Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“

„Ja. -- Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in

Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“

„Sie sind blutdürstig. -- Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten

Ihnen wertvoll sein.“

„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem

Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren

schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück.

„Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich

habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen

in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“

Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen war sehr blaß geworden.

„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.

Und dachte, -- ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn

er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige

Liebe sei.

Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben.

Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war

für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die

Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, gescheite Schwester,

die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und

ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden

Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete

Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter

noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging,

nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat

dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor

sich selbst nannte.

Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten

Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen

Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es

ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und

so häßlich sei. --

„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide

wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“

Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten

wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück,

die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.

Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und

es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester

nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine

Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die

liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. --

Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem

Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. --

Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem

blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch,

neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.

„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit

unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das

köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur

Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten,

unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und

auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders

tat es die Lore nicht.“

Diese hantierte noch emsig in der Küche.

„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte

Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen.

Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen

bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten.

Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben

Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in

die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“

in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die

stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und

später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.

Dazu im Winter die Gesellschaften.

Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen

Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für

sieben hungrige Mäuler reichen mußte. -- Denn Mama verstand es, selbst

das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten

meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und

Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu

hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß

Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur

um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser

verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters

Geige singen zu hören.“

„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu

vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt

haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie

um, Fräulein Stavenhagen.“

Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun

trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die

gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete

Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte

die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.

Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren

Kartoffeln und Bratklopsen.

Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor

fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte

eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig?

+So+ viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“

Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er

zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in

eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an

der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so

liebte es der Lauscher da draußen.

Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das

behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende

und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück.

Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm.

Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune

Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und

alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden,

verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin

einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für

fünfzehn Mark.

Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein

paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und

präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen

spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als

Sörensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. --

„So, -- nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir

gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein

Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“

Er ließ den Worten die Tat folgen.

„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich,

die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.

Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir

nie...“ stotterte er.

„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege

Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen.

Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng

daheim, deshalb eilte ich her...“

„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein

Doktor mit ihrer tiefen Stimme.

„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und

zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.

„Aber +wie+ Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“

Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.

„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern

eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der

Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden

eine Pfeife, -- beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife +bringt

mir+ erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich

zu Sinn.“

Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den

freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die

man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer

Gegenwart.

Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine

andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach

und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.

Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang

hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich

von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend

zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich

fange jetzt erst an zu leben.“

So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um

seine Bewegung zu verbergen.

Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor

auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt

gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann

Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe

habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen

durch meine Räume.“

„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen.

„Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“

„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im

höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja

einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“

„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit

ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie

kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte

sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr

Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“

„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert

sie aber den letzten Rest Hochachtung vor +mir+, und das wäre vom

Übel. Guten Abend und Dank!“

„Halt, -- ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen

Kanadier?“

Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte

holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas

Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen

Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade,

schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos

hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“

„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch

ordentlich in die Schule nehmen.“

Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie

grüßten und der kurzsichtige Sörensen dankte. „Haben Sie viel Freunde

und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“

„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine

Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das

Kollegium.“

„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“

„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“

„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen

nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in

dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine

ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht

gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“

„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den +werdenden+ Menschen. Ich bin allen

Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“

„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie

Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“

„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon

engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher

beim Herrgott haben...“

„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.

„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig...

Klaus Hansohm weiß es schon lange. Deshalb sieht er der Schwester

ja alles an den Augen ab, und -- ich habe gesehen, wie er sie einmal

abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“

„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege

Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“

„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz

herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“

„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe.

Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr

fest die Hand. „Gute Nacht!“

Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe

im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk

knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte

sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen

Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß

Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.

„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in

weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von

ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen

alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht,

weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. -- Ich konnte heute nicht

einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem

Mannsbild techtelmechteln...“

„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“

„+Kor+rekter??? +Dir+ekter!!! Aha! Ich habe recht! Das

Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes

Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir

haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“

„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“

„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im

Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin

sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich

heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“

„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“

„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr.

Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz

geschlendert wären...“

„Auch +das+ haben Sie gesehen?“

„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch

krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind

das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“

„Und das häßlichste.“

„Nein, den Ruhm nehme +ich+ in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie

das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er

die Schönheit für Sie mit.“

„Finden Sie ihn schön?“

„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem

verlangenden Herzen. Na, wie ich über die Mannsleute im allgemeinen

denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir

gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ +geschrien+. Damit

er sich nur nicht verhörte.“

„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“

„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also

los? Beichten Sie mal.“

„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu

nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche

Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“

„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“

„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für

allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie

geschehen, hören Sie? Nie.“

„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘,

hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber

Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf

und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“

Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du

da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für

die Kinder an seiner Schule...“

„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für

Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“

„Ich bin sechsunddreißig.“

„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist

eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen

eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist,

erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es

wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten

ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“

„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.

„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder

Generaldummheit begangen habe.“

„O das ist schändlich!“

„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors

wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“

„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“

„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer

gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch

zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer

Lyzeum haben.“

„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor

lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“

„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor

lauert auf mich.“

„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen hat endlich nach

einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der

zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige -- ach, ich weiß ja --

kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im

Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie

haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, --

sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich

erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite

Klasse...“

„Weiter, weiter...“

„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen

sagt...“

„So? Sagt Sörensen?“

„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz

rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat

schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen

hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied

zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel

ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später

sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da

schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die

Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon

manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus

erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, -- es wird alles

richtig sein.“

„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte

beide Hände ihres Gastes.

„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des

Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens,

mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der

Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“

„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. --

„Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem

Oberboden holen. -- Nun und wie verhält sich der Direktor?“

„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter

eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder

noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er

Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“

„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch.

„Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“

„~Dr.~ Sörensen geht fast gar nicht aus...“

„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen,

dann +muß+ er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber

nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den

Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen

Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht.

Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“

Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten

sich die beiden Hausgenossen.

Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem

alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff

stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte,

daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß

wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. --

* * * * *

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 25 / 58 题