* * * * *
In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur
Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus,
tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges
Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum
lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und
Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und
hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße
so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“
am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der
Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen
Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und
seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren.
-- Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.
Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende
stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. -- Und
er und seine rührige Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche,
Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über
Nacht bleibenden Gästen. -- Hatte er doch der hübschen, kecken Frau
Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern
ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu
ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl
manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas
Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen
setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann
ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er
hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen
beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben
anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im
Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.
Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.
War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so
einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob
da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine
Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung
wohne.“
„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist
alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der
Polizei Bescheid zu holen.“
So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum
Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte
früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus
fallen. --
Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten
geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.
Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam
in sein strenges Gesicht blickte. --
„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu
kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.
„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.
„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem,
wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe
nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist
dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“
Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend.
„Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die
letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das
ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben
auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und
deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig
mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen,
Erne...“
Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.
„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder
auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld
verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen
wollten, erzähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder
willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“
„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein,
„und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“
„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander
geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen
fürderhin nicht hältst, Lisette, -- so zwingst du mich...“
Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen
zurück?“
„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes
Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern
soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg.
Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“
lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich
mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht
das nicht länger.“
„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt,
es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge
wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“
„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da
erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug
machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als
hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen,
er mußte über Land. Schon als ihr ankamt, habe ich euch beobachtet.
Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, -- „die sah dich arg
verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“
„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt,
daß ich nicht frei bin...“
Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“
murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“
Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am
Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld
erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich
bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken...
Werde bald gesund! Leb wohl! --“ Er reichte ihr die Hand und ging mit
schweren Schritten.
Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe
für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig
und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.
Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und
beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm
nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein
zartes Mädchen, weinte.
Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies
schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.
Sie tastete sich zum Sofa.
Und während sie sich dort von dem Krampf erholte, überdachte sie
ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich
keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm
recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie
höflich der Wirt zu ihr war.
Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen
Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.
Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh
war, heute fortreisen zu können.
Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel
häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen
hatte.
* * * * *
Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich
recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein
gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen
aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand
niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.
Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch
ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die
Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.
Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer.
Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem
das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen
Zwischenräumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach
abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.
„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich.
„Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“
„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an?
Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“
„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin
ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es
war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“
„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so
eilig?“
„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen
will.“
Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das
Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm
sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.
„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit
vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen,
Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen
vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“
Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame
arg verstört und bekümmert dreinschaute.
„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“
„Was ist denn geschehen?“
„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen
gesehen, unsern Sörensen, +meinen+ Sörensen, wie er eine
Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar
gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen
Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“
„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen
Schein blasser.
„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag
Ihnen, Doktorsche, von +dem+ Manne schmerzt es mich, daß er nicht
ist, was er scheint.“
„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß
denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser
als all die andern. Für mich bleibt Sörensen -- Sörensen und wenn er
hundert junge Weiber hofiert...“
„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff
trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren
runzeligen Händen Doras Wange.
Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.
„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort.
„Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert.
Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch
Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen mich doch nicht so
in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“
Dora Stavenhagen faßte sich.
„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch
wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde,
gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den
Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“
„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus.
Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen
schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene
rundliche Fülle mit dem Finger.
„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte
Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele:
Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“
„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch
nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem
Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“
„Fräulein Tingleff!!!“
„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei,
deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her
erinnere...“
„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“
„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte Fräulein Tingleff
ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem
Herrlichsten von allen?“
„Eigentlich nicht. -- Sörensen geht nur Wege, an denen seine
unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“
Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen
die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der
Einsame wird uns brauchen können. --“
„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern
hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an
seinem Gesicht, daß er +niemand+ brauchte.“
„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“
„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie
die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte
immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke
zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist
fürchterlich.“
„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich
z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind
über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag
essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen
Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes
Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu
hören, und für das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr
Gelegenheit dazu gibt.“
„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in
Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht.
Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein
gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße
Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War
ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp
auch mit her?“
„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“
„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem
um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins
sein Lebtag vergebens erfleht hat. -- Mit aller innewohnenden Menschen-
und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“
Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.
Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.
„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein
gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben?
Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine
Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren
ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen
dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht
zersplittern. So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht.
Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine
Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom
Dienstag, auf den ich mich freue.“
„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte
Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer.
Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie
just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne
Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes
Tänzchen anhebe.
„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine
feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie,
wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum
Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in
einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm
blasen...“
„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, -- ganz
sicher -- -- es ist besser so. Aber Hansohms -- o, das ist herrlich!
Hoffentlich ist Lore wohl genug.“
„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in
freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“
Die beiden berieten noch eifrig miteinander.
Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein
waren, mit eins den kommenden fröhlichen Dienstag vergessen und
dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende
Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen
sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.
+Sonntag abend.+
Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.
Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber
für einen Direktor doch wohl berechtigt.
Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich
rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern.
Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...