Denn die meisten Frauen sind glücklich unter einem Titel. --

Ich werde nicht zu befürchten haben, daß Harks über den Strang schlägt.

Er ist ein rechter Hüter der Schulzucht. Daß er nicht wünscht, den

einst so allmächtigen Feldwebel in dem Begriff „Diener“ untergehen zu

sehen, kann ich ihm nicht verübeln. Und ich meine, der unermüdliche,

alte Mann ist hier erst recht eine gute Kompagniemutter und in dem

großen Betrieb wohl am Platze.

Heute nachmittag war Klassenkonferenz.

Ich werde mit diesen Dingen sparsam umgehen. Denn ich kann ja vieles

selbst erledigen, und die schönen Nachmittage sind den Kollegen und mir

gleich wertvoll. Aber dem Vorschlag von Oberlehrer Kahl, im Anschluß

an die Schule zu tagen, konnte ich nicht beistimmen. Denn wichtige

Konferenzen sollen nicht mit knurrendem Magen und Uhr in der Hand

erledigt werden, und daß keine unwichtigen stattfinden, dafür will

ich schon sorgen. Die heutige bedeutete allerdings viel Lärm um einen

Eierkuchen. Wieder einmal die zweite Klasse!

Aber es schien mir, als sei diese nur vorgeschoben, als sollte

eigentlich Herr Klaus Hansohm gezaust werden.

Die erste Enttäuschung für mich. -- So rückständig ist Birkholz? Die

Müllerlieder von Schubert ungeeignet für die zweite Klasse eines

Lyzeums.

Himmel, zu welchen Verstiegenheiten sich die Herren hinreißen ließen.

„Minderwertige Persönchen!“ „Frühreifes Gebaren!“ „Nicht scharf genug

zu tadelndes Verlangen, das in der Schule verpönte Thema ‚Liebe‘ auf

Umwegen kennen zu lernen.“

Wackerer Kämpe Hansohm! Er fuhr mit den Herren ab, daß sie heiße Ohren

kriegten. Und ich ein warmes Herz. --

Oberlehrer Kahl focht einen unrühmlichen Strauß mit ihm.

Als er schließlich von „Unlauterkeit“ sprach, der ein Lehrer Vorschub

leiste, stellte ich mich auf Hansohms Seite, mit mir die anderen, mit

Ausnahme von Professor Traute, Fräulein Nissen und Lehrer Asmus.

Letzterer auch so ein Scharfmacher.

Er führt die neunte Klasse als Ordinarius. Vertrat neulich Hansohm

in der siebenten Klasse in Deutsch. Hansohm hat die Kyffhäusersage

behandelt, und Asmus las ihnen in jener Vertretungsstunde das Gedicht

vom Kaiser Rotbart vor. Wie er den Bart schildert, der durch den Tisch

gewachsen ist, erhebt sich Lottchen Binnebom und ruft: „Das glaub’ ich

nicht.“

Diesem „Fall“ ist Asmus nicht gewachsen gewesen. Und, Gott sei’s

geklagt, die große Mehrheit im Kollegium heute besprach die Sache mit

einer Ernsthaftigkeit und Bedenklichkeit, daß ich mich ein paarmal

versucht fühlte, sie mit den dicken Köpfen zusammenzustoßen.

Der Humor scheint keine Hüsung im Lyzeumsgebäude zu haben, ich will

nicht hoffen, daß er überhaupt außerhalb von Birkholz wohnt.

Jedenfalls aber sah ich heute Hansohm, wie er Lottchen Binnebom an der

Hand führte, und nach den vertrauensvollen Augen der kleinen Zweiflerin

zu urteilen, hat sie längst die rechte Antwort bekommen.

Morgen will ich meine Besuche in der Stadt machen... Harks erzählte,

die Frau Apotheker Dahlen habe dazu neue Gardinen aufgesteckt. Da

sich Harks augenscheinlich selbst geehrt fühlte, unterließ ich jede

Bemerkung. Diese Besuche quälen mich.

