* * * * *
Auf dem Schulhof vom Birkholzer Lyzeum wirbelt und tost es, lacht es
und schreit.
Fräulein Nissen hat die Aufsicht.
Sörensen, der an seinem Schreibtisch im Direktorzimmer sitzt, sieht
gar nicht erst nach dem Stundenplan. Er weiß es sofort, als der
ohrbetäubende Lärm auf dem Schulhof losbricht, und sagt es geruhig vor
sich hin: „Natürlich die Nissen.“
Dann erst tritt er ans Fenster und schaut kopfschüttelnd hinunter auf
das Gewühl.
Wie eine Henne, die Enten ausgebrütet, flattert die Lehrerin zwischen
den Mägdlein umher, und wo sich eine ruhige Gruppe bildet, wird sie
aufgescheucht. Dabei scheint denn einige Disziplin in die Brüche zu
gehen.
Prachtvoll jung ist sie, die Bande da unten. Eben meint Sörensen, die
Siebenjährigen stießen diese hellen Juchzer aus, es sind aber die
Backfische aus der zweiten Klasse.
Telse Lüders kräht wie ein junger Hahn.
Fauchend steht Fräulein Nissen vor ihr, das Sündenregister scheint
endlos zu sein.
„Ei, so laß sie doch krähen!“ denkt Sörensen unpädagogisch.
Denn der Schulhof ist ja eigentlich kein Hühnerhof. Aber der Direktor
weiß, daß Telse Lüders das einzige junge Kind alter Eltern ist, der die
Schule viel Freude und Jugendübermut ersetzen muß.
Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse
Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte
flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt...
Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen.
Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer
auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit.
Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes,
rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von
Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft.
Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an.
Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehrerbietig. Direktor
Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp
ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten
Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine
eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines,
schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im
raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen
arg zerschunden hat. --
Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht
einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und
bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen.
Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das
veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig
anzusehen.
„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös.
Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber
in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser
gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die
zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die
Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im
Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die
beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren
Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein
Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein
verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr. --
„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, -- „diese Sörine Heidekamp ist noch mein
Tod.“
Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu
lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. -- Nein, Kollega, dies Getue
allerneuesten Datums um Sörine +von+ Heidekamp, -- vergessen Sie
ja nicht dieses schmückende Beiwort, -- also dies Getue läßt mich kalt.
Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft
ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“
Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe
mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im
Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie
wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“
„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig
die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den
Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist
er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner
unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche
Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen
hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“
Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet
wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen. --
Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat
und die Plätze eingenommen sind, verkündet sie die neuen Tadel im
Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an.
„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch
schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie
rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her
und die Kinder krümmen sich vor Lachen.
Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus
irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es
ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen
verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken
der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht
berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der
ersten Strophe:
„In schwarzer Nacht, auf roter Heid
Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid.
So gelb der Mond, so grau das Land,
Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“
„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein,
hinterher die ganze Klasse und dann -- melde ich euch dem Herrn
Direktor.“
Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man
hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor
nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die
zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen!
Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers
aus der neunten Klasse und ihr Vater ein strenger Mann. Man munkelt,
daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von
Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden.
„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz
unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie
auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und
schmerzlich.
„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch.
Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch
nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle
so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“
Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin
Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt
sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen
Heidekamp nachzudenken.
Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die
abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter
die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn
jemand am Ersticken ist.
Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen
kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit
Friedrichs des Großen...“
Da läutet die Schulglocke.
Und mit einem Radau ohnegleichen geht die zweite Klasse von der
geistigen Entwicklung zur leiblichen, zur Frühstückssemmel, über.
Fräulein Nissen rast ins Lehrerzimmer.
Hier ist vorläufig nur die wortkarge, mit trockenem Humor begabte
Oberlehrerin Fräulein ~Dr.~ Stavenhagen anwesend. Sie schlürft
eine Tasse Kakao und mustert über den Rand ihrer Tasse hinweg die Auf-
und Abrennende.
„Was fehlt Ihnen, Nissen?“ fragt sie.
Fräulein Nissen haßt Verschiedenes auf dieser Welt, darunter auch die
Eigentümlichkeit der Kollegin, sie mit dem Nachnamen anzureden.
