Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute,
kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen
Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall
war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe
durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal
vor und las ihn zum zweiten Male:
Geehrter Herr Direktor!
Dazu ist die +Mutter+ da. Wollen Sie dieses mit einer schönen
Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie
ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr
Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit
ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die
Martha, die nun Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit
zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule,
wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte
sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir
zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an
Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer
geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen
Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch
ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen
habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen
verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch
und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr
Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht
verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze
Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den
Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern
gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine
Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß
alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran,
daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, +heilig+ ist. Denn
die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und
wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da
müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die
Worte viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte
Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus
entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich
beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den
Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen
Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir
Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo
keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete
Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse
hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß
deinen Fürwitz.“