Bis jetzt durfte ich einsam sein. All die Jahre hindurch. Köstlich

einsam. Und nun bringt mir das neue Amt den herben Zwang.

Sonntag abend.

Diese Sonntage sind etwas unbeschreiblich Schönes in Birkholz.

Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja

fast eines einsamen Dorfes.

Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein

Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach.

Um neun Uhr beginnt die Kirche.

Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein

Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben.

Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in

der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in

Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den

Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet.

Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der

liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten

Adler“ setzen wird.

Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe

daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten

Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes

Kindergemüt, ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem

langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten

meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer

Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der

Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd

hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind,

geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in

Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes

Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen,

mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“

Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der

gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und

verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen,

oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen

ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen...

Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen.

Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich

vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der

mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten

Töchter mittels Telegramm herangerufen wären.

Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer

Niveau herauszuragen, -- ganz prächtige Menschen. Drei niedliche

Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen

wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit das

Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer

Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die

Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige

Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen

bei diesen zwei Menschenkindern.

Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der

postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die

Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist.

Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei

langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn

Jahren aufwarten. -- Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt

mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen

Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine

Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet

war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten.

Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und

„Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den

man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte. --

Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem

Herrenhaus Heidekamp-Birkholz.

Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein

ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum.

Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den Kutscher langsam

fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine

Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch

augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein

Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel

gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche

standen.

„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr

Direktor!“ schallte es herunter.

Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir

die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein.

Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der

Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte

und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit

verstrich, -- dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem

Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“.

Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich

etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes

Spinngewebe sah die alte Dame aus. --

Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände.

„O Herr Direktor! Nicht ungehalten sein! Der Herr Baron -- -- hat --

eine wunderliche Abneigung gegen alle Lehrer, mein Gott...“

Sie haschte nach meinen Händen.

„Aber gnädige Frau...“

Da wehrte sie hastig ab.

„Fräulein von Schlieden,“ stellte sie sich vor. „Ich war die Erzieherin

von Sörines verstorbener Mutter und sollte auch das Kind unterrichten.

Aber ich bin alt, und Sörine soll unter Jugend groß werden. Ach, Herr

Direktor, Staub ist so etwas Schreckliches. Nicht wahr, Sie werden die

Birkholzer Kinder, und besonders unsere Sörine, vor Staub bewahren?“

Rührend bittend, hilflos sahen ihre guten Augen mich an. Eine seltsame

Situation.

„Könnt ich Sie doch öfters einmal sprechen: Möchte Ihnen so innig das

Kind ans Herz legen. Es hat mir von Ihnen erzählt...“

Ich drückte dem grauen Spinnwebchen die Hand.

„Gnädiges Fräulein und Kollegin, ich freue mich, wenn Sie Ihr Weg zu

mir führt. Vielleicht treffe ich Sie auch einmal auf einem unserer

Elternabende, da können wir...“

Ein polternder Schritt näherte sich, ein Stock stieß in regelmäßigen

Abständen auf den Boden auf, und mit eins war das Spinnwebchen

verschwunden, weggeblasen, um die Ecke geweht.

Ich schritt zu meinem Wagen, lachte aber auf der Diele ganz herzhaft

und ungeniert. Denn ich hörte eine dröhnende Stimme rufen: „Tausend

nochmal, Grauchen, das paßt Ihnen wohl auf die alten Tage, ein

Stelldichein mit einem jungen Schulmeister...“

Der alte Diener stand am geöffneten Wagenschlag, und sein Gesicht war

weniger eben als zuvor.

Es zuckte um seine Mundwinkel.

Ein wenig prallte ich auch zurück, als ich einsteigen wollte, aber die

Pferde zogen rasch an, und so ergab ich mich in mein Schicksal, in

einem Blumenkorb zu sitzen. Denn der Wagen war inzwischen heimtückisch

geschmückt worden, ein ganzes Gewächshaus schien geplündert zu sein.

