Da lachte der Direktor herzlich und klopfte dem alten, grimmigen Harks
auf die Schulter, und der machte mit eins ein ganz frohes Gesicht.
Denn es war etwas Neues, was er da hörte. Weil in all den Jahren, die
er in Birkholz wirkte, nicht gelacht worden war im Lyzeum. Deshalb lag
ja auch der Schulstaub so massig und schier unbeweglich und lastete auf
dem Gebäude wie ein Sargdeckel. --
„Gehen wir noch ein Stückchen zusammen, Kollege?“ fragte Direktor
Sörensen, „ich nehme immer gern ein paar Atemzüge frischer Luft, ehe
ich mich zum Mittagsmahl setze. Und da Sie Junggeselle sind, kommt es
Ihnen wohl nicht so auf die Verspätung an.“
Hansohm verbeugte sich. „Bin eigentlich nur ein halber Junggeselle,
Herr Direktor, denn ich habe meine Schwester bei mir. Die schwingt das
Szepter der Pünktlichkeit und erzieht ihren Bruder.“
Eine Wolke flog über sein offenes Gesicht. „Aber heute bin ich
ausnahmsweise auf das Gasthaus angewiesen. Meine Schwester ist oft
leidend. In solchen Fällen erlaube ich es nicht, daß sie am Herd steht.“
„Ei, so werden wir jetzt einen kurzen Heidespaziergang machen und dann
essen Sie bei mir. Habe ich auch weder Mutter noch Schwester zu Hause,
so ist doch Frau Dietz die Perle einer Wirtschafterin.“
Klaus Hansohm schlug ein in die dargebotene Hand.
Rasch schritten die beiden Herren aus.
Die ganze Herbheit des Vorfrühlings lag über der Heide. Licht und klar
war der Himmel, und der April schien seine Launen zu verleugnen. Über
eine alte Steinbrücke wanderten sie, darunter die klare Luhe rieselte.
Kraftstrotzende Baumäste breiteten sich darüber.
„Nun fangen die Weiden zu blühen an,“ sang Hansohm und warf seinen Hut
in die Luft wie ein Schuljunge. Er vergaß offenbar ganz, neben wem er
ging, und Erne Sörensen war nicht willens, zu kopfschütteln und den
Vorgesetzten herauszubeißen. Diese frische Jugend da neben ihm durfte
außerhalb der Schule urwüchsig sein. --
„Sie müssen mich ein wenig orientieren,“ bat Sörensen. „Wie heißt das
Gewese dort rechts, wie nennt sich weit am Horizont das Dorf mit dem
ragenden Kirchturm? Und der Hügel dort links -- ist’s ein Hünengrab
oder steht ein verfallener Wartturm darauf?“
„Beides, Herr Direktor. Die Topographie ist rasch erledigt. Alles,
was Sie sehen, möcht’ ich fast sagen, ist Heidekampisch. Bis auf den
Himmel, der immer noch dem lieben Gott gehört.“
„So, so, von Heidekamp-Birkholz. Ich wundere mich baß, daß dieser
reiche Grundherr sein Enkelkind in so demokratischer Umgebung erziehen
läßt, wie unser Birkholzer Lyzeum ist.“
„Es wird alles wohlüberlegt von ihm sein,“ meinte Lehrer Hansohm. „Die
kleine Sörine soll nicht weltfremd aufwachsen. Sie soll genau wissen,
wieviel Divisoren es in der Welt gibt, auf daß sie diese Kenntnis bei
ihrem Reichtum verwertet und nicht in den Tag hineinlebt. Und das tut
sie auch nicht, weiß Gott. Ihre Augen gehen durch Mauer und Holz.“
„Man sollte meinen, Kollege, Sie sprächen von einer reifen Frau
und nicht von einem Kinde, einem Backfischchen, einem unbotmäßigen
Rädelsführer der arg berüchtigten zweiten Klasse.“
„Das ‚Kind‘ lasse ich gelten, ein reines, liebes Kind ist die Sörine,“
sagte Hansohm warm. „Alle anderen Bezeichnungen lehne ich ab. O Herr
Direktor, wie freue ich mich, wenn Sie erst all das Neuland durch Ihre
eigene Brille sehen werden! Jetzt ist es noch die aufgezwungene von
Kahl und Genossen...“
„So scharf, Kollege? -- Aber ich freue mich, daß die geschmähte
zweite Klasse ihren Ritter ohne Furcht und Tadel gefunden hat. Ein
Idealist in der Schule oder besser im Lehrerzimmer wirkt gewöhnlich
wie Sauerteig. Übrigens habe ich jetzt auf dem kurzen Wege durch
die verschiedenen Begegnungen, sowie des öfteren in der Schule die
Beobachtung gemacht: Sie sind ein rechter, echter Kinderfreund,
Kollege?“
„Herr Direktor, ich bin +Lehrer+.“
„Und der Überzeugung, ich seh’s Ihnen an, diese Begriffe müßten sich
immer decken? Wie ist das erfrischend für mich. Wie wertvoll der
heutige Spaziergang.
