Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. -- Und jung fühlte er sich mit
einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen...
* * * * *
Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde,
die sich im Direktorzimmer abspielte. Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen
hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte
Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne
gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr
sowohl mit dem +Lehrer+, als auch mit dem +Vater+ Asmus in
einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel
legen mußte.
Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß
durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche
Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der
ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche
Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle
bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu.
Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend
über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine
verwundete Löwin.
Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte
aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der
sein wehrloses, schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem
Stock gezüchtigt.
Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn
Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich
hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes.
-- Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt
ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin
ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich
immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“
Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch
ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf
steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft,
sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht
vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit
leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung
des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen
eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals. --
Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief
mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und
Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in
einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im
Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen
alten Stadt zu verzerren, hatte man die Häuser wenigstens in eine
weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den
anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug.
Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf.
Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem
Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind,
und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte
sich auch manches gespart haben.
Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er
wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er
sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel
suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er
die Umrisse einer weiblichen Gestalt.
„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte
Sörensen.
„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort.
„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner
Schülerin, d. h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“
„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die
Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber
die leidigen Kopfschmerzen, -- Agnes behauptete, sie würde nicht folgen
können...“
Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über
einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß.
Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt.
Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen,
schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen
Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes
Blättchen zu treiben. --
Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen
Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von
häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem
Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten
stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn
gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß
die blasse Agnes Asmus und arbeitete.
„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube
anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen
zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei.
Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“
Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank
und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen
Augen ihn anschaute.
Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in
haltloses Schluchzen ausbrach.
„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief Frau Asmus. --
„Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich
zusammen!“
In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief
hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme
verhandeln.
Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.
„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude.
Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens
Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.
Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann
erneutes Weinen, heftiger als zuvor.
„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.
„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht
will ich es tun.“
„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“