Aber sie weiß, daß es nichts nützt, wider den Stachel zu löcken, und so
entschließt sie sich zur raschen Antwort: „Die zweite Klasse ist noch
mein Tod.“
„Das begreife ich nicht, Nissen. Ich würde der Bande gar nicht den
Gefallen tun, mich durch sie töten zu lassen. Aber abgesehen davon, --
Nissen, können Sie wohl ruhig bleiben, wenn ich Ihnen sage, daß mir
diese verlästerte Zweite die liebste von allen Klassen ist?“
Nein, bei so einer hirnverbrannten Rede konnte Fräulein Nissen nicht
ruhig bleiben. Sie schlug eine nervöse Lache auf und verdoppelte ihre
Renngeschwindigkeit.
„Ehe Sie sich aber auf den Schragen ärgern, Nissen, lassen Sie sich von
mir die Rockborte annähen, es macht sich würdiger im Sarg.“
„Fräulein Stavenhagen -- -- --!“
Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden eingefädelt, hob die Nadel
wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das
Ganze haaalt!“ zu.
Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein
schattenhaftes Lächeln ab.
„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den
Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen
mageren Stelzchen, -- „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie
vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘,
sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein
abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken
gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für +Sie+
eingespannt.“
„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen.
„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie
vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“
„Erlauben Sie mal.“
„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite
Klasse trete, ernstlich sagen: +Du+ bist auch mal Kind gewesen,
du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und
O des Lehrers sein. Zweitens,“ -- Fräulein Stavenhagen schaute
spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und
drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste
ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“
„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen -- -- --“
„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein würden. Aber nun ist
Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen
breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre
Reize nicht verwirrt werden.“
Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und
begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao
vollends aus.
Das Lehrerkollegium betrat ziemlich vollzählig das Zimmer.
Sie sprachen erregt durcheinander.
„Ne, erlauben Sie mal,“ rief Oberlehrer Kahl, setzte sich mit einem
Ruck an den Tisch, schlug auf die Platte und sprang wieder hoch, „das
is +nich+ egal. Wenn ich was seit zwanzig Jahren in meiner Klasse
eingeführt habe...“
„Dann ist es die höchste Zeit, daß es mal geändert wird.“
„Verehrteste Kollegin,“ rief Kahl spitz, -- „ich pflege meine Sätze
allein zu vollenden... Also, ich sage, wenn ich seit zwanzig Jahren was
in meiner Klasse angeordnet habe, dann lasse ich es mir nicht von einem
Neuerer einfach umstoßen.“
„Sehr richtig,“ sekundierte ihm Professor Traute.
„Ich weiß ja nicht, worum es sich handelt.“ Fräulein Stavenhagen
blitzte Herrn Kahl ziemlich drohend an. „Ich höre nur immer
+meine+ Klasse und da wollt ich gehorsamst und submissest fragen,
+welche+ Klasse Sie meinen.“
„Na, natürlich doch die Erste.“
„So! Und mit welchem Recht?“
„Mit dem Recht, mit dem ich zwanzig Jahre lang die erste Klasse geführt
habe.“
„Mit dem einundzwanzigsten Jahr fängt aber +mein+ Recht und
+meine+ Klasse an,“ trumpfte Fräulein Stavenhagen.
„Spielen wir also mal meine Klasse, deine Klasse,“ lachte der junge
Gesanglehrer Hansohm und seine Hände ahmten das Hasardspiel nach.
„Zum Ulken sind wir nicht hier,“ verwies ihn Oberlehrer Kahl.
Er kehrte mit Vorliebe den akademischen Standpunkt heraus und liebte es
überhaupt nicht, wenn „Seminaristen“ sich einmischten.
„Worum es sich handelt?“ wandte er sich an die Oberlehrerin. „Seit
zwanzig Jahren steht die erste Klasse auf, wenn ich herein komme,
seit zwanzig Jahren sagt sie langsam, laut und deutlich ‚Gu--ten --
Mor--gen, -- Herr -- Ober--lehrer -- Kahl‘ und jetzt kommt dieser -- --
dieser -- --“
„Seminarist,“ rief Lehrer Hansohm boshaft dazwischen.
