Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. --

So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem

Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten

Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung.

Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an

Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht

unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande

gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.

Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm,

alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu

schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden

war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege

Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme,

die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine

Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich

wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken,

aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld

nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein

halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn

zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden

Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so

lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen,

aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.

Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich

nicht genau zu sagen.

Aber es ist da.

Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies

Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles,

Gesundes für mich. -- Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber

es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern

und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile

das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe

körperlich.

Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel

löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes

Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und

Vorurteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren

Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber

ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an

Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...

Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am

Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß

ich dort war.

„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch

Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus

hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen

Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich

häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne

Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich

alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen

und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so

Kleinigkeiten sind...“

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 31 / 58 题