Ich mache kein Hehl daraus, daß ich noch tastend und suchend in diesem
Birkholz herumwandre, ich möchte weder durch rosenrote, noch durch
geschwärzte Brillen schauen, ein möglichst wahrhaftiges Bild mit allen
Licht- und Schattenseiten wäre mir das liebste.“
„Herr Direktor, die altertümliche Stadt ist entzückend. Und die
Birkholzer Heide hat Gott in einer Feiertagsstunde geschaffen.“ Hansohm
sah mit dürstenden Augen auf seine Heimat. „Auch die herzbraven
Menschen, die unter der gleichfalls vorhandenen Minderwertigkeit
doppelt hervorleuchten, werden sich rasch in Ihr Herz und Ihre Liebe
hineinstehlen.“
„Und das Lyzeum, das Kollegium, die zweihundertfünfzig anvertrauten
Kinder? Kollege Hansohm, helfen Sie mir, den Pessimisten Sörensen
einzuschläfern...“
„Den Pessimisten? Bin ihm ja noch gar nicht begegnet ...“
„Doch, doch, er ist nicht ganz wach, -- aber Kahl und Genossen könnten
ihn rütteln...“
„Ich fürchte sie nicht mehr. -- Herr Direktor, Sie sind sehr gütig
mit mir gewesen, -- man hat mich all mein Lebtag nicht verwöhnt mit
Güte, aber erst recht nicht den Seminaristen im Lyzeum von Birkholz.
Und nun kommt mit Ihnen plötzlich etwas herein, das aussieht wie
Morgenrot und Sonne... alle Fenster in den muffigen Schulstuben will
ich aufsperren...“
Mit frohem Gesicht sah Sörensen auf seinen jungen Begleiter: „Warum
haben Sie nicht geheiratet, Kollege? Oder ist die Frage unzart? Macht
sie Ihnen Beschwer? Dann antworten Sie nicht.“
„Nein, nein, ich habe nichts zu verhehlen. Ich fürchte nur, ausgelacht
zu werden, Herr Direktor... Ich, ich mache nämlich zu hohe Ansprüche an
meine Zukünftige, deshalb fand ich noch nicht die Rechte.“
„Zu hohe Ansprüche?“ fragte Sörensen sinnend...
„Ja, Herr Direktor. Nicht auf Grund meines Einkommens von 1500 Mark,
das bewahrt mich immer erfolgreich vor Größenwahn. -- Aber -- ich hatte
kein gutes Elternhaus. Mein Vater war Volksschullehrer und hatte sich
in unreifen Jünglingsjahren, sagen wir’s hart heraus -- verplempert.
Die Mutter... ersparen Sie mir die Schilderung --. Sie trieb den Vater
in Trunk und Schande. Nun, mich hat das alles erzogen. Auf dem Seminar
stopfte ich mir Watte in die Ohren, um den Sirenen zu entgehen. Es war
damals manch eine, die hinabziehen konnte...“
Hansohm hielt erschreckt inne, denn sein Direktor sah mit einem Male
fahl und blaß aus. Dazu klang die Stimme seltsam und gepreßt: „Und
doch konnten Sie sich die sonnigen Augen erhalten? Konnten so fromm und
voll Liebe auf Ihre Heimat sehen? Wer lehrte Sie das, Kollege Hansohm?“
„Frau Musika, Herr Direktor. Sie ersetzt mir das Weib... Und,“ fügte er
mit trocknem Humor hinzu, „Kinder gebar mir ja das Lyzeum, 250 Stück.
