte an, ob er sich an

die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat

zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt

machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir

dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles

abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch

an unser Warten und an unsere Angst denke. Und -- -- da lag nun -- --,

Herr Direktor, da hatte ich, -- da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl

eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt

ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben,

aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und -- ich will’s

nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei

nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W.

und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja

längst das Geld von der Tante. --

Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr

Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals

noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann -- dann wurde auf einmal dem

Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken

sollen. -- Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein

Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich

zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein

und baten und flehten....

Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....

Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus

seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte.

Herr Direktor, -- wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade

als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700

Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam

doch zu spät....

Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth -- die Lisbeth, Herr

Direktor, die hatte ihr junges Herz dem -- -- geschenkt.“

Der alte Mann weinte schwer.

„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth

war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, -- aber doch auch

wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie

sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor

Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, -- sie diente

erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle

bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind

und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......

Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr

ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit

ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...

Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 32 / 58 题