Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“

„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit

jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“

Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts

Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen,

abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß

nur, das ist nun mal nicht anders.

Frau Asmus schien draußen mit der andern Person in Streit geraten zu

sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.

„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter,

und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte.

„Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war

sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s

nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich

zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn

z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen,

-- vielleicht bin ich jetzt krank...“

In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.

„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern

sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen

sollen...“

Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein,

o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie

angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige -- -- ich darf ja sonst nie

mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie

die Hände sinken.

Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und

Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die

Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie

sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr

Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß

man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er

sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat,

als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben.

Wenn +ich+ reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“

„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war

aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein

liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen.

Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir.

Soll ich?“

„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen

können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, -- --“ Agnes deutete auf

ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, -- ich habe sie nicht

verstanden...“

„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“

„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch,

daß ein Lehrerkind, +unsere+ Tochter, von Fräulein Nissen einen

Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“

Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich

unter diesen Augen.

„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal

gütig, und dann ging er.

Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.

„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir

vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe.

Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater

Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein

Ordinarius.“

„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.

„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus.

„Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer

die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater

hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf

dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet,

aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern

ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber

noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das

erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß

der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen

war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr,

als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.

Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder

an, da -- trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von

dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich

der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief

auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts-

und Werbemarken leuchteten obenauf.

Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der

rote Zorn stieg in ihr Gesicht und wollte losfahren, aber als sie das

Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß

aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und

barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos:

„Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß

ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr

mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“

Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen,

wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der

Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.

Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort

entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf.

Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett

und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte.

Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück,

und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend

scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen

war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe

und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der

Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der

Galgenstraße erkennen konnte.

Heidekamp, 1. April.

Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am

liebsten die Engel hatten? Und bei den Märchen die Feen? Die dann so

plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt

heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme

mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast

mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von

Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli.

Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg

verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein

geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch

ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost

und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen

scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht,

meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir

vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster

Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten

soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur

Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli

so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große

Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit

Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen

könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht

wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau

so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu

schön, wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder

heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht

verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen

habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott

bei Dir ist. Und ich auch.

Deine treue Sörine Heidekamp.

Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift

und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die

rechte Stelle.

Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete

den Brief auf ihr warmes, junges Herz.

Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und

mit diesem Lächeln schlief sie ein. --

* * * * *

Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.

Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit

fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus

irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch +ihren+ Geburtstag

für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit +Jahrenden+“

(wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt.

Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt

wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt

auf dem Felde der Unehre liegen blieb.

Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung

und fliegender Hitze, und man tat gut, an diesem Tage nicht gerade

verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.

Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor

erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer

abgesagt hätte und was es „gab“.

Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon

lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.

Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte

oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt

den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur

ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte

nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die

inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „+5. April+!“

Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem

Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen,

die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten,

sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden

in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel

wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos

grabenden Silberlöffeln abgetragen.

Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über

den dampfenden Tassen.

Nur nicht so freundlich.

Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und

den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“,

„Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an

Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.

Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde

mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der

lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. --

Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige

Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche

Redeschlacht entfesseln sollte.

Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau

Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die

erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer

heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.

Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich

darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.

+Das Lyzeum und sein neuer Direktor.+

„Mir hat er +gar+ keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker

Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und

hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des

Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche

Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte,

auch nur ein Wort zu sprechen. --

„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“

Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich

verarbeitet.

Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief:

„Da muß man doch erst mal fragen, ob er es +kann+.“

„Ohhh!“

„Aber!“

„Ach, du großer Gott!“

„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“

„Es gehen da seltsame Gerüchte um, -- ich bekümmere mich ja so wenig um

das Treiben und Reden der anderen...“

„Hm, hm.“

Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte

nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. --

„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte

spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann,

die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.

„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und

beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,...

„er sei nicht mehr frei.“

Ahhh!

Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen.

Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der

Enttäuschung eine verschiedene war.

Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu

nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen

herfallen.