Chrysanthemen und Alpenveilchen lagen zum Strauß geordnet auf dem

Rücksitz. Maiblumen waren anmutig lose in die Fensterrahmen gesteckt,

und feine grüne Gräser zogen sich als Girlande über die Lehne des

Vordersitzes.

Aus den Zweigen der Thingeiche lugte ein Schelmengesicht. Merkwürdig

standen darin die großen ernsthaften Blauaugen. Ein wunderschönes Kind!

Und ein interessantes Seelchen dazu. Man könnte die alte Eiche beneiden

um das nette Früchtchen, das sie trägt.

Ich drohte mit dem Finger aus dem Fenster heraus.

Da hört ich das Mädel silberhell lachen. Lachen, wie ganz junge Kinder

tun, denen die Welt noch ein einziger Freudenquell, die Menschen lauter

gute Mitwanderer sind. Ein Lachen recht aus dem Herzensgrund heraus.

Erne Sörensen, alle Schulweisheit gäbst du darum, so lachen zu können,

wie die junge Sörine Heidekamp.

* * * * *

Es klopfte an die Tür des Direktorzimmers.

Erne Sörensen saß in tiefer Arbeit.

Die Feder flog über den großen Bogen, der einen Bericht an die

vorgesetzte Behörde aufnehmen sollte.

Vom Singsaal her tönten die gedämpften Laute eines Liedes, und der

Schreibende ließ für Augenblicke die Feder sinken und lauschte. Das

alte Lied, das ihm die Mutter manchmal gesungen... Wie gut, daß Lehrer

Hansohm diese Perle ausgegraben und in die Hände seiner Schülerinnen

gelegt hatte.

„Ich weiß mir etwas Liebes

Auf Gottes weiter Welt,

Das stets in meinem Herzen

Den ersten Raum behält,

Kein Freund und auch kein Liebchen

Verdrängen es daraus, --

Das ist im Vaterlande das teure Vaterhaus.“

Das Klopfen wurde jetzt kurz und energisch.

„Herein!“

Lehrer Asmus trat mit linkischer Unbeholfenheit ein. Er suchte sie

durch übergroße Steifheit und Förmlichkeit zu verdecken.

Direktor Sörensen stand auf, ging in seiner liebenswürdigen Art dem

Kollegen entgegen, rettete ein Tischchen mit Wasserkaraffe und -glas

vor dem Umstürzen und stellte mit raschem Griff einen leichten Stuhl

beiseite, dem das gleiche Schicksal drohte.

Denn Lehrer Asmus dienerte viel und heftig.

„Verzeihung, Herr Direktor, ich sehe, ich störe, Sie haben zu tun...“

„Ja, mein lieber Herr Kollege, zu tun habe ich immer, also stören Sie

auch immer,“ scherzte der Direktor.

Aber Lehrer Asmus hatte keinen Sinn für Humor.

Er zog ein grämliches Gesicht.

„Dann will ich lieber gleich gehen...“

„Nun machen Sie keine Geschichten,“ sagte Sörensen ruhig. Er deutete

mit einladender Handbewegung auf einen Sessel und Asmus setzte sich

sehr steif nieder.

Sörensen kannte die Art, kannte genau die Abstufung dieses

unglücklichen Temperamentes.

Zuerst das Devote, dem das Linkische folgte, das Förmliche, das mit

leisen, streng abgemessenen Worten begann, um sich dann in große

Heftigkeit zu steigern und zuletzt in lodernden Jähzorn auszuarten.

Das letztere aber nur zu Hause. In der Schule und im Lehrerkollegium

hatte sich Asmus immer noch in den Grenzen gehalten. --

„Herr Direktor -- -- ich komme sozusagen in einer privaten

Angelegenheit...“

„Aber, Herr Kollege...“

„Bitte, Herr Direktor, ich weiß wohl, was Herr Direktor jetzt sagen

wollen, -- aber -- es ist sozusagen sowohl Schul- als Privatsache...“

Sörensen schielte nach seinem unvollendeten Bericht.