„Dieser Herr Direktor,“ vollendete Kahl, „und führt Neuerungen ein.“
„Wir sitzen ja auch gottlob nicht mehr in der Arche Noah, sondern im
neuen Lyzeum.“ Fräulein Doktor sprach sehr energisch. „Und da die
erwachsenen Mädchen in der ersten Klasse Stühle und Tische bekommen
haben, so ist’s wie eine Erlösung, daß sie sich das Aufstehen endlich
abgewöhnen. Man kann auch Haltung zeigen ohne aufzustehen und
Lächerliches zu plärren.“
„Fräulein Doktor, Sie drücken sich zum mindesten eigentümlich aus.“
„Na, ist das nicht lächerlich, wenn große denkende Menschen in die Höhe
hampeln, wie von einer Strippe gezogen und unmündig stammeln: ‚Gu--ten
-- Tag‚? Als sie das erste und einzige Mal mich so empfingen, rief ich
ihnen zu: Ach, ich glaubte, Sie wollten singen: Gu--ter Mond, du gehst
so stille. Seitdem ist unsere Begrüßung würdig und schlicht.“
„Man merkt’s,“ entgegnete Kahl bissig. „Als ich vom Urlaub kam, kannte
ich meine Klasse nicht wieder.“
„Das glaub’ ich,“ lachte Fräulein Doktor, wurde aber gleich wieder
ernst. „Was waren das für frische Kinder in der fünften, vierten,
dritten Klasse, als ich sie führen durfte. Wahrhaftig, da geben sie der
jetzigen Zweiten nichts nach. Aber jetzt -- Hampelmännchen -- --“
„Ne, da hört doch aber Verschiedenes auf, Sie +bedauern+, daß
diese Mädchen nicht mehr denen der zweiten Klasse gleichen? Der
zweiten? Ausgerechnet der zweiten? Ach, Herr Hansohm, erzählen Sie doch
mal gleich jetzt, was Ihnen gestern mit der zweiten Klasse passiert
ist...“
„Ach nein,“ protestierte Hansohm mit flehend aufgehobenen Händen,
und der Schalk tat, als ob er überaus schüchtern sei. „Ich bin ja
doch nur dazu da --“ und nun leierte er die Dienstordnung ab: „Den
Grundstein für die allgemeine musikalische Bildung der Kinder zu legen.
Daraus erwachsen mir folgende Sonderaufgaben: ~a~) Erziehung zum
Musikhören, ~b~) die eigentliche Gesanglehre, ~c~) Aneignung
der im geistlichen und weltlichen Liede...“
Oberlehrer Kahl sprang auf und verließ mit Protest das Lehrerzimmer.
„Sie sind unverbesserlich,“ raunte Fräulein Nissen verweisend.
„Ach nein, ich bin ja noch so jung,“ sagte Hansohm, „und ich fühl’s,
unter Ihrer Leitung, Fräulein Kollega...“
Nun verschwand auch Fräulein Nissen und lachenden Antlitzes die
anderen. Nur Fräulein Doktor und Lehrer Hansohm blieben zurück.
„Kollege Hansohm, ist’s ein Geheimnis, was Sie mit der zweiten Klasse
haben?“
„Aber durchaus nicht. Die zweite Klasse hat mich ~in corpore~
bestürmt, mit ihnen die Müllerlieder von Schubert einzuüben. Als ich es
ihnen abschlug, weil es nicht zum Pensum gehört (hier verdrehte Hansohm
die Augen), baten sie mich flehentlich, und Sie wissen, +wie+
die zweite Klasse fleht, daß ich ihnen die Müllerlieder wenigstens
vorsänge, -- und das habe ich getan. --“
„Die Glücklichen,“ sagte Fräulein Doktor leise, und ihr verblühtes
Gesicht sah mit einem Male jung aus. „Menschenskind, warum sind Sie
nicht Sänger geworden? Mit Ihrer herrlichen, gottbegnadeten Stimme...“
„Reden wir nicht davon,“ unterbrach er sie rauh. „Oder ja, -- wenn es
Sie interessiert, -- das Geld fehlte, Freunde fehlten, Verständnis
fehlte. Dazu kam die närrische Liebe zum Lehrerberuf, das glühende
Verlangen, Kinderstimmen auszubilden, dieses zarte, gottgegebene
Material nicht verschandeln zu lassen...“
Fräulein Doktor streckte ihm die Hand hin. „Gottlob, daß wir Sie hier
haben. Und gestern, -- da hätt’ ich dabei sein mögen...“
„Dann hätt’ ich Eintrittsgeld genommen.“ Der Ernst war schon wieder
verscheucht. „Nur die zweite Klasse hat freien Zutritt. Meine Zweite!