--“
„Die Spottdrossel hat bei Ihnen ihr Nest dicht neben der Nachtigall,“
sagte Sörensen ernst, „-- aber ich höre das Duett gern. Kollege, -- Sie
werden einem Einsamen manchmal eine Stunde schenken, wollen Sie?“
„Von Herzen gern!“ Aber Hansohms Auge streifte besorgt das tief
verfinsterte Gesicht des Vorgesetzten.
Die Herren schritten durch das Steinere Tor ins Städtchen. Am
Torpfeiler hatte eine Blumenfrau ihren Stand, und Direktor Sörensen
wählte Weidenkätzchen und gelbe Osterblumen zu einem großen Strauß.
„Die bekommt Ihre Schwester. Sie zürnt mir sonst, daß ich den Bruder
jetzt erst bringe und dann gleich wieder entführe.“
„O Herr Direktor!“ Ein rasches Erröten, das den jungen Lehrer gut
kleidete, flog über sein Gesicht und stieg bis in das blonde Haar
hinauf. --
„Da sind wir schon.“ Klaus Hansohm öffnete eine Tür. Der helle
Dreiklang eines Glockenspieles tönte. Ein winziger Flur mit einer
altmodischen messingbeschlagenen Kommode und ebensolcher Uhr tat sich
ihnen auf. Eine klangvolle, junge Stimme rief: „Bist du es, mein Junge?“
Und dann öffnete sich ein Raum und auf der Schwelle stand ein junges
Mädchen, ein entzückend schöner Kopf auf armem, verwachsenem Körper.
In die durchsichtig weißen Hände legte Direktor Sörensen seine Blumen,
und die Augen der Kranken lächelten. Dann führte er sie sorgsam zu dem
altmodischen Ohrenstuhl, der am grünen Kachelofen stand.
„Sie haben hier ja ein wahres Raritätenkabinett,“ scherzte er. Und
zeigte bewundernd rings herum auf die alten Stahlstiche und schön
geschwungenen Möbel. „Das ist ja Urväterhausrat. Ich beneide Sie. --“
„Das hat mir alles der Klaus hier zusammengetragen. Alles ist ihm Bild
und Rahmen und dann macht er noch die Musik dazu.“ Sie lächelte zu dem
Bruder hinüber mit rührendem Stolz.
Die Herren hielten sich nicht lange auf.
Aber die Zeit genügte doch, um das Stübchen der Leidenden licht zu
machen. Und die ritterliche Art des fremden Mannes ließ einen Schimmer
zurück von dem, was die Welt da draußen Glück und Jugend nennt.
Lehrer Klaus Hansohm wäre wohl am liebsten daheim bei der Schwester
geblieben, hätte gern ganz still und besinnlich im großblumigen Sofa
gesessen. --
Der Tag hatte ihm so viel Reichtum gegeben.
Nun wogten allerhand Melodien in seinem Kopf und seinem Herzen, die er
noch nicht meistern konnte.
Er stieg mit seinem Direktor die breiten Steinstufen des alten
Patrizierhauses hinauf, die von der mächtigen Diele zum Eßzimmer
führten. --
Klaus Hansohm machte seine Augen weit auf, denn nun war ihm, als sähe
er seinen Vorgesetzten wieder in einer ganz anderen Gestalt. Hoch und
breit und festgefügt stand der Goliath Erne Sörensen in diesem hohen,
breiten und festgefügten Hause als Hausherr und Gastgeber. Und Lehrer
Hansohm lauschte mit dem Ohr eines Kenners seiner klangvollen Stimme,
die einer noch unsichtbaren Person Befehle erteilte.
Belustigt fing sein Ohr das Gespräch auf:
„O Herr Direktor! So spät? Alles verbratzelt und verbruzelt! Und ohne
Entschuldigung? Und dann noch ein Gast? Das geht gegen meine Ehre und
Reputation. Und ist das christlich, noch um halb drei Uhr Mittag essen
zu wollen?“
Dann das schöne sonore Lachen und die herzgute Stimme: „Aber, Frau
Dietz! Gleich machen Sie frohe Augen. Sie fahren mich ja an, als ob wir
verheiratet wären. --“
* * * * *
Komm her, mein alter Foliant.
