Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“

„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich

über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da

könnte ich zuschließen und...“

„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn

sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch

wirklich die Wurzel alles Übels war.

„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“

„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne

Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts

anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“

„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das

Mittagessen vorher...“

„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich

zu.“

Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.

Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein

Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.

Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der

in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb

Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal

Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit

einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute

friedloser...“

„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene

Schuld,“ grollte Hansohm.

„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen

mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine

Legion und besitze nicht ein einziges.“

„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse

Weiber in Essig legt‘ und dann...“

„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor.

„Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei

mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“

Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den

Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht

noch auf derselben Stelle stehen.

An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die

meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits

den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte

eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag

in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe

kränkend kurz und knapp.

Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora

Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit

schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das

schwer hinter ihm ins Schloß fiel. --

* * * * *

+Sonnabend nacht.+

Das Skelett meines Hauses grinst.

Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?

Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt,

gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer,

willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.

Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen,

wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande

warst.

Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt

Einlaß.

Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens

sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. --

Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet.

Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und

treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein

Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein

Fältchen des Inneren verborgen bliebe. --

Ich will ihr nicht schreiben.

Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.

Lebten meine Knaben noch, -- vielleicht...

Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen

soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine

Arbeitsjahre umsonst gewesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar

diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...

Guter Herrgott, hilf mir!

Ich bin ganz ruhig.

Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 29 / 58 题