Frau Schlossermeister Steinicke.
Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang
zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür
hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der
alte Freiherr.
Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu
begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf
sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit.
Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und
fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen
Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein
langer, weißer, sorgfältig gepflegter Patriarchenbart vervollständigte
die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige
Brauen große Kühnheit gaben. --
Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen,
hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen,
aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.
„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als
Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren
Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchs+karte+ erwidern wollte.
Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran
dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen.
Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen
schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue
Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie,
der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten
hätten. -- Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse
werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den
Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach
der Ochsentour geht...“
„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich
annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen
wollen...“
„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein
schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu
Ihnen gekommen, sondern war erst beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht
meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine
Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000
Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, -- na, das ist
Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen,
sondern verwies mich sofort an Sie.“
„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller
Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst
zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“
„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und
ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war.
Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter
nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und
dann erst zu ihm.“
Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da
habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums,
erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“
Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er
kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit
einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang
frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben
Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“
Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.
„Herr von Heidekamp, -- ich fühl’s, es wird Ihnen schwer, zur
eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben
wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden
herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘
sprächen... wenn Sie -- -- verwunden könnten ...“
„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann
plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine
gemacht???“
Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und
schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.
„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage
des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst
schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber
die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger
Geist in ihr...“
„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul
unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre
Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“
„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“
„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an?
Aber -- aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich -- ich wollte ja
schimpfen, -- ich wollte ja dieses -- dieses -- Fräulein Nissen, es
fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“
„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp, ich möchte nichts
dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die
Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“
„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der
Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von
ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“
„Ist Sörine krank?“
„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott,
wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“
„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“
„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der
Heide...“
„Und versäumt die Schule.“
„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor
den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen
niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank
entrinnt?“
„Ja, das verlange ich allerdings. -- Herr von Heidekamp, Sie hätten ja
Ihre Sörine abmelden können, -- das würde ich sehr bedauern, aber ich
könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so
lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“
„Herr Direktor, -- Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen
der Mädchenseele gesprochen...“
„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte
morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend von Sörine ist ja ihre
Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin
getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres
Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem
Herzen...“
„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, -- meine
lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug
geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief
nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte
Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem
Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf
dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr
Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht
etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war
sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen
heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe
kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter -- -- --‘ Das war ihr
Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“
„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis +jetzt+ schon,“
sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.
„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so
unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es
wird das Rechte sein. --“
„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände haben den Schleier
von Sörines Kindereinfalt gerissen, -- sanfte Mutterhände werden die
Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine
tapfere Schülerin zu sehen.“
Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die
klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn
noch um Etliches überragte.
„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte
Sörensen.
„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll
hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber
wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner
Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß
ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht
an den törichten Ausspruch...“
„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem
Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres
Vorurteils gekommen bin.“
Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der
Küchentür stand knixend Frau Dietz.
Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine
Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem
Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“
„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den
Toten nichts Übles reden.“
Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren
davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte
sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr
für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ --
* * * * *
+Sonntag abend+.
Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich,
das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die
Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann -- dies Heidekamp. Hab’
Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen
Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch
keinen in Birkholz erlebte. --
Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare
Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem
Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des
Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In
welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!
Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch
ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich
daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen.
-- Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.
Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis
ist prächtig. Grauchen und ich sind gute Freunde geworden. „Wir haben
beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich
dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich
komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“
Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir
eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben
mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes
Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte
und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche
Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? -- Wie wir heute da draußen Pläne
schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und
uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du
jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner,
gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. --
+Dienstag abend+.
Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten
Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der
jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus
bereden +müßte+. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen
beiden, daß ich wohl als Direktor dem +Lehrer+ Asmus etwas zu
befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte
gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige
Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche
Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, --
nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau
Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne
in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las
ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte
Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir
nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja
täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie
davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“
Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem
Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s
merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich
kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf
nicht merken, daß ich dahinterstecke.
Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur
zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das
arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die
Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.
Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das
erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht
Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne
und Liebe hungern soll, -- Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. --
* * * * *
+Ostersonntag abend.+
Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.
Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue
Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus
hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist
beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her
eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der
mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff,
entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich
zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst,
daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der
weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und
-- Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in
Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine
Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens
den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen.
Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein.
Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, -- so konnten schon
„das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. -- Und die Frau
Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen,
saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die Frauen der
Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn
mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne
Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege
Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...
Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und
fragte...
Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da
der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr
dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!
Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein
Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen
Heimweg gesprochen.
Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den
schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr
sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.
Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein
Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber
es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden,
liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.
* * * * *
Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach
den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien
niemand verreist, und so fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in
der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte
für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten
zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den
stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester
Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten
Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der
sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der
kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores
Lachen.
Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert.
Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er
parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur,
wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei
einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in
+Ihrer+ schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“
„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich
entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien
so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich
leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu
bringen.“
„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf
seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, -- Gott soll mich
bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau
Kahl annimmt. Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr
Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“
„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt
vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter
spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen.
-- Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“
Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter
gespielt haben...“
„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle
zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“
„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“
„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen
Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore
nicht genug Mittagessen gegeben.“
„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes
Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore
zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir
neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“
„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“
„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche
Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose
Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik
unterstützt.“
„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie
er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“
„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer
Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im
Deutschen Reich, wo er seine +Unkenntnisse+ verwerten konnte.“
„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch
schon unter Clausen segensreich wirkten?“
„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“
„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist
übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant,
sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl
eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher
und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst
aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau
dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“
„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend.
„Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute
undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört
sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst,
noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau
Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr
verhaßt, eine strahlende Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen
Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer
fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die
Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff
ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich
verärgert zurückgezogen.“
„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“
„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie
nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt
sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr
Neustes eingerissen, -- das ist so was für Frau Professor Traute.“
„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein
Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier
das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen.
Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“
„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um,
der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits
mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht
gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein
Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“
„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war
zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen
gesellt, einer feinen, älteren Frau, die ihm sofort von „ihrem Hans“
erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis
das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.
Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt
plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen
unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich
wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt,
wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen
Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“
„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut
und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt,
wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und
Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor
Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig,
über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit
dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit
ab.
„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere
zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz,
vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse
Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es
möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das
Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber
nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die
ist nicht von Pappe. Und sie grüßte mich heute auf der Straße mit dem
Kopfneigen einer jungen Prinzessin, -- nur so eben gerade, -- weil ich
sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“
„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was
sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir
eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen,
‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“
Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach
Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“
„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“