S’ ist Nacht, und der Birkholzer Lyzeumsdirektor sollte längst zur
Ruhe sein. Aber du lachst und lockst, liebes Buch, -- beinahe, als ob
du eifersüchtig seist. Eifersüchtig auf neue Freunde. Gönne sie dem
Einsamen.
Hellichte Freude habe ich am jungen Hansohm und seiner armen,
lieblichen Schwester. Freude habe ich am ehrlichen Senior Rasmussen,
Freude an der streitbaren Oberlehrerin ~Dr.~ Stavenhagen.
Wir beide werden noch manche Klinge miteinander kreuzen. Aber im Grunde
sind wir uns bereits sehr gut.
Zähle ich dann noch den knurrigen Schulwart Harks und die junge,
unbedachte Hilfslehrerin Fräulein Hanni Freitag dazu, so habe ich alle
aufgezählt, die mir wohl Freund sind. Und was habe ich den anderen
getan?
Sentimentale Frage. Niemand beantwortet sie.
Der Senior Professor Rasmussen und ich wußten nach dem ersten Blick,
daß wir uns gefielen.
Professor Traute ist sehr unsympathisch. Ein Frömmler, mit einem
unsichtbaren, aber trotzdem sehr unangenehm wirkenden Heiligenschein.
In seiner Gefolgschaft Fräulein Nissen. Hermione. Und so sieht sie auch
aus. --
Als dritter im Bunde Oberlehrer Kahl.
Eine Art ~homo sapiens Linné~, mir verhaßt, seit ich denken kann.
Er gehört zu jenen, denen der Mensch nur Vorgesetzter oder Kollege ist.
Es mag ja nicht genehm für die alten Knaben sein, plötzlich einen
jungen Mann als Vorgesetzten zu bekommen, -- nun ich bin wahrhaftig
ohne Vorurteil an dies Kollegium herangegangen, und das Verhalten vom
Senior zeigt mir auch, daß ich den rechten Ton traf.
Und doch dieser passive Widerstand von Traute und doch die mühsam
beherrschte Gereiztheit von Kahl.
Mein Vorgänger war wohl schon etwas überreif, viel krank und
ruhebedürftig. Er hat die Zügel locker in seinen alten Händen gehalten
und ist einfach froh gewesen, wenn andere die Karre kutschiert haben.
Nun gehöre ich ja nicht zu den Direktoren, die, kaum im neuen Amt,
alles bisher Bestehende verwerfen. Schuldiener Harks hatte allerdings
damit gerechnet, denn gestern morgen fragte er: „Der Spucknapf des
vorigen Herrn Direktors ‚haben‘ immer links von dem Schrank gestanden,
soll ich ihn jetzt rechts stellen?“
„Aber, Herr Harks! Traditionen soll man heilig halten, ich bin ein
pietätvoller Mensch.“
„Dann müssen also Herr Direktor scharf in die linke Ecke zielen,“
meinte er ernst, entfernte sich und ließ mich mit dieser Instruktion
zurück. --
Ich verweile noch bei Harks. Der Mann ist mir lieb, ich mag ihn
gern um mich haben. In seinen seltsamen Augen steht Gram zu lesen,
aber er weicht scheu aus, und ich will mich nicht in sein Vertrauen
drängen. Auch das Gesicht seiner kleinen verhutzelten Frau zeigt einen
ängstlichen Ausdruck. Und doch soll mein Vorgänger ein humaner Mann
gewesen sein, dem man vielfach sogar Schwäche gegen seine Untergebenen
vorwarf.
Mancherlei Beobachtungen habe ich schon gemacht. Harks Augen können
grimmig, ja tückisch aufblitzen, wenn Professor Kahl nach dem
„Schuldiener“ ruft.
Ich ehre in Harks den alten Feldwebel und seinen
Zivilversorgungsschein. Nenne ihn deshalb „Herr Harks“ und seine
schüchterne Frau „Frau Kastellanin“.