„Es ist schade, daß Herr Direktor keine Zeit zu haben scheinen...“

„Herr Kollege Asmus, ich +habe+ Zeit für Sie und bitte Sie nur,

zur Sache zu kommen.“

„Jawohl, jawohl. Also ich sagte, es sei sowohl Schul- als Privatsache“

-- -- --

Eine längere, peinliche Pause entstand, und mit einem Mal kam der

Zorn. Viel rascher als der Direktor gehofft hatte. Asmus sprang auf.

Fast hätte er auf den Tisch geschlagen. -- Der große, ruhige Blick des

Vorgesetzten bannte ihn. --

Heiser rief er:

„Ich beschwere mich über die Schülerin der zweiten Klasse Sörine von

Heidekamp, ich beschwere mich über den Herrn Professor Rasmussen, über

das Fräulein Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen und über den Lehrer

Hansohm.“

Direktor Sörensen schüttelte den Kopf. „’n bißchen viel auf einmal,“

sagte er, aber dann nahm er die eiskalten Hände des zornigen Mannes in

seine eigenen lebens- und gemütswarmen.

„Erst mal ruhig werden.“ So gütig klang die beherrschte Stimme, als sei

es der Ältere, der einen jungen Heißkopf beruhige. Sörensen schenkte

ein Glas voll Wasser, das der Erregte in einem Zuge austrank.

„So, Herr Kollege. Nun los. Die Beschwerde scheint mir aber doch

lediglich +Schulsache+ zu sein.“

„Darüber wollte ich Ihren Rat erbitten, Herr Direktor. Die eigentliche

Ursache liegt in meiner Privatwohnung ...“

„Ich verstehe nicht recht...“

„Dann habe ich mich wohl unrichtig ausgedrückt. Die Privatwohnung ist

natürlich nicht Ursache, aber...“

Sörensen warf einen Blick zur Decke seines Zimmers. „Gehören die vier

genannten Personen als gemeinsame Gruppe zu Ihrer Beschwerde?“ fragte

er sachlich.

„Jawohl, Herr Direktor.“

„Nun darf ich wohl bitten, daß Sie mir im Zusammenhang über das

Vorgefallene Aufschluß geben?“

„Jawohl, Herr Direktor. Es ist gestern in der zweiten Klasse,

als Fräulein Nissen eine Deutschstunde hielt, etwas Ungehöriges

vorgekommen.“

„Wahrhaftig! Wieder einmal?“

„Herr Direktor, Ihr Ausruf macht mich sehr glücklich. Denn ich sehe

daraus, daß Herr Direktor wissen, wie, wie -- ärgerniserregend diese

Klasse im allgemeinen ist...“

„Weiter, weiter,“ drängte Sörensen.

„Ja, -- denn gestern war leider, leider...“ Asmus trocknete sich

den Schweiß von der Stirn -- „meine Tochter Agnes Ursache dieser

betrübenden Tatsache. Sie hatte ihr Taschentuch vergessen...“

„Lappalie,“ stieß Sörensen hervor.

„Ich muß sehr bitten, das ist keine Lappalie,“ ereiferte sich Asmus,

„meine Tochter Agnes hat +alle+ erforderlichen Utensilien einer

ordentlichen Schülerin mit in die Schule zu bringen, dafür ist sie

eben die Tochter des +Lehrers+ Asmus, und wenn ich auch nur ein

seminaristisch gebildeter Lehrer bin...“

Jetzt sprang Sörensen auf. Seine Zeit war knapp, der Bericht duldete

eigentlich keinen Aufschub...