„Aus +ganz+ einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“

„Wie? Unehelicher Sohn?“

„Der Vater Schneider oder Schuster?“

„Das wäre ja die Höhe.“

„Und der wagt es...“

„Heimlich verheiratet?“

„Zwei Kinder.“

„Aber da muß doch eingeschritten werden!“

„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“

„Aber ganz sicher.“

„Wer von uns sollte es weiter sagen?“

„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau

~Dr.~ Niebert das Wort. „Ich bin ja nun +ganz+ unparteiisch,

denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor

Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht,

gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, -- so ist uns

ja im Grunde der Herr ~Dr.~ Sörensen höchst gleichgültig. Aber was

Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich +sehr+

interessant.“

„Darf sie denn das?“

„Was?“

„Aus der Schule erzählen.“

Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich, wurde durch

wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl

zurückgeschleudert.

„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter

Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit

gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und

läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den

Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur +eine+ Klage

geht, hält er die Hand, und das geht immer +Herr+ Harks hin und

+Herr+ Harks her, sagt Fräulein Nissen, -- na und man weiß doch...

hm...“

Verständnisvolles Flüstern und Nicken.

„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen,

aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend

jemand salbungsvoll.

„+Brav+ war sie +auch+,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein,

„sie hat drei Jahre bei mir gedient.“

Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der

bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem

energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte

ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.

Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen:

„Ja, +so+ brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“

Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen

Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und

rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“

„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das

Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, ~pro~ und ~contra~.

Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen und Lehrer Hansohm schwören ja auf die

neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine einfach lächerliche

Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein Doktor gebildet, --

guter Gott, ich will nichts sagen, -- sie könnte ja wohl beinahe seine

Mutter sein, aber...“

„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“

„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme

der Frau Postdirektor Hagedorn.

„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige

Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie

nicht miteinander‘.“

„Sehr richtig.“

„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei

gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß

er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch

in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“

Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte

zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser

Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief

sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller

wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die

vernichtenden Worte:

„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“

„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein

furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe

nur Gutes, nur das +Beste+ von Herrn ~Dr.~ Sörensen gehört.

Die Kinder schwärmen alle für ihn.“

„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber

mit was hört es auf?“

Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört

es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen

denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner

Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern

Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über

ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“

Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter

waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer

Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über

Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.

Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche

Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht

ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.

Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen

Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren.

Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz

etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß gerade

über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name

auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie

verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. --

* * * * *

So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht

erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das

Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe,

-- Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen -- und so konnte der

eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen

Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare

einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling

bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte,

bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten

gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm

in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun

muß sich alles, alles wenden!“

Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war

Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus,

und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges

Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich

unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. --

Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern mit hinübergetan.

Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, -- wenn er sie

Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das

kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr

Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.

Er überlegte.

„Herein!“

Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein

zaghafter Finger getan haben konnte.

Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.

Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in

sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was

willst du?“

Keine Antwort.

Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase

und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen,

denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend

versicherte.

„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“

Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit

drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp -- -- bist du krank?“

Keine Antwort.

Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag

willenlos in der seinen.

„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“

Keine Antwort.

„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“

Sie nickte unmerklich.

„Und was willst du nun hier?“

Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich

zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben

möchte ich, -- bis -- bis -- unser Wagen kommt...“

„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich

nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan.

„Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“

„+Bitte, bitte nicht.+“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte

Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer

von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das

Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.

„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, -- ich sorge mich um dich. Bist du

nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“

Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde

Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...

„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als

ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich

ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das

schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.

Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges

Mal nach dem Trotzkopf um. War es wirklich ein Trotzkopf, dann sollte

er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich

spaßen lasse. -- Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und

man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als

einen gleichaltrigen Knaben.

Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...

Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen

und wahrhaftig -- da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und

wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen,

rennen, fliegen...

Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto

ratterte davon, -- er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.

Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?

Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der

zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon

die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.

Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter

den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein,

andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher

heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war

er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.

Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr

Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht finden, weiß Gott, wo sie

stecken mag. Das kann auch nur +dieses+ Mädchen, -- aus der Stunde

einfach fortlaufen -- -- Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich,

ich -- -- --“

Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere,

aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all

die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen.

Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem

abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als

könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen,

heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz,

-- jetzt vor den Kindern, -- Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch

einmal mit mir herüber.“

Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig

mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen,

nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte.

Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu

erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.

„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, -- ich ließe dich lieber

rasch nach Hause gehen, aber, -- habe ich recht, wolltest du mich

sprechen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß

nach Hause gelaufen...“

„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. --“

„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so

gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie

schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht,

und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe,

so lebhaft erzählte sie.

„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 23 / 58 题