Sörensen murmelte: „Das Mädchen hat Ihre Agnes sehr lieb...“

„Billigen Herr Direktor die Handlungsweise??“ Asmus wußte

augenscheinlich nicht mehr, was er sprach.

Es klopfte scharf.

„Herein.“

Klaus Hansohm sah befremdet auf Direktor und Kollegen.

„Ich bitte um Entschuldigung, ich klopfte mehrere Male.“

„Ja, es ging etwas erregt bei uns zu. Sie wünschen?“

„Nur eine Frage, den Schulwart Harks betreffend. Aber sie ist doch

nicht so einfach in zwei Minuten zu erledigen, ich werde wiederkommen.“

„Dann bitte ich Sie zu bleiben. Herr Kollege Asmus hat Klage über Sie

geführt, so können wir gleich etwas vorarbeiten, da Professor Rasmussen

und Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen beide beschäftigt sind.“

Lehrer Hansohm zog mit straffem Ruck seine Weste glatt.

„Ich bin bereit,“ sagte er ruhig.

„Kollege Hansohm kommt mir gelegen,“ nahm Asmus das Wort. „Ich darf

wohl fortfahren. Also ich wies nach dem unerhörten Gebaren Sörine von

Heidekamp die Tür. Auf der Straße, die völlig menschenleer war, schalt

ich noch mit ihr, da kamen Professor Rasmussen, Fräulein Doktor und

Kollege Hansohm uns entgegen...“

„Wir kamen vom Mittagessen,“ warf Hansohm ein.

„... und Herr Professor Rasmussen beleidigte mich gröblichst.“

„Das ist nicht wahr,“ rief Hansohm ungestüm.

Der Direktor hob die Hände. „Herr Kollege Hansohm, augenblicklich hat

Herr Asmus das Wort.“

„Ich überlasse es Herrn Hansohm,“ entgegnete dieser förmlich. „Ich habe

korrekt gehandelt, und der Kollege kann gern seine Ansicht äußern.“

„Danke. -- Sie gestatten, Kollege Asmus, -- Sie haben +nicht+

korrekt gehandelt. Halt! Jetzt rede +ich+. Sie haben Sörine von

Heidekamp nicht die Tür +gewiesen+, was man mit dem Finger zu tun

pflegt, sondern Sie haben sie im Jähzorn im Nacken gepackt...“

„Am Mantelkragen,“ schob Asmus ein. --

„Also gut! Am Mantelkragen, -- und haben das junge Mädchen

herausgeworfen, vor die Tür gesetzt. Sie waren so außer sich, so ohne

alle Beherrschung, daß wir einschreiten +mußten+. Im übrigen

schalten Sie so laut, daß es uns empörte, denn der Diener des Herrn von

Heidekamp, der in der Straße auf und ab ging, muß es gehört haben. Er

sah aus, als wolle er seiner jungen Herrin zu Hilfe kommen.“

„Seiner jungen +Herrin+! Seit wann machen Sie Kotau vor den Barons

da draußen? Diese Liebedienerei macht ja die Sörine so aufsässig... Im

übrigen, was geht +mich+ der +Diener+ an?“

Asmus zog die Mundwinkel verächtlich herunter.

„Na, erlauben Sie, Kollege, fragen Sie mal den Diener, ob er mit Ihnen

tauscht. Er hat seinen Herrn auf allen Reisen im In- und Ausland

begleitet, spricht drei fremde Sprachen und bezieht ein Gehalt von 4000

Mark.“

„So, Sie sind ja sehr unterrichtet, -- in Dienstbotensachen.“

„Ach, Kollege, -- Sie reizen mich +gar nicht+.“ Klaus Hansohm

konnte unausstehlich liebenswürdig werden. „Sehen Sie, ich gestehe

ein, daß +ich+ den Mann beneide. Er spricht drei fremde Sprachen,

ich nicht. Er wird in seiner Eigenschaft als Diener des Herrn von

Heidekamp hoch estimiert in Birkholz, ich in meiner Eigenschaft als

Volksschulmeister gar nicht, er hat 4000 Mark Gehalt, ich auch nicht

schattenhaft, und außerdem hat er noch ’ne Livree mit Silberknöpfen...“

Sörensen hatte ruhig abwartend zugehört. Er liebte es, wenn sich das

Kollegium „klärte“.