Das ist so ’ne Marotte von mir. Und sollt’ ich mal irgendwo singen,
öffentlich, wohltätig oder verheerend, und der Herr Oberlehrer Kahl (um
ja nicht ‚Kollege‘ zu sagen) sollte zuhören, dann knöpf’ ich ihm 25
Mark ab, jawohl, wie der Jadlowker in Berlin.“
„Aber gestern, gestern,“ drängte Fräulein Doktor und sah nach der Uhr,
„wo steckt denn nun das Verbrechen der zweiten Klasse?“
„Haben Sie ’ne Ahnung!“ Hansohm sah sie komisch verweisend an. „Das
ist doch eben meine Schmach und die dieser verdorbenen Kinder! Aus
den Müllerliedern hat der Kahl ‚Liebeslieder‘ gemacht. Na, freilich
sind’s Liebeslieder, es sind dank dem Göttersohn Schubert +die+
Liebeslieder schlechthin. -- Also des Pudels Kern ist: die zweite
Klasse hat um Liebeslieder gebeten, und der Schurke Hansohm hat sie
ihnen verzapft.“
Fräulein Doktor warf sprachlos beide Arme in die Luft.
„Gerade als Kahl am Singsaal vorbeiging, schmetterte ich: ‚Dein ist
mein Herz und soll es ewig bleiben‘, meinte aber nicht Kahl...“
„Mein herzliches Beileid,“ brummte Fräulein Doktor. „Na und nun weiter?
Was soll aus dem Quark werden?“
„’ne Konferenz. Ausgerechnet ’ne Konferenz.“
„Ich finde das auch richtig,“ fiel eine salbungsvolle Stimme ein. Die
beiden drehten sich hastig um.
Professor Traute saß ganz zusammengedrückt hinter einem großen
Schreibtisch mit hohem Aufsatz.
„Ach so!“ Fräulein Doktor lachte schneidend. „Na, da wissen wir ja Ihr
Glaubensbekenntnis schon vor der Konferenz.“
Lehrer Hansohm sah ganz unglücklich drein.
„Mir ist es ja nur so schaudervoll, höchst schaudervoll, daß dem neuen
Direktor gleich so ein Elektrizitätswerk über uns angeknipst wird,“
seufzte er. „Ich hätte dem Manne zu gern die Illusion gelassen, nicht
die Spitze einer Schöppenstädter Kleinkinderbewahranstalt zu sein.“
Die Schulglocke klingelte.
Professor Traute schob sich eilends auf den Vorsaal. Hier prallte er
unsanft mit Direktor Sörensen zusammen, welcher rasch etwas aus dem
Lehrerzimmer holen wollte. Traute entschuldigte sich wortreich unter
tiefen Verbeugungen und trat dann zu Oberlehrer Kahl, dem er zuraunte:
„Dieser Hansohm ist ein Fuchs und ein Schwätzer dazu, werde Ihnen auf
dem Nachhauseweg erzählen, Kollege... Und der neue Direktor -- hm
-- -- merkwürdig, hä hä -- wenn mich nicht alles täuscht, hat der am
Lehrerzimmer gehorcht vorhin, -- -- als ich die Tür aufriß, stießen wir
förmlich aufeinander...“
„Ist die Möglichkeit! Ei ei -- sieh, sieh...“
Die beiden Biedermänner gingen in ihre Klassen.
* * * * *
Der Singsaal im neuen Lyzeum von Birkholz war ein prächtiger Raum.
Wenn man darinnen saß und seine Augen wandern ließ, dann dachte man
wohl, der Baumeister müsse zugleich ein rechter Jünger der heiligen
Cäcilie gewesen sein.
Und man dachte recht.
Baurat Steinbrück stammte aus Thüringen und war in dem architektonisch
reichen Städtchen Birkholz „hängengeblieben“. Er spielte alle
bekannten Instrumente und noch ein paar darüber, er sang im Chor der
Martinskirche und in der Birkholzer Singakademie und hätte es gern
gesehen, wenn die Magistratssitzungen, denen er als Stadtverordneter
beiwohnte, im Opernstil getagt hätten. Seinem unablässigen Werben und
Wirken verdankte Birkholz den akkustisch vollendeten Raum, in dem die
Kinderstimmen der Stadt von dem feinsinnigen Musiker Hansohm geschult
wurden.
