Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“

„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt

schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der

jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den

Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich

weiß ja, daß sie der ~Nervus rerum~ der Klasse ist, ein rechtes

Mütterchen...“

„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein

Doktor ein.

„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem

Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich

aufhängen.“

„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und

streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.

„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“

forschte sie dann. --

„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp

ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das

Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach

der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das

Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht

am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, -- Fräulein Doktor, ich

sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht,

daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb

kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche

und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für

Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte

von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein

Ritter des ~ancien regime~...“

„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich

Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und

kann sie nicht finden, -- nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen

Wohltätigkeit. -- Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift

auf?“

Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf

diese Frage zurückkam.

„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete

freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut.

Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen

Herzenswunsch drangeben. Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend

ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn

ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“

Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein

Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen

Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem

besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte

wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel

älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...

Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon

die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma

eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten

liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.

Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und

empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den

Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre

Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“

„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts,

fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor.

Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen

Lachen zog sich Frau Traute zurück.

Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das

unterste Ende setzte, konnte die Würde nicht so streng gewahrt und

durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher

„dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf.

Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das

gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren

viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise

gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit

zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im

Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine

gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert,

umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für

Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die

Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen

Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun

war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes

Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie

Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau

umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke

auf den Teller legte.

„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“

sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter

Zeit.“

„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor

zweifelnd.

Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und flüsterte:

„Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“

Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben,

an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.

Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.

Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein

Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen

Fleck.

„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er

bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt.

Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr!

Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: +Jetzt läßt

er sein Nachtlicht leuchten!+“

„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen!

Teure Freunde! Liebe Frau!“

„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit

heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm

Sörensen mit dem Finger drohte.

Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und

innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der

Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie

ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine

Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das

„tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium betonte, sowie

das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.

„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen

Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins

Ungemessene. --

Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte

Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen

Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt,

die vorbildliche Einigkeit, das ist meine +Hoffnung+. Rechnen Sie

immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“

„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.

„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter

Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich)

uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte.

Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene

Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die

Stavenhagen an, -- es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts

gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht

auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf

Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“

Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.

Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in

Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau

Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute,

ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu

tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der

sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet

hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm

und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein

paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen

leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.

Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in

Augenschein zu nehmen.

Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in

den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke

lehnten sich an die Bäume.

Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe

modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen

Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen

Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen

zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom

Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft

die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie

einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer

Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. --

Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn

aufrichtete und mit Kreidestrichen in Felder teilte. Er rief einen

Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und

begann die Bahn zu säubern.

Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches

Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und

lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl

sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar

herausfordernde Augen.

Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn

setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich

hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“

Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin

auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie

nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.

„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.

„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der

jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie

in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah

die Frau lauernd an.

„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl

entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn.

Nach einer Weile stand die Frau auf.

„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht zu, und sie

diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der

kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte

sie auf den Tisch.

Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie

nachdenklich in der Hand.

Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die

Frau auf Kahl zu.

„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.

„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.

Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß

ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen

Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“

Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.

„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in

seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man

die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege

Kahl, können wir kegeln?“

Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt

den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und

verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam

den Kopf.

„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des

Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt

darin. Ich selbst habe eben einen Geist gesehen und wenn mich nicht

alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“

Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft

rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.

Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des

Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur

der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.

„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den

dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn

dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“

Man bildete Parteien und kegelte.

Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten

Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte

scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune

herunter.

Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.

„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen

zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“

„Herr Oberlehrer Kahl, +Sie+ werden mich immer unglücklich

lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.

Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu

Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine

hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten

Gemütern auf, -- ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er

abwehrt. --“

Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche

Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch

einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg

durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen

einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche

Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien.

Aber das fanden sie gerade entzückend.

Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der

herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ

Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste

sie gutmütig durch die gespenstische Heide. --

„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar

nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine

Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch

nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser

ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht

des so sehr Verehrten.

„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete

der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten

geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte

schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“

„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich

glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich

ja erst abwarten müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern

gleich herum, wenn Sie befehlen.“

„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte

Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“

„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht.

Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“

Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war

bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick

Sörensens dankte ihm.

Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein

Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um

unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe,

ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.

„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß

sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“

„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte

Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit

unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen

hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“

Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie

durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen,

wollte sie Agnes helfen.

„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie

sanftmütig.

„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“

„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll

Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt,

-- wie schaffe ich eine andere Freude?“

„Darf sie also kommen?“

„Ja.“

„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes

schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene

Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes

gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer

beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“

„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß

dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich

nichts von Herzensgüte ...“

Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die

Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein

froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer

erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes

eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 28 / 58 题