„Womit Sie Herr Professor Rasmussen und Fräulein Doktor beleidigten,

höre ich wohl morgen in Gegenwart der Beteiligten?“ fragte er Asmus.

Dieser verneigte sich bejahend.

Hansohm trat in seiner raschen Art auf den Direktor zu. „Darf ich

wenigstens heute noch meine Überzeugung aussprechen, daß Fräulein

Doktor nicht hat beleidigen wollen. Sie nahm das verstörte junge

Mädchen einfach an ihr Herz. Ohne ein Wort zu sagen. Kollege Asmus

faßt es eben schon als Beleidigung auf, daß wir Sörine Heidekamp

beruhigten. Ich geleitete sie zum Wagen, der auf dem Markte hielt. Der

Diener eilte uns nach, und so rief ich ihr möglichst unbefangen zu:

„Eine Empfehlung an den Herrn Großvater.“ Die einzigen Worte, welche

überhaupt auf dem Wege fielen. Professor Rasmussen aber hatte nur einen

väterlichen Rat an Herrn Asmus erteilt. --“

„Ich danke Ihnen, meine Herren.“

In Asmus’ Gesicht arbeitete der Zorn mächtig. Aber er wußte, daß er mit

seinen Anklagen warten mußte, bis er den beiden andern gegenüberstand.

Sie gingen hinaus. Sörensen blieb in seinem Zimmer.

„Väterlicher Rat?“ nahm Asmus draußen streitsüchtig das Thema wieder

auf. „Ich brauche keinen väterlichen Rat vom Senior. Es war lediglich

eine Beleidigung. ‚Gehen Sie ins Bett, Kollege,‘ hat er mir zugerufen.

Dieser... Gehen Sie ins Bett! In Gegenwart von Fräulein Doktor.“

„Na, Kollege, den Schlußsatz lassen Sie morgen lieber fort. So böse hat

es Rasmussen nicht gemeint.“

Hansohm lachte spitzbübisch, und Asmus drehte ihm beleidigt den Rücken.

--

* * * * *

Die Sonne schien flutend in den Singsaal und Sörine sang gerade ihr

Maienköniginsolo, als sie zum Direktor gerufen wurde.

Sämtliche Kinder sahen ihr erstaunt nach, aber Lehrer Hansohm nahm

gleich eine neue, ganz besonders schöne Stelle vor, und so wendete sich

das Interesse der zweiten Klasse rasch wieder der Musik zu. --

Sörine stand vor dem Direktor.

Sie war auffallend blaß, und über ihren Augen hatte sich eine tiefe

Falte eingegraben.

„Die Sache scheint dir nahezugehen, Sörine. Du hast deine frohen Augen

nicht mehr. Nun denke einmal in deinem Trotz nicht daran, was dein

Lehrer +dir+ tat, sondern was du ihm tatest.“

Etwas wie Erstaunen zeigte sich auf dem blassen Gesicht, aber nur

vorübergehend.

„Herr Asmus ist nicht mein Lehrer,“ sagte sie dann abweisend.

„Herr Asmus ist Lehrer am Lyzeum, -- folglich...“ Sörensen brach kurz

ab. „Ihr in der zweiten Klasse habt darüber wohl besondere Ansichten?“

„Ja.“

Was ist das nun? fragte sich Sörensen. Ist das die Heidekampsche

Unverschämtheit, von der die Kollegen reden? Oder?

„Ich habe auch gar nicht über etwas nachgedacht, was Herr Asmus

+mir+ getan haben könnte.“

Der Direktor stutzte. Wie Freude stieg es in ihm hoch. Er hätte es

selbst nicht so nennen können, denn er wußte seit langem nicht mehr,

wie sich Freude kundtat. Leise sagte er zu sich: „Neuland!“ Laut aber:

„Und worüber hast du nachgedacht? Was soll die krause Stirn und das

bitterböse Gesicht?“

Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine

Agnes,“ stieß sie heraus.

Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß

er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt?

So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen

Kameraden, -- „einen bessern findst du nit“...

Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann

blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn

ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst

gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“

Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen

sahen ihn voll Vertrauen an.

„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 19 / 58 题