„Herr Kollege Asmus, was Sie da reden ist Un.... unrecht. Ich war auch

einmal ‚seminaristisch‘ gebildet, ohne in meinen Augen auch nur einen

Millimeter tiefer zu stehen, als jetzt. -- Bitte weiter!“

Asmus ließ seine Fingergelenke knacken, was sich außerordentlich

häßlich anhörte, aber es war ein Mittel von ihm, seinen Zorn zu

unterdrücken. --

„Meine Tochter Agnes hat nun leider verabsäumt, Fräulein Nissen von dem

betrüblichen Umstande des Vergessens Mitteilung zu machen. Da aber die

Natur... sich nicht gebieten... läßt... so... hat... meine Tochter...

so ist ihr... hm...“

Sörensens Nerven drohten aufrührerisch zu werden. Aber er meinte

nur trocken: „Also sagen wir: ihr lief die Nase und sie mußte laut

schnüffeln.“

„Aber, Herr Direktor -- -- woher wissen Sie...?“

„Weil ich auch mal klein war, Herr Asmus, wirklich --. +So’n+

kleiner Junge.“

Und er hielt die Hand so tief auf den Erdboden, daß man sich wohl

stark verwundern konnte, wie aus solchem Liliputaner der Riese Goliath

entstanden war.

Sörensen zog die Uhr: „In fünfzehn Minuten ist Pause, -- wollen Sie

vielleicht heute nachmittag oder...?“

„Ich möchte es lieber gleich jetzt rasch erzählen.“ Asmus bekam einen

roten Kopf. „Also, da hat Sörine von Heidekamp, die ja alles sieht

und alles hört, meine Agnes gefragt, was ihr fehle, und hat ihr das

eigene Taschentuch geborgt, darauf hat Fräulein Nissen gefragt, wer

eben gesprochen habe, und Sörine von Heidekamp, die ja, das muß man ja

zugeben, furchtloser, um nicht zu sagen frecher, ist als meine Tochter,

hat sich wahrheitsgemäß gemeldet. Natürlich hat Fräulein Nissen sie

eingeschrieben ...“

„Natürlich,“ schaltete Sörensen grimmig ein.

„Zu Hause ist dann aber doch noch alles herausgekommen. Denn meine Frau

denkt genau wie ich. Sie hat Agnes’ Schulmappe wie jeden Tag revidiert

und hat gesehen, daß sie auch ein Deutschheft in der Schule vergessen

hatte, dann fand sie die leere Kleidertasche, darin das Tuch fehlte...“

In Sörensen kroch der Zorn hoch.

„Ihre Gattin ist +sehr+ ordentlich,“ bemerkte er.

„Ja sehr,“ betonte Asmus, „Gott Lob und Dank. Sie war ja auch früher

Lehrerin. Agnes bekam sofort von ihr eine feste Ohrfeige für die

Bummelei und dann nahm +ich+ sie mir extra vor für die Störung in

der Schule. Dabei ging es denn heißer her als bei der Mutter...“

„Noch heißer? Herr Kollege? Ihre Agnes ist ein zartes, recht

verschüchtertes Mädchen, dazu schon fünfzehn Jahr alt, ich meine denn

doch, daß körperliche Züchtigungen ...“

Asmus stand auf.

„Herr Direktor, das ist lediglich meine eigenste Angelegenheit, ich bin

der +Vater+...“

„Herr Kollege Asmus, Sie mißbrauchen meine Geduld. -- -- -- Wollen Sie

meinen Rat in Ihrer Angelegenheit oder???“

Beide Männer standen sich jetzt gegenüber. Asmus ganz weiß vor Zorn,

eine rote Ader lag ihm quer über der Stirn.

„Ich müßte ja wohl jetzt gehen, Herr Direktor, -- aber -- -- genug, --

ich habe meine Agnes gezüchtigt, Sörine von Heidekamp ist dazugekommen,

sie aß einmal wieder in der Stadt, -- kurz, dieses Mädchen hat --

Herr Direktor, -- sie hat meinen Stock über ihrem Knie in zwei Stücke

gebrochen und mir die Stücke vor die Füße geworfen. --“

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 18 / 58 题