Ein guter Stern leuchtete über dem Singsaal.
Denn während alle anderen Räume des Lyzeums kahl und schulmäßig
dreinschauten, bekam der Singsaal bei der Einweihung drei Paten, die
segnend die Hände über ihn hielten.
Der eine war der Inhaber des großen „Spezerei- und Gemischtwarenladens
Dingelmann und Sohn“, der, wie er von sich selbst sagte: „Längst zum
größten Delikateßgeschäft und zur bekanntesten Wurstfabrik gediehen“,
doch noch aus Pietät die wunderliche Geschäftsbezeichnung über seiner
Tür beibehielt. Der zweite war der „Kammerherr“, wie man kurzweg den
alten Sonderling Freiherrn von Heidekamp auf Heidekamp-Birkholz nannte,
und der dritte Pate war eine Patin, ein altes Fräulein Tingleff, das
seit vierzig Jahren im zweiten Stockwerk des Hauses Dingelmann und
Sohn wohnte. Seit vierzig Jahren, man sagte, seit dem Tage, da sie dem
alten, damals sehr jungen und sehr blonden Dingelmann ihre begehrte
Hand verweigerte, zankte sie sich mit ihrem Wirt und konnte sich doch
nicht von ihm fortfinden.
Und seit vierzig Jahren überboten sich die beiden „Feinde“ im Wohltun
für die Stadt Birkholz.
Da nun das wunderliche Fräulein Tingleff fand, der neue Lyzeumsingsaal
sei viel zu hell und werde all die sonnigen Kinderaugen in Grund und
Boden verderben mit seinem kalten Licht, so „stiftete“ sie ein buntes
Fenster, das die heilige Cäcilie darstellte.
Der Chef der Firma Dingelmann und Sohn konnte darüber auch nicht eine
einzige Nacht schlafen, sondern ging stracks zu Herrn Lehrer Hansohm,
um ihn um Rat zu fragen. Und so stand schon nach vierzehn Tagen ein
von Dingelmann gestifteter Bechsteinflügel im Saal. Und nach weiteren
vierzehn Tagen begann man mit der Aufstellung einer wunderschönen
Estay-Orgel, die Freiherr von Heidekamp für den Singsaal notwendig
hielt. Und Lehrer Hansohm war darüber so glückselig, daß ihm die Augen
naß wurden.
Die scharfen Blicke des Orgelstifters, welcher der Aufstellung
beiwohnte, entdeckten die verleugneten und rasch beseitigten Tränen.
Sie gefielen ihm inmitten der öden Trockenheit, mit der die große
Schule bisher geleitet wurde.
Und der Mann gefiel ihm auch.
Das sagte er ihm freilich echt heidekampisch:
„Lieber Herr Schulmeister, Lehrer müssen sein, weil sie der Herrgott
als eine der sieben Landplagen auf der Erde vergessen hat. Mir kommt
keiner über die Schwelle, aber Sie...“
Und nach einer längeren, für Hansohm halb peinlichen, halb
interessanten Pause hatte der Kammerherr ihn ohne weiteres am Rockknopf
zu sich herangezogen.
„Meine Enkelin, die Sörine, der lüttje Katheiker, hat mir viel, viel
Liebes von Ihnen erzählt, Herr Schulmeister, ich -- ich danke Ihnen.“
„Aber, Herr Baron, ich weiß nicht...“
„Sie brauchen auch gar nichts zu wissen, -- setzen Sie sich lieber hin,
und spielen Sie mir ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott‘, den Choral der
Choräle. Ich muß doch etwas von meiner Stiftung haben.“
Und Klaus Hansohm hatte die Register der neuen Orgel gezogen, und alle
Heimchen am Herde des neuen Lyzeums waren aufgewacht und lauschten, und
die heilige Cäcilie im Buntfenster lächelte.
Und auf den Schwingen des mächtigen Liedes fanden sich ein wunderlicher
Alter aus dem Uradel des Landes und ein junger Stürmer aus dem Volke zu
einer seltsamen, guten Freundschaft zusammen. --
Das war vor Wochen gewesen.
