„Willst du es mir erzählen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Hast du Vertrauen zu mir?“
„Ja, ja!“
„Nun also. Dann frisch drauflos.“
„Ich -- -- ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse
sein, Herr Direktor -- -- es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“
Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.
„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein
Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem
du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“
„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein
Doktor,“ setzte sie leise hinzu.
„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im
Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr
erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen
Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“
„Danke. -- Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“
„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der
Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen
Trostbrief an die Manteltasche stecken.“
„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.
Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.
Es vergingen kaum zehn Minuten.
Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen kam erregt zu ihm.
Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme
Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich.
Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel
besessen. Sie, -- wie sag’ ich -- sie ist ein Neutrum, sie hat nichts
Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, -- daß
ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun
kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger --
wie die Sörine -- Herrgott im Himmel, -- zerstört hat sie -- zerstört,
-- wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“
Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen
Herzen.
Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab,
und sein wackres Herz war voll Zorn.
* * * * *
Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein
Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter.
Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf
salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich
Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche,
wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen
strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte
manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die
verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz
in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner
Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig,
auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt
zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr
dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr
Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte
sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht
fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte
vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer
Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die
ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.
Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde
gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich
ergehen.
„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von Pappe,“ rief Kahl
gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“
Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn
ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.
„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze
ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber
nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden.
Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht
preisgeben.“
„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde
das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“
Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches,
spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. --
„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt,
wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern
nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade
verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“
„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.
„Will ich auch. -- Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie
denken Sie denn über den Fall?“
„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar
sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen
hat.“
„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr
verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste,
zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann?
Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem
Idealismus.“
Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel:
„Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich
einpacken.“
„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine
Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der
Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen
Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler.
Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus
gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich
vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer
beneidet, -- ich tu’s nicht mehr.“
„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig
fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei
Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein
lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen
über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung
hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner
Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir
sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben,
meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin geworden, um ihre Rechte
gegen eine Welt von -- Nissens zu verteidigen.“
Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung
und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben
gehandelt...“
„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn
Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei
das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum
bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können
Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“
„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür
gegeben.“
„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es
hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist
Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“
„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“
„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“
„Herr Provinzialschulrat!!!“
„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur
Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“
~Dr.~ Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer,
dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau
von Heidekamp gekannt?“
„Nein.“
„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der
Engelkunde zutrauen, -- aber -- so -- geradeso wie Frau Lore von
Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe
sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein
Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. +Ihrer+ Tat
hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“
„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt
Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich
selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich
alle durchaus ruhig verhalten.“
Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter,
leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die
Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse
gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben
hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult
worden.“
„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot ~Dr.~ Hofer
rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: ~De mortuis nil nisi
bene.~“
„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn
Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein
Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser
unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“
„Was heißt ‚damals‘?“
„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte
Klasse.“
„Die +vierte+!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf
den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern
verlassen?“
Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. ~Dr.~
Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben,
Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes
Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren
Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“
Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch
sehr dafür...“
~Dr.~ Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.
„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte
Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so
wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in +keinem+ Fache ‚aufklären‘
könnten.“
Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.
„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die
Sache besorgt, so konnte man den ~lapsus~ ihrer Jugend und --
sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten
sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“
„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen
gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“
In Sörensens Stirn zog zornige Röte.
„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser
kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist
es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, -- heute
ist ja doch die ganze Stadt voll davon, -- eine Flut von Briefen hat
sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe
und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe
eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. --“
Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.
„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit
Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an
die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem
Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“
„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig
hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen
Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der ~Dr.~ Hofer auch schon
wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im
Ministerium nennt.“
„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der
Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen
zitterte vor Gereiztheit.
„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben,
einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der
Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“
„Und der Grund?“
Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die
Antwort. --
Lehrer Hansohm trat zu Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen: „Geben Sie mir
die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“
Sie nickte ernst.
„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp
in diesem Kollegium.“
Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des
Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen
vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche
Stille.
Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt
sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend
damit durch die Luft.
„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich
das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe
Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in
ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre
Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das
riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen -- und ich habe
vergessen, daß es ein +Lyzeum+ in Birkholz gibt. Denke nur noch an
das Birkholz. Ahhh!“
Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.
„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie
sich ein bißchen in acht, beinahe hätten Sie mir den Hut vom Kopf
geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“
„Ich dachte an +meine+ zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen
würde, wenn +mir+ das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre
Distel vom vergangenen Jahr.