Heute war der neue Singsaal, die heilige Cäcilie und der
Bechsteinflügel schon eine alte Sache, und man sah sich nicht mehr
danach um.
Die Kränze und Girlanden waren verwelkt und abgenommen, und die weißen
Festkleider mit den schwarz-weiß-roten und blau-weiß-roten Schärpen
hingen längst wieder in den Schränken. Aber etwas seltsam Feierliches
und Festliches war dem Singsaal doch verblieben.
Darüber hatte noch niemand gesprochen, aber die jungen Seelchen spürten
es, und es steckte sicherlich in den Pfeifen der Orgel und den Saiten
des Flügels und in dem Lächeln der heiligen Cäcilie.
„Nun wollen wir recht schön die Tonleitern singen,“ sagte Lehrer
Hansohm zur zweiten Klasse, „und wenn die so recht perlend fließen,
dann...“
„Schubertlieder! Schubertlieder!“ zwitscherte es flüsternd durch die
Reihen, und Sörine Heidekamp machte sich zum Mund der ganzen Klasse,
hob den Finger und sagte laut und selbstverständlich: „Dann singen Sie
uns wieder Schubert.“
Hansohm wehrte entsetzt ab. „Aber, meine Damen, wo denken Sie hin,“
rief er pathetisch.
Dann wurde er mit einem Male ganz ernst: „Wir wollen den schönen Tag
der Schubertlieder in lieber Erinnerung behalten, aber ihr müßt nicht
wieder quälen.“
Die Kinder sahen sich ängstlich und verstohlen an und schauten arg
verstört auf den Lehrer, der ihnen heute unverständlich schien.
Sörine Heidekamp, die am wenigsten vermochte, mit unverstandenen
Geschehnissen heimzugehen, stand wieder auf und fragte eindringlich:
„War es etwas Unrechtes?“
„Nein, Sörine, dann hätte ich es ja nicht getan.“
„Großvaterli sagt, Sie hätten uns etwas außerordentlich Wertvolles
gegeben, und wir dürften es nie vergessen.“
Dem jungen Lehrer stieg etwas in der Kehle hoch und er brauchte
ein paar Augenblicke, um die Stimme zu meistern. Dann aber rief er
fröhlich: „Ja, mein liebes Kind, wenn wir lauter Großvaterlis auf der
Welt hätten.“ Da wär’ es leicht, Singlehrer am Lyzeum zu Birkholz
zu sein. Den letzten Satz +dachte+ er aber nur. Und nun sangen
sie eine halbe Stunde Tonleitern und übten dann an einem kunstvollen
Singspiel, die Maienkönigin genannt. Sörine Heidekamp sollte
Maienkönigin sein, und es war niemand unter den vielen Mädels, das ihr
die große schöne Rolle neidete.
Eine so wunderschöne Singstunde wurde es, daß man sogar das Läuten der
Schulglocke überhörte.
Da steckte auf einmal der neue Herr Direktor ~Dr.~ Sörensen den
Kopf zur Tür herein und rief ganz lustig: „Feierabend, Herr Kollege.“
Und er trat ein und gab jedem Mädchen die Hand und ließ sich den Namen
nennen. Und er betrachtete Sörine Heidekamp, die ihm als schwarzes
Schäflein genannt worden war, sehr eindringlich mit seinen scharfen,
grauen Augen, und sie gab ihm den Blick sehr eindringlich und forschend
zurück. Zum Schlusse mußten sie ihm noch ein dreistimmiges Lied
vorsingen, ein Heidelied wünschte er sich und lauschte mit gefalteten
Händen:
Über der braunen Heidefläche
Brütet der Sonne brennendes Licht,
Daß sie mein müdes Auge nicht steche,
Duck’ ich mich unter Wacholder dicht.
Und er breitet um mich seine Zweige
Zärtlich raunend im Heidewind,
Daß es mir ist, als ob sich neige
Meine Mutter über ihr Kind.
Man fühlte, so hatte man dieses Lied noch nie gesungen, und man war
stolz, wie sich der Herr Direktor darüber freute.
Bis der Schuldiener Harks gelaufen kam.
Der war ein Original und fürchtete sich weder vorm Teufel, noch vor der
hohen Obrigkeit.